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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 14
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Am selben Tage in der Nachmittagsstunde öffnete Jamp die Wohnstubenthür seines Herrn und meldete den Rittmeister von Zirp.

»Ah, Zirp! Willkommen! Nehmen Sie Platz!«

»Ich störe doch nicht?«

»Keineswegs – bitte! hier Cigarren.«

Nach wenigen Augenblicken saßen sich die beiden Herren gegenüber.

»Ich komme,« hob Zirp an, »Sie um eine große Gefälligkeit zu bitten, Teut.«

»Bitte, wenn es in meiner Macht steht –«

»Also, ohne Einleitungen. Ich brauche fünftausend Mark, die ich augenblicklich nicht habe, die ich aber durch Bürgschaft erhalten kann. Ich wollte Sie nun bitten, liebster Teut, daß Sie –«

»Bürgschaften übernehme ich nie,« erwiderte Teut. »Ich habe meinem Vater einen Schwur geleistet, mich niemals in der Weise zu verpflichten. Also dieser Fall ist ausgeschlossen.«

»Fatal! Ich brauche das Geld bereits morgen und weiß es sonst nicht anzuschaffen.«

»Hm, bis morgen – ?« sagte Teut nachdenklich. Und nach einer Pause: »Entschuldigen Sie die Frage, wie die Sache sich so auf die Stunde hat zuspitzen können? Es wird gar nicht möglich sein, Ihnen so rasch zu dienen.«

Teut schlug mit den Hacken zusammen, und in Zirps Mienen malte sich einige Verlegenheit. Er streifte die Asche von der Cigarre auf den Fußboden ab und benutzte dann mit einem nachträglichen »Pardon!« den bereit gestellten Aschbecher.

»Bitte, bitte!« schob Teut phlegmatisch ein.

»Hören Sie, lieber Teut,« begann Zirp mit gezwungenem Anlauf, »ich will offen reden. Ich habe Wechsel ausgestellt, die bereits gestern fällig waren. Ich hoffte sie auf die Stunde bezahlen zu können. Allein meine Schwester, auf die ich sicher rechnete, hat mir mein Ansuchen abgelehnt.«

Er hielt inne, aber Teut kam ihm nicht zu Hilfe. Eine peinliche Pause trat ein.

»Wohl,« sagte Teut endlich und strich den langen Schnurrbart; »ich begreife. Aber was ich durchaus nicht verstehe« – Zirp fand diesen hochmütigen Ton, dieses etwas schulmeisterliche Wesen Teuts ganz unerträglich – »wie wollen Sie denn nach der üblichen Frist von drei Monaten zahlen?«

Zirp biß sich auf die Lippen und knipste abermals die Asche auf den Teppich.

»Können Sie eine Garantie geben, daß Sie um jene Zeit die Schwierigkeiten zu beseitigen vermögen?«

»Gewiß, gewiß!« erwiderte Zirp leichtfertig.

»Und diese wäre?« fuhr Teut unerbittlich fort.

»Nun, meine Schwester wird sich breitschlagen lassen –«

»Hm! Aber wenn Sie sich nun doch in dieser Annahme irren?«

»Ah, das ist ja nicht denkbar! Sie muß ja –«

»Sie muß? Weshalb? Entschuldigen Sie –«

»Nun es steht doch alles auf dem Spiel, wenn ich nicht zahle. Sie kennen ja die Konsequenzen.«

Zirp wagte während der Schlußworte das Auge nicht emporzuschlagen.

Teut sah ihn an und schüttelte den Kopf; dann sagte er in einem milden Ton:

»Zirp! Sie waren bisher leichtsinnig. Ich schätzte Sie aber als Ehrenmann. Wäre es nicht besser, Sie beugten bei Zeiten einer Katastrophe vor, die mir bei dieser Sachlage unausbleiblich erscheint?«

Zirp hatte sich erhoben und ordnete auf der Etagère Teuts zahlreiche Cigarrentaschen. Halb gärte es in ihm auf, halb packte ihn die bessere Einsicht. Endlich sagte er: »Ich sehe, daß Sie mir nicht helfen wollen. Bitte –« unterbrach er seine Rede, als Teut eine Bewegung machte, »ich mache Ihnen daraus keinen Vorwurf. Da Sie aber in bester Absicht gesprochen haben – ohne Zweifel – wie soll ich mit Ihren Ratschlägen und Hindeutungen auf die Zukunft morgen meine Verpflichtungen erfüllen?«

Ohne eine unmittelbare Antwort zu geben, sagte Teut, sich gegen die Fensterbank lehnend und einen Siegelring an seiner kräftigen Hand drehend:

»Wer ist der Inhaber des Wechsels und wieviel sind Sie wirklich darauf schuldig?«

»Matt hat das Papier in Händen,« ertönte es kleinlaut.

