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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 17
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Die beiden Briefe, nach ihrem Inhalt bezeichnend für Ange und Teut, wurden im September geschrieben, aber bereits zwei Monate später trat im Clairefortschen Hause ein so folgenschweres Ereignis ein, daß alles für die Familie in Frage gestellt schien.

Als sich Ange eines Morgens in das Zimmer ihres Mannes begab, um sich ihrer Gewohnheit gemäß, nach seinem Befinden zu erkundigen, schlug ihr eine unerträgliche Hitze entgegen, und sie fand ihn nicht wie sonst bereits an seinem Schreibtische sitzen. Wenn Clairefort starke Schmerzen in der Nacht fürchtete, pflegte er häufig noch spät abends von Tibet heizen zu lassen, denn nur allzuoft verursachte ihm sein Zustand Schlaflosigkeit.

Als Ange ins Gemach spähte, fand sie zu ihrem Schrecken, den Nachttisch umgeworfen; Glaser, Leuchter und Flaschen waren herabgestürzt und bedeckten Fußboden und Teppich. Clairefort selbst aber lag – das Haupt nach unten und mit den Füßen das Kopfkissen berührend – neben der zurückgeschlagenen Schlafdecke wie ein Lebloser hingestreckt.

Ange flog ans Bett und horchte auf ihres Mannes Atem. Sein Herz schlug so leise, daß sie es kaum zu hören vermochte, und sein Aussehen war so verändert, daß sie – jetzt todesgeängstigt – die Schnur zog.

»Was ist geschehen? Was ist geschehen, Tibet?« rief sie, als dieser näher trat. »Waren Sie noch in der Nacht bei dem Grafen? Sehen Sie, wie schrecklich er aussieht! Sein Herzschlag geht leise! Ich ängstige mich namenlos!«

Tibet warf einen betroffenen Blick umher und näherte sich seinem Herrn.

»Ich möchte glauben, daß der Herr Graf wohl ein sehr starkes Schlafpulver zu sich genommen hat,« erklärte er beruhigend. »Während heftiger Träume mag er um sich geschlagen und zufällig den Tisch berührt haben. Das ist früher auch schon vorgekommen.«

»Ach, der Arme!« sagte Ange mitleidig. »Gewiß hatte er wieder seine furchtbaren Schmerzen. Und meinen Sie, daß er schläft, daß keine Gefahr vorhanden ist, Tibet?«

»Nein, Frau Gräfin, dürfen sich beruhigen.«

Nach dieser Versicherung traten beide ins Wohngemach.

»Glauben Sie nicht,« fragte Ange nach einer Pause und dämpfte ihre Stimme, »daß diese starken Schlafmittel sehr schädliche Nachwirkungen haben?«

»Ja, Frau Gräfin,« erwiderte Tibet; »aber viel schlimmer sind noch –«

Er unterbrach sich mit einem Gesichtsausdruck, als ob das letzte Wort ihm nur entschlüpft sei.

Als Ange sah, daß ihr etwas verheimlicht werden sollte, stieg ihre Angst.

»Nicht doch, nicht doch! Sie wollen mir etwas verschweigen. Ich will und muß es aber wissen. Ach Tibet! War es überhaupt gut, daß Sie nie mitteilsam gegen mich waren? Wer weiß, ob nicht manches hier im Hause anders stände!«

Sie strich sich mit der schmalen Hand über die thränenden Augen.

»Reden Sie, ich beschwöre Sie!« fuhr sie fort, als er noch immer schwieg. »Was ist noch schlimmer? und welche Heimlichkeiten haben Sie mit meinem Gemahl schon seit Jahren?«

»Ach, Frau Gräfin –« stotterte Tibet und sah Ange bittend an. »Es ist nichts, gewiß nicht!«

»Ist es denn Neugierde, die mich veranlaßt, Sie zu fragen?« sagte Ange mit sanftem Ernst und blickte Tibet traurig an. »Ist es nicht die Sorge für meinen geliebten Mann! Ach, ach! wie viele thränenvolle Stunden habe ich schon um seinetwillen gehabt!«

Tibet hatte ganz die Fassung verloren. Er stand da wie jemand, der sich eines schweren Vergebens schuldig fühlt und aus Scham und Verzweiflung kein Wort findet. Endlich raffte er sich auf und sagte:

»Verzeihen Sie mir, Frau Gräfin. In allem, was ich that, folgte ich dem Befehl des Herrn Grafen. Wenn ich unrecht that – ich that gewiß unrecht gegen Sie – o, so vergeben Sie es mir!«

»Nun wohl! Lassen wir Vergangenes! Aber was ist jetzt?« drängte Ange. »Sprechen Sie endlich.«

Tibet sah mit scheuem Blick nach der Thür und flüsterte leise: »Schon seit reichlich einem Jahr nimmt der Herr Graf überaus starke Dosen Morphium zu sich. Niemand weiß es. Er befahl mir unbedingte Verschwiegenheit. Auch gegen Sie verbot er, darüber zu sprechen.«

Ange bewegte traurig das Haupt: plötzlich aber schrak sie auf.

