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Eine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes. Erster Band

Adam Smith: Eine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes. Erster Band - Kapitel 11
Quellenangabe
authorAdam Smith
titleEine Untersuchung über Natur und Wesen des Volkswohlstandes. Erster Band
publisherVerlag von Gustav Fischer
year1923
translatorErnst Grünfeld
correctorJosef Muehlgassner
senderwww.gaga.net
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8. Kapitel.
Der Arbeitslohn.

Das Erzeugnis der Arbeit bildet ihre natürliche Vergütung oder den Arbeitslohn.

In jenem ursprünglichen Zustande der Dinge, der sowohl der Bodenaneignung als auch der Kapitalansammlung vorhergeht, gehört das ganze Arbeitserzeugnis dem Arbeiter. Er hat weder mit einem Grundbesitzer noch mit einem Arbeitgeber zu teilen.

Hätte dieser Zustand fortgedauert, so wäre der Arbeitslohn mit jener Zunahme seiner produktiven Kräfte, welche durch die Arbeitsteilung herbeigeführt wird, zugleich gewachsen. Alle Dinge wären nach und nach wohlfeiler geworden. Sie wären durch eine kleinere Quantität Arbeit hervorgebracht worden und wären, da die durch gleiche Quantitäten Arbeit hervorgebrachten Waren bei diesem Zustande der Dinge natürlich gegen einander ausgetauscht worden wären, auch mit dem Produkte einer kleineren Quantität gekauft worden.

Wenngleich aber in der Tat alle Dinge wohlfeiler geworden wären, so hätten doch dem Scheine nach manche teurer als zuvor werden, oder gegen eine größere Quantität anderer Güter in Tausch gehen können. Man nehme z. B. an, daß zwar in den meisten Gewerben die produktiven Kräfte der Arbeit um das Zehnfache gewachsen wären, oder daß die Arbeit eines Tages zehnmal mehr als ursprünglich hervorbringen könnte, daß sie aber in einem bestimmten Gewerbe nur um das Doppelte gewachsen wäre, oder daß die Arbeit eines Tages nur zweimal so viel als früher hervorbringen könnte. Beim Austausch des Erzeugnisses einer Tagesarbeit in den meisten Gewerben gegen das Erzeugnis einer Tagesarbeit in diesem bestimmten würde das Zehnfache der ursprünglichen Tagewerks-Quantität in jenen nur das Doppelte der ursprünglichen Quantität in diesem kaufen können. Jedes bestimmte Quantum davon, z. B. ein Pfund, würde fünfmal teurer als früher zu sein scheinen. Gleichwohl wäre es in Wirklichkeit zweimal so wohlfeil. Denn obwohl es mit einer fünfmal so großen Quantität anderer Güter gekauft werden müßte, so müßte es doch nur mit einer halb so großen Quantität Arbeit gekauft oder erzeugt werden. Mithin wäre die Erwerbung doppelt so leicht als früher.

Allein dieser ursprüngliche Zustand der Dinge, in dem der Arbeiter das ganze Erzeugnis seiner eigenen Arbeit genoß, konnte nicht länger als bis zur ersten Einführung der Bodenaneignung und Kapitalansammlung dauern. Er war daher auch längst zu Ende, ehe die beträchtlichsten Vervollkommnungen in den Produktivkräften der Arbeit geschaffen wurden, und es wäre nutzlos, weiter nachzuforschen, welcher sein Einfluß auf die Vergütung oder den Lohn der Arbeit hätte sein können.

Sobald der Boden Privateigentum wird, fordert der Grundbesitzer einen Teil von fast allen Erzeugnissen, welche der Arbeiter darauf hervorbringen oder einsammeln kann. Seine Rente bildet den ersten Abzug von dem Erzeugnis der auf den Boden verwendeten Arbeit.

Es kommt selten vor, daß der, welcher das Land bestellt, die Mittel hat, sich zu erhalten, bis er die Ernte einheimst. Sein Unterhalt wird ihm gewöhnlich von dem Kapital eines Arbeitgebers, des Pächters, vorgeschossen, der ihn beschäftigt und der kein Interesse haben würde, ihn zu beschäftigen, wenn er nicht von dem Erzeugnis seiner Arbeit einen Anteil erhielte, oder wenn sein Kapital ihm nicht mit Profit zurückerstattet würde. Dieser Profit bildet einen zweiten Abzug von dem Erzeugnis der auf den Boden verwendeten Arbeit.

Das Erzeugnis fast aller anderen Arbeit ist dem gleichen Profitabzuge ausgesetzt. In allen Künsten und Gewerben hat der größere Teil der Arbeiter einen Arbeitgeber nötig, der ihnen das Material für ihr Werk, ihren Lohn und Unterhalt bis zu dessen Vollendung vorschießen muß. Er hat an dem Erzeugnis ihrer Arbeit oder an dem Werte, den diese zu dem Material, auf das sie verwendet wird, hinzufügt, einen Anteil; und aus diesem Anteil besteht sein Profit.

Manchmal kommt es freilich vor, daß ein einzelner unabhängiger Arbeiter genug Kapital hat, um die Materialien für sein Werk zu kaufen, und sich bis zu dessen Vollendung zu erhalten. Er ist Arbeitgeber und Arbeiter zugleich und genießt das ganze Erzeugnis seiner eigenen Arbeit, oder den ganzen Wert, den diese zu dem Material, auf das sie verwendet wird, hinzufügt. Darin ist dann das enthalten, was sonst als zweierlei Einkommen zweier verschiedener Personen, nämlich als Kapitalprofit und Arbeitslohn, erscheint.

Indes sind solche Fälle nicht sehr häufig, und es dienen überall in Europa zwanzig Arbeiter unter einem Arbeitgeber, auf einen der unabhängig ist; und unter Arbeitslohn wird immer das verstanden, was er gewöhnlich ist, wenn der Arbeiter und der Besitzer des Kapitals, der ihn beschäftigt, jeder eine andere Person sind.

Was der gebräuchliche Arbeitslohn ist, das hängt überall von dem Kontrakte ab, den jene beide Parteien, deren Interessen durchaus nicht die nämlichen sind, miteinander gewöhnlich eingehen. Die Arbeiter wollen so viel als möglich erhalten, die Arbeitgeber so wenig als möglich geben. Die ersteren sind geneigt, sich zu verbinden, um den Arbeitslohn zu erhöhen, die letzteren, um ihn herabzusetzen.

Es ist indes nicht schwer vorauszusehen, welche der beiden Parteien unter den gewöhnlichen Umständen in diesem Streite die Oberhand behalten und die andere zur Einwilligung in ihre Bedingungen zwingen wird. Die Arbeitgeber können, da sie der Zahl nach weniger sind, sich leichter verbinden, und außerdem billigt auch das Gesetz ihre Verbindungen, oder verbietet sie wenigstens nicht, während es die der Arbeiter verbietet. Wir haben keine Parlamentsakten gegen Verabredungen zur Herabsetzung des Arbeitspreises, wohl aber viele gegen Verabredungen zu seiner Erhöhung. In allen solchen Streitigkeiten können die Arbeitgeber viel länger aushalten. Ein Gutsbesitzer, ein Pächter, ein Handwerksmeister oder ein Kaufmann könnten, wenn sie auch keinen einzigen Arbeiter beschäftigen, doch im Allgemeinen ein oder zwei Jahre von den Kapitalien leben, die sie schon erworben haben. Viele Arbeiter dagegen könnten nicht eine Woche, wenige könnten nur einen Monat, und kaum einer ein Jahr ohne Beschäftigung bestehen. Auf die Dauer freilich kann der Arbeiter seinem Arbeitgeber so notwendig werden, als sein Arbeitgeber ihm; aber die Notwendigkeit ist keine so unmittelbare.

