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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 3
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Beim Oberst war eine große Fête angesagt. Ange begann auch heute mit ihrer Toilette zu einer Zeit, in der andere Frauen bereits die Handschuhe knöpfen und das Kopftuch um das Haar schlingen. Das kannte Clairefort, seit ihm das schöne Fräulein von Butin das Jawort gegeben, und das ertrug er mit jener Resignation, die entweder einer starken Selbstbeherrschung entspringt oder die sich zuletzt in das Unvermeidliche machtlos fügen muß.

»Ange, bist Du bereit? Schon seit einer viertel Stunde wartet der Wagen!« rief der Rittmeister und klopfte ungeduldig an die Thür.

»Gleich, gleich, bester Carlos!« schmeichelte Ange zurück, huschte freilich erst in diesem Augenblick aus ihrem Hauskleid und steckte, da sie das unruhige Auf und Ab ihres erzürnten Tyrannen hörte, auf einen Augenblick das Köpfchen durch die Öffnung, um ihn mit einem ihrer bezaubernden Blicke zu beruhigen.

Das Gemach, in welchem Ange ihre Toilette machte, glich bezüglich des hastigen und bunten Durcheinander dem Ankleidegemach einer Bühnenkünstlerin. Hier waren Schubladen geöffnet, in denen die Gegenstände wild durcheinander geworfen waren, dort lagen auf Diwan und Stühlen Ballkleider und Spitzenröcke. Wenige Minuten hatten hingereicht, um hier und in die Garderobenschränke eine heillose Verwirrung zu bringen. Aber immer war diese lebhafte, unruhige und der Zeiteinteilungen spottende Frau in ihrer Erscheinung gleich reizend. Wo war der Künstler, um diesen feingeschnittenen Kopf mit dem tief auf die Schultern herabgefallenen Seidenhaar zu malen, diese zarte, in den Formen vollendete Fülle, dieses entzückende Weiß des Nackens, der Arme, der Hände, vornehmlich aber diesen wahrhaft bezaubernden Körperwuchs mit seinen vornehmen Linien?

Bei der Hast, mit der Ange selbst Hand an die Toilette legte oder ihre Umgebung anwies, röteten sich ihre Wangen, die feinen Nasenflügel vibrierten und ihre Kinderhände zupften, zerrten und knöpften an den durchsichtigen, spitzenbesetzten Gewändern umher, als ob tausend unruhige Funken aus ihren Fingern sprühten.

Während ihr Haar geflochten ward, saß sie vor dem Trumeau, öffnete den Mund, betrachtete mit kindlicher Neugier die untadelhaften Reihen ihrer unter dem Rosarot hervorschimmernden Zähne und lachte in den Spiegel hinein oder neigte mit leisem Aufschrei das Köpfchen vor dem ungeschickten Strich des Kammes in dem widerspenstigen Haar. Und dabei erschienen auch Füßchen, die einem Kinde anzugehören schienen und die nun von der Jungfer mit seidenen Schuhen bekleidet wurden.

Als Ange endlich auch in das kostbare pfirsichfarbene Kleid eingespannt war, als sie durch das Zimmer schritt und die einer Königin würdige Schleppe hinter ihr herrauschte, als endlich alle die Perlen und Diamanten in ihrem Haar und an ihrer Brust, die blitzenden Agraffen an dem Stoffe befestigt waren, sahen selbst die Dienerinnen mit einem Blick der Bewunderung auf das Kunstwerk, das unter ihren Händen entstanden war.

»Sieht's gut aus? Sitzt die Taille?« fragte Ange naiv, und ein glückliches Lächeln flog über ihr Gesicht, als jene lebhaft bestätigten, was sie zu hören wünschte.

»Ange, Ange!« klopfte es nun abermals. »Die Uhr ist halb neun, und Du bist noch nicht –«

»Ich bin fertig, lange fertig, Carlos! Ich warte ja auf Dich!« rief sie, blinzelte den Frauen bei ihrer unschuldigen Lüge lächelnd zu und öffnete die Thür.

Aber nun kamen noch die Kinder, die doch eigentlich im Bett liegen sollten. Jorinde weinte und Ben stand mürrisch da. Allerlei Wünsche wurden laut.

»Gewiß, gewiß, sei ruhig, mein Liebling! Ja, ja, Carlitos! – Ah, mein Riechfläschchen und der Fächer, Maria! – Wie, was? Ja, gleich!«

Sie eilte fort und suchte in irgend einer Schublade nach den Bonbons und Leckereien, mit denen sie ihre ungeduldige Schar zu beruhigen pflegte.

