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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 27
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typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
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year1886
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senderpg-us#12113
created20080717
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Einige Tage nach der Frankfurter Reise saß Tibet um die Abendzeit eifrig schreibend in seinem Zimmer. Man hätte ihn auf den ersten Blick kaum wiedererkannt. In dem Hausrock, welchen er gegen den schwarzen Frack vertauscht hatte, den er allezeit zu tragen pflegte, wirkte seine Erscheinung ganz fremdartig.

Aber die peinliche Ordnung in dem wohnlichen Gemach stand im Einklang zu dem bedächtig arbeitenden Manne mit dem hageren glatten Gesicht, in dem sich Ernst und Nachdenken spiegelten. Langsam, oft innehaltend und überlegend, schrieb er nieder, was durch seine Gedanken ging.

Als er seine Arbeit beendet hatte, waren es viele Stunden nach Mitternacht geworden. Nun las er noch einmal den Brief durch, und fügte hier und dort ein Tüttelchen und ein fehlendes Komma hinzu. Das lange, sorgfältig verfaßte Schreiben war an Teut gerichtet und lautete in überraschend glatter Form, wie folgt:

»Hochzuverehrender Herr Baron!

Ihrem Befehl und meiner Zusage entsprechend, verfehle ich nicht, Ihnen heute Nachgehendes ganz gehorsamst zu melden:

Ich sende voraus, daß mich unliebsame Zwischenfälle und Abhaltungen zögern ließen, Ihnen früher Bericht zu erstatten. Ich fürchte, und noch jetzt stehe ich unter diesem Eindruck, daß Ihnen entweder mein Schreiben vorenthalten werden würde oder daß sein Inhalt Ihnen eine schädliche Aufregung bringen könnte.

Ich muß aber mein Bedenken niederschlagen wegen der eingetretenen Umstände und gebe mich der Hoffnung hin, daß ich für alle Beteiligten das Richtige erwähle, wenn ich meine Zeilen an Sie absende. Ich befinde mich zudem in einem Zustande des Zweifels, der mich solchergestalt bedrückt, daß ich gleichzeitig auch um meinetwillen Ihnen die Verhältnisse darlegen muß.

Als Sie, gnädiger Herr, C. verließen, trat ich gewissermaßen in Ihre Dienste, und Sie nahmen mir das Wort ab, in dieser Stellung nur das Beste für meine Herrschaft, die gräfliche Familie, im Auge zu behalten. Sie gaben mir genaue Instruktionen und banden mich durch mein Wort, daß unser eigentliches Verhältnis, wenn es mir gestattet sein darf, diesen Ausdruck zu gebrauchen, ein Geheimnis zwischen uns bleibe.

Unter den Gesichtspunkten, unter denen Sie mich mit Ihrem Vertrauen beehrten, glaubte ich nicht nur nichts Unrechtes zu thun, sondern gerade wie ein gewissenhafter Freund gegen die gräfliche Familie zu handeln.

Ich nehme mir die Freiheit, dies zu rekapitulieren, weil die eingetretenen Umstände entweder neue Instruktionen erforderlich machen oder ich meines Wortes entbunden werden muß.

Wenn ich nun zunächst über die Vorgänge seit dem Tode des Herrn Grafen zu berichten mir gestatte, so bitte ich von vornherein zu verzeihen, daß ich Dinge berühre, über die auszulassen, mir im Grunde nicht beikommt. Aber nur durch Erwähnung dieser werden Sie, gnädiger Herr, einen richtigen Einblick in die gegenwärtige Lage gewinnen und mir zweckmäßige Befehle erteilen können.

In meinen ersten beiden Schreiben hatte ich die Ehre zu melden, daß der Herr Graf ohne Zweifel durch tödlich starke Dosen Morphium und Chloral seinem Leben selbst ein Ende gemacht habe.

Sodann berichtete ich, daß das Bankhaus die Zahlungen an uns eingestellt. Ich weiß nicht, ob Ihnen das zweite Schreiben zugegangen ist. Die Frau Gräfin befanden sich in einem sehr traurigen Zustande, der zwischen heftigem Schmerz und Ausbrüchen des Vorwurfs gegen den verstorbenen Herrn Grafen und mich selbst wechselte. Den Höhepunkt erreichte die Erregung der Frau Gräfin, als ich – ich bitte, mich deshalb nicht zu verdammen – derselben Mitteilung machen mußte, wie die gegenwärtige Vermögenslage sei, und welche Stellung Sie, gnädiger Herr, zu dieser bereits eingenommen hätten.