Wir hören selten, ist gesagt worden, von Verabredungen der Arbeitgeber, aber oft von denen der Arbeiter. Wer sich aber um deswillen einbildet, daß die Arbeitgeber sich selten verabreden, der weiß ebensowenig von der Welt als von dieser Sache. Die Arbeitgeber stehen stets und überall in einer Art stillschweigender, aber fortwährender und gleichförmiger Übereinkunft, den Arbeitslohn nicht über seinen jeweiligen Satz steigen zu lassen. Diese Übereinkunft zu verletzen gilt überall als eine höchst unpopuläre Handlungsweise und zieht einem Arbeitgeber unter seinen Nachbarn und Gewerbsgenossen Schande zu. Wir hören allerdings selten von dieser Übereinkunft, weil sie der gewöhnliche und, man darf sagen, natürliche Zustand der Dinge ist, von dem niemand etwas hört. Mitunter gehen die Arbeitgeber auch besondere Verbindungen ein, um den Arbeitslohn sogar unter seinen Satz herabzudrücken. Diese werden immer mit äußerster Stille und Geheimtuerei betrieben, bis der Augenblick der Ausführung kommt, und wenn dann die Arbeiter, wie es zuweilen geschieht, ohne Widerstand nachgeben, so hört kein Mensch von ihnen, so schmerzlich es jene auch empfinden. Oft leistet jedoch solchen Verbindungen eine entgegengesetzte abwehrende Verbindung der Arbeiter Widerstand; ja manchmal verabreden sich diese auch ohne eine solche Herausforderung von selbst zur Erhöhung des Preises ihrer Arbeit. Ihr gewöhnlicher Vorwand ist bald der teure Preis der Nahrungsmittel, bald der große Profit, den die Arbeitgeber aus ihrer Arbeit ziehen. Mögen diese Verbindungen aber angreifender oder verteidigender Art sein; jedenfalls werden sie jederzeit genügend ruchbar. Um die Sache zu einer schnellen Entscheidung zu bringen, greifen sie immer zu sehr lautem Geschrei und zuweilen zu den heftigsten Beleidigungen und Gewalttätigkeiten. Sie sind verzweifelt und handeln mit der ganzen Torheit und Maßlosigkeit verzweifelter Menschen, die entweder verhungern oder ihre Arbeitgeber so in Schrecken setzen müssen, daß sie sofort in ihr Begehren willigen. Die Arbeitgeber ihrerseits benehmen sich bei solchen Gelegenheiten geradeso lärmend, rufen unaufhörlich den Beistand der Obrigkeit an und verlangen die strenge Ausführung jener Gesetze, die mit so großer Härte gegen die Verabredungen der Dienstboten, Arbeiter und Gesellen geschaffen worden sind. Daher haben denn die Arbeiter sehr selten einen Nutzen von der Gewalttätigkeit jener ungestümen Verabredungen, die vielmehr teils durch das Einschreiten der Obrigkeit, teils durch die überlegene Beharrlichkeit der Arbeitgeber, teils endlich dadurch, daß der größere Teil der Arbeiter gezwungen ist, sich um des täglichen Unterhalts willen zu unterwerfen, gewöhnlich kein anderes Ende haben, als die Bestrafung oder den Ruin der Rädelsführer.

Wenn indes auch die Arbeitgeber bei Streitigkeiten mit ihren Arbeitern gewöhnlich im Vorteil sein müssen, so gibt es doch einen bestimmten Satz, unter den, wie es scheint, der gebräuchliche Lohn, selbst der geringsten Art von Arbeit, nicht eine irgendwie nennenswerte Zeit hindurch herabgesetzt werden kann.

Ein Mensch muß immer von seiner Arbeit leben, und sein Arbeitslohn muß wenigstens hinreichend sein, um ihm den Unterhalt zu verschaffen. Ja, er muß in den meisten Fällen noch mehr als hinreichend sein; sonst wäre er nicht imstande, eine Familie zu ernähren, und das Geschlecht solcher Arbeiter würde mit der ersten Generation aussterben. Aus diesem Grunde scheint Cantillon anzunehmen, daß die geringste Art gewöhnlicher Arbeiter überall wenigstens doppelt soviel, als zu ihrem Unterhalt nötig ist, verdienen muß, damit jeder instand gesetzt werde, durchschnittlich zwei Kinder zu ernähren; dabei wird angenommen, daß die Arbeit der Frau wegen des unumgänglichen Wartens der Kinder nicht mehr als hinreichend ist, sie selbst zu erhalten. Aber, wie man berechnet hat, stirbt die Hälfte der Geborenen vor dem mannbaren Alter. Deshalb müssen die ärmsten Arbeiter nach dieser Berechnung durchschnittlich wenigstens vier Kinder aufzuziehen suchen, damit zwei davon gleiche Aussicht haben mögen, jenes Alter zu erleben. Aber der notwendige Unterhalt für vier Kinder mag etwa, wie angenommen wird, ungefähr dem eines Mannes gleich sein. Derselbe Autor fügt hinzu, die Arbeit eines kräftigen Sklaven werde an Wert auf das Doppelte seines Unterhaltes angesetzt; und es könne, meint er, die des geringsten Arbeiters nicht weniger wert sein, als die eines kräftigen Sklaven. So viel scheint allerdings gewiß zu sein, daß um eine Familie zu ernähren, die Arbeit des Mannes und der Frau selbst in den untersten Klassen gewöhnlicher Arbeit etwas mehr einbringen muß, als gerade für den eigenen Unterhalt beider nötig ist; in welchem Verhältnis dies aber geschehen müsse, ob in dem oben erwähnten oder einem anderen, das getraue ich mich nicht zu entscheiden.

Es gibt jedoch gewisse Umstände, die den Arbeitern einen Vorteil gewähren und sie instand setzen, ihren Lohn weit über diesen Satz zu erhöhen, welcher offenbar der niedrigste ist, der sich mit der gewöhnlichen Humanität verträgt.

Wenn in einem Lande die Nachfrage nach denen, die vom Lohne leben, Arbeiter, Gesellen, Dienstboten aller Art, andauernd wächst, wenn jedes folgende Jahr einer größeren Anzahl von ihnen Beschäftigung gibt, als das vorhergehende, so haben die Arbeiter keinen Anlaß, sich zum Zwecke der Erhöhung des Lohnes zu verbinden. Der Mangel an Arbeitskräften ruft eine Konkurrenz unter den Arbeitgebern hervor, die, um Arbeiter zu bekommen, gegeneinander bieten und so freiwillig die natürliche Verabredung der Arbeitgeber, den Lohn nicht zu erhöhen, durchbrechen.

Die Nachfrage nach jenen, die vom Lohne leben, kann offenbar nur in dem Verhältnis zur Zunahme der Fonds, welche zur Zahlung von Löhnen bestimmt sind, wachsen. Diese Fonds sind von zweierlei Art: erstens das Einkommen, welches das für den Unterhalt erforderliche übersteigt, und zweitens das Kapital, welches das für die Beschäftigung ihrer Arbeitgeber erforderliche übersteigt.

Wenn der Gutsbesitzer, der Rentner oder der Kapitalist ein größeres Einkommen hat, als er für den Unterhalt seiner Familie benötigen zu müssen glaubt, so verwendet er entweder den ganzen Überschuß oder einen Teil davon zum Unterhalt eines oder mehrerer häuslicher Dienstboten. Nimmt dieser Überschuß zu, so wird er natürlich auch die Zahl dieser Dienstboten vermehren.

Wenn ein unabhängiger Handwerker, etwa ein Weber oder ein Schuhmacher, mehr Kapital erlangt hat, als er zum Ankauf der für seine eigene Arbeit erforderlichen Materialien und zu seinem Unterhalte braucht, bis er über seine Arbeit verfügen kann, so beschäftigt er natürlich einen oder mehrere Gesellen mit dem Überschuß, um durch ihre Arbeit einen Profit zu machen. Nimmt dieser Überschuß zu, so wird er natürlich die Zahl seiner Gesellen vermehren.

Die Nachfrage nach jenen, die vom Lohne leben, wächst also notwendig mit dem Wachsen des Einkommens und Kapitals in jedem Lande und kann unmöglich ohne dieses wachsen. Das Wachsen des Einkommens und Kapitals ist das Wachsen des nationalen Wohlstands. Folglich wächst die Nachfrage nach jenen, die vom Lohne leben, natürlich mit dem Wachsen des nationalen Wohlstands und kann ohne dieses durchaus nicht wachsen.

Nicht die jeweilige Größe des nationalen Wohlstands, sondern sein unausgesetztes Wachsen bringt ein Steigen des Arbeitslohnes hervor. Demnach steht der Arbeitslohn nicht in den reichsten Ländern am Höchsten, sondern in den blühendsten oder denen, die am schnellsten reich werden. England ist in diesem Augenblicke sicherlich ein viel reicheres Land, als irgend ein Teil von Nordamerika. Dennoch sind die Arbeitslöhne in Nordamerika weit höher, als in irgend einem Teile Englands. In der Provinz New-York verdienen gemeine Arbeiter täglich 3 Schilling 6 Pence dortigen Geldes, das ist so viel wie 2 englische Schilling; Schiffszimmerleute 10 Schilling 6 Pence dortigen Geldes nebst einer Pinte Rum, die einen halben englischen Schilling wert ist, also im ganzen so viel wie 6 und einen halben Schilling englischen Geldes; Hauszimmerleute und Maurer 8 Schilling dortigen Geldes, das ist so viel wie 4 Schilling und 6 Pence englischen Geldes; Schneidergesellen 5 Schilling dortigen Geldes, das ist etwas mehr als 2 Schilling 10 Pence englischen Geldes. Diese Preise sind insgesamt höher als die Londoner, und, wie es heißt, sind die Arbeitslöhne in den übrigen Kolonien ebenso hoch wie in New-York. Der Preis der Nahrungsmittel ist in Nordamerika durchweg weit niedriger, als in England. Eine Teurung hat man dort nie gekannt. In den schlechtesten Jahren hatten sie immer noch genug für sich, wenn auch weniger für die Ausfuhr. Wenn also der Geldpreis der Arbeit dort höher ist, als irgendwo im Mutterlande, so muß der wirkliche Preis, nämlich das, was dem Arbeiter dafür an Lebens- und Genußmitteln wirklich zu Gebote steht, in einem noch weit größeren Verhältnisse höher sein.

