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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 19
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Während noch der Graf über der Erde stand, war ein Brief von Frau von Ink an Ange eingelaufen.

»Ich muß es Ihnen aussprechen, gnädige Gräfin« – schrieb Olga – »wie sehr ich schon bei dem Tode Ihres herrlichen Knaben mit Ihnen fühlte und wie mich heute Ihr Schicksal bewegt! Ein Fremder vermag gegenüber einer solchen Trauer nichts. Das barmherzigste und mitleidigste Wort muß ohne Wirkung verhallen, weil die Besänftigung des Schmerzes nicht abhängig ist von äußerlichen Einflüssen, sondern in dem Menschen selbst sich reisen muß durch die allheilende Zeit. Und unter dieser Erwägung, gnädige und hochverehrte Frau, wird vielleicht auch meine aus aufrichtigster Teilnahme hervorgehende Bitte wirkungslos sein, daß Sie sich Ihrem Kummer nicht allzusehr hingeben mögen und daß Sie sich der Hoffnung nicht verschließen, daß auch für Sie wieder lebensfrohere Tage zurückkehren werden. Ich wünsche es von ganzem Herzen und würde überaus glücklich sein, wenn Sie mir gestatten wollten, Ihnen bald einmal mündlich mein Beileid ausdrücken zu dürfen. Glauben Sie, ich bitte, an das herzliche Mitgefühl und die verehrungsvolle Freundschaft Ihrer sehr ergebenen

Olga von Ink.«

Ange fand in der Aufregung, Unruhe und Sorge der ersten Tage keine Zeit, diesen Brief zu beantworten. Sie ward aber an das Schreiben erinnert, als bald nach dem Begräbnis – es war der Erste des neuen Monats – Tibet sich ihr mit unschlüssiger Miene näherte und erklärte, daß das Bankhaus weitere Zahlungen verweigere. Es habe, berichtete dieser, den bestimmten Auftrag, nur gegen die eigenhändige Quittung des Grafen zu zahlen. Er – der Banquier – wisse ja selbst nicht, aus welcher Quelle jene Summen flössen, und müsse deshalb jedenfalls erst nähere Weisungen rücksichtlich der weiteren Ordnung der Angelegenheit abwarten. Daraus ergebe sich alles übrige.

Ange verlor auf Augenblicke gänzlich die Fassung. Schon der zustimmende Entschluß, Tibet wie bisher den Monatsbetrag erheben zu lassen, war ihr namenlos schwer geworden. Zweimal rief sie ihn, als er sich schon die Treppe hinabwandte, schamerfüllt zurück. Erst des umsichtigen Beraters Auseinandersetzungen über die unbedingte Notwendigkeit: die Bestreitung der durch den Todesfall hervorgerufenen Ausgaben, die täglichen Bedürfnisse des Haushaltes, die fällige Miete, die Kinder, die Dienstboten, endlich dessen beschwichtigender Hinweis, daß dieser Betrag aus irgend welchem Erlös ihres Eigentums zurückerstattet werden könne, schlugen Anges zitternde Bedenken nieder, und stumm nickend, hatte sie ihn endlich gehen lassen.

Und nun wurden alle diese ihrer feinen Seele entsprungenen Qualen doch noch weit mehr vergrößert durch – das Nichts.

Tibet kam mit leeren Händen!

Teut schreiben, ihn bitten, Geld anzuweisen, das vermochte Ange nicht. Sie wies diesen Gedanken als völlig ausgeschlossen zurück.

Jetzt erinnerte sie sich wieder ihres Schmuckes. Bei dieser Überlegung ängstigte sie es aber, daß Tibet ihn ausbieten, in C. ausbieten, wenige Tage nach Carlos' Begräbnis denselben veräußern solle. Nein, auch das gewann Ange nicht über sich.

