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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 13
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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»Teut,« sagte Ange, die in einem Zimmer nach Garten gebettet war und – einem Marmorbild vergleichbar, das Thränen vergießt – jedes menschliche Mitleid wachrufen mußte, einige Tage später, »eine Bitte habe ich an Sie, wenn mein süßer Knabe –« – hier brach die Stimme und verlor sich in ein so verzehrendes Schluchzen, daß des starken Mannes Inneres erbebte – »wenn morgen Carlitos begraben wird, lassen Sie Lux und Lady Anna den Totenwagen ziehen. Wissen Sie noch, Teut, wie Carlitos die Tiere liebte? Sie zu besitzen, war sein höchster Wunsch. Er wollte ganz werden wie Sie, Teut. Alles, was Sie thaten, was Sie besaßen, war unnachahmlich. Nicht wahr, Sie haben ihn auch geliebt – ?«

Thränen erstickten von neuem ihre Stimme.

Teut wandte sich ab und trat ans Fenster. Ja, ihr Wunsch sollte erfüllt werden, aber es bedurfte dazu einer Vorbereitung, vor der Teut einen Augenblick zurückschreckte. Diese wilden Geschöpfe gingen in keinem bedächtigen Trauerschritt; sie mußten gejagt, erschöpft werden, um sanften Schrittes des Knaben sterbliche Überreste an den Totenacker zu führen. »Es giebt nichts, was ich Ihnen verweigern würde, Ange,« sagte Teut bewegt und reichte der blassen Kranken die Hand. »Ich gehe jetzt, um alles vorzubereiten.«

Er riß sich gewaltsam von ihr los, besuchte Clairefort, der ganz gebrochen daniederlag, und eilte nach Hause. Hier traf er noch einige auf das Begräbnis bezügliche Anordnungen, und dann ließ er anspannen. Seine zwei Diener mußten sich auf den Rücksitz setzen und nun verließ er die Stadt.

Im Carriere jagte Teut über die Landstraßen, fuhr die ganze Nacht, erbarmungslos auf die Tiere einhauend, und als sie endlich zurückkehrten, als Lux und Lady Anna standen, zitterten sie wie in Fieberschauern und keuchten wie gemarterte Schlachtrufe. Ein Geschirr, mit weißen Rosen, Lilien und Kamelien völlig übersät, war bereits eingetroffen. Es ward Lux und Lady Anna angelegt, und sie selbst vor den dunklen Trauerwagen gespannt, von dem unzählige Rosenbüschel in denselben Farben herabhingen oder zu Blumenkronen aufgebunden waren.

So erreichte Teut, von Scharen Neugieriger gefolgt, die Villa.

Im Hause roch es scharf und unheimlich nach Lebensblumen und Lorbeer, zudem erfüllte eine betäubende Luft alle Räume, denn Kränze und schleifenverzierte Bouquets lagen berghoch in den Vorzimmern.

Endlich war der Augenblick gekommen. Man hob den mit Blüten und Blättern überschütteten Sarg empor und trug ihn hinab.

Teut führte Clairefort und Ange, die jetzt thränenlos vor Schmerz, mit irrem Blick, an seinem Arme hing, ans Fenster, öffnete es und ließ sie hinausschauen.

In diesem Augenblick ertönte in sanften Akkorden ein Trauermarsch, langgezogen, schmerzvoll und jeden Anwesenden bis ins Herz rührend.

Und dann sah Ange auf Teuts Lieblingspferde, die mit gesenkten Köpfen, gleichsam mittrauernd und mitempfindend, dastanden und deren schwarze Leiber von den weißen Abschiedsblumen umwunden waren, die Teut seinem kleinen Freunde Carlitos mit auf den Weg gab.

»Carlitos, Carlitos – mein einziger süßer Knabe! – O Carlos! Teut – Teut!« brach es aus Ange hervor, und in den ersterbenden Blick mischte sich ein Ausdruck dankbarer Hingebung, der Teut für alles belohnen konnte.

Endlich überließen die Männer Ange den Händen der Frauen und schlossen sich den in Trauerkleidern harrenden Geschwistern des Verdorbenen an. Wie sie schön waren mit ihren seinen, blassen Gesichtern und mit ihrem goldenen Haar, und vor allem, wie rührend die kleine Ange aussah, die hinter dem Sarge einherschritt.

Es war, als sei die Mutter noch einmal jung geworden, nun aber kein menschliches Gebilde mehr, sondern ein herabgestiegener Engel mit jenem schwermütigen Verzicht in den ernsten Zügen, welche wir in den Heiligenbildern großer Meister bewundern.

Als die Klänge der Musik in der Ferne verhallt, als die letzten dunklen Gestalten Anges Blick entrückt waren, als nun Wirklichkeit geworden, wogegen sich die Gedanken und Empfindungen der Frau in überqualvollen Tag- und Nachstunden aufgelehnt hatten, da schoß auch der Schmerz noch einmal empor, stieß seine brennenden Zungen in das Herz der geprüften Frau und bewirkte, daß sie mit einem dumpfen Schrei zu Boden fiel.

So fand Tibet, der im Nebenzimmer, bleich wie ein Verurteilter, den Vorgängen draußen mit dem Blick gefolgt war und nun erschrocken herbeieilte, seine schöne, arme, geliebte Herrin.