Obgleich aber Nordamerika noch nicht so reich als England ist, so gedeiht es doch viel besser und schreitet viel rascher zum weiteren Erwerb von Reichtum fort. Das sicherste Zeichen für das Wohlergehen eines Landes ist die Zunahme der Zahl seiner Einwohner. In Großbritannien und den meisten übrigen Ländern Europas verdoppelt sich diese Zahl, wie angenommen wird, erst in 500 Jahren. In den britischen Kolonien in Nordamerika hat, wie man gefunden, diese Verdoppelung innerhalb 20 oder 25 Jahren stattgefunden. Auch ist gegenwärtig diese Zunahme nicht sowohl einer fortwährenden Einfuhr neuer Bewohner, als der großen Vermehrung der Gattung zuzuschreiben. Leute, die dort ein hohes Alter erreichen, sollen oft eine Nachkommenschaft von 50 bis 100 Menschen, ja manchmal eine noch größere erleben. Die Arbeit wird so gut bezahlt, daß eine zahlreiche Kinderschar, statt eine Last für die Eltern zu sein, vielmehr eine Quelle der Wohlhabenheit und des Reichtums ist. Die Arbeit jedes Kindes, bevor es das elterliche Haus verläßt, wird auf 100 Pfund reinen Gewinn veranschlagt. Um eine junge Witwe mit 4 oder 5 jungen Kindern, die in den mittleren oder unteren Volksklassen in Europa so wenig Aussicht auf einen zweiten Mann haben würde, wird dort oft als um eine Art gute Partie gefreit. Der Wert der Kinder ist die größte aller Ermunterungen zur Heirat. Wir dürfen uns deshalb auch nicht wundern, daß die Leute in Nordamerika gewöhnlich so jung heiraten. Dennoch herrscht in Nordamerika trotz dieses durch solche frühzeitige Heiraten bewirkten großen Zuwachses eine fortwährende Klage über Mangel an Arbeitskräften. Die Nachfrage nach Arbeitern scheint die zu ihrem Unterhalt bestimmten Fonds noch schneller zu vermehren, als sie Arbeiter finden können, um sie zu beschäftigen.

Mag auch der Reichtum eines Landes sehr groß sein, so dürfen wir doch, selbst wenn er lange Zeit stationär geblieben ist, keinen sehr hohen Arbeitslohn zu finden hoffen. Die zur Lohnzahlung bestimmten Fonds, das Einkommen und das Kapital seiner Einwohner mögen noch so bedeutend sein, so kann doch, wenn sie mehrere Jahrhunderte hindurch sich an Größe ganz gleich oder beinahe gleich geblieben sind, die Zahl der jedes Jahr beschäftigten Arbeiter leicht zureichen oder mehr als zureichen, um die Anzahl, die im folgenden Jahre gebraucht wird, zu bestreiten. Da kann selten ein Mangel an Arbeitskräften eintreten, noch können die Arbeitgeber sich gezwungen sehen, gegeneinander zu bieten, um welche zu bekommen. Die Arbeitskräfte werden sich im Gegenteil stärker vermehren als ihre Arbeitsgelegenheit. Es wird ein fortdauernder Mangel an Beschäftigung herrschen und die Arbeiter werden gezwungen sein, gegeneinander zu bieten, um eine zu bekommen. Wenn in einem solchen Lande der Arbeitslohn einmal mehr als ausreichend gewesen ist, den Arbeiter zu erhalten und ihn zu befähigen, sich und seine Familie zu erhalten, so wird ihn doch die Konkurrenz der Arbeiter und das Interesse der Arbeitgeber bald auf den niedrigsten Satz, der sich mit der gewöhnlichen Humanität verträgt, herabsetzen. China ist lange eines der reichsten, d. h. eines der fruchtbarsten, bestbebauten, gewerbfleißigsten und bevölkertsten Länder der Welt gewesen. Aber es scheint auch lange stationär geblieben zu sein. Marco Polo, der es vor mehr als 500 Jahren aufsuchte, beschreibt seinen Anbau, seinen Gewerbfleiß und seine Bevölkerung fast in denselben Ausdrücken wie unsere heutigen Reisenden. Es hatte vielleicht sogar schon lange vor dieser Zeit jene Fülle des Reichtums erlangt, die die Beschaffenheit seiner Gesetze und Einrichtungen ihm überhaupt zu erreichen gestatten. Die Berichte aller Reisenden stimmen, so widersprechend sie auch in vielen anderen Beziehungen sind, in betreff des niedrigen Arbeitslohnes und der Schwierigkeit, die ein Arbeiter findet, wenn er eine Familie erhalten will, völlig überein. Wenn er sich durch Graben den ganzen Tag über soviel verdienen kann, um eine kleine Portion Reis für den Abend zu kaufen, so ist er zufrieden. Die Lage der Handwerker ist womöglich noch schlimmer. Statt, wie in Europa, ruhig in ihren Werkstätten die Bestellungen ihrer Kunden abzuwarten, laufen sie mit den Werkzeugen ihrer betreffenden Gewerbe unaufhörlich in den Straßen umher und bieten ihre Dienste an, als bettelten sie um Beschäftigung. Die Armut der niederen Stände in China übertrifft bei weitem die der bettelärmsten Völker Europas. In der Umgegend von Canton haben viele hundert, ja wie es allgemein heißt, viele tausend Familien keine Wohnung auf dem Lande sondern leben beständig in kleinen Fischerkähnen auf den Flüssen und Kanälen. Der Unterhalt, den sie da finden, ist so kärglich, daß sie begierig sind, den schmutzigsten Unrat, der von einem europäischen Schiffe über Bord geworfen wird, aufzufischen. So ist ihnen jedes Aas, z. B. der Kadaver eines verreckten Hundes oder einer Katze, wenn er auch halb verfault und stinkend ist, so willkommen, wie nur immer in anderen Ländern dem Volke die gesündeste Nahrung sein kann. Zur Ehe ermutigt in China nicht der Nutzen, den die Kinder bringen, sondern die Erlaubnis, sie umzubringen. In allen großen Städten werden nächtlich mehrere in den Straßen ausgesetzt oder gleich jungen Hunden ertränkt. Die Besorgung dieses schrecklichen Geschäftes soll sogar ein anerkannter Erwerbszweig sein, durch den manche ihren Unterhalt verdienen.

Obgleich indes China vielleicht stillsteht, so scheint es doch nicht rückwärts zu gehen. Seine Städte sind nirgends von seinen Einwohnern verlassen. Das einmal angebaute Land bleibt nirgends vernachlässigt. Daher muß immer noch die nämliche oder fast die nämliche jährliche Arbeit fortdauernd verrichtet werden, und die für ihren Unterhalt bestimmten Fonds können noch nicht merklich abgenommen haben. Die unterste Schicht der Arbeiter muß sich also ungeachtet ihres kärglichen Auskommens auf die eine oder andere Art so weit mühsam fortpflanzen, daß sie ihr Geschlecht bei der gewöhnlichen Anzahl erhält.

