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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Das erste, was Ange nach Tibets Fortgang überlegte und in der Folge auch zur Ausführung brachte, war eine noch strengere Tageseinteilung als bisher. Sie stand in aller Frühe auf und sorgte, daß die Kinder Frühstück erhielten und in die Schule gelangten.

Während die Magd Einkäufe machte und nach diesen an die Vorbereitung für das Mittagessen ging, besorgte Ange die übrige Hausarbeit.

Gleich nach Tisch begannen die Arbeitsstunden für die Kinder. Ange suchte den Knaben sowohl behilflich zu sein wie den Mädchen und gab den letzteren auch täglich den von Tibet erwähnten Musikunterricht.

Wenn die Witterung es erlaubte, ward ein gemeinsamer Spaziergang unternommen, und den Rest des Tages beschäftigte sich Ange mit dem Vielerlei, was zu einer Wirtschaft gehört: dem Ausbessern der Kleider, mit Handarbeit und ihrem kleinen Rechnungswesen.

Alle ihre Gedanken waren auf die Kinder gerichtet. Aus den Schulbibliotheken wurden Bücher herbeigeholt, und abwechselnd las eines der Kinder abends vor. Die sich daran knüpfenden Fragen beantwortete Ange nach bestem Können, und wenn dieses nicht ausreichte, griff sie zu Hilfsmitteln, die sich unter Carlos' Nachlaß befanden, und saß dann – ein Kind unter Kindern – und suchte auch sich neugierig zu belehren.

Jeden Wunsch, der in ihren Lieblingen aufstieg, hörte sie an, und überlegte vorher, ob er erfüllbar sei. Sie hatte sich zum Grundsatz gemacht, nie gleich ja zu sagen, sondern sich erst Bedenkzeit auszubitten. Wenn sie dann – wie meistens – eine abschlägige Antwort erteilte, begann wohl ein: »Warum nicht, Mama? Bitte!« und ein Betteln und Drängen, dem sie nur schwer zu widerstehen vermochte. Die Kinder hatten so viele Grunde wie draußen Blüten auf den Bäumen, und wo diese fehlten, schmeichelten sie und machten Angriffe auf Anges schwaches Herz. Aber sie blieb fest, wenn es auch heiß in ihrem Inneren aufstieg. Ben stand ihr stets zur Seite und wehrte die übrigen ab. Er hatte viel Ähnlichkeit mit dem verstorbenen Carlitos. Der Knabe war voll Herzensgüte, er besaß Charakter, und für seine Jahre überraschte er durch die Reise seines Urteils und das Gesetzte seines Wesens. Dabei war er voll Aufopferung für seine Mutter, die er zärtlich liebte. Sobald es ihr galt, war ihm keine Arbeit zu schlecht oder zu schwer; wenn keiner Zeit hatte – er hatte sie stets. Er half ihr, selbst bei Küchenarbeit, und lief fort, wenn etwas rasch besorgt werden mußte.

Der Knabe fühlte nicht mehr instinktiv, sondern war sich bewußt, wie die Dinge lagen, und sein Herz trieb ihn, seiner Mutter die täglichen Beschwerden zu erleichtern.

Das alles aber trat nur zum Vorschein im Hause. Draußen war der Knabe ein völlig anderer. Vor allen übrigen besaß er einen brennenden Ehrgeiz. Jeden Tag berichtete er, was in der Schule geschehen, wie ihm Recht oder Unrecht geworden, und er überlegte, wie er es anzufangen habe, auf den Sprossen seiner Sturmleiter weiter emporzusteigen.

Und alles stand ihm gut; er konnte nicht anders sein, wie er war. Wenn aber einmal ein Lächeln über sein hübsches Gesicht glitt oder gar seine Augen tiefere Empfindungen widerspiegelten, dann war der so schön, daß er einem Maler hätte Modell stehen können.

»Wie heißt Du?«

»Graf Benno von Clairefort.«

Nie nannte er sich anders, aber seltsamerweise rief dies selbst bei Erwachsenen kein Lächeln hervor.


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