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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Es war Morgenzeit. Ange öffnete voll Ungeduld einen Brief, den sie soeben erhalten hatte. Derselbe war von Tibet, welcher mitteilte, daß er an dem heutigen Tage zurückkehren werde. Als Ange dies mittags den Kindern kundgab, faßten sie einstimmig den Beschluß, ihn vom Bahnhof abzuholen. Nun standen sie erwartungsvoll da und schauten über den Perron hinaus. Als der Zug endlich näher kam, drängten sie sich zusammen, und waren voll Ungeduld, den Langersehnten zu begrüßen.

»Tibet! Tibet! Hier!« riefen sie und stürmten auf den Ankömmling zu, der sich gerührt zu ihnen hinabbeugte und ihre Liebkosungen entgegennahm. Alle griffen zugleich nach seiner Hand, um einen besonderen Vorzug zu genießen, bis endlich Jorinde und Ange sich seine Rechte und Linke eroberten.

Tibets erste Frage galt der Mama, und diese ward zufriedenstellend beantwortet. Mama Ange ginge es gut; sie habe auch an den Bahnhof kommen wollen, sei aber abgehalten worden. Dann setzte sich die kleine Schar, Tibet in der Mitte, in Bewegung. –

An demselben Abend saßen sich Herrin und Diener im Wohnzimmer gegenüber.

Tibet erzählte, wie's ihm auf der Reise ergangen sei, und Ange hörte freundlich und aufmerksam zu.

»Auch den Herrn Major von Teut habe ich gesehen und gesprochen,« warf Tibet in unbefangenem Tone hin, nachdem er den ersten Bericht erstattet hatte. »Er läßt sich der Frau Gräfin aufs angelegentlichste empfehlen.«

Ange blickte im höchsten Grade befremdet empor. »Wie? Sie haben Herrn von Teut gesehen, Tibet? Wann? Wo? Und ganz zufällig?«

Tibet nickte und erzählte eine Geschichte, die er sich unterwegs zurecht gelegt hatte.

»Und geht's ihm besser? Geht's ihm wieder gut?« fuhr Ange zögernd fort.

Tibet betätigte und wollte schon, froh, daß die Dinge sich so günstig gefügt hatten, fortfahren. Aber entweder wünschte Ange das Gespräch nicht fortzusetzen oder sie wollte Zeit gewinnen. Sie brach ab und kam auf allerlei häusliche Angelegenheiten.

Inzwischen grübelte Tibet, wie er die Dinge nach seinen Wünschen einrichten könne, und sagte endlich, eine kleine Pause benutzend, ziemlich unvermittelt:

»Ich habe auch einen Auftrag an die Frau Gräfin von dem Herrn Baron auszurichten. Ich vergaß vorher –«

Ange sah Tibet fest ins Auge, aber sie hinderte ihn nicht am Weitersprechen. Nur ein kurzes: »Nun?« glitt von ihren Lippen.

»Zunächst läßt sich der Herr Baron für den Brief der Frau Gräfin recht sehr bedanken. Er würde denselben schon beantwortet haben, wenn er nicht wünschte, der Frau Gräfin mündlich –«

Tibet hielt inne; er fürchtete nun sicher eine Unterbrechung. Aber zu seiner Überraschung sagte Ange nichts, nur ihr Blick blieb noch ebenso ernst, ja, so eigentümlich auf ihm haften, daß er unwillkürlich die Augen niederschlagen mußte. Er raffte sich aber auf und fuhr fort:

»Der Herr Baron hofft in einigen Wochen wieder so weit hergestellt zu sein, daß er Wiesbaden verlassen kann. Er will dann nach Eder reisen und auf dieser Reise die Frau Gräfin gern in Eisenach begrüßen.«

»Und was sagten Sie dazu, Tibet?« fragte Ange kalt.