Anders würde es in einem Lande stehen, wo die für den Unterhalt der Arbeit bestimmten Fonds merklich abgenommen haben. Da würde die Nachfrage nach Dienstboten und Arbeitern in all den verschiedenen Arten der Beschäftigung jedes Jahr kleiner werden, als sie das Jahr zuvor war. Viele die bei den höheren Arten aufgewachsen wären, würden in ihrem eigenen Gewerbe keine Beschäftigung mehr finden und froh sein, sie in einer der niedrigsten zu suchen. Da nun aber die niedrigste Art nicht nur mit ihren eigenen Arbeitern, sondern auch mit den Überläufern von allen anderen Arten überfüllt wäre, so würde das Werben um Arbeit in ihr so groß werden, daß es den Arbeitslohn bis zur Stufe des elendesten und kärglichsten Unterhalts des Arbeiters herabsetzte. Viele würden selbst unter diesen harten Bedingungen keine Beschäftigung finden können, sondern verhungern müssen, oder sich genötigt sehen, entweder durch Betteln oder durch Verübung der größten Verbrechen ihren Unterhalt zu suchen. Mangel, Hunger und Sterblichkeit würde in dieser Klasse sofort um sich greifen und sich von da über alle höheren Klassen verbreiten, bis die Zahl der Einwohner soweit verringert wäre, daß sie von dem Einkommen und Kapital, das im Lande bliebe und das der Tyrannei oder dem Unglück, wodurch das Übrige zerstört wurde, entgangen wäre, leicht erhalten werden könnte. Dies ist vielleicht so ziemlich der gegenwärtige Zustand Bengalens und einiger anderer Niederlassungen der Engländer in Ostindien. In einem fruchtbaren Lande, das kurz vorher stark entvölkert wurde, wo folglich Unterhaltsmittel nicht schwer zu finden sein sollten, und wo dessenungeachtet in einem Jahre drei- oder vierhunderttausend Menschen Hungers sterben, sind, dessen können wir sicher sein, die für den Unterhalt der arbeitenden Armen bestimmten Fonds stark im Abnehmen. Der Unterschied zwischen dem Geiste der britischen Staatsverfassung, die Nordamerika schützt und regiert, und dem der Handelsgesellschaft, die in Ostindien unterdrückt und tyrannisiert, kann durch nichts so gut veranschaulicht werden, als durch den verschiedenen Zustand dieser Länder.

Demnach ist die reichliche Vergütung der Arbeit sowohl eine notwendige Wirkung, als auch ein natürliches Merkmal des wachsenden Volkswohlstandes. Und umgekehrt ist der kärgliche Unterhalt des arbeitenden Armen ein natürliches Merkmal dafür, daß ein Stillstand eingetreten ist, und ihr Hungern ein Beweis, daß es mit schnellen Schritten rückwärts geht.

In Großbritannien beträgt gegenwärtig der Arbeitslohn offenbar mehr, als gerade nötig ist, um dem Arbeiter den Unterhalt einer Familie zu ermöglichen. Um über diesen Punkt ins Klare zu kommen, wird es nicht nötig sein, eine weitläufige oder ungewisse Berechnung über die niedrigste Summe, mit der dies möglich ist, anzustellen; denn es sind augenfällige Beweise dafür vorhanden, daß der Arbeitslohn in diesem Lande nirgends nach dem niedrigsten Satze, der sich mit der gewöhnlichen Humanität verträgt, reguliert wird.

1. In Großbritannien besteht fast an allen Orten ein Unterschied zwischen Sommer- und Winterlöhnen, sogar bei den geringsten Arten von Arbeit. Die Sommerlöhne sind immer die höchsten. Doch erfordert der Unterhalt einer Familie gerade im Winter wegen der Ausgabe für Brennmaterial die meisten Kosten. Wenn nun der Arbeitslohn dann am höchsten ist, wann diese Ausgabe am wenigsten beträgt, so ist es doch wohl klar, daß er sich nicht nach dem, was zu dieser Ausgabe erforderlich ist, sondern nach der Quantität und dem vermeintlichen Wert der Arbeit richtet. Man kann in der Tat sagen, daß ein Arbeiter einen Teil seines Sommerlohnes aufsparen sollte, um seine Winterausgaben damit bestreiten zu können, und daß der Lohn des ganzen Jahres gerade ausreicht, um den Unterhalt einer Familie während des ganzen Jahres zu bestreiten. Einen Sklaven hingegen oder einen in betreff seines Unterhalts von uns durchaus abhängigen Menschen würden wir nicht so behandeln. Sein täglicher Lebensunterhalt würde nach seinem täglichen Bedarf geregelt werden.

2. Der Arbeitslohn schwankt in Großbritannien nicht mit dem Preise der Nahrungsmittel. Dieser verändert sich überall von Jahr zu Jahr, oft von Monat zu Monat. Dagegen bleibt sich an vielen Orten der Geldpreis der Arbeit bisweilen ein halbes Jahrhundert hindurch gleich. Wenn nun der arbeitende Arme an diesen Orten seine Familie in teuren Jahren erhalten kann, so muß er in Zeiten mäßiger Fülle bequem, und in Zeiten außerordentlicher Wohlfeilheit im Überfluß zu leben haben. Der hohe Preis der Lebensmittel während der letzten zehn Jahre war nicht in vielen Teilen des Königreichs von einer merklichen Steigerung des Geldpreises der Arbeit begleitet. Er war es allerdings in einigen; aber wahrscheinlich mehr wegen der wachsenden Nachfrage nach Arbeit, als wegen der Lebensmittelpreise.

3. Wie sich der Lebensmittelpreis von Jahr zu Jahr mehr wandelt, als der Arbeitslohn, so wandelt sich andererseits der Arbeitslohn mehr von Ort zu Ort als der Lebensmittelpreis. Die Brot- und Fleischpreise sind in dem größten Teile der vereinigten Königreiche im allgemeinen dieselben. Diese und die meisten anderen Dinge, welche im kleinen verkauft werden, nach der Art, wie der arbeitende Arme alle Dinge kauft, sind gewöhnlich in großen Städten ebenso wohlfeil oder noch wohlfeiler als in abgelegenen Gegenden, und zwar aus Gründen, die ich Gelegenheit haben werde, später zu entwickeln. Dagegen ist der Arbeitslohn in einer großen Stadt und deren Umgegend oft um ein Viertel oder Fünftel, 20 oder 25 Prozent höher, als wenige Meilen weiter. 18 Pence für den Tag kann man als gewöhnlichen Arbeitspreis in London und dessen Umgegend ansehen. Wenige Meilen weiter fällt er bis auf 14 oder 15 Pence. 10 Pence kann man als Arbeitspreis in Edinburg und Umgegend ansehen. Wenige Meilen weiter fällt er bis auf 8 Pence, den üblichen Preis, den gemeine Arbeit im größten Teile des Flachlands von Schottland hat, wo er überhaupt viel weniger wechselt, als in England. Solch ein Unterschied im Preise, der doch nicht immer groß genug ist, um einen Menschen aus einem Kirchspiel in das andere zu bringen, würde selbst bei der schwersten Ware eine so starke Versendung nicht nur von einem Kirchspiel ins andere, sondern von einem Ende des Königreichs zum anderen, ja beinahe von einem Ende der Welt zum anderen bewirken, daß die Preise gar bald ins Gleichgewicht kämen. Nach alle dem, was von der Veränderlichkeit und Unbeständigkeit der menschlichen Natur gesagt worden ist, scheint es nach der Erfahrung doch offenbar, daß von allen Arten von Gepäck der Mensch am schwierigsten von der Stelle zu bringen ist. Wenn also die arbeitenden Armen ihre Familie in denjenigen Teilen des Königreichs, wo der Arbeitspreis am niedrigsten steht, ernähren können, so müssen sie da, wo er am höchsten ist, im Überflusse leben.

4. Die Veränderungen im Arbeitspreise entsprechen nicht nur denen im Lebensmittelpreise weder dem Orte noch der Zeit nach, sondern sie sind oft durchaus entgegengesetzt.

Das Korn, die Nahrung des gemeinen Volkes, ist in Schottland teurer als in England, von wo aus Schottland fast alle Jahre eine reichliche Zufuhr erhält. Aber das englische Korn muß in Schottland, wohin es gebracht wird, teurer bezahlt werden, als in England, woher es kommt; und im Verhältnis zu seiner Quantität kann es auch wieder in Schottland nicht teurer verkauft werden, als das schottische Korn, das mit ihm auf demselben Markte konkurriert. Die Qualität des Korns hängt von der Quantität Mehl ab, die es auf der Mühle liefert, und in dieser Hinsicht übertrifft das englische Korn das schottische so weit, daß es, wenn auch oft dem Scheine nach oder im Verhältnis zu seiner Menge teurer, doch in Wirklichkeit, oder im Verhältnis zu seiner Qualität, ja sogar zu seinem Gewichtsmaß gewöhnlich wohlfeiler ist. Dagegen ist der Arbeitspreis in England teurer als in Schottland. Wenn demnach die arbeitenden Armen in dem einen Teile des vereinigten Königreiches ihre Familien ernähren können, so müssen sie in dem anderen im Überfluß leben. Allerdings macht Hafermehl für das gemeine Volk in Schottland den größten und besten Teil seiner Nahrung aus, die überhaupt weit schlechter ist, als die seiner Nachbarn gleichen Standes in England. Doch ist dieser Unterschied in der Art ihres Lebensunterhalts nicht die Ursache, sondern die Wirkung des Unterschiedes im Arbeitslohne; obwohl ich ihn oft infolge eines wunderlichen Mißverständnisses als die Ursache bezeichnen hörte. Nicht deshalb, weil sich der eine eine Kutsche hält, während sein Nachbar zu Fuße geht, ist der eine reich und der andere arm; sondern weil der eine reich ist, hält er sich eine Kutsche, und weil der andere arm ist, geht er zu Fuße.