Frau Gräfin befahlen mir zu sprechen; ich stand bei Stillschweigen vor der Wahl einer falschen Beurteilung, Ungnade und Entlassung.

Es handelte sich um Geld; wir hatten keines. Ich mußte also die monatliche Rate einfordern und mich rechtfertigen, als ich wegen ungenügender Quittung mit leeren Händen zurückkehrte. Die Hergabe meiner kleinen Ersparnisse wies die Frau Gräfin wiederholt schroff zurück.

Nach allem wenden Sie, gnädiger Herr, verstehen, daß einer Erklärung gar nicht auszuweichen war. Trotz all meiner Vorstellungen bestand Frau Gräfin nach Einblick in ihre trostlosen Verhältnisse auf Veräußerungen ihrer Diamanten und sonstigen Schmuckgegenstände.

Ich gelange nun zu demjenigen Punkt, bei dessen Erwähnung ich Ihre Nachsicht, gnädiger Herr, einholen muß: die Frau Gräfin erklärte mir auf das bestimmteste, daß sie ihren Hausstand aufzulösen wünschte und aus dem Erlöse ihrer überflüssigen Wertgegenstände gesonnen sei, neben den übrigen Verpflichtungen in erster Linie diejenigen gegen den Herrn Baron abzulösen.

Die Frau Gräfin äußerte, daß diese Vorschüsse sie im höchsten Maße bedrückten, und daß sie lieber Not leiden wolle, als irgend welche Darlehen oder gar Freundesgaben aus Ihrer Hand fernerhin empfangen. Das Freundschaftsverhältnis zu Ihnen, gnädiger Herr, das unter den bisherigen gleichen Lebensverhältnissen ein so gutes gewesen sei, könne Schaden leiden, und Frau Gräfin zögen es daher vor, sich Ihrer freundschaftlichen Hilfe (da diese ohne Zweifel auf Ratschläge sich nicht beschränken werde) nicht mehr zu bedienen, sondern sogar Ihnen in Zukunft fern zu bleiben. Die Frau Gräfin, die C. verlassen und nach einem kleinen, noch nicht feststehenden Orte übersiedeln will, um sich dort mit den ihr bleibenden Mitteln einzurichten, stellten sogar das Ansinnen an mich, Ihnen nicht zu verraten, wohin sie gehen werde, und nehmen als selbstverständlich an, daß ich Ihnen auch sonst keinerlei Mitteilungen zukommen lassen würde.

Da Frau Gräfin sich so sehr gegen alles, was sich ihrem Entschlusse entgegenstellen könnte, auflehnt, bin ich völlig machtlos. Um die erwähnten Pläne auszuführen, bleibt ja allerdings nichts anderes übrig, als den gegenwärtigen Besitz zu Geld zu machen. Ich schätze die Zinseneinnahme in Zukunft auf kaum viertausend Mark, welches einem baren Kapital von hunderttausend Mark entsprechen würde.

Was befehlen Sie nun, gnädiger Herr?

Soll ich scheinbar den Verkauf zulassen und etwa das Ganze ohne Wissen der Frau Gräfin für des Herrn Baron Rechnung ankaufen? In solchem Falle ist schnelle Instruktion erforderlich. Ferner: Wie soll ich mich in Zukunft verhalten? Darf ich noch mit dem Herrn Baron korrespondieren? Soll ich nach der Neuordnung aller Verhältnisse den Dienst bei der Frau Gräfin verlassen?

Wenn ich die letztere Frage aufwerfe, so bitte ich diese nicht mißzuverstehen. Ich habe mich gegen die Frau Gräfin bereit erklärt, ohne Entschädigung zu bleiben, und würde mich nur entfernen, wenn der Herr Baron darin etwas Zweckmäßiges für die Frau Gräfin erkennen würden. Mir ist dies zur Zeit allerdings als vorteilhaft nicht ersichtlich.

In jedem Falle werden Sie, gnädiger Herr, gewiß verstehen, daß ich kein doppeltes Spiel treiben kann und mich eines wirklichen Vertrauensbruches schuldig machen würde, wenn unsere Verabredungen ganz in der bisherigen Weise bestehen bleiben.

