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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Ange ward, als sie dem Wagen entstieg und ihre kleine Schar von der Dienerschaft herabgehoben wurde, von dem ernsten Ausdruck überrascht, der sich in Tibets dienen widerspiegelte. Er stand, wie immer, wenn sie zurückkehrte, vorn auf dem Treppenausbau der Villa und öffnete ehrerbietig die Thür.

»Was ist?« fragte sie ängstlich und hieß ihn durch ihre lebhaften Gebärden rascher sprechen, als es seine Gewohnheit war.

»Carlitos hat heute nachmittag einen heftigen Anfall von Ohnmacht und Erbrechen gehabt; wir haben ihn gleich ins Bett gebracht, Frau Gräfin.«

Ange schrie auf und flog die Stufen empor.

»War der Arzt schon da? Ist der Graf in seinem Zimmer?« redete sie hastig im Vorübereilen die Kammerjungfer an, ohne die Antwort abzuwarten. Sie durcheilte die Wohnräume und erreichte das Kinderzimmer. Hinter ihr schoß wie immer der Strom der Kleinen, die rasch abgezogenen Kleider und Hüte in den Händen und achtlos nach sich schleifend.

»Stille, stille, süße Kinder! Unser Carlitos ist nicht wohl!« dämpfte sie, als jene ins Gemach stürmten. Sie saß bereits an dem Bett ihres Knaben und ließ die Hand auf seiner heißen Stirn ruhen. »Wachst Du, mein Carlitos?« flüsterte sie und neigte sich zu ihm herab.

Er wachte nicht und er schlief nichts; er wälzte sich unruhig hin und her, und die Hände erglühten in trockener Fieberhitze. Ange übergab die lebhafte Jorinde und die übrigen Kinder der eintretenden Jungfer und hieß sie ins Speisezimmer hinübergehen. Sie selbst eilte, nachdem sie kühle Tücher über Carlitos' Stirn gelegt, zunächst in das Zimmer ihres Mannes.

Der Graf saß – ein schmerzerweckender Anblick – in seinem großen Stuhl und hatte den Kopf in die Hände vergraben. Die Vorhänge waren fest zugezogen, die mit einem grünen Schirm umgebene Lampe verbreitete ein mattes, schwermütiges Licht, und eine atembeengende Luft erfüllte das Gemach. Dazu die unheimliche Stille und diese peinliche, den Dingen ihr fröhliches Gesicht raubende Ordnung. Ange erschien der dumpfe Raum wie eine Gruft; unwillkürlich schrak sie zusammen. Und kein Lebenszeichen von ihm, als sie die Thür öffnete. Er war entweder eingeschlafen oder eine Erschöpfung hatte ihn in einen halbwachen, willenlosen Zustand versetzt.

»Lieber Carlos!« sagte Ange weich und trat an den Stuhl, in dem die große gebrochene Gestalt ruhte.

»Du wünschest?« fragte eine tiefe Stimme.

»Weißt Du denn nicht, daß unser Carlitos krank ist? Ich komme, Dich zu fragen, was der Arzt gesagt hat. Ich bin in großer Sorge.«

Er neigte langsam und müde den Kopf zur Bestätigung.

»Es ist bis jetzt alles geschehen, was er angeordnet hat. Ich war bei unserem Knaben. Er schläft. Der Doktor meint, man müsse die Nacht abwarten, es würden vielleicht kalte Bäder nötig sein.«

»Und was ist es?« fragte Ange äußerlich ruhig, innerlich von einer unbeschreiblichen Angst verzehrt.

»Ich weiß es nicht,« sagte Clairefort tonlos und ließ das Haupt wieder in die gestützte Rechte zurückfallen.

Sie sank neben ihm herab und ergriff die schlaff herabhängende Linke. »Mein Carlos!« hauchte sie leise und innig.

Er gab den Druck sanft zurück, aber er hob sie nicht auf, und für Augenblicke schien es in dem Gemach wie ausgestorben. Nur ein leises Schluchzen war vernehmbar, das aus Anges bedrängter Seele emporstieg. Sie wußten beide, um was es sich handelte, weshalb sie neben ihm hingesunken war und weinte.

War das derselbe Mann, der einst um Ange von Butins Hand geworben, der kräftige Mann, aus dessen Augen das Leben blitzte?

Wie hatte man Ange ihr Glück geneidet! Er hatte sie umworben wie kaum ein Mann ein Weib zuvor. Ihr Lächeln, ihr sanfter Blick berauschten ihn, ihre Fröhlichkeit riß auch ihn mit fort, und jede noch so thörichte Hoffnung auf eine ewige Dauer des Glückes teilte er mit ihr.

