Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Heiberg >

Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
Schließen

Navigation:

Ange blieb allein, und die Fahrt verlief rasch. Ihre Gedanken waren so lebendig, daß sie kaum bemerkte, was um sie her vorging. Vornehmlich beschäftigte sie sich mit Teut. Sie hatte ihm in kurzen Worten geschrieben und ihn gebeten, daß er ihr gleich antworten möge. Wenn sie doch erst einen Brief von ihm in Händen halten, wenn seine Trostworte. wenn sein Mitgefühl sie berühren würden!

Es beängstigte sie, daß er so lange nichts hatte von sich hören lassen. Freilich, die Truppen zogen von Ort zu Ort, Kämpfe wurden ausgekämpft, Schlachten wurden geschlagen; wo blieb Zeit und Ruhe selbst für die wichtigsten Dinge!

Wie oft überfiel Ange ein heftiges Verlangen nach ihm! Sie sehnte sich nach seinem Blick, nach seinem Wort. Wo er wirkte, fügten sich die Dinge von selbst. Ein unbeschreibliches Gefühl der Sicherheit hatte sie stets durchdrungen, wenn Teut in ihrer Nähe war und ihr ratend zur Seite stand.

Und dann richteten sich abwechselnd ihre Gedanken auf Tibet und die Kinder. Die Dinge, die jenen betrafen, so peinlicher Natur sie waren, beunruhigten sie weniger, aber es beschäftigte ihre Gedanken, ob ihnen nichts zustoßen werde. Ben sollte den Magen schonen, Erna hatte Medizin zu nehmen, fand sie abschreckend bitter, und nur ihre Mama vermochte sie bisher zu überzeugen, daß diese ihr notwendig sei. Und die Schularbeiten der Knaben, und der Kummer der kleinen Ange! Ob sie sich wohl beruhigt haben würde? Wie bitterlich hatte sie am Bahnhof geweint.

Einigemal warf Ange den Blick aus dem Fenster und ließ die schon halb unter dem Dämmerlicht verblassenden Dinge an sich vorüberziehen. Ein unruhiges, stürmisches Wetter mit Schneetreiben war aufgekommen und legte seine Himmelsflocken dicht und erbarmungslos auf die Landschaft ringsum. Hier tauchten im raschen Fluge Dörfer, Städte, ein einzelnes Haus, dort ein Feuerfunken in die Luft sendender Fabrikschornstein empor; dann kleine, wie verlorene Posten in der Schnee-Einöde erscheinende Wärterhäuschen, scharf begrenzte Telegraphendrähte, bald sich neigend, bald emporstrebend zu den glockengezierten Stützen, blitzartig wie dunkle Erdfäden sichtbar werdend und verschwindend. Und jetzt wieder flaches, endloses, schneebedecktes Land, aus dem ein einzelner entblätterter Baum wie ein roh entkleidetes Wahrzeichen der Jahreszeit melancholisch sich abzeichnete. Und fort, immer fort in rasender Eile, stundenlang, bis dem schrillen Pfiff der Lokomotive das Stöhnen der Bremse folgte, und sowohl die Szenerie draußen, wie auch das tobende Geräusch des dahinstürmenden Zuges seinen Charakter veränderte: Jetzt hohle, wie unterirdisch klingende Schläge, hervorgerufen durch einige düster aufstrebende, auf den Nebengeleisen flehende Eisenbahnwagen; kleine rote und grüne Lichter, wie unheimliche Erdgeister, allmählich hellere Luft, als Reflex des auftauchenden Lebens in Häusern und Hütten, und dann ein letzter kurzer Schrei der Lokomotive, nochmals kreischendes Bremsen und endlich Stillstand und Ruhe.

Und jetzt Rufe, eilende Schritte, lautes Sprechen, das Rasseln der Postpacketwagen, Auf- und Zuschlagen von Thüren, und um die Coupéfenster zugleich ein pfeifendes Sausen aus der sturmdurchwehten Bahnhofshalle.

Dann ging's abermals wie auf einem von Furien gepeitschten, lebenden Ungetüm hinaus in den Sturm, in den Schnee und in die Nacht. Und wieder dieselben oder ähnliche Bilder: Reihen von ungleichen Häusern, weißglitzernde Dächer, Hunderte von Lichtern, lange, von spärlicher Helle beschienene, verlassene Gassen, aus der umnebelten Luft wie erstarrt emporragende Kirchtürme, wieder Güterwagen, eine einzelne wie ein Dämon mit roten Feueraugen vorbeisausende Lokomotive – ein Ruck, noch ein rücksichtsloser Ruck an den Weichen, und nun endlich ein gleichmäßiges, jagendes, keuchendes, stoßendes Stampfen des dahinfliegenden Kurierzuges.

Nach einstündiger Fahrt hielt der Zug wiederum eine Minute. Die Thür in Anges Coupé ward aufgerissen. Es schien eine der letzten Stationen vor Frankfurt zu sein. Rasche Worte erfolgten zwischen einem in hastigem Laufe herbeieilenden Passagier und dem Schaffner. »Schnell hier! Es ist höchste Zeit –«

Ein Pfiff des Zugführers – ein Schlag; – ein Herr stieg ein, noch ein Pfiff der Lokomotive, und nun brauste der Zug von neuem davon.

