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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 28
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Nach den vorerwähnten Ereignissen war reichlich ein halbes Jahr verflossen, als an einem warmen Juniabend des Jahres 187- zwei Männer in dem kleinen Gärtchen saßen, welches zu dem sogenannten Sommerhause des Hotels »Zur Rose« in Wiesbaden gehört.

Auf dem im Freien gedeckten Tische standen die Reste eines reichlichen Abendessens, und eben hatte der Kellner ein Licht gebracht, mit dem die Cigarren entzündet worden waren.

»Hm, hm,« sagte der Major von Teut – denn er war es – zu dem ihm gegenübersitzenden Manne und blies den Rauch einer starken Cigarre nach seiner Gewohnheit durch die Nase. »Das klingt ja alles so gut und doch wieder auch so ernst, wie ich's mir gedacht habe. Aber vielleicht – zunächst – wer weiß – war's auch besser so!? – Was haben Sie denn der Gräfin über Ihre Reise gesagt? Wie haben Sie diese begründet?«

»Ich gab vor, daß ich die Meinigen besuchen wolle.«

»Ah! Sie haben Familie, Tibet? Das ist mir ja ganz neu! Auch der verstorbene Graf und die Gräfin haben mir nie davon gesprochen.«

»Sie wußten auch davon nichts, gnädiger Herr.«

Teut wollte diesen Gegenstand offenbar des näheren berühren, denn er blickte fragend empor. Aber ein anderer Gedanke überholte, was sich ihm eben aufgedrängt hatte. Er sagte abbrechend: »So, so – Aber noch eins! Wie haben Sie es angefangen, daß die Gräfin nichts von all den kleinen Hinterlisten gemerkt hat? Glaubt sie, daß ihre Einnahme bisher immer reichte, und daß sie lediglich durch ihre Sparsamkeit alles gut gemacht hat?«

Über das immer noch bleiche Gesicht des Sprechenden flog ein fragendes Lächeln, und er strich den Schnurrbart in sichtlicher Spannung.

»Allerdings, aber es hat mancherlei Künste gekostet, gnädiger Herr!« entgegnen Tibet, und in der Erinnerung des falschen Spiels, das er getrieben, sichtlich bedrückt. »Anfänglich, damals, als Sie auf meinen Brief antworteten und mir Verhaltungsmaßregeln gaben, war ich zweifelhaft, ob's möglich sein werde, diese auszuführen. Ich mußte mir erst alles zurechtlegen und förmlich ausklügeln, wie ich dem Argwohn der Frau Gräfin begegnen könne. Wenn ich Einkäufe machte, erklärte ich, die Waren seien im Preise gesunken, und die Frau Gräfin sah mich dann groß an und machte ein zufriedenes Gesicht. Im Anfang freilich wollte sie überhaupt nichts von dergleichen hören. Ich erlaubte mir den Vorschlag, daß ich wie früher die Wirtschaft besorgen dürfe, und that dies insbesondere, weil ich dann alles ohne Schwierigkeit einrichten konnte. Aber darauf wollte die Frau Gräfin nicht eingehen. Sie müsse die Dinge selbst übersehen, meinte sie, sonst könne sie nicht wirtschaften lernen. Mit der Miete hätte sich bald alles verraten. Ich machte, des gnädigen Herrn Befehl folgend, dem Wirte Mitteilung, daß er von uns nur die Hälfte erhalten, daß das übrige anderweitig berichtigt werden würde. Ich nahm ihm das Versprechen ab, gegen die Frau Gräfin Stillschweigen zu beobachten und auch seine Umgebung zu verständigen. Eines Morgens nun unterhielt sich die Frau Gräfin mit einem Einwohner, und bei dieser Gelegenheit war von den Wohnungen in Eisenach die Rede. Da äußerte dieser die unsere sei nicht billig, während die Frau Gräfin gerade ihrem Erstaunen Ausdruck gab, wie preiswürdig dieselbe sei. Ein Wort gab das andere. Endlich ward ich herbeigerufen und bestätigte die Aussagen meiner Herrin. Als jener sich entfernt hatte, betrachtete mich die Frau Gräfin bereits mit einigem Mißtrauen und brach endlich in die Worte aus: ›Haben Sie gehört? Er hat vor uns dies Haus bewohnt und das Doppelte bezahlt. Wie ist es möglich, Tibet, daß Sie die Villa um die Hälfte mieten konnten?' – ›Die Frau Gräfin haben ja den Mietskontrakt in Händen,‹ erwiderte ich, als ob ich den eigentlichen Sinn dieser Nachfrage gar nicht verstanden hätte. Kopfschüttelnd ging die Frau Gräfin davon. Schon fürchtete ich, daß alles würde entdeckt werden.«