»Nehmen Sie die Schleppe, Rosa! – Ich komme ja, ich komme, Carlos, geh nur voraus!«

Nun mußten die Kinder noch einmal umarmt und geküßt werden. Ein Handschuhknopf war abgesprungen, auch eine Naht beim hastigen Anziehen gerissen. »Schnell ein anderes Paar! Im Schubfach links! Fleischfarbene, Maria, fleischfarbene! Hörst Du?«

Ange eilte hinab. »Endlich!« sagte Carlos. »Vorwärts!«

Der Diener, die Hand am Hute, schlug den Wagen zu und schwang sich auf den Bock.

»Halt! halt – noch einen Augenblick!« rief Ange und klopfte ungestüm an die Scheiben. Die Jungfer kam atemlos mit den Handschuhen. »Zu Befehl, Frau Gräfin!«

So, nun raste endlich der Wagen mit dem Grafen und Ange davon, und die Dienerschaft wandte sich ins Haus zurück. Auf dem Flur, auf der Treppe wehte noch der Duft ihrer Gewänder. In allen Zimmern brannten die Kandelaber – überall die Spuren ihrer lebhaften Unruhe. Die Kinder schmollten, daß sie nun, weniger rücksichtsvoll angehalten als vorher, ins Bett getrieben wurden: und ins heiße, schwüle, von Parfüm erfüllte Ankleidezimmer der Gebieterin, in dem ein halb Dutzend goldene und silberne Leuchter entzündet waren, in welchem die geöffneten Schmuckkästchen mit all ihren zurückgebliebenen Herrlichkeiten achtlos umherstanden und in dem die Luft, die eine schöne, vornehme Frau ausatmet, wie ein unsichtbarer Hauch die Gegenstände zu umhüllen schien, traten die Frauen, um alles an seinen Platz zu bringen. –

Unwillkürlich verstummte das laute Gespräch in den Sälen, unwillkürlich traten die Reihen der Gäste zurück und unwillkürlich mußten auch die eifersüchtigsten Frauen emporblicken, als die Gräfin Ange von Clairefort an der Seite ihres Mannes die Räume in dem Hause des Obersten betrat. Es giebt Frauen, deren Erscheinung in der Gesellschaft wirkt, als ob plötzlich ein Schwan mit lautem Flügelschlag vorüberrauscht.

Ange war nach wenigen Minuten umgeben und umschwirrt von der halben Gesellschaft. Nein, von der ganzen Gesellschaft! Denn diejenigen, die sich ihr nicht näherten, fanden nur nicht den Mut, der schönen, strahlenden Frau auszudrücken was sie bei ihrem Anblick empfanden. Immer birgt die Gesellschaft Zaghafte; sie werden nie aussterben; sie bleiben und gleichen Kindern, welche nur nach wiederholter Ermunterung ein Händchen reichen.

Ange hörte, daß man allein auf sie gewartet habe. Sie rief ein bedauerndes »O! o!« huschte zu der Frau des Obersten und stellte ihr durch die bezaubernde Art ihrer Abbitte rasch die gesunkene Gesellschaftslaune wieder her. Und da sie in der Zerstreuung den ersten Tanz nicht vergeben hatte und dies zu ihrer freudigen Überraschung bemerkte, schlüpfte sie durch die sich drängenden und sich arrangierenden Paare bis zum Gastgeber und legte sanft den Arm in den seinigen.

»Gnädige Frau?!«

»Den ersten Tanz habe ich wohl ein dutzendmal abgeschlagen, Herr Oberst, da ich ihn für Sie bestimmt hatte. O, ich bitte, kein Refus! Es ist ja eine Polonaise.« schmeichelte sie und zog den nur leise Widerstrebenden mit sich fort.

Selten mischte sich Ange in die Reihen der Tanzenden, ohne daß die pausierenden Paare ihr zuschauten. Man mußte sie ansehen, denn eine Grazie schien sich unter die Menschen gemischt zu haben.

