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Eine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes. Erster Band

Adam Smith: Eine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes. Erster Band - Kapitel 5
Quellenangabe
authorAdam Smith
titleEine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes. Erster Band
publisherVerlag von Gustav Fischer
year1923
translatorErnst Grünfeld
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180221
projectid3afe7ebd
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2. Kapitel.
Das Prinzip, welches zur Arbeitsteilung führt.

Diese Arbeitsteilung, aus welcher so viele Vorteile sich ergeben, ist nicht ursprünglich das Werk menschlicher Weisheit, welche die allgemeine Wohlhabenheit, zu der es führt, vorhergesehen und bezweckt hätte. Sie ist die notwendige, wiewohl sehr langsame und allmähliche Folge eines gewissen Hanges der menschlichen Natur, der keinen solch ausgiebigen Nutzen erstrebt, des Hanges zu tauschen, zu handeln und eine Sache gegen eine andere auszuwechseln.

Ob dieser Hang eines jener Urelemente der menschlichen Natur ist, von denen sich weiter keine Rechenschaft geben läßt, oder ob er, was mehr Wahrscheinlichkeit für sich hat, die notwendige Folge des Denk- und des Sprachvermögens ist, das gehört nicht zu unserer Untersuchung. Er ist allen Menschen gemein und findet sich bei keiner Art von Tieren, die weder diese noch andere Verträge zu kennen scheinen. Zwei Windhunde, welche zusammen einen Hasen jagen, haben zuweilen den Anschein, als handelten sie nach einer Art von Einverständnis. Jeder jagt ihn seinem Gefährten zu, oder sucht, wenn ihn sein Gefährte ihm zutreibt, ihn abzufangen. Das ist jedoch nicht die Wirkung eines Vertrages, sondern kommt von dem zufälligen Zusammentreffen ihrer gleichzeitigen Begierden bei demselben Objekte. Kein Mensch sah jemals einen Hund mit einem anderen einen gütlichen und wohlbedachten Austausch eines Knochens gegen einen anderen machen. Kein Mensch sah jemals ein Tier durch seine Geberden und Naturlaute einem anderen andeuten: »Dies ist mein, jenes dein; ich bin willens, dies für jenes zu geben«. Wenn ein Tier von einem Menschen oder einem anderen Tiere etwas erlangen will, so hat es keine anderen Mittel, sie dazu zu bewegen, als daß es die Gunst derer gewinnt, deren Dienst es begehrt. Ein junger Hund liebkost seine Mutter, und ein Hühnerhund sucht auf tausenderlei Weise sich seinem bei Tische sitzenden Herrn bemerklich zu machen, wenn er von ihm etwas zu fressen haben will. Der Mensch bedient sich bisweilen derselben Mittel bei seinen Mitmenschen, und wenn er kein anderes Mittel kennt, um sie zu bewegen, nach seinem Wunsche zu handeln, so sucht er durch alle möglichen knechtischen und kriecherischen Aufmerksamkeiten ihre Willfährigkeit zu gewinnen. Er hat jedoch nicht Zeit, dies in jedem einzelnen Falle zu tun. In einer zivilisierten Gesellschaft befindet er sich jederzeit in der Zwangslage, die Mitwirkung und den Beistand einer großen Menge von Menschen zu brauchen, während sein ganzes Leben kaum hinreicht, die Freundschaft von einigen wenigen Personen zu gewinnen. Fast bei jeder anderen Tiergattung ist das Individuum, wenn es reif geworden ist, ganz unabhängig und hat in seinem Naturzustande den Beistand keines anderen lebenden Wesens nötig; der Mensch dagegen braucht fortwährend die Hilfe seiner Mitmenschen, und er würde diese vergeblich von ihrem Wohlwollen allein erwarten. Er wird viel eher zum Ziele kommen, wenn er ihre Eigenliebe zu seinen Gunsten interessieren und ihnen zeigen kann, daß sie selbst Vorteil davon haben, wenn sie für ihn tun, was er von ihnen haben will. Wer einem anderen einen Handel anträgt, macht ihm den folgenden Vorschlag: Gib mir, was ich will, und du sollst haben, was du willst, – das ist der Sinn jedes derartigen Anerbietens; und so erhalten wir voneinander den bei weitem größeren Teil der guten Dienste, die wir benötigen. Nicht von dem Wohlwollen des Fleischers, Brauers oder Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von ihrer Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Humanität, sondern an ihre Eigenliebe, und sprechen ihnen nie von unseren Bedürfnissen, sondern von ihren Vorteilen. Nur einem Bettler kann es passen, fast ganz von dem Wohlwollen seiner Mitbürger abzuhängen. Und selbst ein Bettler hängt nicht völlig davon ab. Die Mildtätigkeit gutherziger Leute verschafft ihm allerdings den ganzen Fonds seiner Subsistenz. Aber obgleich aus dieser Quelle alle seine Lebensbedürfnisse im ganzen befriedigt werden, so kann und will sie ihn doch nicht so versorgen, wie die Bedürfnisse sich gerade zeigen. Der größte Teil seines gelegentlichen Bedarfs wird bei ihm ebenso wie bei anderen Leuten beschafft, durch Übereinkommen, Tausch und Kauf. Mit dem Gelde, das man ihm gibt, kauft er Speise; die alten Kleider, die man ihm schenkt, vertauscht er gegen andere alte Kleider, die ihm besser passen, oder gegen Wohnung, Lebensmittel oder Geld, mit dem er Lebensmittel, Kleider, Wohnung, je nachdem er's braucht, sich kaufen kann.

