Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adam Smith >

Eine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes. Zweiter Band

Adam Smith: Eine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes. Zweiter Band - Kapitel 8
Quellenangabe
authorAdam Smith
titleEine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes. Zweiter Band
publisherVerlag von Gustav Fischer
year1923
translatorErnst Grünfeld
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180227
projectid35c4f0e1
Schließen

Navigation:

Drittes Buch.
Das verschiedene Fortschreiten zum Reichtum bei verschiedenen Völkern.

Erstes Kapitel.
Das natürliche Fortschreiten zum Reichtum.

Der Haupthandel jeder zivilisierten Gesellschaft ist der, der zwischen den Bewohnern der Stadt und denen des Landes getrieben wird. Er besteht in dem Austausch von rohen gegen verarbeitete Produkte, der entweder unmittelbar oder durch Geld oder eine Art Geld darstellendes Papier vermittelt wird. Das Land versorgt die Stadt mit Lebensmitteln und mit den Materialien der Manufakturen. Die Stadt bezahlt diese Zufuhr, indem sie einen Teil der verarbeiteten Produkte an die Bewohner des Landes zurücksendet. Von der Stadt, in der weder eine Erzeugung neuer Stoffe vorgeht noch vorgehen kann, kann man mit Recht sagen, daß sie ihren ganzen Wohlstand und Lebensunterhalt von dem Lande gewinne. Doch muß man darum nicht glauben, daß der Gewinn der Stadt ein Verlust des Landes sei. Die Gewinne beider sind wechselseitig und abwechselnd, und die Teilung der Arbeit ist in diesen, wie in allen anderen Fällen, allen Personen nützlich, die sich in die verschiedenen Geschäfte in die sie zerlegt ist, teilen. Die Bewohner des Landes kaufen von der Stadt eine größere Menge verarbeiteter Güter mit dem Produkte einer weit kleineren Menge ihrer eigenen Arbeit, als sie bei dem Versuch, sich jene Güter selbst zu machen, hätten aufwenden müssen. Die Stadt bietet für das überschüssige Produkt des Landes oder für das, was nach Abzug des Unterhalts seiner Bebauer übrig bleibt einen Markt; und auf dem tauschen die Landbewohner den Überschuß gegen andere Dinge ein, die ihnen nötig sind. Je größer die Zahl und das Einkommen der Städter ist, um so ausgedehnter ist der Markt, den die Stadt den Landbewohnern verschafft; je ausgedehnter aber dieser Markt ist, um so größeren Vorteil bringt er einer großen Zahl. Das Getreide, das innerhalb einer Meile von der Stadt wächst, wird in ihr zu demselben Preise verkauft wie dasjenige, welches zwanzig Meilen weit herkommt. Nun muß aber der Preis des letzteren im allgemeinen nicht nur die Kosten decken, mit denen es erzeugt und auf den Markt gebracht wurde, sondern muß auch noch dem Pächter die üblichen Profite des Ackerbaues verschaffen. Daher gewinnen die Eigentümer und Bebauer des in der Nähe der Stadt gelegenen Landes in dem Preise dessen, was sie verkaufen, außer den üblichen Ackerbauprofiten noch den ganzen Frachtwert der gleichen Produkte, die aus entfernteren Gegenden herbeigebracht werden, und ersparen außerdem noch diesen ganzen Frachtwert in dem Preise dessen, was sie kaufen. Man vergleiche die Kultur der nahe bei einer größeren Stadt liegenden Ländereien mit der Kultur derer, die einigermaßen von ihr entfernt sind, und man wird sich leicht davon überzeugen, wie sehr das Land durch den Verkehr mit der Stadt gewinnt. Trotz aller abgeschmackten Theorien, die über die Handelsbilanz verbreitet worden sind, ist doch noch nie behauptet worden, daß das Land durch seinen Handel mit der Stadt, oder die Stadt durch ihren Handel mit dem Lande, das sie ernährt, verliere.

Da die Lebensmittel nach der Natur der Dinge der Bequemlichkeit und dem Luxus vorangehen, so muß auch notwendig das Gewerbe, welches die ersteren herbeischafft, dem, welches die letzteren erzeugt, vorangehen. Es muß also notwendig die Kultur und Verbesserung des Landes, das die Lebensmittel liefert, älter sein als das Wachstum der Stadt, die nur die Mittel zu Bequemlichkeit und Luxus herbeischafft. Nur das überschüssige Produkt des Landes, oder das, was nach Abzug des Unterhalts seiner Bebauer übrig bleibt, bildet die Nahrung der Stadt, die daher nur mit dem Wachsen dieses Überschusses wachsen kann. Freilich braucht die Stadt nicht immer alle ihre Lebensmittel von dem Lande in ihrer nächsten Umgebung oder auch nur von dem Gebiete, zu dem sie gehört, sie kann sie vielmehr aus weit entfernten Ländern beziehen; und dies hat, obgleich es keine Ausnahme von der allgemeinen Regel bildet, doch in verschiedenen Zeiten und Ländern beträchtliche Veränderungen in dem Fortschreiten zum Wohlstande verursacht.