Im Verlaufe des vorigen Jahrhunderts war, ein Jahr mit dem anderen verglichen, das Korn in beiden Teilen des vereinigten Königreiches teurer, als in dem des jetzigen. Dies ist eine ausgemachte Tatsache, die sich jetzt vernünftigerweise nicht bezweifeln läßt; und der Beweis dafür ist bezüglich Schottlands womöglich noch sprechender, als bezüglich Englands. In Schottland wird er zur Evidenz erbracht durch die öffentlichen Fiars, d. h. jährliche, nach eidlicher Aussage abgefaßte Preislisten über alle Getreidearten in jeder einzelnen schottischen Grafschaft je nach der jeweiligen Marktlage. Wenn solch ein direkter Beweis noch einer ergänzenden Bestätigung bedürfte, so würde ich bemerken, daß dies gleicherweise in Frankreich und wahrscheinlich auch in den meisten anderen Teilen Europas der Fall gewesen ist. Für Frankreich ist der klarste Beweis vorhanden. So gewiß es aber ist, daß in beiden Teilen des vereinigten Königreichs das Getreide im letzten Jahrhundert etwas teurer war, als im gegenwärtigen, eben so gewiß ist es, daß die Arbeit viel wohlfeiler war. Wenn der arbeitende Arme seine Familie damals ernähren konnte, so müssen sie es jetzt um so leichter haben. Im vorigen Jahrhundert betrug der häufigste Tagelohn für gewöhnliche Arbeit im größten Teile Schottlands 6 Pence im Sommer und 5 Pence im Winter. 3 Schilling die Woche, also so ziemlich dasselbe, wird noch heute in einigen Teilen des Hochlandes und der westlichen Inseln bezahlt. In dem größten Teile des flachen Landes ist jetzt der häufigste Lohn für gewöhnliche Arbeit 8 Pence den Tag; 10 Pence, bisweilen 1 Schilling ist er um Edinburg, in den an England grenzenden Grafschaften, wahrscheinlich wegen dieser Nachbarschaft, und an einigen wenigen Orten, wo sich jüngst eine beträchtliche Zunahme der Nachfrage nach Arbeit eingestellt hat, um Glasgow, Carron, Ayrshire usw. In England fingen die Fortschritte im Ackerbau, im Gewerbe und Handel viel früher an, als in Schottland. Die Nachfrage nach Arbeit und folglich auch deren Preis mußten mit diesen Fortschritten notwendig zunehmen. Daher war im vorigen wie im jetzigen Jahrhundert der Arbeitspreis in England höher als in Schottland. Er ist seit jener Zeit noch beträchtlich gestiegen, wenn man auch wegen der größeren Verschiedenheit des hier an verschiedenen Orten bezahlten Lohnes nicht leicht bestimmen kann, um wie viel. Im Jahre 1614 war der Sold eines Fußsoldaten der nämliche, wie heute, nämlich 8 Pence den Tag. Als dieser ursprünglich festgesetzt wurde, bestimmte ihn natürlich der übliche Lohn gemeiner Arbeiter, d. h. derjenigen Volksklasse, aus der die Fußsoldaten gewöhnlich ausgehoben werden. Der Lord Oberrichter Hales, der zur Zeit Karls II. schrieb, berechnet die notwendigen Ausgaben einer Arbeiterfamilie, die aus 6 Personen, dem Vater, der Mutter, 2 zu einiger Arbeit fähigen und 2 arbeitsunfähigen Kindern besteht, auf 10 Schilling in der Woche oder 26 Pfund im Jahr. Können sie mit ihrer Arbeit so viel nicht verdienen, so müssen sie es nach seiner Meinung durch Betteln oder Stehlen aufbringen. Er scheint in der Tat sehr sorgfältige Untersuchungen über diesen Gegenstand in Burns Geschichte der Armengesetze angestellt zu haben. Im Jahre 1688 berechnete Gregory King, dessen Talent in politischen Berechnungen der Doktor Davenant so sehr pries, das gewöhnliche Einkommen von Arbeitsleuten und Lohndienern auf 15 Pfund im Jahre für eine Familie, deren Stärke er im Durchschnitt zu 3½ Personen annahm. Seine Berechnung, obwohl scheinbar von der des Oberrichters Hales verschieden, stimmt im Grunde so ziemlich mit ihr überein. Beide nehmen die wöchentliche Ausgabe einer solchen Familie mit etwa 20 Pence für den Kopf an. Seit dieser Zeit sind sowohl die Einkünfte als die Ausgaben solcher Familien im größten Teile des Königreichs ansehnlich gewachsen; an dem einen Orte mehr, am anderen weniger, obgleich vielleicht nirgends so sehr, als gewisse übertriebene Berechnungen des derzeitigen Arbeitslohnes es dem Publikum neulich vorgestellt haben. Ganz genau, das muß man berücksichtigen, kann der Arbeitspreis nirgends angegeben werden, da oft an demselben Orte und für dieselbe Art der Arbeit nicht bloß je nach den verschiedenen Fähigkeiten der Arbeiter, sondern auch nach der Freigebigkeit oder Kargheit der Arbeitgeber verschiedene Preise gezahlt werden. Wo der Arbeitslohn nicht durch das Gesetz reguliert ist, da können wir es nur unternehmen, darzulegen, welcher der üblichste ist; und die Erfahrung scheint dafür zu sprechen, daß das Gesetz ihn niemals genau regulieren kann, so oft es auch dieses zu tun sich anmaßte.

Die wirkliche Entlohnung der Arbeit, die wirkliche Quantität von Lebensbedarfs- und Genußgütern, die sie dem Arbeiter einbringen kann, hat im Laufe des gegenwärtigen Jahrhunderts vielleicht noch in stärkerem Maße zugenommen als ihr Geldpreis. Es ist nicht nur das Getreide etwas wohlfeiler geworden, sondern auch viele andere Dinge, welche dem arbeitsamen Armen eine angenehme und gesunde Abwechslung in den Nahrungsmitteln darbieten, sind wesentlich wohlfeiler geworden. Die Kartoffeln z. B. kosten jetzt bei uns im größten Teil des Königreiches nur halb soviel, als vor 30 oder 40 Jahren. Dasselbe läßt sich von den weißen und gelben Rüben und dem Kohl sagen; alles Dinge, die früher mit dem Spaten, jetzt aber gewöhnlich mit dem Pfluge bestellt werden. Auch alle Arten von Gartengewächsen sind wohlfeiler geworden. Der größte Teil der Äpfel und selbst der Zwiebeln, die in Großbritannien verzehrt werden, wurde im letzten Jahrhundert meist aus Flandern eingeführt. Die großen Fortschritte in der Anfertigung gröberer Leinen- und Wollenzeuge versorgen die Arbeiter mit besseren und wohlfeileren Kleidern, und die in der Bearbeitung der groben Metalle, sowohl mit wohlfeilerem und besserem Handwerkszeug als auch mit manchem angenehmen und bequemen Hausgerät. Allerdings sind Seife, Salz, Kerzen, Leder, gegorene Getränke, hauptsächlich durch die darauf gelegten Steuern, wesentlich teurer geworden. Allein das Quantum, das der arbeitende Arme von diesen Dingen notwendig braucht, ist so gering, daß die Erhöhung ihres Preises die Verminderung, die bei so vielen anderen Dingen eingetreten ist, nicht aufwiegt. Die landläufige Klage, daß der Luxus sich selbst auf die untersten Volksklassen erstreckt, und die arbeitenden Armen sich jetzt nicht mehr mit der Nahrung, Kleidung und Wohnung zufrieden geben wollen, die ihnen früher genügte, kann uns den Beweis liefern, daß es nicht nur der Geldpreis der Arbeit, sondern ihre wirkliche Entlohnung ist, die gewachsen ist.

Ist nun diese Verbesserung, diese Ausgestaltung der Lebensbedingungen der niederen Volksklassen als ein Vorteil oder als ein Nachteil für die Gesellschaft anzusehen? Die Antwort scheint beim ersten Anblick außerordentlich einfach. Dienstboten, Tagelöhner und Arbeiter aller Art machen den bei weitem größten Teil jeder staatlichen Gesellschaft aus. Was nun aber die Lebensbedingungen des größten Teils verbessert, kann nicht als ein Nachteil für das Ganze angesehen werden. Eine Gesellschaft kann sicherlich nicht blühend und glücklich sein, wenn ihr weitaus größter Teil arm und elend ist. Überdies ist es nicht mehr als billig, daß die, welche den ganzen Körper des Volkes mit Nahrung, Kleidung und Wohnung versorgen, an dem Erzeugnis ihrer eigenen Arbeit so viel Anteil haben, daß sie selbst auf erträgliche Weise sich nähren, kleiden und wohnen können.