»Ich dachte es mir! Und wie viel empfingen Sie darauf?«

»Dreitausend Mark hat mir der Schuft gegeben.«

Teut sann einen Augenblick nach. Dann erhob er den Blick, sah Zirp freundlich an und sagte kurz entschlossen:

»Gut, dreitausend Mark und einen guten Zins über den landesüblichen will ich Matt zahlen, auch selbst den Kerl vornehmen und alles für Sie ordnen –«

»O Teut, lieber, braver Freund!«

»Halt, Zirp! Ich habe eine Bedingung: Sie geben mir Ihr Ehrenwort, daß Sie nicht mehr spielen und nie mehr Wechsel unterzeichnen.«

Zirp machte eine zustimmende Bewegung.

»Nein, nein, nicht so rasch! Besinnen Sie sich wohl! – Ferner: Sie beantworten mir eine Frage, wahrheitsgetreu, ohne Rückhalt, als Kavalier.«

Zirp horchte gespannt auf. Des Sprechenden Stimme klang verändert – ernster, fast drohend.

»Ich bitte, sprechen Sie, Teut.«

»Nein, Zirp, erst antworten Sie mir, ob Sie meine Bitte erfüllen wollen. Was ich von Ihnen fordere, ist nichts, was Sie mit Ihren Grundsätzen in Konflikt bringen kann, denn derjenige, der gut genug ist, in intimsten Privatangelegenheiten als Freund zu helfen, ist wohl so viel wert wie diejenigen, bei denen der Antragsteller die Stunden seiner Langenweile vertreibt. Also?«

»Gut! Obgleich mir Ihre Rede unverständlich ist und obgleich ich fast erschreckt bin durch den feierlichen Ton – ich gebe Ihnen hiermit mein Ehrenwort, daß ich Ihre Frage nach bestem Wissen, wahrheitsgetreu, beantworten werde.«

»Nun,« hob Teut an, »dann frage ich Sie: Hat jemals jemand behauptet, daß – die Gräfin Ange – Clairefort – meine – Geliebte – sei?« Teut stieß die Worte zögernd, in Absätzen hervor. In scharfer Abgrenzung markierten sich die Linien seines mageren Gesichtes und seine Mundwinkel zuckten. Zugleich schob er das Monocle ins Auge und schien Zirp mit seinen Blicken durchbohren zu wollen.

»Sie schweigen?« drang es heiser aus Teuts Munde. »Gut! Das ist auch eine Antwort. Ich danke Ihnen. Rechnen Sie auf mich; aber« – und ein so drohender Ernst malte sich auf des Rittmeisters Zügen, daß Zirp unwillkürlich zusammenschrak – »ich rechne auch auf Sie, daß Sie in Zukunft Ihre Reitpeitsche jedem ins Gesicht schlagen, der es wagen sollte, diese edle Frau auch nur durch eine Miene zu verdächtigen!«

Für Augenblicke war es stumm zwischen beiden Männern. Teut hatte sich abgewandt und schaute auf die Gasse. Endlich trat Zirp näher und ergriff dessen Hand.

»Teut, welch ein Mensch sind Sie! Unter Tausenden ist nicht Ihresgleichen. Aber ich schwöre Ihnen, daß ich eingedenk sein werde dieser Stunde und mich Ihnen bewähren werde als Freund. Dank, nochmals Dank! Ich gehe jetzt. Adieu – – .« Zirp wartete. Keine Bewegung, keine Antwort.

Erst nach geraumer Zeit veränderte der Mann, dem ein so braves Herz unter des Königs Rock schlug, seine Stellung, und mit einem Blick, in dem sich widerspiegelte das Leiden seiner Seele, drückte er jenem die Hand und bat ihn durch eine Bewegung, das Zimmer zu verlassen. –

Vierzehn Tage später empfing Teut von Zirp die Anzeige, daß dieser sich mit Eva von Ink verlobt habe. Anfänglich starrte Teut das Billet überrascht an und schüttelte den Kopf, bald aber ergriff er die Feder und schrieb unter Beifügung des inzwischen eingelösten Wechsels die nachfolgenden Worte:

»Lieber Freund! Ich gratuliere. Sie haben den Weg eingeschlagen, der Ihnen die Ausführung Ihrer Entschlüsse zu einem neuen Leben erleichtert, ja, wie ich hoffe, sichert! Bravo deshalb!

Stets Ihr

Axel von Teut-Eder.«

Auch der Familie Ink sandte Teut seine Glückwünsche, aber einen Besuch machte er nicht.


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