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Eine vornehme Frau

Hermann Heiberg: Eine vornehme Frau - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
authorHermann Heiberg
titleEine vornehme Frau
publisher
year1886
correctorreuters@abc.de
senderpg-us#12113
created20080717
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Die Zeit war vergangen.

Teut hatte durchgesetzt, was er wollte. Der größte Teil der Dienerschaft wurde entfernt. In das Hauswesen, in Küche und Keller kam eine andere Ordnung, in die Erziehung der Kinder ein anderer Geist. Die neue Gouvernante erhielt die gemessensten Befehle und empfing Vollmachten, die verhinderten, daß das frühere planlose Treiben fortgesetzt wurde.

Unter dem Vorgeben, daß ein trauriges Familienereignis verbiete, Gesellschaften mitzumachen und in gewohnter Weise Besuch im Hause zu empfangen, ward auch diese kostspielige Seite des bisherigen Lebens einschränkt, und Ange mußte sich dazu verstehen, mit einer streng begrenzten Summe die eigene Toilette und die ihrer Kinder zu bestreiten. Das alles schaute sie mit harter Nüchternheit an; die Schule des Lebens schlägt ihre Pfade nicht durch blühende Büsche, sie fordert Entbehrungen und Kämpfe.

»Wo sind die Kinder?« fragte Ange, und die Antwort hieß: »Sie lernen, sie haben Unterricht.« Wenn sie den Kopf in die Thür steckte, sah sie das strenge, unbewegliche Gesicht der neuen Gouvernante und oft genug ein Thränlein in den Augen ihrer Lieblinge. Die Befriedigung augenblicklicher Neigungen stieß auf Schwierigkeiten. Wenn sie Einkäufe gemacht hatte und die Rechnung vorgelegt wurde, gab es Szenen mit Carlos. Er sandte den Diener ohne Geld zurück und dieser stand ratlos da. Tibet lief mit bedrückter Miene hin und her, und durch die offene Thür sah Ange den wartenden Boten, der nicht befriedigt wurde, und die betroffenen Gesichter ihrer Umgebung, die ihre stummen Bemerkungen machten.

»Konrad soll anspannen!« befahl sie, und wenn sie zum Ausfahren gerüstet, hinabsteigen wollte, stand statt des Wagens der Kutscher vor ihr und erklärte, das eine Pferd sei krank. Ange fragte nicht, weshalb man statt der Schimmel nicht die Braunen anspanne; die Braunen waren verkauft worden.

Wenn es ihr plötzlich durch den Kopf fuhr, wie früher Freunde um sich zu versammeln, schüttelte Carlos den Kopf, und statt des reich beladenen Frühstückstisches, welcher für gern gesehene Gäste immer bereit gewesen war, standen nun kleine Brotschnittchen neben einer bereits angebrochenen Flasche Wein auf der sauber gedeckten, aber kargen Tafel.

Nichts durfte mehr angeschrieben werden. Tibet erklärte, lediglich Geld für die täglichen Bedürfnisse zu haben und besondere Ausgaben nur nach Rücksprache mit dem Grafen bestreiten zu können.

Drunten in Küche und Stall begegnete man mürrischen Mienen. Teils wirkte die Kündigung nach, teils verglich man die alten Zeiten mit den neuen und fand sich enttäuscht. Die reichlichen Trinkgelder, welche die Gäste bei dem täglichen Verkehr und nach den vielen Gesellschaften in die Hände der Dienerschaft hatten gleiten lassen, blieben jetzt aus.

Die Familie Clairefort ward von ihrer eigenen Umgebung hämisch und tadelnd beschwatzt, und an die plötzlichen Veränderungen und Einschränkungen knüpften sich zudem die übertriebenen Vermutungen.

Bisweilen wandte sich Ange in ihrer Ratlosigkeit an Carlos und bat ihn, in einigen Dingen nachzugeben. Sie schilderte ihm die vielen kleinen Ungelegenheiten, berichtete von diesem und jenem und forderte Abhilfe. Wenn sie dann so eindringlich auf ihn einsprach und mit ihrer bezaubernden Art durchzusetzen versuchte, was sie wünschte, gab er wohl nach; ja einigemal brauste er sogar auf, und böse Worte gegen Teut entschlüpften ihm.

Aber nur, wenn Erinnerungen an frühere Zeiten seinen Stolz weckten, wenn er Teuts Hand allzu deutlich zu erkennen glaubte, dann überfiel ihn ein eigensinniger Widerstand, und die Eifersucht verführte ihn zu falschen Deutungen. Es erfolgten dann Auseinandersetzungen mit dem Rittmeister, der aber stets ruhig blieb und immer wieder auf die festen Abmachungen verwies, welche von Anbeginn vereinbart waren.

Anges Klagen entstanden freilich immer nur aus Hilflosigkeit; sie dachte niemals an sich. Wenn aber das Schluchzen der Kinder über die ihnen geraubte Freiheit an ihr Ohr schlug, verließen sie alte guten Vorsätze. Oft flüchtete sie sich mit ihrem Kummer in ein entfernteres Gemach und weinte sich dort aus. Es gab Augenblicke, wo sie hätte Teut hassen können.