Sofern es meine Befugnis nicht überschreitet, möchte ich mir den gehorsamen Vorschlag gestatten, daß ich bei der Frau Gräfin ausharre, aber nichts thue, was mit den Entschließungen der Frau Gräfin in Widerspruch gerät, und somit nur in dem Sinne zur Verfügung des Herrn Baron bleibe, daß ich nach besten Kräften über das Wohlergehen der Familie wache. Wenn ich die Hand dazu biete, das Eigentum der Frau Gräfin für Rechnung des Herrn Baron zu erwerben, so glaube ich, dadurch nicht unehrlich gegen die Frau Gräfin zu handeln.

Nochmals bitte ich um Verzeihung, meine Befugnisse durch Darlegung persönlicher Anschauungen und durch die Berührung intimer Verhältnisse überschritten zu haben, und hoffe im übrigen, daß der gnädige Herr aus meinen Darlegungen ein richtiges Bild zu gewinnen vermögen.

Ich empfehle mich dem ferneren Wohlwollen und der Nachsicht des gnädigen Herrn und erwarte weitere Befehle.

Ganz gehorsamst

Tibet,

Kammerdiener.«

Bereits am nächsten Morgen begann Ange mit den Vorbereitungen zu ihrem Umzuge und ward bei diesen von Tibet eifrigst unterstützt. Es galt eine Auswahl unter denjenigen Gegenständen zu treffen, welche veräußert werden und welche der künftigen Wohnungseinrichtung dienen sollten. Zu diesem Zwecke wurden zunächst einige Räume leer gemacht, und nun begann das Wählen. Claireforts Zimmer beschloß Ange zu behalten, ebenso wurden die Möbel aus dem Zimmer der Kinder für den ferneren Gebrauch zurückgestellt. Dazu kamen noch die Kücheneinrichtungen und all derjenige Hausrat, durch den sich eine Wohnung in bescheidener Weise vervollständigt.

Tibet war plötzlich ganz gefügig und erhob nicht einen einzigen Einwand. Er fertigte eine genaue Liste für den Auktionator an und machte mit Hilfe der noch vorhandenen Dienerschaft eine so übersichtliche Aufstellung, daß schon nach wenigen Tagen die Arbeit im wesentlichen beendet war.

Sodann beriet er mit Ange, wie alles übrige abzuwickeln sei, verhandelte mit dem Hausbesitzer und mit dem Personal, einigte sich mit jenem, entließ dieses sogleich bis auf eins der Mädchen, welches in Anges Diensten zu bleiben wünschte, und beglich auch alle Rechnungen, welche zu bezahlen waren. Es erübrigte nun nur noch die Summe, welche die Familie von Teut empfangen hatte, und bevor Tibet diese zu dem Banquier trug, hatte er noch eine Unterredung mit Ange, in welcher auch der zukünftige Wohnort zur Erörterung gelangte.

Ange war nicht minder thätig gewesen, wenn auch alles nach ihrer besonderen Art geschah. Sofern sich in den hohen Bergen von unnützen Kleinigkeiten und Firlefanzereien etwas befand, das der Kinder Verlangen reizte und das sie wieder hervorzogen, konnte Ange ihren Bitten nicht widerstehen und packte es in die ohnehin schon mit vielen Überflüssigkeiten belasteten Koffer.

Bisweilen hielt sie inne und vergaß, was sie eben beschäftigt hatte. Bei diesem und jenem Gegenstand kamen ihr Erinnerungen, die ihre Gedanken ganz in Anspruch nahmen, und Vergleiche stiegen auf zwischen heute und früher. Da stahlen sich denn häufig Thränen ins Auge, und mutlos ließ sie die Arme sinken.

Oft wunderte sie sich, daß alles so glatt verlief, daß niemand Einspruch erhob, wenn sie etwas anordnete. Früher handelten andere für sie, sie ließ sich belehren und befolgte zweckmäßige Ratschläge. Ange hatte es als selbstverständlich angesehen, daß sie die Dinge nicht verstand und daß ihre Umgebung für sie handelte. Jetzt fiel ihr plötzlich ein, wie schwer es doch eigentlich sei, praktisch einzugreifen, und fast wunderte sie sich, daß sie so ruhig und besonnen in Frankfurt aufgetreten sei. Also, sie vermochte es doch! Daran richtete sich denn ihr gesunkener Mut wieder auf.

