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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Vier Tage nach dem eben Erzählten saßen sich Ange und Tibet in einem Zimmer des Hotel de Russie gegenüber.

Letzterer war am Tage vorher aus der Haft entlassen worden, und hatte Anges Eigentum zurückerhalten. Eben hatte er, der Aufforderung seiner Herrin folgend, Platz genommen und sich einer ehrerbietigen Haltung entäußert, die unter den bestehenden Verhältnissen auch als etwas Nebensächliches erscheinen mußte.

»Endlich, endlich, mein guter, braver Tibet!« sagte Ange und reichte dem treuen Menschen die Hand. »Und nun berichten Sie! Ist alles gut verlaufen? Wieviel haben Sie empfangen?«

Über Tibets Gesicht flog ein zufriedenes Lächeln; er griff in die Seitentaschen seines Rockes und legte Ange ein Papier vor, das diese zwar neugierig betrachtete, aber ohne Verständnis wieder aus der Hand gleiten ließ.

»Es ist ein Check auf die Firma Erlanger, Frau Gräfin. Fünfundfünfzigtausend Mark haben wir erhalten.«

»Wie? Fünfundfünfzigtausend Mark? Viel; nicht, Tibet?« rief Ange naiv und voller Freude.

»Ich glaube, daß wir mehr bekommen hätten, Frau Gräfin, wenn –«

»Wenn?«

»Die Frau Gräfin wünschten eine rasche Erledigung. Wenn ich das Angebot in scheinbar längere Überlegung gezogen hätte, würde möglicherweise ein größerer Preis erzielt worden sein!«

»Vielleicht, vielleicht, Tibet! Aber unter den gegebenen Verhältnissen –«

»Wenn die Frau Gräfin meine Bitte erfüllt haben würden, wenn ich vorläufig hätte eintreten dürfen –«

»Nun kommen Sie schon wieder mit den alten Dingen! Ist's denn nicht gut so? Fünfundfünfzigtausend Mark! Das ist weit über meine Erwartung! Wieviel meinen Sie, Tibet, daß die Veräußerung meiner Einrichtung bringen wird? Hatte der Graf versichert? Wissen Sie etwas darüber?«

»Es ist eine sehr große Summe, Frau Gräfin. Ich erinnere mich nicht genau, wieviel es gewesen ist. Allein die Gemälde im Salon haben einen bedeutenden Wert.«

»Ah, so daß ich doch nicht ganz eine arme Kirchenmaus sein werde! Wie hoch belaufen sich unsere Schulden, die rückständigen Zahlungen der letzten Zeit?«

»Sie sind nicht unbedeutend, Frau Gräfin. Aber falls Frau Gräfin, was ich nicht hoffe, die Einrichtung veräußern, wird wohl gewiß das Doppelte von dem herauskommen, was ich heute für die Diamanten erzielt habe.«

»Also viel, Tibet, sehr viel! Nehmen wir an, daß mir hunderttausend Mark bleiben – werde ich diese wohl behalten, nachdem die Schulden, auch diejenigen an Baron von Teut, abgetragen sind? – Ja? – Sie wissen nicht? – Nun, nehmen wir an, daß mir so viel bliebe – wieviel Zinsen giebt das vom Kapital?«

»Viertausend Mark, wenn dieses sicher angelegt werden soll, Frau Gräfin.«

»Viertausend Mark – und damit sollten wir uns in einer kleinen Stadt nicht bescheiden einrichten können? Wie glücklich bin ich, daß wenigstens das meinen Kindern erhalten bleibt!«

Tibet seufzte. Er schien Anges Hoffnungen keineswegs zu teilen.

»Nun. Sie Zweifler, was ist denn jetzt wieder?«

»Der Herr Baron wird sicher nicht leiden, daß die Frau Gräfin Ihre Einrichtung verkaufen. Schon wegen der Diamanten werde ich einen schweren Stand mit ihm haben.«

Aber Tibet bereute, was er gesprochen hatte, denn die Frau, die ihm gegenüber saß, sagte in einem völlig veränderten und keinen Widerspruch duldenden Ton:

»Was hat Herr von Teut mit diesen Angelegenheiten zu thun? Ist er mein Vormund? Ich wünsche durchaus keine Einmischungen in meine Geldangelegenheiten von seiner Seite. Und damit Sie es wissen, ein für allemal wissen, Tibet: ich verbiete Ihnen, ohne meinen Willen und meine Zustimmung dem Baron irgendwelche Mitteilungen über meine Verhältnisse zu machen. Ja, noch mehr. Wenn ich C., was unmittelbar geschehen wird, verlasse, darf er meinen Aufenthalt nicht erfahren. Ich würde irgendwelche Äußerung von Ihrer Seite, die ohne meine Genehmigung geschieht, als eine Indiskretion, ja als einen Treubruch ansehen, und Sie würden meine Freundschaft verlieren, die Sie heute in so hohem Grade besitzen.«