Diejenige Ordnung der Dinge, welche die Notwendigkeit zwar im allgemeinen, aber nicht in jedem einzelnen Lande gebietet, wird in jedem einzelnen Lande durch die natürlichen Neigungen der Menschen befördert. Hätten niemals menschliche Einrichtungen diese natürlichen Neigungen durchkreuzt, so hätten sich die Städte nirgends weiter vergrößern können, als es die Kultur und Verbesserung des Gebietes, in dem sie gelegen waren, ertrug, wenigstens so lange nicht, bis dieses Gebiet vollständig kultiviert und vervollkommnet war. Bei gleichen oder fast gleichen Profiten werden es die meisten Menschen vorziehen, ihr Kapital lieber auf die Kulturverbesserung von Land als auf die Manufakturen oder den auswärtigen Handel zu verwenden. Der Mann, der sein Kapital in Ländereien anlegt, hat es mehr unter Augen und in seiner Gewalt, und sein Vermögen ist weniger Unglücksfällen ausgesetzt, als das des Geschäftsmannes, der es oft nicht nur Wind und Wellen, sondern auch den weit unsichereren Elementen menschlicher Torheit und Ungerechtigkeit überlassen muß, indem er in entfernten Ländern Leuten Kredit gibt, über deren Charakter und Lage er selten gut berichtet sein kann. Das Kapital des Grundeigentümers scheint dagegen, da es in dem bebauten Boden festgelegt ist, so weit gesichert zu sein, als es die Natur menschlicher Angelegenheiten überhaupt erlaubt. Die Schönheit der Natur, die Freuden des Landlebens, die Ruhe des Gemütes, die es in Aussicht stellt, und, soweit nicht die Ungerechtigkeit menschlicher Gesetze stört, die Unabhängigkeit, die es gewährt, haben Reize, die einen jeden mehr oder weniger anziehen; und wie es die ursprüngliche Bestimmung des Menschen war, den Boden zu bebauen, so scheint er auf jeder Stufe seines Daseins eine Vorliebe für diese primitive Beschäftigung behalten zu haben.

Ohne den Beistand gewisser Handwerker könnte freilich der Anbau des Landes nur mit großer Unbequemlichkeit und fortwährender Unterbrechung betrieben werden. Schmiede, Zimmerleute, Pflug- und Rademacher, Maurer und Steinmetze, Gerber, Schuhmacher und Schneider sind Leute, deren Dienst der Landmann oft braucht. Auch diese Handwerker bedürfen des wechselseitigen Beistandes untereinander, und da ihr Aufenthalt nicht wie der des Landmannes notwendigerweise an einen bestimmten Fleck gebunden ist, so siedeln sie sich natürlich nahe beieinander an und bilden so ein Städtchen oder Dörfchen. Bald gesellt sich auch der Fleischer, der Brauer und der Bäcker samt manchem anderen Handwerker und Kleinhändler dazu, die zur Befriedigung ihrer gelegentlichen Bedürfnisse nötig oder nützlich sind und weiter zur Vergrößerung der Stadt beitragen. Die Bewohner der Stadt und die des Landes leisten einander gegenseitig Dienste. Die Stadt ist ein fortwährender Jahrmarkt, auf den sich, die Landleute begeben, um ihre rohen Produkte gegen verarbeitete zu vertauschen. Dieser Verkehr versorgt zugleich die Städter mit den Materialien zu ihrer Arbeit und mit Lebensmitteln. Die Menge fertiger Waren, die sie an die Landbewohner verkaufen, bestimmt notwendigerweise auch die Menge von Materialien und Lebensmitteln, die sie kaufen. Es kann also weder ihre Beschäftigung noch ihr Unterhalt sich vermehren, außer in dem Verhältnis, als sich die Nachfrage des Landes nach ihren fertigen Waren vermehrt; und diese Nachfrage kann wieder nur in dem Verhältnisse zum Anbau und zur Bodenverbesserung zunehmen. Hätten also menschliche Einrichtungen niemals den natürlichen Lauf der Dinge gestört, so würden Reichtum und Größe der Städte in jeder politischen Gesellschaft die Folge des Anbaues und der Kultur des Gebietes oder Landes und ihr gemäß gewesen sein.

In unseren nordamerikanischen Kolonien, wo unbebautes Land noch zu leichten Bedingungen zu haben ist, sind noch in keiner ihrer Städte Manufakturen für den auswärtigen Verkauf errichtet worden. Wenn in Nordamerika ein Handwerker etwas mehr Kapital gesammelt hat als zum Betrieb seines eigenen Geschäftes, der Versorgung des benachbarten Landes nötig ist, so versucht er damit nicht, eine Manufaktur für den Verkauf in entfernte Gegenden zu errichten, sondern verwendet es auf den Ankauf und die Kultur unbebauter Ländereien. Er wird aus einem Handwerker ein Landmann, und weder der große Arbeitslohn noch der leichte Unterhalt, den dieses Land den Handwerkern gewährt, vermag ihn dahin zu bringen, daß er lieber für andere Leute als für sich arbeitete. Er fühlt, daß ein Handwerker der Knecht seiner Kunden ist, von denen er seinen Lebensunterhalt empfängt, daß dagegen ein Landmann, der sein eigenes Land bebaut und seinen notwendigen Lebensunterhalt durch die Arbeit seiner eigenen Familie gewinnt, wirklich ein Herr und von aller Welt unabhängig ist.

