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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Der Sommer 1870 war gekommen, der Krieg zwischen Deutschland und Frankreich stand vor der Thür. Eine ungeheure Erregung hatte alle Gemüter ergriffen, und auch in C. sprach man von nichts anderem als von diesem drohenden, in alle Verhältnisse eingreifenden Ereignis. Begierig lasen die Männer die Zeitungen, eine Nachricht überholte die andere, und in den militärischen Kreisen herrschte fieberhafte Spannung über die zu erwartenden Marschordres.

»Ist's wahr, ist's möglich?« rief Ange und eilte Teut entgegen, der sich sogleich zu seinen Freunden begab. »Haben Sie schon Befehl zum Ausrücken erhalten? Wann? Wohin geht's? O, kommen Sie! Carlos ist in großer Ungeduld, Sie zu sehen und zu sprechen.« Und sie zog ihn mit sich fort in ihres Mannes Gemach.

Clairefort war kaum wiederzuerkennen. Die drei Jahre, seitdem er nach C. versetzt war, hatten ihn völlig verändert. Sein Blick war unheimlich starr, ein schwarzer Bart umrahmte sein Gesicht, und die mageren Finger zuckten in nervöser Erregung. Er bewegte sich unsicher, hielt sich meistens an den Möbeln fest und schritt auch dann mit jenen willenlosen Bewegungen einher, an denen man die Rückenmarkleidenden erkennt. Durch übermäßigen Gebrauch narkotischer Mittel hatte er seinen Zustand nicht gebessert, und oft glich er, wenn er aus dem künstlichen Schlaf erwachte, einem Geisteskranken.

Heute war er klarer; er hob sich in seinem neuerdings für ihn angefertigten Krankenstuhl empor und richtete einen fragenden Blick auf den Eintretenden.

»Schon etwas Neues, Teut? Wann geht's fort? Ah, und ich liege hier, ein ohnmächtiger Kranker, und muß zusehen.«

Ange tröstete mitleidig und verwies auf Besserung, freilich ohne es selbst zu glauben. Teut nickte ernst und gab Antwort auf diese und spätere Fragen.

»Ich denke, wir werden übermorgen C. verlassen«, sagte er. »Dem Oberst ist nur mitgeteilt, daß wir uns bis dahin marschfertig halten sollen. Eine bestimmte Ordre ist noch nicht eingetroffen.«

»Schon übermorgen,« rief Ange erschrocken, ließ die Arme sinken, die noch eben auf der hohen Lehne des Krankenstuhls geruht hatten, und legte die Hand aufs Herz. Auch Clairefort wiederholte dieselben Worte, aber wie ein Abwesender, der mit seinen Gedanken weit fort ist.

»Bitte, Ange,« hob er endlich mit sichtlicher Überwindung an, »verlasse uns jetzt. Ich habe etwas mit Teut zu besprechen.«

Ange sah das ernste Gesicht der beiden Männer und wandte sich gehorsam zum Gehen. Teuts Mienen blieben unbeweglich: vergeblich suchte sie seinen Blick.

Nachdem sie das Gemach verlassen hatte, fiel Clairefort zurück und bedeckte das Gesicht mit den Händen.

»Sie sind bewegt! Was ist Ihnen, Clairefort?« begann Teut, einen Stuhl herbeirückend und des Freundes Schulter berührend. »Sie wünschen mir etwas zu sagen? Ich höre, Clairefort.«

Er hielt inne und erwartete, daß jener das Wort ergreifen werde. Als Clairefort stumm blieb, fuhr er fort:

»Reden Sie! Was es auch sei, es fällt in den tiefsten Brunnen! Teilen Sie sich dem Freunde mit, der alles verstehen, und alles –«

»Verzeihen kann?« ergänzte der Kranke, richtete sich plötzlich empor und sah Teut mit einem flehenden Blicke an.

»Ja,« sagte Teut, »der alles verzeihen kann.«

Endlich beim Abschied, vielleicht beim Nimmerwiedersehen löste sich Claireforts Zunge. Wie lange hatte Teut ein Vertrauen herbeigesehnt, das unter den gegebenen Verhältnissen so natürlich war. Immer hatte Clairefort geschwiegen. Oft schien er einen Anlauf nehmen zu wollen, um sein Inneres zu öffnen, um abzustoßen, was ihn bedrückte, aber stets hatte sich sein Mund wieder geschlossen.