Aber dieser feste Charakter ließ sich nicht beirren. Es schien, als ob er unempfindlich sei gegen jeden Angriff, jeden Vorwurf und Tadel. In seiner kurzen, bestimmten Art verteidigte er seinen Standpunkt, ließ sich nicht überreden und nicht überzeugen, und nur einmal, als es ihm gar zu arg wurde, riß er an dem langen Schnurrbart und rief:

»Entweder – oder! Ich habe Euer beiderseitiges Wort! Reut es Euch, macht's nach Eurem Behagen!«

Freilich sah Teut auch, nachdem er alles geordnet, daß die Fröhlichkeit ihren. Auszug aus dem Hause gehalten hatte. Clairefort ward ernster, mißmutiger, unzugänglicher als je, und Ange, der leichtbeschwingte Vogel, der Freiheit und Bewegung, Licht und Luft um sich fühlen mußte, ließ die Flügel hängen. Einigemal griff sich Teut an die Stirn und überlegte, ob er auch recht gehandelt habe. Allerdings, verständige Verhältnisse waren geschaffen, aber alles schien in dem Hause geknickt. Die Kinder, diese frischen, ungebundenen und zärtlichen Geschöpfe, schlichen eingeschüchtert und befangen umher. Die Zucht in den Schulstunden, die Arbeiten, die sie außer diesen beschäftigten, der jetzt fehlende fröhliche Trost, den sie früher bei Mama Ange fanden, machte sie verdrossen und verschlossen, und es zeigte sich, daß sie der Geist der Mutter beherrsche, der nun einmal nur im hellen Sonnenlicht und in der Freiheit gedeihen konnte. Und die Rückwirkung blieb auch bei Teut trotz äußerer Unempfindlichkeit nicht aus. Mit Wehmut sah er, wie ernst Ange geworden war und wie sie sich nach dem alten, zwanglosen Leben zurücksehnte. Selten noch tönte ihr helles, herzliches Lachen durch die Räume.

Einmal fand er sie weinend unter den Kindern sitzen und sich mühend, ihnen bei ihren Arbeiten zu helfen. Kein heiterer Zug glitt über ihr Gesicht, als Teut sich näherte, und die wohlerzogenen Kleinen erhoben sich, gaben ihre Händchen und machten ihre Knixe, statt wie früher stürmisch auf ihn zuzueilen und ihn zu umschlingen.

Jeden Tag sandte Teut das frische Bouquet, jeden Tag nahm es Ange entgegen, aber sie hatte keine Freude mehr daran. »Ach, schicken Sie doch nicht die schönen Blumen, Teut; sie verwelken ja doch – und es ist überflüssig – und kostspielig –«

Sie wandte sich ab und suchte ihre Thränen zu verbergen.

»Ange! Ange!« rief Teut. »Das von Ihnen? Sagen Sie mir, was Sie bekümmert, weshalb Sie so hart, so ungerecht gegen mich sind?«

»Schaffen Sie die Gouvernante aus dem Hause; ich hasse die Person!« rief Ange in furchtbarer Erregung. »Aber bald, bald, sonst passiert ein Unglück! Sie vergiftet meine süßen Kinder mit ihrer Strenge, ihrer Pedanterie und ihrer scheinheiligen Christenlehre. Sehen Sie doch – was man aus ihnen gemacht hat? Ist das noch mein feuriger Carlitos, sind das meine Erna und Jorinde; und die beiden besten Kinder, Ben und Fred? Was ist aus ihnen geworden? Ange habe ich ihr schon entzogen! Sie hat das kleine Geschöpf mit einem Lineal geschlagen! O, ich erwürge diese Person nächstens!«

»Ange, Ange, beruhigen Sie sich! Vieles kann ja nach Ihren Wünschen geschehen! Carlos wird gewiß gutheißen, was Sie verständigerweise anordnen.«

»Er? Der? Sitzt er nicht auf seinem Zimmer und grübelt den ganzen Tag? Sehen wir ihn anders als bei den Mahlzeiten? Ist er noch mein bester, heißgeliebter Mann? – Ein verdrießlicher Hypochonder, ein rauher, abwehrender Mensch hockt drüben, der an nichts Freude hat – nicht einmal« – jetzt traf bitterliches Schluchzen Teuts Ohr – »an seiner Familie, an seinen Kindern! O, wie grenzenlos unglücklich bin ich! Wo ist die alte, gute Zeit geblieben! Unser Haus ist ja eine Totengruft geworden!«

Unter heftiger Bewegung hörte Teut das alles an. Trug er denn die Schuld? Hatte er das alles heraufbeschworen? – Vielleicht! Er erkannte, daß meistens nur die Not selbst zur Lehrmeisterin der Menschen wird. Er hatte eingegriffen in die Pläne des Schicksals. Statt aus dem Regen den Sonnenschein von neuem hervorbrechen zu lassen, hatte er diesem zu frühzeitig ein Dach gebaut, und ein Dach, welches das goldene Licht verscheuchte.


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