Dagegen sucht in Ländern, wo entweder kein unangebautes Land mehr vorhanden oder doch nicht zu leichten Bedingungen zu haben ist, jeder Handwerker, der mehr Kapital gesammelt hat, als er in den gelegentlichen Geschäften mit der Umgegend anwenden kann, Arbeiten auszuführen, die sich in entfernteren Gegenden verkaufen lassen. Der Schmied errichtet irgendeine Eisen-, der Weber irgendeine Leinen- oder Wollenmanufaktur. Diese verschiedenen Manufakturen teilen sich im Verlauf der Zeit immer weiter und vervollkommenen und verfeinern sich so auf die mannigfachste Art, wie jeder sich leicht selbst denken kann, und wie ich also hier nicht weiter auseinanderzusetzen brauche.

Wenn für ein Kapital Verwendung gesucht wird, so zieht man bei gleichen oder fast gleichen Profiten Manufakturen natürlich dem auswärtigen Handel vor, aus demselben Grunde, aus dem man den Ackerbau den Manufakturen vorzieht. Wie das Kapital des Grundherren oder Pächters sicherer ist, als das des Manufakturisten, so ist das Kapital des Manufakturisten, da er es immer mehr unter Augen und in seiner Gewalt hat, sicherer als das des Kaufmanns, der auswärtigen Handel treibt. Zwar muß in jeder Periode jeder Gesellschaft der überschüssige Teil des rohen sowie des verarbeiteten Produktes, oder dessen, wonach im Lande selbst keine Nachfrage herrscht, nach auswärts versandt und gegen andere Dinge vertauscht werden, nach denen im Lande Nachfrage herrscht. Ob aber das Kapital, das jenes überschüssige Produkt ausführt, ein fremdes oder inländisches ist, ist von sehr geringer Bedeutung. Wenn die Gesellschaft nicht Kapital genug gesammelt hat, um alle ihre Ländereien anzubauen und ihr ganzes Rohprodukt völlig zu verarbeiten, so ist es sogar sehr vorteilhaft, wenn dieses Rohprodukt von einem fremden Kapital ausgeführt wird, damit das ganze Kapital der Gesellschaft auf nützlichere Weise verwendet werden könne. Der Wohlstand des alten Ägyptens, Chinas und Indostans beweist hinlänglich, daß eine Nation einen hohen Grad von Reichtum erreichen kann, wenngleich der größte Teil ihres Ausfuhrhandels von Fremden betrieben wird. Der Fortschritt unserer nordamerikanischen und westindischen Kolonien würde weit weniger schnell gewesen sein, wenn kein anderes als ihr eigenes Kapital auf die Ausfuhr ihres überschüssigen Produktes verwendet worden wäre.

Dem natürlichen Laufe der Dinge gemäß wird also der größte Teil von dem Kapital jeder aufblühenden Gesellschaft zuerst auf den Landbau, dann auf die Gewerbe, und zuletzt auf den auswärtigen Handel gelenkt. Diese Ordnung der Dinge ist so durchaus natürlich, daß sie, wie ich glaube, in jeder Gesellschaft, die nur einigen Gebietsumfang hatte, jederzeit in irgendeinem Grad beobachtet worden ist. Ein Teil ihres Gebiets mußte angebaut worden sein, ehe irgendeine nennenswerte Stadt entstehen konnte, und irgendwelche gröbere Gewerbstätigkeit nach Art der Manufakturen mußte in diesen Städten bereits getrieben worden sein, ehe man daran denken konnte, sich auf den auswärtigen Handel einzulassen.

Aber obgleich diese natürliche Ordnung der Dinge in jeder solchen Gesellschaft in irgendeinem Grade stattfinden mußte, so ist sie doch in allen neueren Staaten Europas in mancher Beziehung gänzlich umgekehrt worden. Der auswärtige Handel hat in einigen ihrer Städte alle ihre feineren Manufakturen oder solche, die für auswärtigen Absatz sich eignen, eingeführt; und den Manufakturen und dem ausländischen Handel zusammen verdanken die hauptsächlichsten Verbesserungen im Landbau ihre Entstehung. Die Sitten und Gewohnheiten, welche die Natur ihrer ursprünglichen Regierung in diesen Staaten einführte, und die sich forterhielten, nachdem diese Regierung große Veränderungen erfahren hatte, zwangen sie in diese unnatürliche und zurückschreitende Ordnung hinein.

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.