Gewiß, wenn erst alles in dem neuen Geleise sein werde, würde sie vorsichtig überlegen, nicht mehr nach plötzlichen Impulsen handeln, sich's vernünftig und sparsam einrichten und auch das Kleine achten. Ihr Kopf war voll von Plänen und guten Vorsätzen, und ihre Zuversicht wuchs, bis dann die Kinder mit ihren berechtigten und unberechtigten Bedürfnissen vor ihr auftauchten und sie vorübergehend doch voll Zweifel in die Zukunft blickte.

»Nun, mein lieber Tibet!« sagte Ange und ließ sich in Carlos' Zimmer, das gegenwärtig als Wohngemach diente, ermüdet und abgespannt in einen Sessel gleiten. »Haben Sie auch die Zahlung an Herrn Baron von Teut bereits geleistet oder müssen wir diese verschieben, bis die Auktion stattgefunden hat?«

»Wenn Frau Gräfin wirklich meinen, daß auch dieser Betrag –«

»Wenn – Tibet! – Dieser Betrag steht in erster, in gleicher Linie mit allen übrigen! Natürlich! Darüber habe ich Ihnen meine Ansicht bereits wiederholt ausgesprochen. Ich komme nur auf diesen Gegenstand zurück, weil die Summe hoch ist und ich nicht weiß, ob gegenwärtig schon unsere Mittel reichen.«

»Allerdings, Frau Gräfin, es scheint durchaus ratsam, daß wir warten. Um so mehr möchte ich dies vorschlagen, weil gerade Umzug und Neueinrichtung viel größere Summen verschlingen werden, als wir in vorläufige Berechnung gezogen haben. Unser Bestand schmolz schon gewaltig zusammen – ganz gewaltig.«

»Nun wohl! Wir haben aber keine Schulden mehr? Alles ist bezahlt? – Welch ein Wort!«

»Ganz recht, Frau Gräfin! Indessen –«

»Nun?«

»Es wird mir recht schwer – ich möchte die Frau Gräfin nicht entmutigen, aber ich fürchte, wir behalten bei weitem nicht die ursprünglich gedachte Summe, aus deren Zinsen Sie sich einrichten müssen. Ich bin besorgt, Frau Gräfin, und muß deshalb die Frage in Ihrem Interesse nochmals anregen, ob es nicht doch zu überlegen sein würde, die Vorschüsse des Herr Baron einstweilen auf sich beruhen zu lassen.«

Auf Anges Gesicht malten sich Schrecken und Enttäuschung zugleich. Nach einer kurzen Pause fragte sie, und aus dieser Frage klang der Zwang hervor, den sie sich anthun mußte:

»Wie hoch beläuft sich – doch noch – der Betrag, welchen wir Herrn Baron von Teut schulden?«

Tibet gab Antwort.

»Das ist sehr viel!« sagte sie kaum hörbar und ganz mit ihren Gedanken beschäftigt.

»Vielleicht der fünfte Teil alles dessen, was Ihnen bleibt, Frau Gräfin.«

»Und wieviel glauben Sie, Tibet, daß mir im schlechtesten, allerschlechtesten Falle an Zinsen werden könnte?«

»Ich erlaubte mir, Frau Gräfin, schon auf der Reise auseinandersetzen, daß bei wirklich sicherer Geldanlage nur auf einen Zins von vier Prozent gerechnet werden darf.«

»Und Sie meinen wirklich, das ursprünglich angenommene Kapital würde mir nicht einmal bleiben?«

»Ich fürchte, nein, Frau Gräfin – wenn Herr von Teut bezahlt werden soll! Die Frau Gräfin können nach den vorgelegten Quittungen selbst berechnen.«

Ange konnte eigentlich nicht berechnen, aber sie nickte und schwieg.

»Wieviel braucht wohl im Durchschnitt eine gebildete Familie mit fünf Kindern unter bescheidenen Verhältnissen, Tibet?« hob sie nach einer kleinen Pause an.

Mit der Beantwortung dieser Frage fielen alle Illusionen, welche Ange sich bisher gemacht hatte. Tibet litt bei diesen Gesprächen. Vielleicht fühlte er sogar noch tiefer als Ange den Schmerz, die Enttäuschung, obgleich er scheinbar so teilnahmlos die Wahrheit ans Licht zu ziehen bemüht war. Er gewann es auch nicht über sich, der mut- und trostbedürftigen und mit so guten Vorsätzen ihr neues Leben beginnenden Frau den Vorhang ganz hinwegzuziehen. Er umging ihre Frage und erwiderte:

»Es kommt ja sehr auf die Stadt an, ob das Leben teuer oder billig ist. In kleinen Städten gestaltet sich alles besser.«

»Es ist wohl fast ein Unterschied um die Hälfte?« fiel Ange hoffend und lebhaft ihre eigenen Worte bestätigend, ein.

