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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 34
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Bisweilen schien Ange altes, was früher gewesen, wie ein Traum, und in diesem Bilde ihrer Vorstellungen tauchte immer von neuem Teut auf. Wer ihr einstmals gesagt hätte, sie werde ihn ängstlich fliehen, und deshalb fliehen, weil er Wort gehalten in allem, was er ihr damals in besseren Tagen im Walde versprochen, und welches doch das Höchste war, was ein Mensch dem anderen gewähren konnte – den würde sie einen unverständigen Thoren gescholten haben. Und doch war's kein Traumbild. Sie war heute vielleicht von ihm getrennt – fürs ganze Leben! Würde er, nach der bisherigen Beurteilung ihrer Person, ihre Haltung nicht als eine Weiberlaune deuten? Sie sah ihn vor sich – das überlegene Lächeln umspielte seinen Mund, er schüttelte über solche Kindereien den Kopf. Hatte er gar recht?

Und dann kam's wieder über sie eines Tages in dem grübelnden Suchen nach dem Rechten, in der ängstlichen Besorgnis, den verletzt zu haben, dem sie so viel verdankte und der nun stumm blieb, als ob er unter die Toten gegangen.

Sie beschloß, ihm zu schreiben und ihren Standpunkt zu verteidigen. Aber mitten darin hielt sie wieder inne.

Was sie auch schrieb, sie konnte seine Gedanken nicht beeinflussen. Vielleicht betrachtete er den Inhalt ihres Briefes nur als Vorwand ihrer veränderten Gesinnung. Und war's nicht auch begreiflich, natürlich, daß sich nun auch sein Stolz regte? War er einer von denen, die sich anderen zudringlich nähern? Nein! Und da er ihr nicht mit denselben Gefühlen gegenüberstand – sie wußte es nun aus Tibets Munde – , hatte er ihr Andenken vielleicht ausgelöscht – ausgelöscht für immer?

Und nun sollte sie das erste Wort geben, in ihm den Eindruck hervorrufen, endlich sei sie durch Lebensnot und Sorge, gedrängt auch von ihrer alten Natur, doch gekommen und habe erbeten, was sie einst so schroff zurückgewiesen? Nimmermehr! Vorbei war's mit all den Hoffnungen, die sich an frühere Zeiten knüpften! Es gab nur einen Lichtstrahl: das Glück der Kinder, und in diesem allein mußte sie ihr eigenes suchen. Somit unterblieb das Schreiben.

Aus dem schwankenden Herbst schritt allmählich der Winter mit rücksichtslosen Schritten hervor, stäubte, des Widerstandes nicht achtend und seines Rechtes sicher, mit Schneewirbeln über die Landschaft und schlug die ganze Natur in seine weißen Decken ein.

Aber mit dem Winter traten auch die Sorgen wie weiße Gespenster an Ange heran. Als sie von ihrem Bankhause die Quartalszinsen erhielt und einen Überschlag machte, was noch zu bezahlen und was nötig war, bis das neue Jahr erschien, sah sie, daß ihr jetzt schon fast nichts mehr blieb. Ange hatte trotz äußerster Sparsamkeit kleine Schulden machen müssen, und die von Tibet gemeldete erschrecklich hohe Summe, welche Teut in dem ersten halben Jahre zu ihrem Haushalt beigesteuert hatte, ragte noch drohend über dem übrigen empor. Gerade diese zu tilgen, beschäftigte immer aufs neue, zulegt fast ausschließlich Anges Gedanken. Schon machte sie sich Vorwürfe, daß sie nicht früher abgezahlt hatte. Teut triumphierte vielleicht, daß sie so eilfertig und trotzig darnach begehrt – und nun doch alles still war.

Sie beschloß – es war ein falscher Entschluß – ihren Nachbar, einen kleinen, mit einer Haushälterin lebenden Kapitalisten – um eine größere Summe darlehnsweise zu bitten und solche Teut sogleich einzusenden.

Als sie schon auf dem Wege war, flüsterte ihr eine besonnene Stimme zu, daß ein einziges Goldstück als Abtrag genügen werde, um sich vor sich selbst und vor Teut zu rechtfertigen. Aber mit leiser Eitelkeit vermischter Stolz überwog, was bessere Einsicht ihr zurannte, und sie zog die Klingel und betrat das Haus.