»Frau Gräfin –«

»Und überall und zur Klarstellung über das, was ich unabänderlich beschlossen, Tibet,« fuhr Ange, ohne Tibets Einwand zu beachten, in einer diesem Mann gegenüber vielleicht ungeeigneten, aber ihrer Natur entsprechenden Offenheit fort, »merken Sie sich folgendes: Sie werden es verstehen, und ich sage es Ihnen, weil wir uns in diesem Augenblicke nicht gegenübersitzen als Herrin und Diener, sondern als zwei durch lange Jahre und nun auch durch ein trauriges Schicksal verknüpfte Personen. Es giebt niemanden auf der Welt, den ich so hoch schätze wie den Baron von Teut; er ist mein bester, mein treuester Freund, wie Sie, Tibet, es meinem verdorbenen Gemahl gewesen sind. Aber die Dauer der Freundschaft ist fast immer bedingt durch Gleichartigkeit der Lebensverhältnisse. Da diese sich verändert haben, so könnte unser bisheriges gutes Einvernehmen Schaden leiden, und um unter allen Umständen solches zu verhüten, will ich ihn in Zukunft meiden. Ich kenne ihn. Seine freigebige Hand kann sich nicht schließen, ich aber will keine Wohlthaten empfangen, und wenn ich hungern sollte! Daraus ergiebt sich alles. Auch wir müssen uns trennen, mein braver Tibet! Ich vermag Ihnen nichts zu bieten und darf Sie nicht zurückhalten, sich ein anderes sicheres Brot zu suchen.«

»Wie – auch mich wollen Sie von sich stoßen, Frau Gräfin?« rief Tibet.

»Ich will Sie nicht von mir stoßen! Ach, Tibet, ich trenne mich nur allzu schwer von Ihnen. Aber gestehen Sie selbst! Meine Einnahme wird in der Folge gering sein, meine Familie ist zahlreich; ich kann Sie nicht belohnen, wie ich es möchte. Ja, noch mehr: ich kann Ihnen überhaupt nicht –«

»Ich wünsche auch gar nichts, Frau Gräfin. Ich bitte nur, bei Ihnen und den Kindern bleiben zu dürfen, die mir ans Herz gewachsen sind.« Den Schlußsatz sprach Tibet, dieser unverbesserliche Egoist, nicht ohne Berechnung. Und er täuschte sich auch nicht bezüglich der Wirkung seiner Worte.

Immer, wenn die Kinder in Frage kamen, ward Ange wieder schwach oder schwankend. Sie hingen voll Zärtlichkeit an dem alten Diener des Hauses. Sie stellte sich vor, wie gut er stets mit ihnen gewesen, wie er ihre Schwächen kannte und wie günstig er sie stets beeinflußt hatte; ja, welche Entbehrung eintreten werde, wenn er nicht mehr in ihrer Nähe sein würde.

Ange schüttelte denn auch nur den Kopf; sie bewegte ihn wie jemand, der nicht nein und nicht ja zu sagen vermag.

Aber endlich gewann doch das Vernünftige wieder die Oberhand, und sie sagte:

»Und dennoch nein – nein, Tibet. Sie sind nicht mehr jung – wollen Sie die besten Ihnen noch bleibenden Jahre sich verkümmern, gar mit der Aussicht in eine Abhängigkeit treten, welche sicher ein sorgenfreies Alter abschneidet?«

»Dafür ist gesorgt, Frau Gräfin. Ich habe ein kleines Kapital, wie Sie aus meinem bescheidenen Anerbieten bereits erfahren haben. Ich strebe nicht nach Geld! Lassen Sie mich wenigstens vorläufig bei Ihnen bleiben! Die nächste Zeit erfordert so viel! Zuerst werde ich die ganze Abwickelung in C. besorgen müssen, dann kommt der Umzug, die Neueinrichtung, die Eingewöhnung in die neuen Verhältnisse. Das erfordert gewiß ein Jahr, in dem ich mich Ihnen nützlich machen kann.«

Ange sah dem trefflichen Menschen ins Auge, und eine Thräne der Rührung stahl sich in ihr eigenes.

»Gut, unter einer Bedingung, Tibet!« entschied sie, während sie ihre Empfindungen zurückdrängte »Sie versprechen mir, daß Sie meine vorher geäußerten Wünsche erfüllen, daß Sie dem Baron von Teut –«

Tibet hatte bei den ersten Worten dankbar das Haupt geneigt, jetzt trat ein unverkennbarer Ausdruck der Unruhe in seine Züge.

»Nun, Tibet?« unterbrach sich Ange.

»Darf ich offen sprechen, Frau Gräfin?«

Ange nickte, ergriff einen kleinen Gegenstand, der auf dem Tische lag, rollte ihn in ihrer Hand auf und ab und horchte mit einem Anflug von Spannung auf.