Endlich erhob sie den Blick zu dem Manne, der mit der ernsten und bekümmerten Miene vor ihr stand, und sagte: »Was raten Sie, jetzt zu thun, Tibet?«

»Frau Gräfin,« stieß dieser heraus, »wollen Sie mir nicht zürnen? Ich wüßte wenigstens vorläufig für das Drängendste Hilfe, wenn Sie diese annehmen wollten. Verzeihen Sie, wenn ich mich unbescheiden aufdränge – ich habe ein kleines Kapital gespart, darf ich dieses –«

»O braver Mensch!« rief Ange gerührt; aber sogleich verbesserte sie sich: »Nein, Tibet, nein! Auch Sie noch der Ungewißheit preisgeben? Niemals! Ich darf Ihr Anerbieten nicht annehmen!«

»Sie können mir ja den Vorschuß später zurückgeben, Frau Gräfin,« beharrte Tibet stockend. »Es ist ja Ihr eigen Geld – ich empfing es von Ihnen – ich verdanke es Ihrer Güte.«

Ange, zwar ergriffen von Tibets selbstlosem Zureden, aber, ihrer Veranlagung entsprechend, gerade deshalb von ihrem Gefühl lediglich beherrscht, hörte nicht auf seine Worte. Sie schüttelte den Kopf und zeigte in ihren Mienen ein deutliches Nein.

In diesem Augenblick meldete einer der Diener, daß Frau von Ink vorgefahren sei und um die Erlaubnis bitte, der Frau Gräfin aufwarten zu dürfen.

War dies nicht ein Fingerzeig des Himmels? Ange schwankte unschlüssig; endlich neigte sie den Kopf und der Diener eilte fort.

Gleich darauf hörte sie auch schon, wie Olga in ihrer ungestümen, etwas plumpen Weise den Wagenschlag hinter sich zuwarf und die Treppen der Villa hinaufeilte. Und nun trat sie, von Tibet gemeldet, ins Zimmer, umarmte Ange mit allen Zeichen der Betrübnis und setzte sich ihr mit dem Ausdruck aufrichtigster Teilnahme gegenüber. Dabei streifte ihr Blick das Gemach, und die kleinen Unordnungen blieben ihr nicht verborgen.

Nach einem längeren Austausch über den Verlauf der Krankheit und die letzten kummervollen Tage nahm Olga das Wort und sagte:

»Und nun noch eins, Frau Gräfin. Sollte ich Ihnen in etwas dienen können, bitte, verfügen Sie ganz über mich. Ich versichere Sie, daß ich außerordentlich glücklich sein würde, wenn ich Ihnen in irgend einer Weise meine Freundschaft und Teilnahme an den Tag legen könnte!«

Ange, der es in ihrer angstvollen Lage und angesichts von so viel Herzlichkeit schon auf den Lippen gezuckt hatte, vorzutragen, was sie beschäftigte, atmete erleichtert auf und nahm sogleich das Wort:

»Sie kommen mir in Ihrer Güte zuvor, gnädige Frau: ich danke Ihnen von ganzem Herzen. Ich hätte allerdings wohl eine große Bitte –« Sie stockte.

Olga horchte auf. Diese Gesprächswendung berührte sie aufs angenehmste. Was konnte Ange Großes wünschen, und wie hoch würde eine Frau wie diese ihr den geringsten Dienst anrechnen!

Auch die Rückwirkungen auf Teut überlegte sie rasch. Noch immer hoffte Olga auf einen Ausgleich mit dem Rittmeister, und in dem geheimsten Schubfach ihres Innern nicht nur auf diesen, sondern, zuguterletzt auch auf eine bedeutungsvolle Anknüpfung zwischen ihm und einer ihrer Töchter.

»Sprechen Sie, sprechen Sie, gnädige Frau – Ich bitte!« rief Olga lebhaft nach Anges Worten.