»Und das Schulgeld?« fragte Teut, der mit größter Aufmerksamkeit zugehört hatte. »Wie haben Sie das gemacht?«

»Ich habe gleich das ganze Semester bezahlt und der Frau Gräfin gesagt –« – Tibet hielt inne, dunkle Schamröte färbte seine Wangen – »daß der Direktor auf meine Vorstellung dasselbe erlassen habe.«

»Und das glaubte die Gräfin?«

»Vorläufig ja, Herr Baron. Aber ich zittere doch jeden Tag, daß es ans Licht kommt, und dann –«

»Und Steuern?« fragte Teut und konnte sich des Lächelns nicht erwehren, weil er wie ein Beichtvater alle Vergehen aus dem armen Sünder herausholte.

»Die habe ich gar nicht erwähnt! Davon hat die Frau Gräfin keine Ahnung. Ich fing den Steuerboten ab und –«

»Und drohten ihm mit allen Folterqualen der Hölle, wenn er noch einmal erscheine?« schaltete Teut mit gutmütigem Spotte ein.

»Ja, Herr Baron, Sie können wohl scherzen.« sagte Tibet, nun wieder von dem Ernst und der Verantwortlichkeit seiner Aufgabe erfaßt. »Aber Sie mögen mir glauben, daß die Dinge sich nicht so freundlich abspielen werden, wenn die Frau Gräfin jemals erfahren sollte, was wir gethan haben.«

Teut trank seinen Wein und wollte, um einer aufsteigenden Empfindung Herr zu werden, die Stiefelhacken zusammenschlagen. Aber es war nur eine Bewegung. Mit einem leisen Anflug von Schmerz hielt er inne. Nicht ohne Grund! Das eine, das linke Bein fehlte, er hatte es im Kriege eingebüßt.

»Aber die Kinder?« fragte Teut nach einer Pause. »Wie geht's denen? Entwickeln sie sich gut? Sind sie fleißig?«

Tibet nickte. »Gewiß, gnädiger Herr! Wir helfen beide, die Frau Gräfin und ich, bei den Schularbeiten.«

»Ist die kleine Ange hübsch geworden, Tibet? Sie versprach sehr schön zu werden!«

Tibet betätigte lebhaft. »Ange ist ein sehr schönes Kind, gnädiger Herr, und so klug, daß es mich oft fast ängstlich macht. In der kurzen Zeit von einem halben Jahre spielt sie schon kleine Stücke auf dem Klavier und ist so sicher dabei, daß man erstaunen muß.«

»So, so! Wer unterrichtet sie denn?«

»Die Frau Gräfin selbst, Herr Baron! Jeden Nachmittag erhält Ange Unterricht von der Frau Gräfin, und Erna und Jorinde müssen ebenfalls täglich bei ihr üben. Sie machen alle gute Fortschritte.«

Teut machte eine Bewegung, er murmelte auch etwas vor sich hin, das Tibet nicht verstand. »Wie ist denn Eure Tageseinteilung, Tibet? Die Frau Gräfin muß ja sehr in Anspruch genommen sein. Sie hat doch Mädchen zur Hilfe?«

»Nur eins, Herr Baron! Aber die wurde uns gleich schwer krank und mußte wochenlang das Bett hüten. Da hat die Frau Gräfin selbst morgens Kaffee gemacht, die Stuben geräumt, die Kinder angezogen und in die Schule befördert. Die Frau Gräfin ist überhaupt von morgens früh bis abends spät unausgesetzt in der Wirtschaft und um die Kinder beschäftigt.«

Teut murmelte wieder etwas.

»Ah! herrliches Weib!« glaubte Tibet zu hören.

»Und Sie, Tibet?« fragte Teut dann kurz und mit einem scheinbaren Vorwurf, während in sein Auge ein silbernes Pünktlein trat.

