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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Ange hatte bereits auf der Rückfahrt noch einmal mit Tibet überlegt, welche Schritte für die Zukunft einzuschlagen seien. Sie blieb dabei, ihren Haushalt aufzulösen und C. zu verlassen; Tibet sollte nicht nur mit dem Besitzer der Villa wegen einer früheren Auflösung des Mietvertrages sprechen, sondern auch die Dienerschaft sofort entlassen. Das sämtliche entbehrliche Mobiliar, Pferde und Wagen, alle Kunst- und Luxusgegenstände wollte Ange veräußern und sich mit dem Erlös aus diesen und anderen zu verkaufenden Gegenständen in eine kleine Stadt zurückziehen. Über den Ort hatte sie sich noch nicht schlüssig gemacht. Jeder Tag, an welchem der kostspielige Haushalt fortdauerte, schmälerte das Kapital, das Ange unter Berücksichtigung der noch zu lösenden Verpflichtungen endlich verbleiben konnte.

Eine Stütze fand sie in dem Polizeimeister von C., dem sie gleich nach ihrer Rückkehr einen Besuch machte, um ihm für seine erfolgreiche Hilfe zu danken. Er riet ihr, vor der öffentlichen Veräußerung der Einrichtung abzurufen, und versprach, mit Rat und That beizustehen. Auch überlegte er in einer längeren Unterredung mit ihr den Wohnort und gab Ange Ratschläge, die ihr bei ihrer Unerfahrenheit von großem Nutzen waren.

Anges Entschlüsse wurden auch nicht erschüttert, als nun an einem Morgen endlich zwei Briefe einliefen, von denen einer von Teut selbst mit zitternder Hand geschrieben war und die Worte enthielt: »Heute nur mein innigstes Beileid, liebe Ange; Carlos' Tod hat mich aufs tiefste ergriffen. Ich bin voll Sorge daß ich nicht jetzt bei Ihnen sein kann, um Sie zu trösten und Ihnen helfend zur Seite zu stehen. Aber ich liege schwerverwundet darnieder und –«

Hier brach das Schreiben ab, dem nur noch ein undeutliches A.v.T. später hinzugefügt war.

Der zweite Brief, der von Teuts Diener Jamp abgefaßt und einige Tage später abgesandt war, teilte im Auftrage des Herrn Rittmeisters mit, daß die Geschäftsangelegenheiten geordnet werden würden, daß der Herr Rittmeister neuerdings einen Rückfall gehabt habe, daß der Herr Rittmeister den Kindern Grüße sende und daß der Herr Rittmeister ausführlicher schreiben werde, sobald er nur wieder bei Kräften sei.

Ja, einige Tage später kam noch ein Schreiben, das folgendermaßen lautete:

»Frau Gräfin werden verzeihen, wenn ich nochmals schreibe, indem Herr Rittmeister neulich stark phantasierten, und sollte ich heute Frau Gräfin schreiben, daß ich nach Herrn Rittmeisters Verwalter geschrieben hätte, alles für Frau Gräfin auf Schloß Eder in Bereitschaft zu setzen, und Frau Gräfin so gut sein möchten, dahin abzureisen, aber Herrn Verwalter vorher in ergebende Kenntnis zu setzen, wann Frau Gräfin einträfen.

Herr Rittmeister raten Frau Gräfin nichts zu unternehmen, zu thun, bis Herr Rittmeister wieder gesund sind, aber bald abzureisen.

In Ehrerbietung und Gehorsamkeit
Jamp.«

Als Ange diesen Brief gelesen hatte, überwältigte sie ihr Gefühl; Teilnahme und Rührung kämpften in ihrem Inneren. »Ich wußte es ja, ich wußte es ja,« murmelte sie, »Du unvergleichlicher Freund würdest meiner gedenken, selbst in eigener Not. Im größten Körperschmerz, im Fieber, vielleicht nur auf Minuten mit klarem Bewußtsein, hattest Du Gedanken für mich und rafftest Dich um meinetwillen auf. O, Du Trefflicher, Unvergleichlicher!«

Und nun drängte Tibet noch einmal, Teuts Rat zu befolgen, nichts zu verkaufen, nur die Dienerschaft zu entlassen und höchstens die überflüssigen Möbel und sonstigen Einrichtungsgegenstände bis auf spätere Entscheidung zu verpacken und beiseite zu stellen.

Aber Ange Clairefort hatte zu Furchtbares erfahren, um noch an äußeren Dingen zu hängen.

Nicht nur die einschneidenden Gegensätze: die Gefahren des Reichtums, des sorglosen Genießens, die Wandelbarkeit des Glückes, die Vereinsamung, die den Unglücklichen trifft, hafteten in ihrem Inneren – auch der Adel ihrer Gesinnung widersetzte sich, heute noch etwas anderes zu scheinen, als sie war. Sie wußte ja, was sie besaß, und die Ehre gebot, fortan alles abzuweisen, was Luxus und Wohlleben hieß.

»Kommt, Kinder,« sagte sie an demselben Abend zu ihren Kleinen, die sie umringten und die sie heute bei der Erinnerung an frühere Zeiten: an Carlos' Tod und Teuts schwere Krankheit in ihrer überströmenden Empfindung so oft, und scheinbar ohne Anlaß an die Brust gedrückt hatte. »Bevor ihr einschlaft, faltet die Hände und betet recht inbrünstig zum lieben Gott, daß er Onkel Axel bald gesund machen möge. Er ist im Kriege verwundet, liegt gefährlich krank und bedarf Eurer kindlichen Fürbitte.«


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