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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Ange erhob sich am nächsten Morgen ihrer Reisevorbereitungen wegen schon in aller Frühe. Einer der Diener mußte forteilen, sich nach dem Abgang der Züge zu erkundigen, und die Jungfer ward herbeigerufen, die Garderobe einzupacken. Während Ange noch den sie umringenden Kindern Antwort erteilte, sich auch beschwatzen ließ, den Knaben wegen ihrer Abreise die Schule zu erlassen, ja überlegte, ob sie nicht etwa die kleine Ange mitnehmen solle, die ihr diese Bitte unter zärtlichen Schmeichelworten vortrug, fiel ihr plötzlich ein, daß sie vielleicht nicht einmal genügend Geld für die Eisenbahnfahrt habe. Sie eilte in ihr Kabinet, öffnete den Schreibtisch und zählte mit fiebernder Hast, was noch vorhanden sei. Bis zum letzten Augenblick war sie gewohnt gewesen, daß Tibet alle Geldangelegenheiten besorgte. Es fiel ihr jetzt sogar ein und es bedrückte sie, daß sie diesem nicht einmal das Reisegeld eingehändigt habe. Sie würde in der Folge fast nichts ihr eigen nennen! Nur diese Thatsache in ihrer Allgemeinheit und in ihrem nüchternen Schrecken waren in ihr hasten geblieben. Was augenblicklich nötig war, was sie noch in ihrem Besitz fand, darüber hatte sie nicht nachgedacht.

Als nun Ange ihren Schreibtisch durchsuchte, fand sie nur noch drei kleine Goldstücke. Völlig enttäuscht, ließ sie die Arme sinken und beugte mutlos das Haupt.

»Darf ich denn mitreisen, Mama?« schmeichelte in diesem Augenblick eine Stimme. Es war die kleine Ange, welche ihr leise nachgeeilt war und sich nun bittend an sie drängte.

»Ach, nein, nein, mein Liebling!« rief Ange, aus ihrer Ratlosigkeit aufgeweckt. »Ich weiß selbst noch nicht einmal, ob ich heute fortkomme. Laß mich jetzt, süße Ange. Geh hinüber; ich bin gleich bei Euch.«

Die Kleine schlich verdrießlich und weinend von dannen und nur zu fühlbar ward Ange durch die Frage des Kindes erinnert, wie heute alles anders sei, denn ehedem!

Was sollte nun geschehen?

Tibet war in einer Lage, aus welcher die Pflicht gebot, ihn so rasch wie möglich zu befreien. Ange durfte keinen Augenblick zögern, und nun ward sie doch aus solchen Gründen vielleicht am Reisen verhindert!

Und was sollte sie ihrer Umgebung sagen, wenn sie etwa alle Vorkehrungen wieder aufhob?

Nach der abschlägigen Antwort von Olga, bei der Befürchtung, alle Welt vermute, wisse bereits um ihre Lage, vermeinte sie, sich durch das Nebensächlichste bloßzustellen und unliebsamen Vermutungen Nahrung zu geben.

War es denn Wirklichkeit? Sie besaß nicht einmal mehr die genügenden Mittel, eine kleine Reise anzutreten, und doch war sie rings umgeben von Luxus und erhob noch immer den Anspruch auf einen großen Haushalt?

Dieser Schein, diese Widersinnigkeit erhöhten Anges bedrückte Stimmung; dazu trat ihre Unkenntnis menschlicher Verhältnisse. Brauchte sie für die Reise nach Frankfurt das Dreifache oder Fünffache, was sie besaß? Sie wußte es nicht. Sie war schon so scheu und unsicher geworden, daß sie nicht nach den Kosten der Fahrt zu fragen wagte, weil sie fürchtete, dies werde auffallen.

Auch die Mittel und Zwecke nach ihrer Bedeutung verwechselte sie bereits. So überlegte sie, ob sie noch das Recht habe, in einem Coupé erster oder zweiter Klasse zu fahren. Nein! Wer nichts besaß, hatte die Pflicht sich einzuschränken. Sie durfte nur das billigste Billet kaufen.

Aber sie sollte an den Bahnhof eilen in ihrem eigenen Wagen, gefolgt von einem Diener, zurücklassend einen solchen Haushalt, und einen Sitz neben rauchenden, vielleicht trunkenen Männern einnehmen in einem ungeheizten Coupé? Sie, die vornehme Dame, in dem kostbaren Reisemantel, der ein kleines Vermögen gekostet halte?

Ah! der Pelz kostete Hunderte, und sie sorgte um einen Bruchteil, wollte um diesen fast verzweifeln? Hatte er einen so großen Wert, weshalb ihn nicht veräußern?

Das war es ja eben! Sie war machtlos zum Handeln, jetzt wenigstens in diesen ersten Tagen. Immer wieder diese Gegensätze von Wahrheit und Schein!

