Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Adam Smith >

Eine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes. Erster Band

Adam Smith: Eine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes. Erster Band - Kapitel 3
Quellenangabe
authorAdam Smith
titleEine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes. Erster Band
publisherVerlag von Gustav Fischer
year1923
translatorErnst Grünfeld
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
created20180221
projectid3afe7ebd
Schließen

Navigation:

Einleitung und Plan des Werkes.

Die jährliche Arbeit eines Volkes ist der Fonds, der es ursprünglich mit allen Lebensbedarfs- und Genußgütern versorgt, die es jährlich konsumiert, und die immer aus dem unmittelbaren Erzeugnis dieser Arbeit oder aus dem bestehen, was für dieses Erzeugnis von anderen Völkern gekauft wird.

Je nach dem Verhältnis, in dem dieses Erzeugnis, oder das, was damit gekauft wird, zur Zahl derjenigen steht, welche es konsumieren sollen, wird daher auch das Volk mit allen Lebensbedarfs- und Genußgütern, die es braucht, besser oder schlechter versorgt sein.

Es muß jedoch dieses Verhältnis bei jedem Volke von zwei verschiedenen Umständen abhängen, nämlich erstens von der Geschicklichkeit, Fertigkeit und Einsicht, mit der seine Arbeit im allgemeinen verrichtet wird, und zweitens von dem Verhältnis zwischen der Anzahl derer, die einer nützlichen Arbeit obliegen, und derer, die dies nicht tun. Wie auch immer der Boden, das Klima oder die Ausdehnung des Landes eines bestimmten Volkes beschaffen sein mag, so wird doch stets der Überfluß oder die Unzulänglichkeit seiner jährlichen Güterversorgung bei dieser bestimmten Beschaffenheit von jenen beiden Umständen abhängen.

Auch scheint der Überfluß oder die Unzulänglichkeit dieser Güterversorgung mehr von dem ersteren Umstande abzuhängen, als von dem zweiten. Unter den wilden Fischer- und Jägervölkern ist jedes arbeitsfähige Individuum mehr oder weniger mit einer nützlichen Arbeit beschäftigt und sucht nach Kräften die Lebensbedarfs- und Genußgütern für sich selbst oder für solche Glieder seiner Familie oder seines Stammes herbeizuschaffen, die zu alt, zu jung oder zu schwach sind, um auf die Jagd und den Fischfang auszugehen. Solche Völkerschaften sind jedoch so jämmerlich arm, daß sie aus reinem Mangel häufig gezwungen sind, oder sich wenigstens für gezwungen halten, ihre Kinder, ihre Alten und die mit langwierigen Krankheiten Behafteten entweder geradezu umzubringen oder sie zu verlassen, so daß sie verhungern oder von wilden Tieren gefressen werden. Unter zivilisierten und blühenden Völkern hingegen ist, wenn auch eine große Menge Menschen gar nicht arbeiten und viele derselben das Produkt von zehn, ja hundertmal mehr Arbeit verzehren, als der größte Teil der Arbeiter, dennoch das Produkt der ganzen Arbeit der Gesellschaft so groß, daß oft alle reichlich versorgt werden, und ein Arbeitsmann, selbst aus der niedrigsten und ärmsten Klasse, wenn er nur mäßig und fleißig ist, an Lebensbedarfs- und Genußgütern einen größeren Teil verbrauchen kann, als irgend ein Wilder sich zu verschaffen imstande ist.

Die Ursachen dieser Vervollkommnung der Produktivkräfte der Arbeit und die Ordnung, nach welcher ihr Erzeugnis sich naturgemäß unter die verschiedenen Stände und Klassen der Gesellschaft verteilt, macht den Gegenstand des ersten Buches dieser Untersuchung aus.