»Barmherziger Himmel! Sollte ihm doch bereits etwas zugestoßen sein?«

Sie eilte von Tibet fort, wandte sich ins Nebenzimmer und stieß, hineinblickend, einen Schrei aus.

Clairefort saß wachend aufrecht im Bett. Er sah Ange mit stieren Augen an und schien sie doch nicht zu sehen. Unzusammenhängende Worte glitten über seine Lippen.

»Carlos, Carlos, mein geliebter Carlos!« rief Ange, flog an sein Lager und ergriff seine Hand.

»Sag, was ist Dir? O, komme zu Dir! Es ist Ange, Deine Ange! Hörst Du sie nicht?«

Er nickte wie ein Abwesender. Offenbar ward er nicht Herr der ihn bedrückenden Vorstellungen, und um sie zu verscheuchen, glitt er wiederholt mit den kranken Händen über Stirn und Haar.

Ange heftete mit zerrissenem Herzen die Augen auf ihren Mann. Auch Tibet war tief erschüttert durch diesen Anblick.

»Wünschest Du das Frühstück, Carlos? Soll ich nicht die Fenster öffnen und frische Luft hereinlassen? Willst Du aufstehen – Dich in Deinen Stuhl setzen? Sprich Lieber! Was hast Du? Ach, ach!«

Nichts! Er schien nicht zu hören, und sie sank wie zerknickt neben ihm nieder.

Immer starrte er geradeaus, griff sich an die Stirn und suchte mit vergeblicher Anstrengung seinen Geist zu ordnen.

Jetzt erhob sich Ange und riß die Fenster auf.

»O, ich ersticke in dieser Luft! Sie muß auch Dir schädlich sein! Komm, laß Dich mit Wasser benetzen. Tibet helfen Sie! Wir wollen den Grafen drinnen in dem luftigen Zimmer betten.«

Aber Clairefort fiel, ehe sie ihn berührten, schwerfällig zurück, schloß die Augen und blieb bewußtlos liegen. Es hatten ihn abermals der Schlaf oder eine Ohnmacht befallen.

Nun eilte Tibet zu dem Arzt, und inzwischen saß Ange wie eine Verzweifelte an dem Bett des Kranken.

Nach einer Weile kamen die Kinder, die ihre Mama vergeblich beim Frühstück erwartet hatten. Es schnitt Ange durch die Seele, als sie so fröhlich und ahnungslos hereinstürmten. Noch lag die feine Röte einer gesund verbrachten Nacht auf ihren Wangen, noch umströmte sie in ihren sauberen hellen Morgenkleidern jene aufquellende Frische, die namentlich Kinder nach dem Schlafe wie ein unsichtbarer Hauch umwebt.

»Mama, Mama, wo bleibst Du denn?« rief die kleine Ange und stand da und sah so schön aus, als ob eine zarte Blüte eben vom Baum geschwebt sei.

Aber sie schraken zurück, als sie den kummervollen Ausdruck in Anges Augen bemerkten, als sie mit ihrem Instinkt begriffen, daß ihrem Papa etwas zugestoßen sein müsse.

»Geht, geht, lieben Kinder!« sagte Ange sanft und traurig wie damals, als den kleinen Carlitos das furchtbare Fieber erfaßt hatte. »Papa ist sehr krank. Ich muß noch bei ihm bleiben. Ich komme bald! Frühstückt nur allein – und – dann eilt euch. Ben, Fred, ist's nicht schon Zeit für die Schule?«

Sie nickten gehorsam und schlichen auf den Zehen davon.

Und doch war dies nur ein trauriges Vorspiel zu dem noch traurigeren Ende.

Zwar erholte sich Clairefort, und einige Zeit schien er sogar wieder geistig frischer und körperlich gesunder, aber dann erfaßte ihn von neuem eine wortkarge teilnahmlose Schwermut. Er wollte niemanden sehen und sandte selbst Tibet fort, der neuerdings bei ihm nachts gewacht hatte.

»Nein, nein, gehen Sie! Seit lange hatten Sie keinen ordentlichen Schlaf, Tibet. Ich fühle mich heute ganz wohl und bedarf Ihrer nicht mehr,« beschied er ihn eines Abends und bestand auf seinem Willen.

Als Tibet sich entfernt hatte – ein ungewöhnlich freundlicher Blick traf ihn heute aus Claireforts Auge – , setzte sich dieser an seinen Schreibtisch und arbeitete mehrere Stunden. Endlich erhob er sich mühsam und trat, sich an Tisch und Stühlen vorwärts tastend, an den Spiegel. Er blickte hinein und schrak vor seinem eigenen Bilde zurück. Es machte ihn sogar ängstlich, denn er schaute sich furchtsam um, und ein Schauer flog über seinen Körper.

