Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Heiberg >

Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
Schließen

Navigation:

Nachdem vier Wochen vergangen waren, fand sich Ange fast völlig von Geld entblößt, und sie sann und sann, auf welche Weise sie sich helfen könne. Auch der Nachbar kam ihr wieder in den Sinn. Gewiß, wenn sie nicht ihrer thörichten Eingebung gefolgt wäre – von ihm hätte sie eine kleine Aushilfssumme bereitwillig erhalten. Ob er sie jetzt noch geben würde? Vielleicht! Aber die Scham überwog den Drang der Not, und sie gab den Gedanken auf.

Einmal überlegte sie auch, an das Bankhaus zu schreiben und um einen Vorschuß auf das Januarquartalsgeld zu bitten. Daß dergleichen von ihr versucht werden könne, war ihr bisher nicht einmal in den Sinn gekommen. Nun weckte die Sorge praktische Gedanken. Aber auch diesen Plan ließ sie wieder fallen.

Der Jahresanfang erforderte so viel, daß sie schon nicht wußte, wie auskommen. Schaffte sie jetzt Hilfe, so entbehrte sie in der Folge. Das war nur ein schwacher Notbehelf, und vielleicht gelang's nicht einmal, und sie bereute später den Schritt.

Mit einemmal türmte sich wieder vor ihr auf, wie schwer, wie ganz unmöglich es sein werde, mit ihren geringen Mitteln auszukommen, und zu dieser Einsicht schlich sich ein anderer Gedanke, der sie so ängstlich peinigte, daß ihr die Röte in die Wangen stieg. Hatte sie überhaupt ein Recht gehabt, ihren Nachbar um Geld in solcher Höhe anzugehen? War's nicht leichtsinnig gewesen und mußte sie sich nicht schämen, daß sie so stolz auf ihre Person als Sicherheit hingewiesen hatte? –

Eines Abends machte sich Ben, nachdem die übrigen Kinder bereits zur Ruhe gegangen waren, im Wohnzimmer zu thun. Ange nähte an der kleinen Ange Schulmappe, an der ein Riemen sich gelöst hatte. Die Nadel war zu fein, es ward ihr schwer.

Plötzlich setzte sich der Knabe ihr gegenüber, blieb einen Augenblick stumm und begann dann mit einem eigentümlichen Ton in der Stimme:

»Du, Mama, weshalb ist eigentlich Tibet fortgegangen? Du erzähltest neulich, ihr hättet ein Zerwürfnis gehabt; war es etwas – etwas mit Geld?«

Ange neigte den Kopf; dann sagte sie: »Ja, ja, Ben, das verstehst Du nicht.«

»Doch, Mama. Wollte er Geld von Dir haben und konntest Du es ihm nicht geben?«

»Nein, Ben, es war umgekehrt.«

»Umgekehrt – wie? Wolltest Du Geld von ihm –«

»Du verstehst falsch, Ben. Er wollte – er gab mir Geld – das heißt – Nein, das ist auch nicht richtig. Ich weigerte mich, von ihm – etwas anzunehmen, und deshalb –«

Des Knaben Pupillen erweiterten sich, und es jagte über sein Gesicht.

»Er wollte Dir Geld geben, und weil Du es nicht nehmen wolltest, ging Tibet fort?«

»Nein, Ben, ich hieß ihn gehen. Aber ich wiederhole, daß ich Dir das nicht erzählen, nicht erklären kann.«

»Doch, Mama!« sagte Ben fest. »Erzähle mir alles, bitte. Ich bin nicht mehr ruhig, wenn ich nicht alles weiß. War Papa nicht sehr reich? Hat er all sein Geld verloren?«

Ange nickte.

»Hat Tibet damit zu thun?«

»Nein, Ben. Papa war allerdings sehr reich, verlor aber sein Geld in dem Bestreben, es für Euch noch zu vermehren. Als er starb, war nichts mehr da.«

»Nichts? Das war unrecht. Das war –« Der Knabe unterbrach und bezwang sich. »Ah, und nun wollte Tibet Dir helfen, und Du wolltest nichts nehmen, und –«

»Ja, ja, so ähnlich war es, mein lieber Junge. Aber noch einmal: Du vermagst den inneren Zusammenhang nicht zu verstehen, frage mich nicht weiter.«

»Er meinte es doch aber gut, Mama!«

Ange senkte den Kopf.

»Bist Du ihm böse? Werdet Ihr Euch nicht wieder vertragen?«

»Ich weiß es nicht, mein guter Ben. Ich glaube es nicht –«

»Und weshalb? Nur, weil –«

Abermals bewegte Ange sanft zustimmend das Haupt.

»O, hab ich Dich lieb!« stieß der Knabe hervor und umhalste seine Mutter. »Wenn ich doch erst groß wäre und – und –«

Kraft und Eroberungslust blitzten in seinen Augen. Wenn's an ihm gelegen hätte, er würde seine liebe Mama auf die Arme genommen und durch das Gewühl der Welt getragen haben.

Als sie ihn nach einer zärtlichen Umarmung entließ und er schon mit einem »Gute Nacht!« in der Thür stand, überflog sein Auge noch einmal ihre Gestalt. Er kehrte zurück, umfaßte sie stürmisch und flüsterte:

»Bitte, arbeite nicht zu lange. Ich schlafe nicht ein, bevor Du zu Bett gehst. Ja, Mama?«

Welche heiße Liebe blitzte aus beider Augen! Nun schlüpfte er fort und suchte sein Lager auf.


 << Kapitel 34  Kapitel 36 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.