Die Armut schreckt allerdings von der Heirat ab, aber sie verhindert sie nicht immer. Sie scheint sogar der Vermehrung günstig zu sein. Eine halbverhungerte Hochländerin bringt oft mehr als 20 Kinder zur Welt, während eine wohlgenährte feine Lady ebenso oft unfähig ist, ein einziges zu gebären, und im allgemeinen nach 2 oder 3 erschöpft ist. Die unter vornehmen Frauen so häufige Unfruchtbarkeit ist unter den Frauen niederen Standes sehr selten. Der Luxus entflammt zwar vielleicht in dem schönen Geschlechte die Begierde nach dem Genusse, scheint aber auch immer das Zeugungsvermögen zu schwächen und häufig ganz zu zerstören.

Allein die Armut ist, so wenig sie die Vermehrung hemmt, höchst ungünstig für die Aufzucht der Kinder. Die zarte Pflanze entfaltet sich, aber in so kaltem Boden und so rauhem Klima welkt und stirbt sie bald. Es ist, wie man mir oft gesagt hat, im schottischen Hochlande nichts Ungewöhnliches, daß eine Mutter, die 20 Kinder geboren hat, nicht 2 am Leben behält. Einige sehr erfahrene Offiziere haben mir versichert, daß sie, weit entfernt, ihr Regiment damit rekrutieren zu können, sogar niemals imstande gewesen sind, mit allen darin geborenen Soldatenkindern auch nur die Zahl der Trommler und Pfeifer voll zu machen. Dennoch sieht man selten irgendwo so viele hübsche Kinder, als um eine Soldatenbaracke herum. Aber nur wenige davon erreichen, wie es scheint, das vierzehnte oder fünfzehnte Jahr. An einigen Orten stirbt die Hälfte der Kinder vor dem vierten Jahre, an anderen vor dem siebenten, und fast allerorts vor dem neunten oder zehnten. Aber überall findet sich diese große Sterblichkeit hauptsächlich unter den Kindern des niederen Volkes, das sie nicht mit der Sorgfalt warten kann, wie die Eltern aus besserem Stande. Obgleich die Ehen jener im allgemeinen fruchtbarer sind, als die der vornehmen Leute, so gelangt doch ein kleinerer Teil ihrer Kinder ins reife Alter. In Findelhäusern und unter den auf Kosten der Gemeinden verpflegten Kindern ist die Sterblichkeit noch größer, als unter den Kindern des niederen Volkes.

Jede Tiergattung vermehrt sich naturgemäß nach Maßgabe ihrer Nahrungsmittel, und keine Tiergattung kann sich je darüber hinaus vermehren. Aber in einer zivilisierten Gesellschaft kann der Mangel an Nahrungsmitteln nur in den unteren Volksklassen einer weiteren Vermehrung der Gattung Mensch Schranken setzen; und er kann dies nur dadurch, daß er einen großen Teil der Kinder, die ihre Ehen hervorbringen, tötet.

Die reichliche Entlohnung der Arbeit nun, die jene instand setzt, für ihre Kinder besser zu sorgen und also eine größere Anzahl derselben durchzubringen, bewirkt natürlich eine Erweiterung und Ausdehnung jener Schranken. Es verdient auch bemerkt zu werden, daß sie dies soweit als möglich tut nach dem Verhältnisse, das sich aus der Nachfrage nach Arbeit ergibt. Wenn diese Nachfrage in stetem Wachsen ist, so muß die Entlohnung der Arbeit notwendig so weit zu Heiraten und Vermehrung der Arbeiter ermuntern, daß diese zahlreich genug werden, um der stets wachsenden Nachfrage durch eine stets wachsende Volksmenge zu entsprechen. Wäre die Entlohnung je einmal geringer als es für diesen Zweck nötig ist, so würde der Mangel an Händen sie bald in die Höhe treiben; und wäre sie je einmal größer, so würde ihre unmäßige Vermehrung sie bald wieder auf ihren notwendigen Satz herunterbringen. Der Markt würde in dem einen Falle so schlecht mit Arbeit und in dem anderen so gut damit beschickt sein, daß ihr Preis bald auf den richtigen Satz zurückgebracht wäre, den die Lage der Gesellschaft forderte. So geschieht es, daß die Nachfrage nach Menschen, gerade so wie die nach jeder anderen Ware, notwendig auch die Erzeugung der Menschen reguliert: sie beschleunigt, wenn sie zu langsam vor sich geht, und verzögert, wenn sie zu rasch fortschreitet. Diese Nachfrage reguliert und bestimmt die Art der Fortpflanzung in all den verschiedenen Ländern der Welt, in Nordamerika, in Europa und in China; sie macht sie zu einer reißend schnellen in dem ersten, zu einer langsamen und schrittweisen in dem zweiten und zu einer völlig stationären in dem letzten.

Man hat gesagt, die Abnutzung eines Sklaven gehe auf Kosten seines Herrn, die eines freien Dienstboten auf seine eigenen Kosten vor sich. Allein die Abnutzung des letzteren geht nicht weniger auf Kosten seines Arbeitgebers vor sich, als die des ersteren. Der an Arbeitsleute und Dienstboten aller Art gezahlte Lohn muß so beschaffen sein, daß er sie instand setzt, das Geschlecht der Arbeitsleute und Dienstboten in dem Maße fortzupflanzen, wie es die wachsende, abnehmende oder stationäre Nachfrage der Gesellschaft gerade verlangt. Wenn indes auch die Abnutzung eines freien Dienstboten gleichfalls auf Kosten seines Arbeitgebers geschieht, so kostet sie ihn doch in der Regel weit weniger, als die eines Sklaven. Der zum Ersatz oder, wenn ich so sagen darf, zur Reparatur der Abnutzung eines Sklaven bestimmte Fonds wird gewöhnlich von einem nachlässigen Arbeitgeber oder einem sorglosen Aufseher verwaltet. Der zu demselben Zwecke für einen freien Mann bestimmte Fonds wird von dem freien Manne selbst verwaltet. In die Verwaltung des ersteren schleichen sich natürlich alle die Unordnungen ein, die im Haushalt der Reichen vorwiegen, und eben so natürlich kehrt in die des letzteren die strenge Mäßigkeit und sparsame Achtsamkeit des Armen ein. Unter so ungleichen Verwaltungen muß derselbe Fall sehr ungleiche Auslagen bei seiner Durchführung verursachen. Und es scheint, wie ich glaube, auf Grund der Erfahrung aller Zeiten und Völker, daß die Arbeit freier Leute am Ende wohlfeiler zu stehen kommt, als die von Sklaven. Dies hat sich sogar in Boston, New York und Philadelphia bestätigt, wo doch der Lohn gemeiner Arbeit so hoch ist.

Wie demnach die reichliche Entlohnung der Arbeit die Wirkung zunehmenden Wohlstandes ist, so ist sie die Ursache zunehmender Bevölkerung. Darüber klagen, heißt über die notwendige Wirkung und Ursache der größten allgemeinen Wohlfahrt jammern.

Es verdient vielleicht bemerkt zu werden, daß die Lage der arbeitenden Armen, des größten Teils der Bevölkerung, zur Zeit des Fortschritts, wenn die Gesellschaft weiterem Erwerbe zueilt, eher als wenn sie ihr volles Maß von Reichtum bereits erworben hat, am glücklichsten und behäbigsten zu sein scheint. Zur Zeit des Stillstands ist sie kümmerlich und zu der des Rückgangs erbärmlich. Der Fortschritt ist in der Tat für alle verschiedenen Klassen der Zustand der Aufmunterung und Freude. Der Stillstand ist etwas Lähmendes; der Niedergang aber etwas Trostloses.