Nichts Anmutigeres konnte es geben, als sie einen Walzer tanzen zu sehen, wenn das ihr eigene, halb verlegene, halb glückliche Lächeln über die sanften Züge flog und sie das Köpfchen zur Seite neigte. Es lag in dieser Zurückhaltung gleichsam eine Andeutung, daß sie sich zwar jeder Laune ihres Tänzers füge, doch nur dem Zwange folgend, ihm erlaube, den schlanken Leib zu umfassen. Sobald sie sich aber aus dem Arm ihres Kavaliers gelöst hatte, verschwand diese fast mädchenhafte Schüchternheit, und ihr lebhaftes Temperament riß sie wieder fort. Sie schwatzte, lachte und zeigte ein schelmisches Gesicht, sie nickte und hörte mit neugieriger Aufmerksamkeit zu.

Beim Souper richteten sich abermals aller Augen auf Ange. Eine feine Blässe war auf ihr Gesicht getreten. Der wunderbare Abstand der dunklen Augen und Augenbrauen gegen das Goldblond ihres Seidenhaares wirkte neben dem mattseidenen, an dem Ausschnitt mit echten weißen Spitzen besetzten Kleide so überraschend schön, daß man den Blick nicht von ihr zu wenden vermochte. Und dabei funkelten und blitzten die Steine an Hals und Ohren, und oft zitterte ein wahrer Sprühregen aus den Diamanten, mit denen ihr Haupt geschmückt war.

Die Menschen fühlten sich geehrt und beglückt, wenn Ange sie mit ihren treublickenden Augen ansah, und ihre Bescheidenheit machte es unmöglich, daß häßliche Regungen der Mißgunst neben ihr emporstiegen.

Nach Aufhebung der Tafel, nachdem der Champagner Ange ganz in ein fröhliches, nur von der Lust beherrschtes Kind verwandelt hatte, als die ersten Takte eines stürmischen Galopps vom Saale herüberklangen, hielt es sie nicht mehr neben dem Gastgeber, und mit einem seine Verzeihung einholenden Blick entschlüpfte sie, um einem jüngeren Kavalier zu folgen.

Einmal riß eine Perlenschnur, und die kostbaren Schätze rollten unter die Tanzenden. Ein kleines Vermögen stand auf dem Spiel, Ange jedoch lachte und nahm mit entschuldigendem Dank entgegen, was eifrig Suchende gefunden hatten und ihr überreichten.

Wiederholt drängte der Rittmeister zum Aufbruch. Aber die Offiziere umstürmten die reizende Frau, und sie bat wie ein junges Mädchen, das zum erstenmal den Ball besucht, um Aufschub. Während sie davoneilte, guckte sie ihn über ihre Schulter an und holte sich durch bittende Blicke sein nachträgliches Jawort ein.

Und als sie endlich zurückkehrte und er, die zerrissenen Spitzen der Schleppe betrachtend, kopfschüttelnd dreinschaute, streifte sie rasch zu seiner Beruhigung die Handschuhe ab, lehnte sich mit einem: »Nicht schelten! Gut sein! Carlitos, bitte!« an ihn und bettelte so lange, bis er ihr noch die kleine Abkühlungspause zugestand.

Von der Bewegung beim Tanzen war ihr Haar ein wenig gelockert und ein feines Strähnchen auf die Stirn gefallen, auch einige prachtvolle Rosen, die an ihrer Brust saßen und einen blitzenden Diamant umschlossen, hatten sich entblättert. Ihr Atem glühte, ihre Brust hob und senkte sich unter der zarten Seide, und während der Fächer in heftiger Bewegung war, neigte sie den Körper mit jener elastischen Biegsamkeit, die Frauen so verführerisch macht.

»Nein, komm, komm, Ange.« drängte Carlos, von ihrer Schönheit hingerissen und nur von dem einzigen Gedanken beherrscht, sie den zudringlichen Blicken ihrer Bewunderer zu entreißen. Sein Auge ruhte mit einem eifersüchtig verlangenden Ausdruck auf ihr, und sie erwiderte seinen Blick mit jenen träumerischen Augen, mit denen sie ihm einst ihre Liebe verraten hatte.

»Ach, es war himmlisch! Ich habe mich prachtvoll amüsiert! Schade, daß es schon vorüber ist!« seufzte die junge Frau, als sie, nach Hause zurückgekehrt, sich in sanfter Erschöpfung in einen Sessel zurücklehnte. »Aber Du, Armer, hast Dich gelangweilt! Nicht so, Carlos?«

Sie sah ihn zärtlich an. Er schüttelte schwermütig das Haupt und sagte:

»Nicht doch, Ange!« Und nach einer Weile flüsterte er leise: »Hast Du mich noch lieb, Ange?«

Da stand sie auf und flog ihm an den Hals.


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