»Ich, ich?« erwiderte Tibet arglos und verlegen zugleich. »Ich habe morgens alle die Stiefel geputzt, die – die – gröbere Arbeit in den Schlafstuben besorgt und der Kinder Betten gemacht und – und auch gekocht während der Zeit. Kochen kann die Frau Gräfin nicht; aber sie lernt es schon ganz gut. Neulich hatten wir zwei Gerichte, die sie ganz allein zubereitet hatte. Ihre Augen glänzten, als es den Kindern so gut schmeckte. Die Frau Gräfin war so glücklich, daß sie im Zimmer herumtanzte.«

»Aber Freund!« schaltete Teut scheinbar tadelnd ein. »Weshalb haben Sie denn damals nicht eine Hilfe genommen?«

»Die Frau Gräfin wollte es durchaus nicht, gnädiger Herr! Sie meinte, es sei der beste Weg, alles zu lernen. Freilich, ich folgte auch nichts thun – aber ich habe sie sogar überrascht und in einer Nacht mit Hilfe einer Frau die Wäsche besorgt. Die Alte hat die Garderobengegenstände vorgenommen, ich machte mich an Servietten und Tischzeug. Gegen Morgen haben wir aufgehängt, jeder sein Teil.«

»Allen Respekt!« murmelte Teut, trank in hastigen Zügen und schenkte von neuem aus der Flasche ein. »In der That, über alles Lob erhaben! Aber das muß doch anders werden!« Und nach einer Pause: »Wenn ich nur einen Weg wüßte –«

Tibet hatte nur halb gehört, aber doch genug, um zu verstehen. Er nahm sich, in der Sorge um seine Herrin, die Erlaubnis einzufallen, und sagte:

»Wenn der Herr Baron mir gestatten wollten, einen Vorschlag zu machen?«

Teut bewegte den stolzen Kopf und sagte in seiner kurzen, unhöflich klingenden Weise:

»Nun, was soll's?«

Tibet ward durch diesen Ton eingeschüchtert. Er fürchtete, sich eine Vertraulichkeit angemaßt zu haben, die ihm nicht zukam. Takt und Vorsicht riefen ihm zu, sich in den bisherigen Grenzen zu halten. Er entgegnete deshalb rasch:

»O, es war doch nichts, gnädiger Herr –«

Teut blickte auf und sah, daß Tibet mit dem Ausdruck einer gewissen Enttäuschung vor ihm saß. Er verstand und bereute seine Schroffheit.

Ohne auf den Gegenstand zurückzukommen, dessen Berührung von jener Seite ihm nach den wunderbaren seelischen Schwankungen, denen jeder, selbst der beste und vorurteilsfreiere Mensch, unterworfen ist, plötzlich widerstrebt hatte, sagte er:

»Eine Angelegenheit will ich doch heute gleich berühren, Tibet. Mein Zustand verhinderte mich, Ihnen das bisher zu schreiben:

Vom Ersten des nächsten Monats sind Sie bei mir für Lebenszeit als Sekretär engagiert. Es werden Ihnen monatlich dreihundert Mark von meinem Rendanten ausbezahlt werden. Alle Ihre Auslagen seit vorigem Jahr werden Sie mir baldigst aufgeben, und auch das Honorar für die verflossene Zeit werde ich ordnen. Sind Sie damit einverstanden, Tibet?«

»Herr Baron! – Gnädiger Herr!« rief Tibet. Er erhob sich und neigte in seiner überströmenden Empfindung das Gesicht auf die Hand des Mannes, der seine Worte mit einem Blick begleitet hatte, in dem sich die ganze Fülle seines unvergleichlichen Herzens widerspiegelte.

»Aber Waschen und Kochen ist nun vorbei! Das paßt nicht für den Sekretär und Vertrauten des Herrn von Teut-Eder, nicht wahr? Und nun wollen wir morgen weiter reden, Tibet! Es wird kühl, ich muß ins Haus, Jamp, Jamp!« rief er mit seiner schneidigen Stimme, und dieser eilte herbei, um ihn ins Gartenhaus zu geleiten.

Nachtfalter und weiße Sommermotten irrten durch die warme Luft. Drüben zirpte es in dem dunklen Garten, und aus dem Rasen drang der sanfte erdige Geruch des Sommers. Im Hôtel zur Rose aber blitzten Lichter durchs ganze Haus, und durch die Abendstille ertönte noch einmal verspätetes Lachen sich haschender Kinder. Eine Zeit lang stand Tibet wie träumend da. Endlich warf er den Blick gen Himmel, und eine Thräne stahl sich in die ernsten Augen des Mannes.

Er gedachte seines zerstörten Lebensglückes und der Menschen, die er liebte – seiner schon ein halbes Jahr nach der Trauung unheilbar erkrankten Frau, seiner Mutter, seiner Schwester – , aber das Naß, das in seine Augen trat, entquoll diesmal der unbeschreiblichen Empfindung, daß nun sicher für die Zukunft jener gesorgt sei.


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