Wie die reichliche Entlohnung der Arbeit die Fortpflanzung anregt, so spornt sie auch den Fleiß des gemeinen Mannes an. Der Arbeitslohn ist die Anregung zum Fleiße, der, wie jede andere menschliche Eigenschaft, in dem Grade zunimmt, als er Anregung erfährt. Reichlicher Unterhalt stärkt die Körperkräfte des Arbeiters, und die wohltuende Hoffnung, seine Lage verbessern und seine Tage vielleicht in Behagen und Fülle beschließen zu können, treibt ihn, jene Kräfte aufs äußerste anzustrengen. Darum werden wir da, wo der Arbeitslohn hoch ist, die Arbeiter immer tätiger, fleißiger und rüstiger finden, als da, wo er niedrig ist; in England z. B. mehr als in Schottland, in der Umgebung großer Städte mehr, als an entlegenen Orten in der Provinz. Freilich werden manche Arbeiter, wenn sie in 4 Tagen soviel verdienen können, daß sie eine Woche davon zu leben haben, in den übrigen 3 Tagen müßig gehen. Aber dies ist bei der Mehrzahl durchaus nicht der Fall. Im Gegenteil sind die Arbeiter, wenn sie nach dem Stück bezahlt werden, sehr geneigt, sich zu überarbeiten und in wenigen Jahren ihre Gesundheit und Leibesbeschaffenheit zu ruinieren. Von einem Zimmermann in London und an einigen anderen Orten nimmt man an, daß er nur etwa 8 Jahre bei vollen Kräften bleibt. Ähnlich verhält es sich in vielen anderen Gewerben, wo der Arbeiter nach dem Stück bezahlt wird, wie dies allgemein in den Manufakturen und selbst bei der Feldarbeit überall, wo der Lohn höher als gewöhnlich ist, geschieht. Beinahe jede Klasse von Handwerkern ist einer eigentümlichen Krankheit ausgesetzt, die von der übermäßigen Anstrengung bei der besonderen Art ihrer Arbeit herkommt. Ramuzzini, ein ausgezeichneter italienischer Arzt, hat über diese Krankheiten ein eigenes Buch geschrieben. Wir rechnen unsere Soldaten nicht eben zum arbeitsamsten Menschenschlag. Dennoch mußten, wenn sie zu einigen bestimmten Arbeiten gebraucht und nach dem Stücke reichlich bezahlt wurden, ihre Offiziere oft mit dem Unternehmer ein Abkommen treffen, damit es ihnen nicht möglich wurde, bei dem Satze, nach dem sie bezahlt wurden, jeden Tag mehr als eine gewisse Summe zu verdienen. Bevor dies Abkommen getroffen war, brachte sie der Wetteifer untereinander und das Verlangen nach größerem Gewinn häufig dahin, sich zu überarbeiten und ihre Gesundheit durch übermäßige Anstrengung zu schädigen. Der 4 Tage der Woche hindurch anhaltende, übermäßige Fleiß ist oft die wirkliche Ursache jenes Müßiggangs in den 3 übrigen, über den so viele und so laute Klage geführt wird. Denn eine große Anstrengung des Geistes oder des Körpers, mehrere Tage hintereinander fortgesetzt, hat naturgemäß bei den meisten Menschen ein starkes Verlangen nach Abspannung zur Folge, das, wenn es nicht mit Gewalt oder durch herbe Not bezwungen wird, fast unwiderstehlich ist. Es ist die Stimme der Natur, die verlangt, daß man ihr zu Hilfe kommt, durch etwas Schonung, oft nur durch Ruhe, oft aber auch durch Zerstreuung und Vergnügung. Wird ihr nicht entsprochen, so sind die Folgen oft gefährlich, manchmal verderblich und fast immer so, daß sie früher oder später zu der dem Gewerbe eigentümlichen Krankheit führen. Wenn die Arbeitgeber immer auf die Eingebung der Vernunft und Menschlichkeit hörten, so würden sie oft Veranlassung haben, den Fleiß von vielen ihrer Arbeiter eher zu mäßigen als anzufeuern. Es wird sich, wie ich glaube, bei jeder Art von Gewerbe herausstellen, daß ein Mensch, der mit so viel Mäßigung arbeitet, um ununterbrochen arbeiten zu können, nicht nur seine Gesundheit am längsten erhält, sondern auch im Verlaufe des ganzen Jahres das größte Arbeitsquantum verrichtet.

Man hat behauptet, daß die Arbeiter im allgemeinen in wohlfeilen Jahren träger, und in teuren arbeitsamer als gewöhnlich sind. Man schloß daraus, daß reichliche Nahrung ihren Fleiß erschlaffe und eine kärgliche ihn ansporne. Daß eine etwas mehr als gewöhnliche Fülle einige Arbeiter träge macht, läßt sich allerdings nicht leugnen; daß sie diese Wirkung aber bei der Mehrzahl haben sollte, oder daß die Menschen in der Regel besser arbeiten sollten, wenn sie schlecht, als wenn sie gut genährt sind, wenn sie kleinmütig, als wenn sie guten Mutes sind, wenn sie oft krank, als wenn sie im allgemeinen gesund sind, scheint nicht sehr wahrscheinlich. Jahre der Teurung sind, was wohl zu beachten ist, bei den gewöhnlichen Leuten allgemein Jahre der Krankheit und Sterblichkeit, was nicht verfehlt, das Produkt ihres Fleißes zu verringern.

In Jahren der Fülle verlassen die Dienstboten häufig ihre Arbeitgeber und richten ihren Unterhalt auf das Ergebnis ihrer eigenen Betriebsamkeit ein. Andrerseits veranlaßt ebendieselbe Wohlfeilheit der Lebensmittel dadurch, daß sie den für den Unterhalt der Dienstboten bestimmten Fonds vergrößert, die Arbeitgeber, besonders die Pächter, eine größere Menge zu beschäftigen. Die Pächter erwarten in solchen Fällen von ihrem Getreide einen größeren Gewinn, wenn sie etwas mehr arbeitendes Gesinde damit ernähren, als wenn sie es zu einem niedrigen Preise auf dem Markte verkaufen. Die Nachfrage nach Dienstboten wächst, während die Anzahl derjenigen, die sich zur Befriedigung dieser Nachfrage anbieten, abnimmt. Daher geht der Preis der Arbeit in wohlfeilen Jahren oft in die Höhe.

In Notjahren macht die Schwierigkeit und Unsicherheit des Unterhalts alle diese Leute begierig, in den Dienst zurückzukehren. Aber der hohe Preis der Lebensmittel bestimmt, indem er die für den Unterhalt von Dienstboten bestimmten Fonds verringert, die Arbeitgeber, die Anzahl derer, die sie halten, eher zu vermindern als zu vergrößern. Auch verzehren oft in teuren Jahren arme unabhängige Handwerker die kleinen Kapitalien, mit denen sie sich sonst ihr Arbeitsmaterial zu verschaffen pflegten, und sind gezwungen, Taglöhner zu werden, um leben zu können. Es suchen mehr Leute Arbeit, als sie normalerweise bekommen können; viele sind bereit, sie unter schlechteren Bedingungen als gewöhnlich anzunehmen, und der Arbeitslohn von Gesinde und Taglöhnern geht häufig in teuren Jahren hinunter.

Demnach machen die Arbeitgeber aller Art oft in teuren Jahren mit ihren Dienstboten ein besseres Geschäft als in wohlfeilen und finden sie in den ersteren demütiger und abhängiger als in den letzteren. Sie sagen also ganz natürlich von den teuren Jahren, daß sie der Industrie günstiger seien. Zudem haben die Gutsherrn und Pächter, die beiden zahlreichsten Klassen von Arbeitgebern, noch einen anderen Grund, mit teuren Jahren zufrieden zu sein. Die Renten des einen und die Profite des anderen hängen sehr stark von dem Preise der Lebensmittel ab. Nichts kann abgeschmackter sein, als sich einzubilden, daß die Menschen im allgemeinen weniger arbeiten sollten, wenn sie für sich arbeiten, als wenn sie für andere Leute arbeiten. Ein armer unabhängiger Handwerker wird gewöhnlich arbeitsamer sein, als selbst ein Taglöhner, der nach dem Stück arbeitet. Der eine hat den vollen Genuß von dem Produkt seines Fleißes, der andere teilt ihn mit seinem Arbeitgeber. Der eine ist in seiner abgesonderten, unabhängigen Stellung den Versuchungen schlechter Gesellschaft, die in großen Fabriken die Sitten der anderen so häufig verdirbt, nur wenig ausgesetzt. Die Überlegenheit des unabhängigen Handwerkers über jene Dienstboten, welche monats-, oder jahrweise gedungen werden, und deren Lohn und Unterhalt derselbe ist, gleichviel, ob sie wenig oder viel arbeiten, noch weit größer. Wohlfeile Jahre haben die Tendenz, das Verhältnis unabhängiger Handwerker zu Taglöhnern und Dienstboten aller Art zu erhöhen, teure, es zu verringern.