Es giebt Wohnungen, denen eine kalte Luft entströmt, selbst zur Sommerszeit. Frostiges Selbstbehagen, das einen engen, abwehrenden Kreis um sich zieht, die übrige Welt nur sieht, sie nur anhört und sich nur mit ihr beschäftigt, sofern diese keinerlei Ansprüche erhebt, durchdringt die Bewohner und wirkt so erkaltend, daß es sich selbst den toten Dingen mitzuteilen scheint.

Als Ange den Flur beschritt, überfiel sie jene Zaghaftigkeit, welche fast immer den allzu raschen Vorstellungen unserer Phantasie zu folgen pflegt.

Auf dem großen Flur standen zwei in peinlicher Sauberkeit gehaltene, in Eichenholzfarbe gemalte Schränke, die den Eintretenden schon kalt anstarrten. Und sonst nichts ringsum: kein Spiegel, keine Stühle, keine Kleiderhaken, keine Uhr. Was eine rasche Hand etwa stehlen konnte, war weislich entfernt. Ein kalter, übersauberer, abgeschlossener Raum, in dem die Klingel impertinent laut nachtönte! Nun klopfte Ange.

»Ah, Frau Gräfin!« sagte die Gesellschafterin artig. Es war eine alte Dame in einem einfachen dunklen Kleide und mit einer weißen Mütze auf dem Kopf. »Bitte, Herr Putz ist zugegen.«

Putz hatte nichts in der Welt zu thun; er schwatzte überaus gern, sprach eigentlich nur von sich und stand trotz seines Egoismus und der Langenweile, die er ausströmte – lediglich im Raterteilen war er ein Verschwender – unter dem Eindruck, der Verkehr und Umgang mit ihm sei für andere ein ungewöhnlicher Vorzug. Daß er nur seinen Neigungen dabei folgte, lediglich sich selbst die Zeit vertrieb, und daß durch den Verkehr irgend eine Gegenseitigkeit erwachse, diese Gedanken kamen nie in seinen Kopf.

Während Ange sich umschaute, hatte sie beim Anblick der Personen und der altbekannten Dinge plötzlich die Überzeugung, ihre Bitte werde ihr abgeschlagen werden. War's doch Putz, den sie bereits in ihre Verhältnisse einen Einblick hatte thun lassen, indem sie ihn um Auskunft wegen Ermäßigung der Steuern gebeten. Es war ihr unfaßlich, daß sie das nicht vorher bedacht, und sie schalt ihren Mangel an Überlegung nun, da es zu spät war.

Ange fand übrigens nicht so rasch Gelegenheit dem Alten vorzutragen, was sie beschäftigte. Die Gesellschafterin war ein unliebsamer Zeuge, und selbst, als diese einmal fortging, fand sich kein Anknüpfungspunkt.

So wurden denn gleichgültige Gesprächsgegenstände berührt, und Ange empfand doppeltes Unbehagen an der Unterhaltung, da sie ihre Absicht nicht auszuführen vermochte.

Plötzlich sagte Putz: »Nun, haben Sie Nachricht von der Steuerbehörde, Frau Gräfin? Ich wollte schon immer fragen.«

Ange bejahte. Sie berichtete, daß man sie aufgefordert habe, ihre Anträge nachweislich zu belegen, und daß dann eine nochmalige Prüfung stattfinden solle. Vorläufig müsse die Summe gezahlt werden, zu der sie eingeschätzt sei.

»Ganz recht, ganz recht! So, so!« sagte der Alte, und nach kurzer Pause fuhr er fort: »Wenn ich Ihnen irgendwie behilflich sein könnte, Frau Gräfin – recht gern, mit größtem Vergnügen!«

Die Gesellschafterin war noch nicht zurückgekehrt. Diese freundlichen Worte ermutigten Ange. Nun, so konnte es denn sein! Plötzlich war sie wieder voller Hoffnungen.

»Ich danke Ihnen sehr, Herr Putz. Ich wollte auch noch in einer anderen Sache Ihren Rat oder vielmehr Ihre Hilfe erbitten.«

»Bitte, bitte, Frau Gräfin!« Der Alte war immer neugierig. Das Gespräch hatte schon etwas geschleppt, nun ward es wieder anziehend.