»Ich – ich – Frau Gräfin –« Er sprach nicht aus. Einen Augenblick schwiegen beide: nur Anges fleißige Nadel, die auf- und abflog, unterbrach die Stille. In dem Gemache stand ein runder Tisch, der von einer Lampe erhellt ward. Ringsum befanden sich die Möbel, welche einst in Carlos' Zimmer Platz gefunden hatten. Dieselben Bilder schmückten die Wände; selbst die kleinen Nippessachen von damals standen auf dem Schreibtisch. Plötzlich legte Ange die Arbeit aus der Hand, und sagte, dem Manne, der ihr gegenübersaß, forschend ins Auge schauend:

»Tibet!«

»Frau Gräfin?«

»Was soll ich von Ihnen denken? Sie haben Herrn Baron von Teut gesehen und einen solchen Auftrag übernommen? Ich werde irre an Ihnen. Ich muß es Ihnen aussprechen. Also war's doch wie ich vermutete. Hinter meinem Rücken! Also war's doch, wie ich fürchtete, als Sie mir von einer notwendigen Reise sprachen!«

»Frau Gräfin – ich bitte – ich verstehe nicht –«

»Sie verstehen ganz gut, Tibet! Mehr noch. Sie waren befangen, als Sie in unserem Gespräch auf diesen Gegenstand kamen, und da ich nicht arglos war, beobachtete ich Sie.«

Ange stützte schwermütig den Kopf und schien für Augenblicke ganz mit anderen Gedanken beschäftigt. Sie hörte nichts von Tibets Beteuerungen, nichts von seiner geläufigen Rede, durch die er ihr das Mißtrauen zu nehmen suchte. Erst als er zu einem anderen Mittel griff, sie seinen Plänen gefügiger zu machen, und plötzlich sagte: »Sehr, sehr verändert hat sich doch der Herr Baron. Sie wissen, Frau Gräfin, das Traurige noch gar nicht. Ich gelangte noch nicht dazu, dies Ihnen mitzuteilen. Der Herr Baron hat das linke Bein im Kriege verloren!« überwogen Teilnahme und Sorge alle anderen Gedanken.

»Wie? was?« rief Ange erregt, ließ die Arbeit fallen, erhob sich von ihrem Stuhl und blickte Tibet mit allen Zeichen der Bestürzung an. »Amputiert? Das Bein verloren?«

Tibet atmete erleichtert auf.

»Mein armer, armer Freund!« flüsterte Ange vor sich hin. »Ist er sehr ernst, sehr bedrückt deshalb, Tibet? Sie sagen, er habe so leidend ausgesehen? O, und das wußte ich nicht einmal! Das verschwieg er mir. Ich möchte zu ihm eilen, ihn trösten, ihn pflegen –«

Aber sie unterbrach sich ebenso rasch, setzte sich wieder und ergriff still und wortlos die eben fallen gelassene Arbeit.

»Erzählen Sie weiter, Tibet. Berichten Sie mir, was Herr von Teut Ihnen gesagt hat,« hob sie dann gelassen an. »Natürlich verlangt es mich Näheres zu erfahren.«

»Zu Befehl, Frau Gräfin. Ich fand den Herrn Baron sehr wortkarg und offenbar tief verstimmt. Er äußerte die Absicht, sich ganz von allem zurückzuziehen, fortan in Eder zu wohnen und jeden Verkehr einstellen. Welche Stimmung den Herrn Baron beherrschte« – nun hielt Tibet es an der Zeit, seine Pläne auszuführen, und er that es mit zitterndem Herzen – »mögen Frau Gräfin daraus erkennen, daß, als zufällig in einem Gespräch zwischen dem Herrn Baron und einem dort anwesenden Freunde die Rede auf des letzteren bevorstehende Heirat kam und derselbe den Herrn Baron scherzend auf Gleiches hinwies, dieser sagte: ›Lieber Freund, das war längst und ist jetzt erst recht für alte Zeiten begraben! Nichts blüht mir noch auf Erden, selbst meine besten Freunde habe ich – ohne meine Schuld, ich darf es sagen – verloren!‹«

Tibet schwieg und wartete. Weiße Rosen brachen hervor auf Anges Wangen. Eine Blässe färbte diese, vor der Tibet erschrak. War er zu weit gegangen, hatte er zu rasch, zu unvermittelt gehandelt. Gewiß, so schien es, denn Ange sagte bitter: »Galt mir die letzte Bemerkung, Tibet? Nur das wünsche ich noch zu wissen.«

Der Mann schwieg.

»Nun?« wiederholte sie hart.

»Ich glaube – ich weiß nicht, Frau Gräfin.«

»Und was sagen Sie zu alle dem, Tibet?«

Plötzlich brachen die Thränen unter Anges Wimpern hervor; ihre Augen verschleierten sich, und jener zaghafte Ausdruck trat in ihre Mienen, der das Gesicht von Kindern und Erwachsenen gleich rührend verändert.