Und nun setzte Ange dieser kaltherzigen, nur von ihren eigenen Interessen beherrschten Frau in ziemlich unzusammenhängender und unklarer Weise auseinander, daß sie durch den plötzlichen Tod ihres Gatten in peinlichste Verlegenheit geraten und vorübergehend einer größeren Summe Geldes benötigt sei.

»Arme Gräfin! Auch das noch! Die kleinlichen Nebensorgen bei so großem Schmerz und Kummer!« rief Olga mit vortrefflich gespieltem Ausdruck der Teilnahme in den Mienen, in Wirklichkeit erfaßt von einer mit Schadenfreude vermochten äußerten Befremdung. »Ja wie ist da zu helfen? Offenheit gegen Offenheit, liebe Frau Gräfin! Wir haben allerdings ein aus unserem Gutsverkauf hervorgegangenes, recht ansehnliches Vermögen, aber alles, das weiß ich, ist unkündbar festgelegt für eine lange Reihe von Jahren, und die Summe, deren Sie bedürfen – Sie nannten fünftausend Mark, wenn ich recht verstand? Nicht wahr, Frau Gräfin? Ja, ja, ganz richtig! – ist etwa der fünfte Teil unserer ganzen Zinseneinnahme im Jahre.« Diese Redewendung – ein feiner Dolchstoß – war absichtlich. »Zudem habe ich persönlich gar keine Verfügung; meinen Mann müßte ich schon ins Vertrauen ziehen.«

Ange hatte in ihrer Unerfahrenheit nur von ihren Verlegenheiten und von deren Abhilfe gesprochen. Über die Rückzahlung ließ sie nichts fallen, diese war ja in ihren Augen selbstverständlich, aber so unterblieb dasjenige, was für Olga natürlich die Hauptsache war. Die letztere war sogar überzeugt, daß Ange diesen Punkt nur in ihrer Erregung und in ihrer Naivetät nicht berührt hatte, aber sie hütete sich, selbst eine Brücke zu schlagen, die ihr eine Ablehnung erschwerte. Obgleich sie deshalb entschlossen war, nicht einmal mit ihrem Manne die Möglichkeit einer Hilfe in Überlegung zu ziehen, fügte sie doch hinzu:

»Wenn Sie gestatten, werde ich also mit Ink sprechen und alles thun, was in meinen Kräften steht – natürlich – selbstverständlich, liebe Frau Gräfin! Aus diesem Grunde aber will ich mich auch gleich wieder empfehlen. Ich möchte bald etwas Gutes melden, da ich den unerträglichen Zustand begreife, in welchem Sie sich befinden. Würde es möglicherweise in einigen Tagen früh genug sein?« fuhr sie heuchlerisch fort. »Ja? Nun gut. Ich denke sicher, es wird sich machen! Mein Mann ist ja so teilnehmend und gut, daß ich ihn zu überreden hoffe, wenn es irgend möglich ist.«

Ange, die schon alles gewonnen glaubte, dankte mit gerührten Worten. Besonders beglückt aber war sie, als ihr Olga beim Abschied die Hand drückte und die Worte zuflüsterte: »In jedem Fall, wie sich auch die Dinge gestalten« (hier deckte sich Olga nicht nur den Rückzug, sondern vergoldete diesen auch noch durch eine Äußerung, deren Wirkung auf Ange sie richtig berechnete) »seien Sie versichert, daß niemand von dieser Angelegenheit etwas erfahren wird, daß sie bei mir unter einem stummen Munde ruhen bleibt.«

Nach diesen Worten und nach einer abermaligen zärtlichen Umarmung ging sie.