In was immer für einem Zustande sich auch die Geschicklichkeit, Fertigkeit und Einsicht befinde, mit welcher die Arbeit von einem Volke verrichtet wird, so muß doch während der Dauer dieses Zustandes der Überfluß oder die Unzulänglichkeit seines jährlichen Gütererzeugnisses von dem Verhältnisse abhängen, in welchem die Anzahl derer, die das Jahr hindurch mit nützlicher Arbeit beschäftigt sind, zur Zahl derjenigen steht, welche es nicht sind. Die Zahl der nützlichen und produktiven Arbeiter steht, wie sich später zeigen wird, überall im Verhältnis zu der Größe des Kapitals, welches dazu verwendet wird, sie anzustellen, und zu der besonderen Art, in welcher es dazu verwendet wird. Das zweite Buch handelt daher von der Natur des Kapitals, von der Art, in welcher es stufenweise sich anhäuft, und von der Arbeitsmenge, die es je nach der verschiedenen Weise seiner Anwendung in Gang bringt.

Völker, die es in der Geschicklichkeit, Fertigkeit und Einsicht bei Verrichtung der Arbeit ziemlich weit gebracht haben, folgten in der allgemeinen Leitung oder Richtung derselben sehr verschiedenen Plänen, und diese sind nicht alle der Größe des Arbeitserzeugnisses günstig gewesen. Die Wirtschaftspolitik mancher Völker ermunterte außerordentlich zu ländlichen, die anderer zu städtischen Gewerben. Kaum irgend ein Volk hat sich gegen jede Art des Gewerbes gleich und unparteiisch verhalten. Seit dem Untergang des römischen Reiches ist die Wirtschaftspolitik in Europa den Künsten, den Manufakturen und dem Handel, mithin den städtischen Gewerben, günstiger gewesen als der Agrikultur, d. h. den ländlichen Gewerben. Die Umstände, welche diese Politik eingeführt und befestigt zu haben scheinen, werden im dritten Buche auseinander gesetzt.

Obgleich diese Pläne vielleicht zuerst aus den privaten Interessen und Vorurteilen einzelner Stände, ohne alle Beachtung und Voraussicht der Folgen, welche sie für die allgemeine Wohlfahrt der Gesellschaft haben mußten, entsprangen, so gaben sie doch zu sehr verschiedenen Theorien der politischen Ökonomie Veranlassung, die entweder die Wichtigkeit der städtischen oder die der ländlichen Gewerbe in den Vordergrund stellten. Diese Theorien hatten nicht bloß auf die Meinungen der Gelehrten, sondern auch auf die öffentliche Verwaltung der Fürsten und Staaten einen starken Einfluß. Im vierten Buche habe ich mich bemüht, diese entgegengesetzten Theorien samt ihren hauptsächlichsten Wirkungen in verschiedenen Zeiten und Völkern so klar und vollständig, als ich's vermag, auseinanderzusetzen.

Darzutun, worin das Einkommen des gesammten Volkes bestand, oder welche die Natur jener Fonds war, die zu verschiedenen Zeiten und bei verschiedenen Völkern den jährlichen Bedarf gedeckt haben: das ist der Gegenstand dieser vier ersten Bücher. Das fünfte und letzte Buch handelt von dem Einkommen des Herrschers oder Staates. In diesem Buche bin ich bemüht gewesen, zu zeigen, erstens, welche die notwendigen Ausgaben des Herrschers oder Staates sind, welche dieser Ausgaben allgemein von der ganzen Gesellschaft bestritten, und welche nur von einem einzelnen Teile oder von einigen Gliedern derselben getragen werden müssen; zweitens, nach welchen verschiedenen Methoden die ganze Gesellschaft zur Bestreitung der ihr obliegenden Ausgaben herangezogen werden kann, und welche besonderen Vorteile oder Nachteile jede dieser Methoden mit sich führt; drittens endlich, welche Gründe und Ursachen beinahe alle neueren Regierungen dazu vermocht haben, einen Teil dieses Einkommens zu verpfänden oder Schulden zu machen, und welche Wirkung diese Schulden auf das wirkliche Vermögen, das jährliche Produkt des Bodens und der Arbeit der Gesellschaft hatten.

 << Kapitel 2  Kapitel 4 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.