Und wie Carlitos geboren ward und später Jorinde und Erna – hatte er nicht im ungestümen Freudentaumel das Haus mit Blumen schmücken lassen, seine Umgebung beschenkt und täglich stundenlang dankerfüllt an ihrem Bett gesessen? Und ähnlich war's noch, als die beiden schönen Knaben zur Welt kamen. Er plante mit Ange, was sie dermaleinst werden sollten, wie er für ihre, für der übrigen Zukunft sorgen könne.

Bei der Geburt der kleinen Ange hatte sich schon manches anders gestaltet. Clairefort war nicht mehr so herzlich, so teilnehmend: andere Dinge beschäftigten ihn.

Es schien, als ob ihn etwas heftig bedrücke, als ob ein schwerer Kummer an ihm nage. Die Rückkehr zu einer heiteren, sorgloseren Stimmung war immer nur eine vorübergehende, und sie war stets mit einem sichtlichen Zwang verbunden. Und dann wurde er immer finsterer, immer wortkarger, immer ausweichender, lebte nur für sich, schalt wohl einmal in heftigem Zorn, aber flüchtete sich doch wieder in seine Einsamkeit.

Bei der Übersiedelung nach C. ergriff ihn scheinbar noch einmal die alte Freude am Leben. Er überschüttete Ange mit Zärtlichkeit, lauschte ihre Wünsche ab und sprach von einem neuen Leben in neuen Verhältnissen. Auch verkehrte er nicht mehr so abgeschlossen und geheimnisvoll mit Tibet.

Aber bald war's wieder wie ehedem, ja schlimmer, denn der alte Kummer schien ihn von neuem zu bedrücken, und auch die Eifersucht verzehrte ihn. Und doch suchte er sein Weib nicht an sich heranzuziehen, und nur vorübergehend war er verständigen Auseinandersetzungen zugänglich. Allmählich ward er leidend die nervösen Beschwerden nahmen zu. Der Arzt hatte es ausgesprochen, es war nicht zu verbergen: ein unheilbares Rückenmarkleiden zehrte an ihm. Zuletzt kam er um seinen Abschied ein.

Nun saß er da; kein Mann, kein Soldat, kein Reitersmann mehr, gebrochen, ein lebensmüder Greis, leise oder laut in Schmerzen wimmernd.

Aber nicht körperliche Leiden hatten allein ihn gelähmt. Er hatte geklagt über jede Ausgabe und doch nicht die Kraft gehabt, etwas zu ändern, oder etwas zu verweigern.

Ja, gewiß, auch die Sorgen quälten und verfolgten ihn.

Und neben diesem gedachte Ange Teuts. Welch ein Mann, welch ein Freund! Wie er eingegriffen hatte in die Verhältnisse, wie er alles so wohl gestaltet, und wie mürrisch ihm Carlos gedankt hatte.

Was sollte nur werden! Wie traurig, wie trostlos starrte der Frau das Leben und die Zukunft entgegen! Heute war sie, von Teut wiederholt ermuntert, einmal wieder hinausgefahren und hatte sich hineingeträumt für Stunden in die alten sorglosen Zeiten.

Ihre Gedanken wurden aber durch die Erinnerung an Carlitos unterbrochen.

»Carlos, mein Carlos!« flüsterte sie. »Ich leide entsetzlich, weil ich weiß, daß Du leidest. Sag, Carlos« – sie stockte; sie drückte seine Hand und legte ihr Köpfchen an seine Schulter – »liebst Du mich noch?«

»O Ange – Ange!« preßte der Mann hervor. »Ob ich Dich liebe?«

Plötzlich wandte er sich mit mühsamer, aber rascher Bewegung zu ihr, umfaßte sie mit seinen Armen, hob sie empor und bedeckte ihr Gesicht mit Küssen und – mit Thränen.

»Sag mir, was Dich beunruhigt, mein Carlos, was Dich bedrückt neben Deiner Krankheit, um die ich Tag und Nacht sorge,« hob Ange endlich an und schmiegte sich fester an die Brust ihres Mannes.

Clairefort zitterte, als ob er an ein Verbrechen erinnert werde. Sie fühlte es. Ein drängendes, unerklärlich angstvolles Gefühl jagte durch ihr Inneres.

Aber er stand ihr nicht Rede, selbst jetzt nicht, wo ihre Seelen in Liebe und Zärtlichkeit zusammenschmolzen, selbst jetzt nicht, wo das Höchste sie ergriff, was Menschenbrust zu durchdringen vermag.