An demselben Abend hatte Ange bereits eine von vielen schönen Worten umrankte Ablehnung, und um dieselbe Stunde fand eine Unterredung zwischen ihr und Tibet statt. Sie verhehlte ihm weder den Inhalt von Olgas Brief, noch die jetzt in ihr emporsteigende Befürchtung, daß jene nicht verschwiegen sein werde. Sie bewegte sich in leisen Hoffnungen, daß ihr Tibet in diesem Punkt nicht recht geben werde, aber er nickte zustimmend und sagte:

»Frau Gräfin, wenn Sie nur das nicht gethan hätten! Morgen wird's die ganze Stadt wissen!«

Ange erschrak. Was sie beängstigte, bestätigte Tibet mit kalter Einsicht. Ihr Stolz bäumte sich auf, und eine angstvolle Scheu vor den Menschen bemächtigte sich ihrer. Nun würde auch ihre Umgebung, ihre Dienerschaft bald darum wissen, daß sie in ihrem fürstlich eingerichteten Hause eine Bettlerin sei. Sie sah schon die Mienen derer, die bald geschmeidige Katzen, bald fletschende Wölfe sind, je nachdem sie glauben oder fürchten, es könne ihnen des Teufels bestlockender Köder werden oder entgehen.

Und nun kam Ange in ihrer Ratlosigkeit auf die Verwertung der Diamanten zu sprechen, und Tibet widerriet lebhaft.

Es ist eine eigentümliche, sich stets wiederholende Erscheinung, daß einfache Leute den Verlust geringfügiger Dinge in solchen Lebenslagen schwerer empfinden als irgend etwas anderes. Das Unglück selbst entlockt ihnen nicht so viele Thränen als die Aussicht, sich von gewissem Tand trennen zu müssen. Die Pfändung einer Uhr, einer Kette, eines Medaillons, ja oft eines blitzenden Küchengeräts raubt ihnen den letzten Trost und versetzt sie in einen Zustand heftiger Gemütserregung. Ebenso erging es Tibet, bei dem überdies noch die gleichsam ins Blut übergegangene Ehrfurcht vor den Personen und Dingen, unter denen er gleichsam aufgewachsen, mitwirkte.

Er war außer sich, als Ange ihre Absicht zu erkennen gab, und bot in fast demütiger Weise von neuem seine Ersparnisse an.

Aber in Ange kämpfte edle Vorsicht mit der Scheu, sich ihrem Diener zu verpflichten. Sie wies Tibets Anerbieten abermals aufs entschiedenste zurück.

Tibet schlug nun vor, wenigstens den Verkauf nicht in C., sondern in einer anderen Stadt zu bewirken. Es sei kaum einmal wahrscheinlich, daß am Orte jemand eine so große Summe dafür hergeben oder darauf anleihen werde. Den Schmuck lediglich zu verpfänden, empfahl Tibet zudem dringend, immer in der Hoffnung, dieser könne Ange doch noch gerettet werden.

Ange nahm seinen endlichen Vorschlag, nach Frankfurt zu reisen, lebhaft auf. Sie eilte fort, kam zurück und öffnete ihr Schmuckkästchen.

Als es aus Auswählen ging, ward's ihr schwer. Nicht der Verlust der Juwelen ließ sie zaudern, aber es schien ihr wie eine Entheiligung, fortzugeben, woran sich so viele teure Erinnerungen knüpften.

»Hier, hier!« rief sie indessen schnell wieder gefaßt. »Ich weiß, daß diese Perlen Tausende wert sind. Wie kann ich fragen? Ich muß an meine Kinder denken, an die Pflichten, die ich gegen meine Umgebung habe, solange sie zu fordern hat. Alles andere ist nebensächlich.«

Nun machten sie sich daran, den Wert des Schmuckes abzuschätzen.

»Und wenn das dahin ist?« zuckte es in Ange auf. »Wenn das dahin, was dann?«

Immer wieder packte sie ein angstvolles Grauen vor der Zukunft, immer wieder mußte sie sich zurückrufen, daß das alles Wahrheit, keine Vorstellung, kein Roman sei, den eine lebhafte Phantasie sich ausgedacht hatte. Nein! nein! Carlos war tot; sie blieb zurück mit fünf lebendigen Geschöpfen und besaß außer diesen Kleinodien und ihrer Einrichtung nichts!


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