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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Das war ein Winter. Seit Tagen lag ein starrer, unbeweglicher Schnee auf der Landschaft, und die Luft trug jenes liebeleere Grau, bei dessen Anblick uns schon fröstelt und schaudert. Dazu kam ein rücksichtsloser, Mark und Bein durchkältender Ostwind, der seinen Hauch durch die festverschlossenen Thüren jagte und aller Abwehr in den Häusern Widerstand entgegensetzte.

Die Kinder kamen mittags, von Frost und Kälte geschüttelt, nach Hause, und da die in dem oberen Teil der Villa gelegenen Schlafgemächer nicht geheizt wurden, war morgens das Wasser in den Krügen kegelspitz gefroren, und nur ein Fingernagel vermochte die Arabesken des Eises zu durchdringen, mit dem die Fenster beschlagen waren.

Die Feuerung war schon wieder verbraucht. Die Magd meldete, daß sie die letzten Körbe vom Boden herabgeholt habe. Fred kam nach Hause und hatte sich auf dem Eise beschädigt. Die Beinkleider waren auf dem Knie geplatzt, und Ange schalt und suchte unter dem Vorrat nach anderen. Was aber der Knabe an Garderobe besaß, war zu leicht, und so mußte Ange nach dem Schneider senden, um sie ausbessern zu lassen, da sie solche Arbeit nicht verstand. Das war am Ende nichts, aber oft sind's eher die kleinen Verdrießlichkeiten, die uns das Leben erschweren, als die großen.

Über Ernas Winterhut hatten die Mädchen in der Schule allerlei Spott getrieben. Der gehöre wohl ihrer Mama oder sei aus einer Komödiantengarderobe? so berichtete sie aufgeregt. »Freue Dich, daß Du einen Hut hast, mein Kind: er ist heil und sauber. Laß die Kinder reden.«

Aber wenn Ange dies auch sagte, schnitt es ihr doch ins Herz. Es war allerdings ein Hut, den sie selbst abgelegt hatte, und das Kind sah seltsam darin aus. Einen anderen kaufen? Nein! Sie hatte nicht einmal Geld, Feuerung zu bestellen, die so bitter nötig war.

Im Anfang hatten die Kinder noch alle hübsche, ja äußerst kleidsame Gewänder. Die beiden Mädchen sahen so zierlich und vornehm aus, daß die Menschen sich nach ihnen umschauten. Aber inzwischen war so vieles schadhaft geworden und nicht erneuert. Die kleine Ange trug zum erstenmal auf den Knieen gestopfte Strümpfe und zog das Kleid herunter, das dadurch doch nicht länger ward und nichts verbarg.

Die Kopfbedeckungen der Knaben waren reichlich abgenutzt, und Kragen und Manschetten mußten länger dienen als früher. Bisweilen drang's Ange mit Messern durch die Brust, wenn sie das Aussehen ihrer Lieblinge mit dem anderer Kinder verglich.

An einem dieser Abende saß Ange unthätig an ihrem gewohnten Arbeitsbuch und stützte voller Kummer und Sorge das Haupt. Sie dachte aber nicht einmal an die Gegenwart, sie beschäftigte sich mit der Zukunft. Sie mußte rasch die jetzige Wohnung aufgeben, sie war zu teuer. Auch konnten die Mädchen so kostspielige Schulen ferner nicht mehr besuchen. Die guten Kleider, die Ange noch besaß, waren besser zu verkaufen oder für die Kinder zu ändern. Ja, das alles mußte – mußte geschehen! Nur wenn sie die bisherigen Ausgaben um die Hälfte einschränkte, dann konnte sie auskommen.

»Du bist wieder so betrübt« flüsterte Ben, seine Mutter sanft umschlingend. Die übrigen Geschwister waren noch anwesend; immer scheute sich der Knabe, seine Gefühle vor ihnen zu zeigen. Gerade hustete Jorinde ängstlich auf und draußen pfiff und tobte es um die lose befestigten Fensterladen.

»Nein, nein!« erwiderte Ange, vor den Tönen zusammenschauernd. »Geh ins Bett, mein süßes Kind. – Und ich komme gleich nach und bringe Dir einen heißen Trank,« fuhr sie, zu Jorinde gewendet, fort, die aufgestanden war und sich an sie schmiegte.