»Wohlan, es sei!« begann Clairefort. »Es drängt mich, Ihnen heute zu sagen, was mich quält, Teut. Wer weiß, ob Sie mich noch lebend finden, wenn Sie zurückkehren. Hoffen wir es nicht, daß ich inzwischen davongehe, nehmen wir aber an, daß wir uns das letzte Mal gegenüberstehen. Vergeben. Sie mir auch –« Clairefort stockte und holte mühsam Atem – »wenn ich Ihnen so oft wehe gethan habe, Sie durch Empfindlichkeiten, durch eifersüchtige Regungen, durch ein falsches Ehrgefühl kränke. Rechnen Sie, wenn es Ihnen möglich ist, ein wenig mit meinem Zustand, den ich selbst in seiner Bedeutung und seinem Umfang nicht kannte. Ich bin ein willenloser, schwankender Mensch geworden. Ach, Freund –« Clairefort unterbrach sich, Schweißtropfen traten auf seine Stirn, und die Hände irrten unruhig umher – »ich habe mich unsühnbar vergangen gegen meine Frau und – meine Kinder –« Er hielt inne, und auf seinem Gesicht malte sich eine furchtbare Angst. Er wollte weiter reden, aber vermochte es nicht.

Teut sprach sanft auf ihn ein: »Erholen Sie sich, Clairefort. Und nochmals: Fürchten Sie keinen Tadel! Was es auch sei, vertrauen Sie sich mir an.«

»Nun denn –« ächzte jener und griff krampfhaft nach des Freundes Hand. »Nun denn – hören Sie. Ich habe – ich habe – nein, ich vermag Ihnen das Verbrechen – meine Schande nicht aufzudecken! Und doch möchte ich nichts verschweigen einem Manne, der wie keiner mein Vertrauen verdient, der es fordern kann, dem ich schon lange mich hätte eröffnen folgen, zu dem ich aber nicht sprach, weil die Scham mich erdrückte.«

Teut hörte mit angstvoller Spannung zu. Was würde er hören? Schande, Verbrechen? Vergeblich sann er hin und her.

»Seien Sie ein Mann, Clairefort. Raffen Sie sich auf. Wir sind hier zu zweien. Es bedarf keiner Versicherung, daß nie eine Silbe über meine Lippen kommen wird.«

»Nun denn, Teut, ich habe – unser ganzes Vermögen, das Vermögen meiner Frau, mein eigenes, das meiner Kinder – an der Börse verspielt,« zitterte es aus des Kranken Munde. »Wir leben schon seit Jahresfrist von dem letzten durch Tibet ohne mein Wissen geretteten Kapital – und stehen in wenigen Wochen vor dem – vor dem Nichts – dem ich – ich –«

Der Mann fiel zusammen wie ein Scheit, das im Ofen zu Asche verglommen, plötzlich sich ablöst.

Teut wurde leichenblaß; es krallte sich um sein Inneres Schmerz und Empörung zugleich. Was er hörte, war mehr als entsetzlich. Das konnte ein Mann thun einem solchen Wesen, solchen Kindern? Er biß sich auf die Lippen und sprang empor. Aber nur einen Augenblicke dann lichtete sich in der Brust dieses seltenen Menschen der Funke edler Gesinnung, und lodernd schoß die Liebe empor für sie, der er geschworen, ein Freund zu sein fürs ganze Leben.

»Clairefort,« sprach er, »wir erörterten nur einmal Geldangelegenheiten, und es soll heute das letzte Mal sein. Fürchten Sie nichts. Anders wird Ihr Leben sich zwar gestalten, aber Sie werden nicht darben. Axel von Teut meint es ernst mit Freundschaft und Gelöbnissen. Diese Versicherung sei Ihnen genug. Was geschehen, was hinter uns liegt, werde nie wieder zwischen uns berührt. Nur eine Bitte spreche ich aus: Sichern Sie mir zu, daß Ange nie erfahren wird, wie Ihr Vermögen zerronnen, noch weniger, daß es gänzlich dahin ist. Verschweigen Sie namentlich die Rolle, welche fortan der Freund übernimmt. Ich gelte von heute als Verwalter Ihrer Einkünfte und als der Vormund Ihrer Kinder. Sind Sie einverstanden?«

Clairefort hob sich empor. Seine Knie schlotterten, seine Augen glänzten überirdisch, aber indem er die Arme ausstreckte, um sich an des Freundes Brust zu werfen, glitt er aus und fiel schwerfällig auf den Teppich.

Teut beugte sich herab und horchte an seinem Herzen. Es schlug. Rasch eilte er zur Klingel. Gleich darauf trat Ange, von Tibet gefolgt, ins Zimmer.