Ein französischer Schriftsteller von großem Wissen und Scharfsinn, Messance, Steuereinnehmer im Steuerbezirk von St. Etienne, sucht zu zeigen, daß die Armen in wohlfeilen Jahren mehr arbeiten als in teuren, indem er die Menge und den Wert der unter diesen verschiedenen Umständen verfertigten Waren in drei verschiedenen Manufakturen vergleicht: in einer von groben Wollenwaren zu Elbeuf, in einer von Leinen und in einer von Seide, die sich über den ganzen Obersteueramtsbereich von Rouen erstrecken. Aus seiner Rechnung, die den Akten öffentlicher Ämter entnommen ist, ergibt sich, daß die Menge und der Wert der in diesen drei Manufakturen verfertigten Waren in wohlfeilen Jahren im allgemeinen größer als in teuren war; und daß sie immer in den wohlfeilsten am größten, in den teuersten am kleinsten waren. Diese drei Manufakturen scheinen stationäre, d. h. solche zu sein, die, wenn auch ihre Produktion von einem Jahre zum anderen etwas abweichen mag, doch im ganzen weder zurück noch vorwärts gehen.

Die Leinwandmanufaktur in Schottland und die von groben Wollenzeugen im West-Bezirk von Yorkshire sind beide wachsende Manufakturen, deren Produktion im allgemeinen, wenn auch mit einigen Schwankungen, an Menge und Wert zunimmt. Bei Prüfung der über ihre jährliche Produktion veröffentlichten Berichte habe ich jedoch nicht bemerken können, daß ihre Schwankungen mit der Teuerung oder Wohlfeilheit der Jahre in irgend einem fühlbaren Zusammenhang standen. Im Jahre 1740, wo großer Mangel herrschte, scheinen in der Tat beide Manufakturen sehr zurückgegangen zu sein. Im Jahre 1756 aber, wo auch großer Mangel herrschte, machte die schottische Manufaktur außergewöhnliche Fortschritte. Die Manufaktur von Yorkshire ging freilich zurück, und ihre Produktion kam von 1755 an bis 1766 nicht wieder auf die frühere Höhe, bis das amerikanische Stempelgesetz aufgehoben wurde. In diesem und dem folgenden Jahre stieg sie weit über die frühere Höhe hinaus und sie hat seitdem stets fortgefahren zu wachsen.

Die Produktion aller großen Manufakturen, die ihren Absatz in der Ferne haben, hängt notwendigerweise nicht sowohl von der Teurung oder Wohlfeilheit der Jahreszeiten in dem Lande ihres Betriebes, als von den Umständen ab, welche die Nachfrage in den Ländern ihres Konsums bestimmen, von Frieden oder Krieg, vom Gedeihen oder Verfall anderer rivalisierenden Manufakturen und von der Lust oder Unlust der Hauptkunden. Überdies kommt ein großer Teil der außerordentlichen Arbeit, die in wohlfeilen Jahren wahrscheinlich verrichtet wird, niemals in die veröffentlichten Manufakturberichte. Die männlichen Arbeiter, welche ihre Arbeitgeber verlassen, werden unabhängige Arbeiter. Die weiblichen Arbeiter kehren zu ihren Eltern zurück und spinnen gewöhnlich, um für sich und ihre Familien Kleider anzufertigen. Selbst die unabhängigen Handwerker arbeiten nicht immer für den öffentlichen Verkauf, sondern werden von einigen ihrer Nachbarn mit Arbeiten für den Hausbedarf beschäftigt. Daher fehlt ihre Produktion häufig in jenen öffentlichen Berichten, deren Ergebnisse zuweilen mit so vielem Gepränge veröffentlicht werden, und nach denen unsere Kaufleute und Fabrikanten es oft vergeblich versuchen würden, das Gedeihen oder den Verfall der größten Reiche zu bestimmen.

Obgleich die Schwankungen im Arbeitspreise nicht nur nicht immer mit denen im Preise der Lebensmittel übereinstimmen, sondern oft ganz entgegengesetzte sind, so darf man sich deshalb doch nicht einbilden, daß der Preis der Lebensmittel auf den der Arbeit keinen Einfluß habe. Der Geldpreis der Arbeit wird notwendig durch zweierlei Umstände reguliert, durch die Nachfrage nach Arbeit, und durch den Preis der Lebensbedarfs- und Genußgüter. Die Nachfrage nach Arbeit bestimmt, je nachdem sie eine zunehmende, stationäre oder abnehmende ist, oder je nachdem sie eine zunehmende, stationäre oder abnehmende Bevölkerung fordert, die Quantität von Lebensbedarfs- und Genußgütern, die dem Arbeiter gegeben werden muß; und der Geldpreis der Arbeit wird durch das bestimmt, was zum Ankauf dieser Quantität notwendig ist. Wenn daher auch der Geldpreis der Arbeit zuweilen hoch ist, wo der Preis der Nahrungsmittel niedrig ist, so würde er doch, bei gleicher Nachfrage, noch höher sein, falls der Preis der Nahrungsmittel hoch wäre.

Weil die Nachfrage nach Arbeit in Jahren plötzlicher und außerordentlicher Fülle zunimmt, in denen plötzlichen und außerordentlichen Mangels sich vermindert, so geschieht es zuweilen, daß der Geldpreis der Arbeit in jenen steigt und in diesen fällt.

In einem Jahre plötzlicher und ungewohnter Fülle befinden sich in der Hand vieler industrieller Unternehmer Fonds, die hinreichen, eine größere Anzahl gewerbstätiger Leute zu unterhalten und zu beschäftigen, als im vorhergehenden Jahre beschäftigt waren; diese außerordentliche Anzahl ist aber nicht immer zu haben. Daher bieten diejenigen Arbeitgeber, die mehr Arbeiter brauchen, einander in die Höhe, um sie zu erhalten, was manchmal sowohl den wirklichen als den Geldpreis ihrer Arbeit steigert.

Das Gegenteil davon tritt in einem Jahre plötzlichen und außerordentlichen Mangels ein. Die zur Beschäftigung des Gewerbfleißes bestimmten Fonds sind geringer, als sie im vorhergehenden Jahre waren. Eine große Menge von Leuten wird aus ihrer Beschäftigung vertrieben, die dann, um welche zu erhalten, einander herunterbieten, was manchmal sowohl den wirklichen als auch den Geldpreis der Arbeit hinabdrückt. Im Jahre 1740, wo außerordentlicher Mangel herrschte, waren viele Leute bereit, für ihren bloßen Unterhalt zu arbeiten. In den darauf folgenden Jahren der Fülle war es schwerer, Arbeiter und Dienstboten zu bekommen.

Der Mangel in einem teuren Jahre hat dadurch, daß er die Nachfrage nach Arbeit verringert, die Tendenz, ihren Preis hinabzudrücken, so wie der hohe Preis der Nahrungsmittel die Tendenz hat, ihn zu erhöhen. Die Fülle eines wohlfeilen Jahres hingegen hat dadurch, daß sie jene Nachfrage vermehrt, die Tendenz, den Arbeitspreis zu erhöhen, so wie die Wohlfeilheit der Nahrungsmittel die Tendenz hat, ihn zu erniedrigen. Bei den gewöhnlichen Preisschwankungen der Nahrungsmittel scheinen diese beiden entgegengesetzten Ursachen einander die Wage zu halten, was wahrscheinlich teilweise der Grund ist, warum der Arbeitslohn überall soviel fester und beständiger ist, als der Preis der Nahrungsmittel.

Das Steigen des Arbeitslohnes erhöht notwendig den Preis vieler Waren, weil es den Teil von ihm erhöht, der in Arbeitslohn aufgeht, und insofern hat es die Tendenz ihren heimischen und auswärtigen Verbrauch zu verringern. Dieselbe Ursache jedoch, die den Arbeitslohn erhöht, die Zunahme des Kapitals, hat die Tendenz, die produktiven Arbeitskräfte zu vermehren und zu bewirken, daß eine geringere Quantität Arbeit eine größere Quantität von Erzeugnissen liefere. Der Kapitalseigner der eine große Anzahl Arbeiter beschäftigt, ist notwendigerweise um seines eigenen Vorteils willen darauf bedacht, eine so geschickte Sonderung und Verteilung der Beschäftigungen vorzunehmen, daß er sie in Stand setzt, die größtmögliche Quantität von Erzeugnissen herzustellen. Aus demselben Grunde bemüht er sich, ihnen die besten Maschinen zu verschaffen, die er oder sie nur irgend ausdenken können. Was unter den Arbeitern einer bestimmten Werkstatt der Fall ist, das ist aus gleichem Grunde auch unter denen einer großen Gesellschaft der Fall. Je größer ihre Anzahl ist, desto mehr teilen sie sich natürlich in verschiedene Klassen und Unterabteilungen der Beschäftigung. Mehr Köpfe sind damit beschäftigt, die zur Vollführung des Werkes jeder einzelnen geeignetste Maschine zu erfinden, und es ist darum wahrscheinlicher, daß sie erfunden werde. Es gibt also viele Waren, die infolge dieser Verbesserungen mit so viel weniger Arbeit, als früher, hervorgebracht werden, daß der erhöhte Preis der letzteren durch die Verringerung ihrer Quantität mehr als aufgewogen wird.

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