Wenige Wochen waren vergangen. Teut saß in dem Clairefortschen Wohnzimmer und hatte die kleine Ange auf dem Schoß. Das Kind spielte mit einer silbernen Kette, die aus dem Waffenrock hervorschaute, und zerrte zuletzt daran. Schon oft hatte Ange auf das geheimnisvolle Ticken gelauscht, nun trieb sie heute abermals die Neugierde. »Warte,« sagte Teut gutmütig, löste die Uhr und legte sie in die zarte Hand des holden kleinen Mädchens.

»Carlitos hatte auch eine Uhr,« hob Ange an, während sie mit den Fingerspitzen auf das Glas tupfte. Und zu Teut aufblickend, fuhr sie fort: »Hat er sie mitgenommen? Ist sie auch beim lieben Gott?«

Als Teut nicht gleich antwortete, glitt sie ihm vom Schoß und rief lebhaft: »Danach muß ich Mama fragen!«

Er aber hielt sie fest und zog sie abermals an sich.

»Bleib, Ange. Mama schläft. Wir dürfen sie nicht stören. Ich will Dir alles erzählen: Nein, mein Liebling, seine Uhr hat Carlitos nicht mitgenommen. Die hat Dein Papa. Vielleicht, wenn Du erwachsen bist, erhältst Du sie.«

»Die ist ja viel zu groß! Das ist ja eine Herrenuhr!« rief Ange mit abweisender Wichtigkeit; »Mama hat mir eine kleine versprochen – eine ganz kleine, wie Bella ihre –«

»Bella? Wer ist Bella?«

»Das ist doch meine große Puppe.«

»Ach, verzeih, Ange, daß ich das nicht wußte.«

»Soll ich sie holen?« nickte das Kind lebhaft. Und ohne Antwort abzuwarten, lief sie fort und kam gleich zurück.

»Es geht jetzt nicht, Onkel,« erklärte sie ernsthaft, »Bella schläft.«

»So? Sie schläft? Kannst Du sie nicht wecken? Bitte, bringe sie, damit ich sie kennen lerne.«

Ange schüttelte den reizenden Kopf, aber in das bleiche Gesichtchen stahl sich ein schelmischer Ausdruck.

»Da ist sie ja! Da ist sie ja! Und Du hast gar nichts gemerkt!« jubelte sie, zog das hinter dem Rücken versteckte Püppchen hervor und legte es ihm in die Arme. »Ist sie hübsch, Onkel?«

»Sehr hübsch, Ange.«

»Ich habe noch eine, aber –«

»Nun?«

»Ben hat ihr ein Auge eingestoßen und auch die Nase.«

»Da muß ich Dir wohl eine neue schenken, Ange?«

Die Kleine schüttelte den Kopf.

»Nein? Weshalb nicht?«

»Mama sagt, Du schenktest uns schon so viel. Wir dürften Dich nie mehr um etwas bitten.«

»So, das sagt Mama? Aber Du hast ja nicht gebeten, Ange. Ich habe sie Dir ja angeboten.«

Einen Augenblick sann das Kind und dachte nach, dann nickte es lebhaft:

»Ja, eine recht große, die auch schlafen kann und ein seidenes Kleid hat, Onkel Axel. Schenkst Du sie mir bald – heute?«

»Ich will sehen, Ange. Aber mir fällt etwas ein. Wenn ich Dir nun eine Puppe bringe und den übrigen keine?«

»Die andern spielen ja gar nicht mehr mit Puppen!« rief Ange, Teuts Unwissenheit mit höchster Verachtung strafend.

»Ganz recht! Aber sie möchten gewiß etwas anderes haben, was ihnen Freude macht. Erna wünscht sich vielleicht einen seidenen Sonnenschirm, Jorinde einen neuen Hut, und Ben und Fred möchten gerne kleine Ponys haben.«

»Ja, ja, Onkel Axel,« rief Ange stürmisch, »schenk ihnen Ponys, dann können wir zusammen ausfahren –« Aber sie unterbrach sich ebenso rasch: »Nein, Onkel, es geht doch nicht. Mama will ja nicht, daß Du uns etwas schenkst. Papa erlaubt es nicht.«

Teut horchte auf.

»Er fragte Mama, woher sie ihr Geld hätte. Mama weinte und sagte, daß Du uns Geld geschenkt hättest. Da wurde Papa so böse, daß wir auch alle weinten und hinausgehen mußten. Mama darf nichts von Dir nehmen, Onkel. Nein, Onkel, schenke Ben und Fred keine Ponys. Papa nimmt sie ihnen doch weg, und sie werden bestraft. Aber ich will Papa bitten, ob Du mir eine Puppe schenken darfst. Ja, Onkel? Mama soll ihn bitten.«

Teut antwortete nicht. Es schwirrte ihm noch in den Ohren, was das Kind gesprochen, und seine Gedanken waren weit ab.

»Onkel Axel, Onkel Axel! Hörst Du denn gar nicht?«

»Ja, mein liebes Kind,« flüsterte Teut, wie aus einem Traum erwachend. »Du wirst Deine Puppe erhalten.«

Ange klatschte in die Hände und sprang von ihm fort.


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