»Beruhigen Sie sich, Gräfin,« sagte Teut besänftigend. »Es ist nichts Schlimmes. Bringen wir Carlos ins Bett. Nur eine Ohnmacht. Er fühlte sich so schwach. Es wird vorübergehen.«

Ange forschte angstvoll in den ernsten Mienen des Sprechenden, während Tibet seinen Herrn aufrichtete und sorgsam zu betten suchte.

Nichts! Nur einmal sah er sie an, und in seinem Auge blitzte die alte, mit Trauer vermischte Zärtlichkeit.

Und dann kam der Abschied. Es war an einem Spätnachmittage. Ange war im Begriff, in den Garten hinabzusteigen, um die abgekühlte Luft zu genießen und nach den Kindern zu sehen. Jorinde und Ben schaukelten unter den schon dunkle Schatten werfenden Buchen in der Hängematte, und Fred und Erna holten Gießkannen herbei, um den Blumen ihrer Beete Wasser zu geben. Aus den Gebüschen, aus dem Erdreich quoll ein sanfter Duft, denn der Tau reizte die zarten Nerven der Bäume und Gräser. Bevor Ange die letzten Treppenstufen erreicht hatte, öffnete sich die Thür und Teut trat ihr entgegen. Sie sah an seinem Blick, daß er komme, um lebewohl zu sagen.

»Ich gehe zu Carlos hinauf,« sagte Teut, »falls Sie in den Garten wollen, werde ich Sie später dort aussuchen. Noch diesen Abend verlassen wir die Stadt.«

Ange lehnte sich an das Geländer und legte die Hand auf die Brust.

»Also wirklich?« Sie sah ihn mit einem ihrer stillen Blicke an, und er suchte ihre Augen mit einem Ausdruck, in dem sich nur zu deutlich widerspiegelte, was ihn bewegte.

»Werden Sie mitunter meiner gedenken, Ange?«

Sie antwortete nicht, sie neigte nur leise das Haupt. Wie schön sie gerade heute war! Ein eng anschließendes schwarzes Kleid umspannte ihren Leib, und zwei weiße Rosen schmückten ihre Brust. Um den Kopf hatte sie ein leichtes Tuch geschlagen, unter dem das zarte Gold ihres Haares hervorschaute. Und in dem Blauweiß ihrer Augen schwammen jene sanften und doch so dunkel blitzenden Sterne, welche kein Mann vergaß, wenn er sie einmal gesehen hatte. Während sie so vor ihm stand und das leichte Haupt auf die Hand stützte, fielen die reichen Spitzen des Gewandes zurück, und ein Arm von tadellosem Ebenmaß ward sichtbar. Ihre Gestalt schien in diesem Augenblicke frei in der Luft zu schweben, bei der unnachahmlichen Grazie ihrer Erscheinung von der Erde abgelöst zu sein.

»Liebe Ange!« flüsterte Teut, von ihrem Anblick hingerissen, und trat einige Schritte vorwärts.

Sie aber glitt langsam die Stufen hinab und bat ihn durch eine Bewegung, ihr zu folgen.

Sie umschritten, ungesehen von den Kindern, das Haus und bogen in einen stillen Laubgang ein. Die untergegangene Sonne webte noch mit schwachen Lichtern in der Ferne; hier war es fast dunkel.

Wortkarg gingen sie nebeneinander her; beiden stockte die Sprache. Als sie zum zweitenmal den Weg maßen, schlug der Ruf eines der Kinder an ihr Ohr. »Mama Ange! Mama Ange! Wo bist du?«

Nun ergriff er hastig ihre Hand, legte seinen Arm um ihren Leib, und indem sie es duldete, fühlte er, daß eine Sekunde ihr Haupt an seiner Brust ruhte.

»Dank, Dank für alles, Teut! Auf Wiedersehen!« schluchzte sie und riß sich von ihm los. »O Ange, Ange, meine liebe Freundin! Vergessen Sie mich nicht!« flüsterte der Mann und hielt die aus dem Dunkel wie eine Lichterscheinung hervortretende Gestalt zurück.

»Niemals, niemals, Teut!« preßte sie unter Thränen hervor. »Doch nun – die Kinder rufen!«

Sie traten aus den sie umgebenden Bäumen heraus. Im Grase zirpte es leise, ein Vogel flatterte schlaftrunken in den Zweigen. Drüben schien die Sonne ganz versunken; der Tag war zur Ruhe gegangen, und ihre Hände lösten sich.


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