Der Fremde, scheinbar den besseren Ständen angehörend, grüßte Ange flüchtig und schien anfangs, trotz der schwachen Beleuchtung, ganz in die Lektüre einer Zeitung vertieft. Allmählich aber begann er seine Blicke auf Ange zu richten und sie endlich in einer so zudringlichen Weise zu betrachten, daß sie dies lebhaft beunruhigte. Der Mann sah unheimlich aus. Er trug einen dunklen Knebelbart, hatte suchende Augen, jene Augen, die eine furchtbare, stumme Sprache reden, und neben gewählter Kleidung eine bis an den Hals zugeknöpfte scharfrote Sammetweste mit weißen Knöpfen. Ange vermochte sich nicht zu erklären, weshalb ihr gerade diese Weste ein so unheimliches Gefühl einjagte.

Endlich brach der Mann das Schweigen und fragte in französischer Sprache, ob ihr wohl – sie möge verzeihen – ein Hôtel in Frankfurt bekannt wäre. Er sei fremd und habe versäumt, sich zu erkundigen. Ange verneinte und gab, wenn auch höflich, durch ihre Miene zu verstehen, daß sie keinerlei Gespräch anzuknüpfen wünsche.

»Werden Sie auch in Frankfurt übernachten, gnädiges Fräulein?« begann der Fremde trotzdem von neuem.

»Vielleicht – mein Herr!« und Ange wandte zur größeren Erhärtung ihrer entschiedenen Abwehr den Blick gegen das Fenster und schaute hinaus.

Der Fremde verharrte eine Zeitlang unschlüssig, nahm aber dann noch einmal das Wort und machte eine mit feinem Spott vermischte Entschuldigung. Zugleich veränderte er den Platz und suchte in verletzender Zudringlichkeit Anges Aufmerksamkeit zu erregen.

Ange erbebte, aber sie beschränkte sich diesmal auf einen einzigen Blick, durch welchen sie den Fremden an seinen Platz zurückzuweisen suchte.

In der That schien der Mann endlich belehrt zu sein; er schwieg.

Nun drückte sich Ange mit geschlossenen Augen in die Ecke des Sitzes. Aber noch durch die Lider sah sie in ihrer aufzeigenden Angst die rote Weste und die funkelnden Augen des Fremden vor sich. Von draußen ertönte das hastende Geräusch der dahinfliegenden Wagen; einmal ein kurzer Pfiff der Lokomotive; nun jagte ein anderer Zug, von Frankfurt kommend, über die Schienen. Wie die wilde Jagd raste und stob er mit kurzem, sausendem Gezisch, den Sturmwind im Rücken, an ihnen vorüber. Dann trat das frühere regelmäßige Geräusch wieder ein.

»Mein gnädiges Fräulein! Ich bitte, mein gnädiges Fräulein!« drang nun die Stimme des Fremden in halb bittendem, halb zudringlichem Tone an Anges Ohr.

»Mein Herr, ich muß dringend ersuchen, daß Sie mich nicht ferner belästigen! Sie haben eine Dame vor sich! Noch einmal, zum letztenmal; ich habe bereits deutlich gezeigt, daß ich keine Konversation wünsche.«

Aber der Fremde rührte sich nicht von der Stelle. Ange schien ihm in ihrem Zorn nur noch reizvoller.

»Wie kann man sich so erregen, so ungehalten sein!« begann er abermals kopfschüttelnd, suchte Anges Augen, rückte näher und tastete unter weiteren besänftigenden Worten sogar nach ihrer Hand. Eine heiße leidenschaftliche Hand streifte in der That während einer Sekunde Anges Rechte.

»Mein Herr, mir fehlen die Worte für Ihr Benehmen! Ich befehle Ihnen, sich sofort zurückzuziehen!« rief Ange, flog empor und richtete ihre schlanke, in die dunklen Trauerkleider gehüllte Gestalt so gebietend vor dem Manne auf, daß er zurückprallte. »Wenn Ihr besseres Gefühl nicht von selbst erwacht, wenn Sie Ihre empörenden Zudringlichkeiten nicht einstellen, werde ich die Zugleine ziehen! Ich thue es bei Gott jetzt, sogleich –«

Als der Fremde trotz der Entwaffnung, die sich in seinen Mienen widerspiegelte, dieser Aufforderung dennoch nicht folgte, faßte Ange den Riemen, riß das Fenster auf und rief, während sie nach der Leine tastete, in das Dunkel hinaus nach Hilfe.

Die schwarze Nacht schielte mit ihrem mitleidlosen Gesicht in den schwach erleuchteten Raum, Flocken ihres weißen Totenbettes wirbelten in das Coupé, kalte, eisige Zugluft drängte sich hinein.

Jetzt pfiff die Lokomotive; der schwarze, mit tausend unsichtbaren Atomen geschwängerte Rauch warf seinen stinkenden Atem ins Coupé, drang mit der eisigen Luft in Anges Kehle und tötete jeden Laut. Vorwärts! vorwärts! Der Zug raste dahin! Was scheren den stummen Zeiger an der großen Zeituhr menschliche Vorgänge, gar der Schrei eines geängstigten Menschenkindes, was die Laune eines Zudringlichen?

Zum Glück für Ange hatte der Zug nun bereits das Frankfurter Weichbild erreicht. Der Fremde machte sich hastig mit seinen Sachen zu schaffen, und Ange wandte sich, noch atemlos vor Aufregung, ins Coupé zurück. Wenige Augenblicke und der letzte Pfiff ertönte. Die Wagen hielten, die Thüren wurden aufgemacht, der Fremde sprang mit kurzem, scheuem Gruß eilend hinaus, so eilend, daß Ange ihn in der nächsten Sekunde aus den Augen verlor, und sie selbst verließ, noch unter den Nachwirkungen der Schrecken, die über ihr geschwebt, den unheimlichen Raum und fuhr in die Stadt.


 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.