»Es ist so kalt oben; ich fürchte mich auch. Soll Erna nicht auch zu Bett gehen, Mama?«

Es war so kalt! Und Ange konnte nicht heizen. Während der letzten Tage hatte sie eine völlige Apathie erfaßt; die Dinge mußten sich durch irgend etwas ändern; – wie, das wußte sie nicht; sie that auch nichts dafür. Aber es konnte sich doch nichts ändern, ohne daß sie handelte.

»Ich will Dir, solange es noch so kalt ist, das Bett drinnen auf dem Sofa einrichten,« entschied Ange. »Ja, ja, mein liebes Kind, es ist zu frostig oben, es ist nicht gut für Deine Brust. Wir müssen sehen, wie wir's machen.«

In diesem Augenblick entstand ein Streit zwischen den Geschwistern. Fred neckte die beiden Mädchen, Ange weinte und Erna schrie auf, als er die Hand gegen sie erhob. Bisher hatte Ben stumm neben seiner Mutter gesessen. Er hörte alles und es grub sich in ihn ein. Er sprang empor und fuhr gegen seinen Bruder auf. Er packte ihn an die Brust und schüttelte ihn wie eine Katze, die sich einer Maus bemächtigt hat. Unter der seelischen Erregung, unter dem Mitgefühl für seine Mutter, unter dem Leid um seine kranke Schwester ging es zehrend durch sein Inneres. Nun hatte ihn die Empörung erfaßt, daß der leichtfertige Ruhestörer selbst jetzt keine Rücksicht nahm.

»Ben! Ben!« rief Ange voller Schrecken und mischte sich unter die kämpfenden Knaben. Fred hatte seinen Bruder in die Haare gefaßt und suchte ihn unter keuchendem Atem herabzuziehen.

»O, Du! Du! Kannst Du nicht einen Augenblick Rücksicht nehmen? Ich wollte Dir schon lange eine Lektion geben! Nein, lass' mich, lass' mich, Mama!« trotzte Ben gegen Anges Befehl und Mahnung auf. »Er hat es verdient! Er ist es gar nicht wert, daß Du ihn so lieb hast!«

Und nun lagen beide auf der Erde, und Ben schlug seinen Bruder in besinnungsloser Wut auf Kopf und Schultern. Und die kleine Ange weinte geängstigt, die Kranke hustete und Erna stand voll Mitgefühl da und faltete ratlos die Hände. So wüteten Krankheit, Sorge und Unfriede im Hause.

»Auch das noch!« seufzte Ange wie verzweifelt und ließ sich in ihren Stuhl fallen. »O Ben, Fred! Daß ihr mir auch noch solchen Kummer macht!« Sie weinte und schluchzte.

Es giebt Augenblicke, in denen alles tot und trostlos um den Menschen ist; in denen seine Seele weint, und ihm traurig ist zum Sterben.

Die Knaben hatten sich erhoben und ordneten ihre Kleider. Ihr hastiger Atem ging durchs Gemach; ihre Glieder bebten unter der Erregung. Als Ben aber seiner Mutter Stimme hörte, als die gerechte Anklage sein Ohr traf, zog plötzlich jähe Blässe über sein Gesicht; er stürzte hinaus, eilte im Dunklen auf sein Zimmer, warf sich ins Bett und vergrub das weinende Antlitz in die Kissen.

Als endlich der Schlaf ihn übermannen wollte, als nach wühlenden Gedanken und nagenden Vorwürfen die Erschlaffung eintrat, blitzte in dem kalten, von dem Silberweiß des Winters umrahmten Gemach plötzlich ein Licht auf, und fast wie eine überirdische, aber trostreiche Erscheinung trat zu ihm seine Mutter mit den tiefen dunklen Augen und dem blassen zarten Gesicht. Eine sauste Hand legte sich auf seinen Kopf, und weiche Wangen schmiegten sich zärtlich an die seinigen.

»Du Trotzkopf!« sagte sie und sah ihm in die Augen. »Nun schlaf' Dich aus und – Ben, thu's mir zuliebe – vertrag' Dich morgen mit Deinem Bruder und gieb ihm das erste Wort!«

Er zögerte, aber er nickte doch, da sie es wollte.

»Ich weiß, ich weiß, Du ängstigst Dich um mich; um meinetwegen erhobst Du die Hand gegen ihn,« flüsterte Ange bewegt. »Aber es war nicht recht, Ben! Du thust's nicht wieder, Ben, mein Ben?«

Und da schlangen sich seine Knabenarme um ihren Nacken. Weinend und schluchzend hing er an ihrem Halse und bereute, daß er aus Liebe gefehlt hatte.


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