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Georg Heinrich Freiherr von Langsdorff: Eine Reise um die Welt - Kapitel 7
Quellenangabe
typereport
authorLangsdorff
titleEine Reise um die Welt
publisherVEB Bibliographisches Institut Leipzig
editorDr. Hans Damm
year1952
senderwww.gaga.net
created20050523
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Um das Kap Hoorn zu den Marquesas-Inseln

Ende Januar waren unsere Schiffe wieder segelfertig, und die Besatzung war durch die vortrefflichen Nahrungsmittel hinreichend gekräftigt. Die Trennung von diesem herrlichen Erdenfleck konnte nicht länger hinausgeschoben werden, da eine Umschiffung des Kap Hoorn in später Jahreszeit nicht ohne Gefahr ist. Bei starkem Südwind wurden am 4. Februar nachmittags die Anker gelichtet, und mit geblähten Segeln entfernten wir uns rasch von der gastlichen Küste. Bereits am 9. Februar waren wir in Höhe des Rio de la Plata und am 25. in der Nähe des Staatenlandes. Wir hofften, bei schönstem Wetter das gefürchtete Kap Hoorn zu umsegeln, als uns ein starker Sturm mit Hagel- und Regenböen überraschte. Zwar beruhigte sich das Wetter am nächsten Tag, aber die Temperatur war auf 5 Grad gesunken, und das Schiff machte in der aufgewühlten See noch schwere Fahrt. Tags darauf warf uns erneut ein heftiger Sturm, der volle 24 Stunden unter Regen- und Hagelschauern anhielt, heftig hin und her, so daß das Wasser allenthalben in das Schiff eindrang. Endlich am 1. März hellte das Wetter auf, und der Wind drehte mehr nach Norden. Die Sonne brach durch das Gewölk und erwärmte uns seit langem wieder einmal.

Unser sehnlichster Wunsch, bald aus diesen Zonen herauszukommen, schien endlich in Erfüllung zu gehen. Am 3. März verkündete uns der Kapitän, daß wir das Kap Hoorn umsegelt hätten. Kaum waren wir in der Südsee, so zwang uns ungünstiger Wind, immer südlicher zu steuern, so daß wir uns nach 48 Stunden im 60. Grad, der südlichsten Breite auf dieser unserer Reise, befanden. Windstille, Nebel und Sonnenschein wechselten in der Folge miteinander ab, bis in der letzten Märzwoche ein starker NW-Wind, verbunden mit dichtem Nebel, uns von unserer treuen Gefährtin, der »Newa«, trennte. Unser Kapitän hatte für diesen Fall die Osterinsel als Treffpunkt angegeben. Widrige Winde zwangen jedoch Herrn v. Krusenstern, seinen Entschluß aufzugeben.

Indessen waren wir allmählich bei stürmischem Wetter in wärmere Zonen gekommen. Am 1. April legte sich der Wind. Heiteres Wetter wechselte mit Regenschauern und Windstille ab. Am 17. April durchschnitten wir den Wendekreis des Steinbocks und empfanden nach unserer bisherigen beschwerlichen Fahrt das warme Wetter als besonders behaglich. Nach wenigen Tagen stellten sich Passatwinde ein und trugen uns bei heiterem Wetter auf die Marquesas-Inseln zu. Die bisherigen Berichte von dieser Inselgruppe schienen so vielversprechend, daß sich unser Kapitän entschloß, die größte Insel von ihnen, Nukahiwa, anzulaufen und dort Erfrischungen einzunehmen.

Am 6. Mai erblickten wir bei Tagesanbruch die erste Insel dieser Gruppe, es war Fetugu. Sie glich einem steilen, sich aus dem Meere erhebenden Felsen und schien, wenigstens auf der Nordseite, ganz kahl und unfruchtbar zu sein. Etwas weiter in Südwest tauchten am nebligen Horizont die Inseln Dominico und St. Pedro auf, und wenige Stunden später sichteten wir Uahaga. Ihr kahles Ansehen und die schroffen, steilen Felsen waren kein erfreulicher Anblick. Zahlreiche Vögel umschwärmten unser Schiff, und Scharen von Delphinen gaben ihm das Geleit. Abends um 5 Uhr sichteten wir unser Ziel, die Insel Nukahiwa. In den tiefen Felsentälern konnten wir hin und wieder Spuren von Kulturen und Siedlungen bemerken. Die Nacht über hatte es stark geregnet, und so belebten viele Wasserfälle, von denen sich einige fast aus einer Höhe von tausend Fuß über die dunklen Felsen in die tobende Meeresbrandung stürzten, diese tote und ärmlich beschenkte Landschaft.

