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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 20
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Einige Tage nach diesem Zwischenfall – es war am Spätabend und die Kinder ruhten bereits – überreichte der Diener Ange ein Telegramm. Die Gouvernante, die noch eben an ihrer Seite gesessen, hatte das Zimmer verlassen, und da Ange allein war, gab sie sich ganz ihren Gedanken hin. Im Kamin brannte ein lebhaftes Feuer, das einen hellen Schein und zugleich wohlthuende Wärme in dem Gemach verbreitete. Draußen aber fuhr ein rücksichtsloser Sturm durch die Bäume und rüttelte den hohen Schnee, der die Erde bedeckte, aus seiner Ruhe auf.

Ange öffnete hastig die Depesche, und mit einem leisen Schrei sank sie zurück.

»Auch das noch!« glitt es von ihren Lippen.

»Bin wegen Diebstahlsverdacht verhaftet. Wertsachen sind mit Beschlag belegt. Frau Gräfin persönliches Erscheinen hier auf dem Kriminal-Kommissariat möglichst bald erforderlich. Bedaure unendlich hervorgerufene Unruhe.

Gehorsamst Tibet.«

»Auch das noch!« wiederholte Ange noch einmal und blickte wie eine Irrsinnige ins Leere. Es schien mit den Prüfungen erst der Anfang gemacht; immer Neues ballte sich zusammen, um die gequälte Frau zu ängstigen, zu verwirren und völlig mutlos zu machen.

Als Ange damals Olgas Billet empfangen hatte, saß sie wie erstarrt. Aber zunächst waren es nicht die dadurch wieder emporsteigenden Geldsorgen, die sie beunruhigten, sondern es jagten Scham und Enttäuschung und neben diesen die Gefühle bitterer Reue durch ihre Seele. Sie sah Teut vor sich, der ernst und vorwurfsvoll den Kopf schüttelte und ihr zurief: »Sie haben wieder Ihren Verstand spazieren geschickt und sich mit Ihrem Gemütsdrang auf den Weg gemacht. Warnte ich Sie nicht vor dieser Frau? Das alles hätte ich Ihnen vorherigen können, und unnötig, ja, zu Ihrem Schaden haben Sie sich bloß gestellt. Frau von Inks Gutherzigkeit ist nur Maske, und überall, wenn das Unglück in die Hinterpforte schleicht, ist die Welt plötzlich von Menschen ausgestorben.«

Als die Gouvernante zurückkehrte, verbarg Ange die Depesche, schützte Müdigkeit vor und zog sich zurück. In ihrem Zimmer angekommen, sank sie in einen Stuhl und weinte sich aus.

»O Carlos, Carlos! Wer sang mir an meiner Wiege von so viel Herzeleid!« flüsterte Ange. »Bin ich ein so schwacher Mensch, daß die Angst Tag und Nacht durch mein Inneres jagt, daß ich nicht mehr lachen, daß – ach – ach –« – hier brachen die Thränen durch die zarten Finger – »daß der Anblick meiner Kinder mich nicht mehr zu trösten vermag?«

Sie ergriff die Lampe und wandte sich in das Zimmer ihres Mannes.

Der eigentümliche Duft, der stets die Räume durchweht hatte, erfüllte sie auch heute noch. Carlos saß nicht mehr in dem hohen Stuhl. Ringsum die Spuren eines lebenden, nun für immer dahingegangenen Menschen. Geradlinig wie sonst standen die Bücher in den Regalen. Im unverschobenen Winkel lag die Schreibmappe. Hier hing sein Säbel, die Militärmütze, dort standen noch seine Reiterstiefel, und drüben lagen die weißledernen Handschuhe, die er abgestreift hatte, als er des Königs Rock auszog.

Von einer unheimlichen Angst erfaßt, drehte Ange den Schlüssel zu Carlos' Schlafgemach ab. Ihr war plötzlich, als ob der Tote in der Thür erschienen sei und nicht mitleidig, nein, ernst und vorwurfsvoll sie angeblickt habe. Weilte sein Geist noch in den Räumen, wirkte sein Wesen noch nach, das fieberhaft und reizbar jeden Eintritt abgewehrt hatte?