»Also, Herr Nachbar, ich möchte Sie fragen, ob Sie mir wohl zwölfhundert Mark würden leihen wollen, die ich nach und nach abzahlen könnte. Ich, ich –« Ange stockte.

»Bitte, Frau Gräfin!« Putz wollte alles hören. Es fiel ihm nicht ein, auf dergleichen Dinge einzugehen, aber hören wollte er. Anges Vertrauen wuchs.

»Ich habe,« fuhr sie geläufiger fort, »eine einzige alte Schuld, die mich zwar nicht drückt, durchaus nicht drückt – ich meine, derentwegen ich nicht gedrängt werde, die ich aber aus anderen Gründen –«

»Hm, ich begreife,« sagte Putz. Und als Ange nicht gleich fortfuhr, fügte er, seine Neugierde nur schlecht unterdrückend, hinzu: »Von einem Verwandten wahrscheinlich?«

»Nein, nicht von einem Verwandten; ich habe überhaupt nicht einen einzigen Verwandten auf der Welt, weder von seiten meiner Eltern noch von seiten meines Gatten.« Wie unvorsichtig war diese Offenherzigkeit! Ange sah es ein – zu spät. Ihr war plötzlich, als ob sie Olga von Ink gegenübersäße, und all ihre Hoffnungen sanken in einen tiefen Brunnen. »Ich habe das Geld von – von –« Nun stand Ange sogar vor dem Namen; sie sollte vor diesem Menschen Teuts Namen aussprechen! Wohin war sie geraten! Sie suchte und griff in ihrer Ratlosigkeit zu einer Unwahrheit, vielleicht zum erstenmal in ihrem Leben, wo es sich um ernste Dinge handelte. »Von Herrn Tibet,« platzte sie heraus.

»Ah so!« sagte Putz, offenbar aufs höchste überrascht, und zog die Augenbrauen über die listigen Augen. »Von Herrn Tibet? Er ist fort, nicht wahr? Kehrt er überhaupt nicht zu Ihnen zurück?«

Ange bereute, was sie gesagt; wie bereute sie überhaupt jetzt, daß sie gesprochen! Es wurde ihr klar, daß der Mann nur seine Neugierde befriedigen wolle und daß der Gegenstand ihn nicht im geringsten interessiere.

Sie war nun auf demselben Punkt angelangt, von dem sie in richtiger Erkenntnis ausgegangen. Sie hatte endlich wirklich die Enttäuschung, nach der sie verlangt hatte.

»Nein, er kehrt nicht zurück,« sagte sie kurz abweisend. »Aber, um wieder auf die Sache zu kommen: wie ist es, Herr Putz, würden Sie mir die Hand bieten?«

Auskosten mußte Ange die Enttäuschung bis auf den Grund.

»Ich kann nicht, Frau Gräfin, mit dem besten Willen kann ich nicht! Aber – Sie gestatten, daß ich ein freundschaftliches Wort hinzufüge und meine Ansicht ausspreche. So sehr ich begreife, daß man seinem Dienstboten kein Geld schuldig bleiben möchte –«

Ange unterbrach den Sprechenden und sagte stolz: »Sie gebrauchten den Ausdruck Dienstbote! Das ist durchaus nicht zutreffend! Tibet war der Sekretär und Bevollmächtigte meines Gatten und zugleich Haushofmeister in unserem früheren großen Hauswesen. Er folgte mir aus Freundschaft, nachdem meine Lage sich verändert hatte.«

»Ah, ah, ganz wohl! Dann steht die Sache ja sehr günstig. Erlauben Sie einem erfahrenen Mann, Frau Gräfin! Selbst wenn ich Ihnen dienen könnte, würde ich mir den Vorschlag erlauben, daß Sie dort Stundung erbitten und lieber den alten Gläubiger behalten, trotz etwaiger Peinlichkeiten. Geld ist Geld! Wer's giebt, will Sicherheit, und – und –«

»Sie haben recht!« fiel Ange fast übereilig ein. »Sprechen wir nicht weiter davon! Nur eins zu meiner Rechtfertigung! Ich ging davon aus, daß es Ihnen nicht unbequem sein werde, und da völlige Sicherheit in meiner Person liegt –«

»Natürlich, natürlich, Frau Gräfin! Ich würde Ihnen das Geld auf bloßen Schuldschein geben – selbstverständlich!«


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