Das vor uns liegende Land war von mittlerer Höhe. Steile und plötzlich abgerissene Felsenmassen wechselten mit bald spitz hervorragenden, bald schräg aufstehenden, kahlen Steinmassen, die ganz unregelmäßig und wie von ungefähr dahingeworfen erschienen. Wir glaubten uns wieder nach Teneriffa versetzt; ihrem äußeren Ansehen nach war die Insel gleichsam wie verbrannt, und der erste Anblick verriet vulkanischen Ursprung. Die wenigen sanft anlaufenden Hügel waren mit einem saftigen Grasteppich überzogen.

Vom nahen Ufer, an dem sich eine starke Brandung brach, löste sich endlich ein Boot mit einer weißen Flagge. Wir waren nicht wenig erstaunt, als aus ihm ein Europäer, ganz nach hiesiger Landessitte mit einem Lendengürtel bekleidet, zu uns an Deck stieg. Es war ein englischer Matrose namens Roberts, der, wie er uns versicherte, schon seit mehreren Jahren auf dieser Insel lebte. Der Farbe nach war er fast gar nicht von den übrigen Insulanern zu unterscheiden, so großen Einfluß hatte das Klima auf seine Haut gehabt. Verschiedene Empfehlungsschreiben von Schiffskapitänen, denen dieser Mensch hilfreiche Dienste erwiesen hatte, flößten uns größeres Zutrauen ein als sein verwilderter Anblick. So freuten wir uns nicht wenig, einen europäischen Lotsen an Bord zu haben, der uns genaue Nachrichten über die Insel und ihre Bewohner geben konnte. Als wir uns nach dem Oberhaupt der Insel erkundigten, sagte er, daß hier ein König herrsche, dessen Bruder sich im Boot befände. Es war ein wohlgewachsener, über den ganzen Körper tatauierter Mann, der, wie seine übrigen Begleiter, ganz nackend war und kein besonderes Würdezeichen trug. Wir beschenkten ihn und seine Begleiter mit Nägeln, Messern und anderen Dingen und ließen uns dann von unserem Lotsen in den Hafen bringen.

Noch lag das sandige Ufer wie ausgestorben vor uns. Es währte aber gar nicht lange, da kamen viele Insulaner auf unser Schiff zugeschwommen. Bei der großen Entfernung konnten wir anfänglich nur schwarz behaarte Köpfe aus dem Wasser hervorragen sehen, doch bald darauf hatten wir das seltene Schauspiel, einige hundert Männer, Frauen und Mädchen unser Schiff umschwimmen zu sehen, von denen die meisten Kokosnüsse, Bananen und Brotfrüchte zum Verkauf mitgebracht hatten. Das Geschrei, Gelächter und Toben dieser fröhlichen Menschen war unbeschreiblich. Nur wenigen Insulanern, die der Engländer Roberts als Vornehme bezeichnete, wurde der Zugang zum Schiff erlaubt, während die ändern gleich Sirenen das Schiff jubelnd umschwammen.

Dabei waren die Mädchen und Frauen sehr aufdringlich, was ihre Männer und Brüder aber keineswegs eifersüchtig machte. Wir wunderten uns nicht wenig, daß unter diesen Mädchen einige waren, die kaum das 8. oder 9. Jahr erreicht haben konnten, die also in jeder Hinsicht noch Kinder waren und dessenungeachtet ihre jugendlichen Reize ebenso vergnügt zu Markte brachten wie ihre älteren Gespielinnen. Herr Roberts bemerkte uns dazu, daß diese vermeintlichen Kinder schon lange nicht das mehr hatten, was man bei ihnen vermuten sollte, ja, er versicherte uns, daß es den erwachsenen Mädchen als Schande angerechnet würde, wenn sie, von den Männern verschmäht, keine Gunstbezeigungen austeilen könnten, und daß ein unverheiratetes Mädchen um so mehr geschätzt würde, je mehr Liebhaber sie hätte. Ein anderes Kind, das höchstens 10–11 Jahre alt sein konnte, war nach Aussage meines Gewährsmannes die anerkannte Frau eines Insulaners.

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