»Sterben!« flüsterte er. »Ja dann fallen alle Gespenster, weichen alle Schmerzen und sind alle Seelenqualen vorüber.«

Auf dem Wege zu seinem Schlafgemach blieb er noch einmal zaudernd stehen.

Nur allzu lang ist oft die Brücke! Ein einziger plötzlicher Gedanke, irgend eine liebe oder peinliche Erinnerung verknüpft den Menschen von neuem mit dem Leben, und der grauenhafte, blitzartig oder allmählich entstandene Entschluß wird doch zu Nichte.

Clairefort ließ sich aufs Bett nieder und griff mit zitternden Händen tief unter die Decke. Bei dieser Bewegung setzten unerwartet die Schmerzen wieder an, und wimmernd hielt er inne. Aber bald begann er von neuem, fand endlich, was er hier verborgen hielt, und stellte es auf den Tisch. Es waren zwei Flaschen mit verschiedenem Inhalt.

»Dies wird sicher genügen, um nicht wieder aufzuwachen,« murmelte er. Aber doch verging noch eine lange Zeit, ehe er sich zum Sterben rüstete. Seine Gedanken flogen hin und her wie Herbstvögel; oft traten ihm Thränen ins Auge. Einmal schleppte er sich in sein Wohngemach zurück, öffnete den Schreibtisch und nahm Anges Bild hervor. Es war zur Zeit ihrer Verlobung gemalt.

»Ach, wie schön, wie schön!« flüsterte der Mann und bedeckte das Glas mit Küssen. »Und Dich soll ich verlassen? Und Euch, Euch, Ihr süßen Kinder –«

Es packte ihn die Angst und die Scham, furchtbare Schauer jagten durch seine Seele. Kalter Schweiß brach hervor auf seiner Stirn. Was wurde aus ihnen? Welch ein erbärmlicher, gewissenloser Mensch war er! Er wollte davongehen, und nicht einmal für das Nächstliegende, ja vielleicht nicht einmal für sein eigenes Totenhemd war gesorgt.

Aber halt! War da nicht ein Geräusch auf dem Korridor?

Hastig verschloß Clairefort das Porträt, als sei's ein Vergehen, es zu betrachten. Er lauschte herzklopfend – schlich wie ein Dieb an seine eigene Thür. Aber es war nichts.

Nun nahm er seinen Platz wieder ein und lehnte sich zurück. Konnte er noch gesund, schmerzensfrei werden?

Nein, jetzt niemals mehr! Ohne Morphium vermochte er überhaupt ferner nicht zu leben. Was that er noch auf der Welt? Seine Pflicht, die Pflicht gegen die Seinigen hielt ihn! Nein, auch die konnte ihn nicht ans Leben fesseln. Er war ja ein Nichts. Er war nur eine Last – nur ein –

Es übermannte ihn die Seelenqual: er schluchzte und erschrak vor den Tönen, die sich seiner eigenen Brust entrangen. Er war nur ein Hindernis für Anges Glück. Fort denn, je schneller, desto besser! – Teut! Teut! Da kam ihm der Gedanke an ihn. Welch ein Mensch! Er würde sie nicht verlassen. Nein, sicher nicht! Gut, also sterben –

Was Clairefort noch zu sagen hat, befindet sich in den Blättern aufgezeichnet, welche Ange morgen finden wird.

Aber wenn er nun nicht stirbt, wenn es nicht gelingt, wie jüngst? Er bewegt den Kopf. Wohl, er wird das Schriftstück unter sein Kopfkissen legen, nicht auf den Tisch. Wacht er abermals auf, dann bleibt seine Absicht verborgen.

Während er sich an sein Bett wendet, ziehen noch einmal die letzten Jahre an ihm vorüber. Wie er zum erstenmal gespielt und ihn dann der Teufel erfaßt hat, wie er vom Glück begünstigt wird und dann doch alles wieder verliert. Und immer von neuem verliert! Wie er innehalten will und doch sich überredet, er werde den Verlust zurückerobern, endlich – ein Verzweifelter – die größten Summen einsetzt, um abermals betrogen zu werden und zuletzt sich sogar am fremden Eigentum vergreift! Das Vermögen seiner Frau, seiner Kinder opfert er auch noch dem wahnsinnigen Gelüste!

Die Decke auf dem kleinen Nachttisch hat sich verschoben. Clairefort zupft daran. Noch im letzten Augenblicks beherrscht ihn der kleinste Gewohnheitsdrang.

Er legte sich nieder, macht fast pedantisch alle Vorbereitungen, zittert, setzt erst das eine Glas an, greift dann zum anderen –

Nun sinkt er zurück – –


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