Ange suchte sich zu fassen und öffnete die Schubladen des Schreibtisches.

Ein plötzlicher unerklärlicher Drang hatte sie hierher getrieben. Noch einmal mußte sie die Aufzeichnungen durchblättern, die er ihr hinterlassen. Sie wußte, daß sie nichts darin finden werde als neuen Anreiz für ihren Schmerz; aber ein ruheloses Gefühl durchhastete sie, seine Schriftzüge zu lesen, an seinem Mitleid Trost zu finden.

Ja das war es! Sie sehnte sich nach Trost, weil sie keinen Menschen auf der Welt hatte, an dessen Brust sie sich werfen und ausweinen konnte. Einen gab es doch! Ja, er wog alle übrigen auf: aber er war fern, kam vielleicht nie zurück.

Ange sann nach, ehe sie zu lesen begann.

Wie abergläubische Menschen ein Buch aufschlagen und nach der Auslegung eines zufällig gefundenen Wortes ihren Entschluß fassen, so tastete Ange in Carlos' Nachlaß nach einem erlösenden Ausdruck. Tiefer zurückgeschoben, fand sie, beim Ausräumen, noch einige Blätter, die sie bisher nicht beachtet hatte. Sie waren durchstrichen, offenbar ausgesondert und zum Vernichten beiseite gelegt. Sie griff hastig danach und begann zu lesen.

Das Schriftstück datierte noch aus der Zeit ihrer ersten Liebe und war viele Jahre vor ihrer Übersiedelung nach C. geschrieben.

In diesem Augenblick glaubte Ange einen Ruf zu vernehmen. Kam er aus dem Schlafgemach der Knaben drüben? Ängstlich lauschte sie – ja unheimlich ward ihr – aber er wiederholte sich nicht. Stumm war die Nacht.

»Für meine teure Ange, wenn ich einmal gestorben sein werde. Ich schreibe diese Worte unter dem Eindruck, daß mir nur kurz zu leben bestimmt ist. Ich habe keinen thatsächlichen Anhalt dafür, es beherrscht mich aber ein ahnendes Gefühl. Heute ist ein Mensch frisch und thatkräftig, morgen ist er dahin. Auch ein böser Zufall kann uns plötzlich abrufen.

»Sieh, Ange, da drängt es mich, Dir an dieser Stelle noch einmal mein Herz zu öffnen und Dir zu sagen, wie unbeschreiblich ich Dich geliebt habe. Als ich Dich zum erstenmal sah, hielt ich es nicht für möglich, daß ein so holdes Wesen wie Du, mich vor allen anderen auswählen könne, und als ich es endlich aus Deinem Munde hörte, schwankte ich zwischen Furcht und Glückseligkeit. Weshalb? Weil mich ein trauriges Vorgefühl beherrschte. Ich fühlte, daß ich Dir nie würde etwas abschlagen können, und doch hatte ich, da Du ein unerfahrenes Kind warst, die Aufgabe, Dich für das Leben zu erziehen, Dich zu leiten und zu belehren.

»Weißt Du, Ange, daß ich mich mitunter ins Freie geflüchtet habe in zitternder Angst, wenn Dir das Geringste zugestoßen war. Ich bin im Schlachtgetümmel gestanden, die Kugeln haben um meinen Kopf gepfiffen, und ich habe, das Zeichen zum Angriff gebend, empfindungslos mich in den Kampf gestürzt; ich kenne auch keine Furcht vor greifbaren Dingen, aber ich bebte bei dem Gedanken, daß Du littest, daß ich Dich durch dieses Leiden verlieren könne.

»Wenn ich einmal mürrisch gegen Dich gewesen war, folterten mich Vorwürfe, und ein heißer Drang, Dich zu versöhnen, Dir von neuem Liebesbeweise zu geben, quoll in mir auf. Freilich unterließ ich sie. Ich habe diesen Zwiespalt nie begriffen.