»Ich möchte es glauben, Frau Gräfin.«

»Ich weiß nicht, wie ich's richtig mache, Tibet. Nur so viel ist mir klar, daß ich keinen ruhigen Tag, keine ruhige Stunde haben werde, wenn ich Schulden besitze, wenn namentlich –« sie stockte und fuhr dann fast heftig fort: »Wir müssen Herrn von Teut zahlen, was er meinem Gatten geborgt hat, sobald die Dinge hier geordnet sind; wie's auch immer sein mag! Werde ich weniger besitzen, werde ich doch das unvergleichliche Bewußtsein haben, niemandem mehr verpflichtet zu sein!«

Und nach dieser vorläufig alle Gegeneinwendungen abschneidenden Entscheidung verbeugte sich Tibet und brachte das Gespräch auf Umzug und Wohnort.

»Haben die Frau Gräfin schon eine Entscheidung getroffen? Bleibt es Eisenach, wozu der Herr Polizeimeister geraten?«

Ange bestätigte.

»Es würde sich dann wohl empfehlen, daß ich zunächst dahin abreise, um eine Wohnung zu mieten, und dann wieder zurückkehre, um hier den Verkauf des Mobiliars zu beaufsichtigen. Ich weiß nun aber nicht, ob ich der Frau Gräfin Wünsche bezüglich dieser treffen werde. Vielleicht entschließen Sie sich, die Reise ebenfalls anzutreten.«

Das Gespräch wurde unterbrochen, weil die beiden Knaben herbeigeeilt kamen, die draußen auf der Straße gespielt hatten. Ihre Mienen waren betroffen, und Ben kam zorngerötet ins Zimmer gelaufen.

»Was ist? Was habt Ihr?« fragte Ange besorgt.

»Der – der – Karl von drüben – vom Krämer sagt, daß –« hob Ben an.

»Wir haben uns gestritten; er stieß, ich stand Ben bei!« fiel Fred ein.

»Nun?«

»Er sagte, wir wären schöne Grafen. Mama hätte nicht mal die Rechnung bezahlt. Sein Vater könnte kein Geld kriegen und die anderen auch nicht –«

»Er schimpfte; er brauchte Ausdrücke von uns – na, ich hab's ihm gegeben!« ergänzte Ben.

Ange sah Tibet fragend an, und Blässe trat auf ihre Wangen. Tibet verstand und nahm rasch das Wort:

»Es ist alles – das letzte schon gestern bezahlt, Frau Gräfin!«

»Ah!« riefen beide Knaben zu gleicher Zeit, und ihre Blicke flammten. »Dem wollen wir's geben!«

»Nicht so, nicht so, Kinder!« rief Ange angstvoll, aber suchte sich in Gegenwart der Knaben zu fassen. »Laßt den Streit! Geht ruhig Eures Weges und meidet die Nachbarskinder. Hört Ihr? Ihr hörtet, daß er die Unwahrheit sprach. Und nun geht! Ich habe noch mit Tibet zu sprechen.«

Die Knaben entfernten sich gehorsam, aber noch erregt und lebhaft sprechend.

»Es wird Zeit, daß ich fortkomme,« rief Ange. »Je eher, je besser; es brennt der Boden unter mir. Was die Menschen wohl alles reden! Wie sie sich mit uns beschäftigen! Schon bei dem Gedanken steigt mir das Blut in die Schläfen. – Wann können Sie reisen, Tibet?«

»Heute – Morgen, Frau Gräfin –«

»Gut, also morgen! Sie werden eine Wohnung wählen und rasch zurückkehren. Wollte Gott, ich säße schon an einem anderen Ort und fände endlich Ruhe und –« Ange brach in heftige Thränen aus.

»Es wird alles gut werden, Frau Gräfin! Gewiß, gewiß! Sie sollten sich durch dergleichen Dinge nicht aufregen!« besänftigte Tibet, heftete einen besorgten Blick auf seine Gebieterin und suchte bescheiden ihr Auge, um in diesem zu lesen, daß seine Worte ihre Wirkung nicht verfehlt hätten. Wirklich stahl sich ein Lächeln um Anges Mund bei Tibets Worten; es war aber ein trauriges Lächeln.


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