Wie wir durch Übereinkommen, Tausch und Kauf den größten Teil der gegenseitigen guten Dienste, die uns nötig sind, gewinnen, so führt dieselbe Neigung zum Tausche ursprünglich zur Arbeitsteilung. In einer Horde von Jägern oder Hirten macht z. B. irgend einer Bogen und Pfeile mit größerer Geschwindigkeit und Geschicklichkeit, als ein anderer. Er vertauscht sie oft gegen zahmes Vieh oder Wildpret bei seinen Gefährten und findet zuletzt, daß er auf diese Weise mehr Vieh und Wildpret gewinnen kann, als wenn er selbst auf die Jagd ginge. Daher wird bei ihm durch die Rücksicht auf sein eigenes Interesse das Verfertigen von Bogen und Pfeilen zum Hauptgeschäft, und er wird eine Art Waffenschmied. Ein anderer zeichnet sich im Bau und in der Bedachung ihrer kleinen Hütten oder beweglichen Häuser aus; er gewöhnt sich daran, auf diese Weise seinen Nachbarn nützlich zu sein, die ihn dafür gleichfalls mit Vieh und Wildpret belohnen, bis er es zuletzt in seinem Interesse findet, sich ganz dieser Beschäftigung hinzugeben, und eine Art Bauzimmermann zu werden. Auf dieselbe Art wird ein dritter ein Schmied oder Kesselschmied, ein vierter ein Gerber oder Zubereiter von Häuten und Fellen, die einen Hauptteil der Bekleidung bei den Wilden ausmachen. Und so spornt die Gewißheit, allen Produktenüberschuß seiner Arbeit, der weit über seine eigene Konsumtion hinausgeht, für solche Produkte der Arbeit anderer, die er gerade braucht, austauschen zu können, einen jeden an, sich einer bestimmten Beschäftigung zu widmen und seine eigentümliche Befähigung für diese Geschäftsart auszubilden und zur Vollkommenheit zu bringen.

Die Verschiedenheit der natürlichen Veranlagung bei den verschiedenen Menschen ist in Wirklichkeit viel geringer, als sie uns erscheint, und die sehr verschiedene Fähigkeit, welche Leute von verschiedenem Beruf zu unterscheiden scheint, sobald sie zur Reife gelangt sind, ist in vielen Fällen nicht sowohl der Grund als die Folge der Arbeitsteilung. Die Verschiedenheit zwischen den unähnlichsten Charakteren, wie z. B. zwischen einem Philosophen und einem gemeinen Lastträger, scheint nicht so sehr von der Natur als von Gewohnheit, Übung und Erziehung herzustammen. Als sie auf die Welt kamen, und in den ersten sechs bis acht Jahren ihres Daseins waren sie einander vielleicht sehr ähnlich, und weder ihre Eltern noch ihre Gespielen konnten eine bemerkenswerte Verschiedenheit gewahr werden. Etwa in diesem Alter oder bald darauf fing man an, sie zu sehr verschiedenen Beschäftigungen anzuhalten. Die Verschiedenheit ihrer Talente beginnt dann aufzufallen und wächst nach und nach, bis zuletzt die Eitelkeit des Philosophen kaum noch irgend eine Ähnlichkeit anzuerkennen bereit ist. Aber ohne den Hang zum Tauschen, Handeln und Auswechseln würde sich jeder für sich den Bedarf und die Genußmittel die er benötigte, haben verschaffen müssen. Alle hätten dieselben Pflichten zu erfüllen und dasselbe zu tun gehabt, und es hätte somit keine solche Verschiedenheit der Beschäftigung eintreten können, die allein zu einer großen Verschiedenheit der Talente führen konnte.

Wie nun dieser Hang unter Menschen verschiedenen Berufs jene so merkbare Verschiedenheit der Talente erzeugt, so macht eben dieser Hang jene Verschiedenheit nutzbringend. Viele Tiergeschlechter, die anerkannterweise zu derselben Gattung gehören, haben von Natur eine viel merklichere Verschiedenheit der Fähigkeiten, als diejenige ist, welche sich der Gewöhnung und Erziehung vorangehend unter den Menschen zeigt. Von Natur ist ein Philosoph nicht halb so sehr an Anlagen und Neigungen von einem Lastträger verschieden, als ein Bullenbeißer von einem Windhund, oder ein Windhund von einem Hühnerhund, oder der letztere von einem Schäferhunde. Dennoch sind diese verschiedenen Tierarten, obgleich alle zu ein und derselben Gattung gehörig, einander kaum in irgend einer Weise nützlich. Die Stärke des Bullenbeißers wird nicht im geringsten durch die Schnelligkeit des Windhundes, die Spürkraft des Hühnerhundes oder die Gelehrigkeit des Schäferhundes unterstützt. Die Wirkungen dieser verschiedenen Anlagen und Talente können mangels Fähigkeit oder Hang zum Tauschen und Handeln nicht zu einem Gesamtvermögen vereinigt werden, und tragen nicht das Geringste zur besseren Versorgung und Bequemlichkeit der Gattung bei. Jedes Tier ist immer noch gezwungen, sich vereinzelt und unabhängig zu behaupten und zu verteidigen, und hat keinerlei Vorteil von den mannigfaltigen Talenten, mit denen die Natur seinesgleichen ausgestattet hat. Bei den Menschen aber sind im Gegenteil die unähnlichsten Anlagen einander von Nutzen, indem die verschiedenen Produkte ihrer respektiven Talente durch den allgemeinen Hang zum Tauschen, Handeln und Auswechseln sozusagen zu einem Gesamtvermögen werden, woraus ein jeder den Teil des Produktes von anderer Menschen Talenten kaufen kann, den er benötigt.

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