»Deine Schönheit, Dein Liebreiz, Deine unbeschreibliche Herzensgüte ängstigten mich. Ich fühlte, daß Du einst darunter leiden und daß wir beide dadurch zu Grunde gelten müßten.

»Ich zittere bei dem Gedanken, daß ich früher aus der Welt gehen werde als Du, aber nur deshalb, Ange, meine teure Ange – glaube mir – , weil ich weiß, daß Du, so gut auch altes bestellt sein mag, niemals verstehen wirst, Dich einzurichten und – gänzlich unbekannt mit dem Wert des Geldes – vermöge Deines unbesonnenen Dranges, aller Welt zu helfen, immer nur auf das Geben, nie auf eine Beschränkung bedacht sein wirst.

»Ich dachte darüber nach, unser Vermögen so festzusetzen und durch fremde Hand so für Dich verwalten zu lassen, daß Dir unübersteigbare Schranken in Deinen Ausgaben auferlegt werden würden. Aber abgesehen davon, daß die Wirkung dieser Vorsicht dennoch eine zweifelhafte sein kann, widersteht es mir auch, Dich in solcher Weise zu bevormunden. Ich beschwöre Dich aber bei der Liebe und bei dem Glück unserer Kinder, sieh Dich um in der Welt und traue nicht jedermann. Wo Dein Herz am lautesten spricht, sei am vorsichtigsten.

»Aber noch mehr! Thue Du, was ich unterlasse. Berate Dich mit unserem Anwalt und gieb ihm zu erkennen, was ich als Wunsch Dir hier ausgesprochen habe. Hörst Du, Ange? Willst Du diese Bitte ansehen als meinen letzten Willen, ihn ausführen als einen Akt der Pietät gegen mich?

»Ich hoffe, unser Vermögen noch so zu vermehren, daß selbst die größten Ansprüche zu befriedigen sein werden. Vielleicht, wenn Du diese Worte liest, ist es mir bereits gelungen. Tibet wird Dir alles vorlegen. Ihm kannst Du ganz vertrauen. Ich habe ihn erprobt und fand ihn bewährt in allen Verhältnissen, ja selbst unter Versuchungen, denen andere kaum widerstanden haben würden. Ich bitte Dich, daß Du Dich seines verständigen Rates, seiner Hilfe bedienst, wenn ich nicht mehr unter Euch sein werde, und namentlich hoffe ich, daß Du ihn niemals von Deiner Seite läßt, es sei denn, daß er selbst zu gehen begehren sollte. Betrachte ihn nicht als einen Diener, als einen Untergeordneten. Sein Herz ist von Gold, sein Verstand – obgleich in der großen Welt nicht gestählt – kühl und besonnen. Bedenke ihn auch einst reichlich!

»Du findest in unserem Testament, wie ich wünsche, daß er für alle mir geleisteten Dienste belohnt werden soll.

»Ange, Ange! Wenn ich mir vorstelle, Du könntest je unglücklich sein aus Herzenskummer, aus Sorge! Wenn ich daran denke, es könnte Dich eine böse Krankheit erfassen und Du müßtest mit täglichen Schmerzen kämpfen! Ich bitte das Schicksal, alles von Dir abzuwenden.«

Anges Augen flossen über; sie beugte sich über die Blätter und stützte das Haupt.

Aus Liebe hatte er gefehlt; diese Aufzeichnungen erhärteten es nur allzu überzeugend. Nun war auch das letzte verwischt, was in ihrem Herzen sich noch in Zweifeln hätte bewegen können. Nichts blieb zurück als sanfte Trauer und Schmerz des Mitleides.

Mochte die Welt Carlos schmähen, sie wußte ihn frei von Schuld; eine nicht minder große traf sie selbst, und ihre Kinder wollte sie lehren, sein Andenken hoch zu halten für alle Zeiten.

Und Tibet? Wohlan! Ange mußte handeln! Am nächsten Tage beschloß sie abzureisen, um ihn aus seiner peinlichen Lage zu befreien.


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