»Carlos, Carlos!« schrie Ange auf. Noch einmal stieg das Gefühl der Bitterkeit empor, freilich um in dieser sanften Seele ebenso schnell wieder zu verlöschen.

Zuletzt ward Ange noch von einem anderen unruhigen Gedanken beherrscht. Wenn sie nicht zurückkehrte! Wenn jemand ihres Gatten Papiere fand, sie las und der Welt offenbar ward, er habe Hand an sich selbst gelegt – ?

Höher als alles stand doch die Pflicht, seinen Namen über das Grab hoch zu halten. Sie beschloß, seine Aufzeichnungen zu vernichten, und ihre Pietät ließ sie doch wieder mit der Ausführung zaudern.

So stand das arme Weib, in der Hand die wenigen Goldstücke und das Herz voller Zweifel, Sorgen und Ängsten. Sie befand sich in einem Zustande des grausamsten Kampfes. Ihre gute Natur lehnte sich auf gegen die geheimen Flüsterstimmen ihres inneren, welche ihr zuriefen: Sprich irgend eine Lüge und Du wirst Dich aus Deiner Sorge befreien!

Immer wieder durchkreuzten ihre Gedanken die Frage: Wo schaffst Du Dir Geld? Und immer wieder antwortete das geschäftige Teufelchen: Meide die Wahrheit, umgehe, verschweige sie und verbirg Deine Not unter einer sorglosen Miene.

Und diese flüsternde Stimme hatte nicht ganz unrecht. Olgas Brief gab den Beweis. Einmal beschloß Ange, sich der Gouvernante anzuvertrauen, aber sie verwarf diesen Plan wie alle anderen. Lügen, verheimlichen konnte sie nicht: offen alles darzulegen, verbot ihr nach den gewonnenen Erfahrungen die Klugheit.

Inzwischen kehrte der Diener zurück und meldete, daß der Zug um die Mittagszeit abginge. Es fehlten noch einige Stunden. Schon wollte er sich nach Erledigung seines Auftrages entfernen, als Ange gleichgültig hinwarf:

»Wissen Sie zufällig den Preis des Billets, Philipp?«

Der Diener bejahte, indem er in einem Kursbuch nachschlug, das er gekauft hatte und Ange einhändigte.

Wie bezeichnend war es!

Während er suchte, beunruhigte Ange der Gedanke, daß dieses Büchlein noch bezahlt werden müsse, daß der Diener den Betrag verauslagt habe.

Nun nannte dieser den Fahrpreis für die erste Klasse.

»Und die zweite?« fragte Ange obenhin, indem sie in ihren Gedanken die genannte Summe hastig mit ihrem kleinen Besitz verglich. »Gut, ich danke Ihnen.«

Der Diener verbeugte sich und ging. Es war Ange beinah ein Trost, daß jener als selbstverständlich vorausgesetzt hatte, daß sie die erste Klasse wählen werde. Noch schien ihre Umgebung von den gänzlich veränderten Verhältnissen nichts zu wissen.

Und das Geld, das Ange besaß, reichte. Freilich, es blieb nichts im Hause zurück, aber in zwei Tagen war ja auch sicher alles geschehen! So beruhigte sie sich und beschloß zu reisen. Sie gab die letzten Anordnungen, redete der kleinen Ange so lange begütigend zu, bis diese sich zufrieden gab, und fuhr endlich zur festgesetzten Stunde an den Bahnhof. Die Kinder bestiegen mit ihr den Wagen und wurden wie stets, wenn sie erschienen, von den Menschen neugierig beobachtet.

Da stand die Gouvernante; in ehrerbietiger Entfernung auch ein Teil der Dienerschaft; vor dem Portal hielt die offene Kalesche, geschmückt mit dem gräflichen Wappen; auf dem Bock saß der Kutscher in der prächtigen Livree, das Coupé bestieg die schöne, vornehme Frau in dem wundervollen Pelz. Kein Wunder, daß der einzelne den Abstand zwischen sich und jener abwog. Gewiß, sie war doch eine beneidenswerte Frau! Wenn sie auch Herzeleid gehabt hatte, sie kämpfte doch nicht mit den täglichen Nadelstichen des Lebens. Sie saß wenigstens in ihren prachtvollen Räumen in Fülle und Wohlleben, war in ganz anderen Verhältnissen als jene, die umherstanden!

Und nun Umarmungen und Lebewohl! Ein heißes Thränlein funkelte in Anges Auge. Und noch ein Abschiedskuß, und noch einer. Jetzt pfiff die Lokomotive. »Adieu, adieu! Seid folgsam und artig, süßen Kinder!« Ein weißes Tüchlein flatterte noch eine Weile aus dem Coupé. Nun war Mama Ange abgereist.


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