Tibet wollte reden, aber Ange schüttelte den Kopf und wehrte ihm ab. »Ich habe schon zu viel heute abend gehört,« sagte sie kurz und in seltsamer Weise abbrechend. »Wir sprechen morgen weiter. Gute Nacht.«

Noch stand der Mann eine Weile; er hoffte, Ange würde wenigstens noch einmal emporblicken. Nichts! Nun verbeugte er sich und ging.

Sobald Tibet das Zimmer verlassen hatte, sprang Ange auf und durchmaß den Raum mit erregten Schritten. Ihre Gestalt hatte trotz der Anstrengungen des letzten Jahres an reizvoller Fülle gewonnen. Die Züge ihres Gesichtes waren ausdrucksvoller geworden ihre dunklen gesättigten Augen hatten eine eigene Glut und jenen rätselhaften, halb schmachtenden, halb in sich gekehrten Ausdruck, der uns so unwiderstehlich zu Frauen hinzieht. Noch immer wirkte ihre Erscheinung überraschend, noch immer war sie eine blendend schöne Frau. Wie es in ihrem Innern gärte nach diesen Mitteilungen! Jene Liebe, die sich noch unter dem Schmerz um einen teuren Verdorbenen in zartem Empfinden gegen eine andere auflehnt, jene tiefe wahre Liebe, die ihre Neigung ängstlich verbirgt, jene stolze Liebe, die fürchtet, sie könne nicht um ihrer selbst willen begehrt werden, durchdrang das Herz der Frau – und nun war alles vernichtet, was doch hoffend in dem tiefsten Winkel ihrer Seele geschlummert hatte. Denn es giebt Wünsche, die der Mensch aus besserer Einsicht zurückdrängt bis zum letzten Atemzug – Wünsche auch, von denen er weiß, daß sie sich nie erfüllen können, aber die doch beglücken, so lange ein Wahrscheinlichkeitsschimmer bleibt.

Teut ein Krüppel! Teut des Trostes, vielleicht noch der Pflege bedürftig; Teut abwehrend gegen alles, was sonst Menschen mit Menschen verbindet; Teut voll Verbitterung. Teut – die Liebe, den Besitz eines Weibes ein für allemal von sich weisend im mißmutigen Verzichten!

Und sie stieß ihn von sich, wo sie ihm vielleicht ersetzen konnte, wonach sein Herz verlangte; sie erfüllte – vielleicht in falschem Stolze – nicht einmal die Pflichten dankbarer Freundschaft!?

Ange verlor den Faden für den richtigen Maßstab dessen, was Recht und Pflicht geboten.

Was sollte sie thun? Ehre, Stolz, Scham und Liebe kämpften in ihr und ließen sie zu keinem Entschluß gelangen. Einmal hatte sie alles zurückgedrängt, nur ein Gedanke beherrschte sie: Wie's auch kommen, wie's auch sein mochte, sie mußte an seiner Seite stehen, solange sie ihn unglücklich, zweifelnd und zagend wußte.

Schon glaubte sie klar zu sein und den Kampf überwunden zu haben. Aber dann nahm doch wieder die angstvolle Befürchtung von ihr Besitz, Teut könne jetzt gerade zu dem Schlusse gelangen, sie suche nur nach einem Vorwand, sich ihm zu nähern. Diese Annäherung könne als eine stumme Werbung von ihrer Seite erscheinen, sie sei noch die alte leichtfertige, nur dem Genuß lebende und nach plötzlichen Eingebungen handelnde Frau von ehedem, dasselbe nur von halben Pflichten erfüllte Wesen ohne rechte Grundsätze, festen Willen und Thatkraft.

Und dann würde in diesem Falle an sie herantreten, was sie zurückweisen wollte um jeden Preis: die Mildtätigkeit aus seiner Hand. Sie, gerade sie hatte doch einen so großen, ja vielleicht allen Anteil an der entsetzlichen Nacktheit der Dinge nach Carlos' Tode, und Teut war es gewesen, der sie gewarnt und dessen Warnung sie nur ein halbes Ohr geschenkt; er hatte in der Not geholfen und kam nun wieder und mußte helfen, weil sie es nicht verstand, sich einzurichten, immer gleich thöricht und unbeholfen dem Leben gegenüberstand. Scham und Stolz, auch Quellen falscher Scham, falschen Stolzes brachen wieder in ihr auf und ließen sie, wie bisher so oft, den rechten Weg verfehlen.


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