»Ich gab Herrn Baron von Teut beim Abschied mein Wort, Frau Gräfin, ihm von allem Mitteilung zu machen, was die gräfliche Familie anbeträfe. Ich meine,« setzte er schnell auf einen stolzen Blick aus Anges Augen hinzu, »ihm sogleich Nachricht zu geben, wenn bei den einmal begehenden Verhältnissen Ungelegenheiten eintreten sollten. Ich versprach es nach einigem Zaudern, denn früher – damals, als der Herr Baron zuerst ins Hauswesen eingriff – hatte ich jede derartige Zumutung abgelehnt. Nun wußte ich sicher, daß ich etwas Gutes, Ihnen nur Nützliches damit bewirken könne, und sagte zu, was er von mir wünschte. Aber noch etwas anderes, Frau Gräfin: der Herr Baron ist, soviel ich weiß, von dem seligen Herrn Grafen zum Vormund der Kinder eingesetzt, und derselbe hat ihm auch Vollmacht gegeben, Ihre Vermögensangelegenheiten selbständig in die Hand zu nehmen. Haben Sie nichts in dem letzten Willen des Herrn Grafen – in seinem Testament gefunden?«

»Ah!« murmelte Ange erregt und wie abwesend vor sich hinstarrend.

»Und zudem, Frau Gräfin,« – fuhr Tibet, Mut gewinnend, fort – »welchen Nutzen wird es haben, wenn Sie alles verkaufen? Sie bedürfen doch einer Einrichtung, auch an einem anderen Ort! Und glauben die Frau Gräfin nicht, daß der Herr Baron bald ausfindig machen wird, wo Sie sich aufhalten, und wird er nicht –«

Ange erhob sich und ging unruhig im Zimmer auf und ab.

Sie rückte an den mit Plüsch bezogenen Stühlen, zupfte an der Tischdecke und stieß mit dem kleinen Füßchen ein Schnitzelchen Papier unter das Sofa.

»Nein!« sagte sie und richtete sich empor. »Ich weiß nichts von diesem letzten Willen meines Gemahls, und ich fand nichts Derartiges unter seinen Papieren. Wozu sollte das auch dienen? Bin ich nicht selbst der natürliche Vormund meiner Kinder?« Und nach kurzer Pause fuhr sie, in ihren naiven Ton zurückfallend, fort: »Müßte ich mich denn fügen, wenn wirklich ein solches Abkommen vorhanden wäre?«

»Ohne Zweifel, Frau Gräfin.«

»Nun, dann mag es sein! Mag der Vormund raten, aber –«

Ange fiel in den Sessel zurück und bewegte in starker Erregung den Kopf. Was sie eben gesprochen, hatte sich unwillkürlich hervorgedrängt. Es war nichts, was an Tibet gerichtet war. Er verstand dies auch, denn er schwieg taktvoll.

»Meine Kinder sollen« – hob Ange von neuem an – »etwas Tüchtiges lernen, und wenn es ein Handwerk ist. Je früher sie leistungsfähige Menschen werden, desto eher werden sie sich ihr Brot verdienen können. Darauf wird sich meine Sorge richten müssen. Freilich, für die Mädchen ist es schwer!

Ich werde sehen, was sie zu begreifen und später nützlich zu verwerten vermögen. Das ist mein Plan und mein unumstößlicher Entschluß. Wo ich in Ehren mir Erleichterungen verschaffen kann – Erleichterungen, die man Unbemittelten in den Schulen durch Stipendien in ähnlichen Fällen gewährt, werde ich sie suchen. Komme ich in die Lage, ein Darlehen zu nehmen, so werde ich das als ein Geschäft betrachten – kurz, Tibet, ich gehe meinen eigenen geraden Weg, und nichts, nichts wird mich davon zurückbringen oder abhalten!«

»Gewiß, gewiß, Frau Gräfin,« bestätigte Tibet einlenkend und voll Staunens. War das dieselbe Frau, die er seit so vielen Jahren in fast hilfloser Weise sich hatte bewegen sehen, die immer wie ein unerfahrenes, von jedem Impuls getriebenes Wesen gehandelt, die selbst einem Teut seiner Zeit das um ihrer Kinder willen abgebettelt, was sie doch als recht und vernünftig erkannt hatte!?

Er machte, von der Entschiedenheit ihres Wesens betroffen, auch fernerhin keinen Einwand mehr, verneigte sich nur stumm und bat, ihn wegen der Reisevorbereitungen zu entlassen. –

Die Nachwirkung der vorhergegangenen Aufregung trat erst später bei Ange ein. Zunächst hielt sie noch die Sehnsucht nach den Kindern, dann die freudige Erwartung des Wiedersehens aufrecht.

Als der Zug sich am Tage der Rückkehr C. näherte, als Ange sich vorstellte, alle ihre Lieblinge am Bahnhofe wiederzusehen, klopfte ihr das Herz so gewaltig, daß ihr fast der Atem stockte: und als endlich das Ziel erreicht war, als die Kinder ihre Händchen ausstreckten und sie beim Aussteigen küssend und jubelnd umringten, da erschien Ange alles, was vorgegangen, geringfügig gegen diesen Augenblick des Glücks.


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