Sie war zu vornehm geartet, etwas erzwingen zu wollen, was ihr nicht freiwillig gewährt wurde. Und um ihn nicht im Zweifel zu lassen, flüsterte sie besänftigend:

»Nicht Neugierde läßt mich bitten, mein einziger teurer Carlos, nur Sorge – Sorge – um Dich –«

Die letzten Worte wurden erdrückt durch ihr Schluchzen. Er aber seufzte, von Seelenschmerz gefoltert, tief auf, und nun sein Haupt an ihrer Brust bergend wie ein Kind, hauchte er: »O Ange, Ange, Du Engel – nicht nur dem Namen nach ein Engel!«

Nachdem Ange ihren Mann verlassen hatte, beherrschte sie nur der einzige Gedanke, wie sie ihrem Kinde helfen könne. Sie ordnete an, daß noch einmal zum Doktor gesandt werde, und widerrief es doch wieder, weil er kaum vor einer Stunde das Haus verlassen hatte. Sie befahl, anzuspannen, um zu ihm zu fahren, und doch sandte sie den Wagen wieder fort. Endlich beschloß sie noch einen anderen Arzt zu Rate zu ziehen und dies bei jenem am nächsten Tage durch ihre Angst und Sorge zu entschuldigen. Sie schrieb auch wirklich ein Billet, und ein Diener mußte damit forteilen; aber er kam unverrichtet Sache zurück, da jener aufs Land gerufen war.

Nun endlich wandte sie sich mit ihren Gedanken zu Teut.

Konnte sie den Freund in so später Abendstunde zu sich bitten?

Sie hockte an dem Bett des Knaben und betrachtete jede seiner Bewegungen. Ach, wenn sie ihm doch nicht nachgegeben hätte, als er darauf bestand, zurückzubleiben, um in dem nahgelegenen Weiher zu fischen! Dort konnten giftige Dünste emporgestiegen sein – er mochte sich heftig erkältet haben – oder ihm war gar ein Unfall zugestoßen, den er verschwiegen hatte. So ging es in ihr auf und ab. Immer von neuem kühlte sie des Knaben Stirn, rückte ihm das Kopfkissen, horchte, lauschte auf seine Atemzüge und war zärtlich und ängstlich um ihn besorgt.

Aber die Krankheit nahm nach Mitternacht einen heftigeren Charakter an. Carlitos wollte aus dem Bett und sprach wirre Dinge.

Er kämpfte mit ihr, während sie ihm weinend widerstand.

»Ach, sei doch ruhig, mein lieber Carlitos, ich flehe Dich an! Siehst Du nicht, daß Deine Mama bei Dir ist! Bitte, bitte, Carlitos, bleibe liegen und rege Dich nicht auf!«

Aber er kannte sie schon nicht mehr, er raste in heftigem Fieber.

In Todesängsten zog Ange die Schnur. Tibet erschien. Er saß geduldig wartend im Nebenzimmer. »Gehen Sie, gehen Sie und sehen Sie, ob der Graf noch wacht. Wenn er kommen kann, bitten Sie ihn zu mir; sollte er aber ruhen –« Jetzt rührte sich der Knabe wieder und schlug um sich.

»O Tibet, Tibet, mein Kind! Nein, nein, hören Sie! Eilen Sie! Man soll eine Wanne bringen, Eiswasser und dann – Ich danke Ihnen im voraus, Tibet! Eilen Sie zu Herrn von Teut, sagen Sie ihm, ich ließe ihn flehentlich bitten, zu kommen! Nicht wahr, der Doktor sagte, man solle, wenn das Fieber schlimmer werde, ihn kalt begießen? Ah, und die Fenster sind geschlossen! Wir müssen sie öffnen! Ich hörte, Luft, frische Luft sei vor allem nötig!«

Und Tibet eilte fort, und die Frau war wieder allein mit ihrer Sorge und Angst.

Teut war erschienen, hatte getröstet und hatte geholfen. Er setzte den Kleinen in die Wanne und tropfte Wasser aus großen Schwämmen über das heißglühende Haupt; er hob ihn vom Lager und bettete ihn von neuem; er ordnete an, daß die übrigen Kinder in andere Gemächer geschafft wurden, und bewirkte durch seine Fürsorge, daß Carlitos gegen Morgen in einen ruhigeren Schlaf versank.

Aber war es, daß gegen dieses Rasen des Fiebers keine menschliche Hilfe etwas vermochte, oder daß das unerforschliche Schicksal es bestimmt hatte – das Herz dieser holden Frau sollte brechen. Nach zeitweiliger Besserung tobte die Krankheit nur noch heftiger, und was man mit allen Mitteln zu bannen suchte, schien sich lediglich zu verstärken.

Die Ärzte suchten zu trösten, aber das Kind war verloren. Nach mehrtägigem Ringen fielen des Knaben Wangen ein, eine seltsame Farbe bedeckte sein Gesicht, trocken wurde Stirn und Hände, aus dem Munde drang ein Hauch, vor dem Ange erbebte, und endlich – es ging ein Schrei durch das Krankenzimmer – erlosch der Herzschlag des Kindes.


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