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Georg Heinrich Freiherr von Langsdorff: Eine Reise um die Welt - Kapitel 6
Quellenangabe
typereport
authorLangsdorff
titleEine Reise um die Welt
publisherVEB Bibliographisches Institut Leipzig
editorDr. Hans Damm
year1952
senderwww.gaga.net
created20050523
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Das Land Brasilien

Wir schrieben den 21. Dezember, als wir einen sicheren Hafen der kleinen Insel Atomeri, die zwischen dem Festland und der Insel St. Catharina liegt, anliefen. Meine Erwartungen waren aufs höchste gespannt; je mehr wir uns dem Lande näherten, um so mehr wurden sie übertroffen. Die an Farben, Größe, Bau und Verschiedenheit verschiedenen Blüten hauchten in die Atmosphäre einen Wohlgeruch, der mit jedem Atemzug den Körper stärkte und das Gemüt erheiterte.

Große Schmetterlinge, die ich bisher nur als Seltenheiten in unseren europäischen Sammlungen sah, umflatterten viele noch nie oder in unseren Gewächshäusern nur als Krüppel gesehene und hier in üppigem Wuchs blühende Prachtpflanzen. Die goldblitzenden Kolibris umschwirrten die honigreichen Blumen der Bananenwälder, und widerhallender Gesang noch nie gehörter Vögel ertönte in den wasserreichen Tälern und entzückte Herz und Ohr. Dunkle überschattete Wege schlängelten sich von einer Hütte zur ändern und übertrafen an Schönheit und Anmut, an Abwechslung und Einfalt jede noch so gekünstelte Anlage unserer europäischen Gärten. Alles, was ich um mich her sah, setzte mich durch seine Neuheit in Erstaunen und machte einen Eindruck auf mich, der sich nur fühlen, aber nicht beschreiben läßt.

Die Insel St. Catharina ist der Regierungssitz des gleichnamigen Gouvernements, das sich auf dem nahen Festland vom Rio Grande bis zum Gouvernement S. Paulo erstreckt. Es ist ein gesegnetes Land; Früchte von der mannigfaltigsten Art gibt es in Überfluß, z. B. Orangen, Zitronen, Bananen, Ananas, Pfirsiche, Melonen, Feigen, Kokos- und andere Nüsse, Trauben, Hülsenfrüchte, türkisches Korn, Reis, viele eßbare Wurzeln, wie Bataten, Zwiebeln, Yams u. a. m. Die Hauptnahrung bildet in Brasilien die Tapioka, die anderwärts Mandioka, Manhiocca oder Cassavawurzel (Jatropha Manihot L.) genannt wird. Die feinere Art nennt man Tapioka, die gröbere heißt Farinha de pão; letztere wird von ärmeren Leuten genossen. Korn- und Weizenbrot können sich nur die wohlhabenden Stände leisten. Die Manduni-Pflanze (Arachis hypogaea) wird ebenfalls häufig angepflanzt; ihre Staubgefäße neigen sich nach dem Verblühen gegen die Erde und übergeben dem Boden ihre Frucht.

Fast jeder Bauer besitzt Haustiere, wie Ochsen, Kühe, Schweine, Pferde, Enten, Gänse usw. Fische, Muscheln, Krebse, besonders Garneelen von einer großen Art, gibt es ebenfalls reichlich. Die Fischerei besorgen gewöhnlich Negersklaven.

Landeinwärts trifft man nur einzelne, weit voneinander abgelegene Hütten der ärmeren Landleute an, die hauptsächlich Viehzucht treiben. Sie besitzen unzählbare Herden an Rindvieh, die auf ausgedehnten Weideplätzen eingezäunt gehalten werden und sich ohne Aufsicht das ganze Jahr über im Freien aufhalten. Sehr mühselig ist das Wegfangen einzelner Tiere aus der Herde. Mehrere z. T. berittene Personen suchen das Tier zu umringen und mit einem Lasso einzufangen.

Gerade diese Bewohner im Innern der Provinz sind von Zeit zu Zeit Überfällen von Seiten der Indianer, hier Gentio brava »wilde Völker« oder Caboccolos genannt, ausgesetzt. Nicht selten werden sie von entlaufenen Negersklaven angeführt, die ihren Peinigern entwischt sind.

Ich empfand eine tiefe Empörung, als ich zum ersten Male diese Negersklaven nackt in den Straßen zum Verkauf angeboten sah. Es ist bekannt, daß jährlich große Transporte dieser Sklaven von den portugiesisch-afrikanischen Besitzungen, besonders Angola, Benguella, Mozambique u. a. O., nach den brasilianischen Häfen verschickt werden. Diese Unglücklichen bestellen hauptsächlich das Land und müssen die schwersten Arbeiten verrichten. Der Reichtum der hiesigen Einwohner wird meistens nach der Zahl der Sklaven, die sie besitzen, beurteilt. Oft kommt es vor, daß die Sklaven ihrem Herrn entlaufen, ihr Leben im entlegenen Gebirge fristen oder sich zu den Indianern schlagen. Da die brasilianische Küste wenig bevölkert ist, so würde der jährliche Zuwachs an arbeitsamen Sklaven ein beträchtlicher Gewinn für die wirtschaftliche Erschließung dieses Landes sein.

Von den besonderen Sitten und Gebräuchen, die in St. Catharina herrschen, halte ich doch einige der besonderen Erwähnung für wert. Die hiesigen Einwohner trinken öfters einen Aufguß von Blättern, die man Herba do matto (Waldkraut) nennt. Die meisten sind ebensosehr an diesen Mate gewöhnt, wie viele Europäer an Kaffee oder Tee. Die Pflanze, welche dieses Getränk liefert, ist dem Paraguay-Tee (Ilex vomitaria) ähnlich. Beim Gebrauch übergießt man diese Blätter mit heißem Wasser und gibt Zucker hinzu. Damit man beim Genuß keines dieser Blättchen in den Mund bekommt, bedient man sich eines kleinen Saugröhrchens von der Stärke eines Pfeifenstieles, das am unteren Ende gießkannenförmig erweitert und von feinem Bast korbartig umflochten ist. Die Trinkgefäße, Cuja genannt, bestehen bei ärmeren Leuten aus einer Kokosnuß, Kürbisschale oder aus einem Tongefäß. Wohlhabendere haben sehr sorgfältig geschnitzte oder auch bemalte und lackierte Kokosnüsse, bei ändern fand ich sogar die Trinkschalen und Saugröhrohen aus Silber gearbeitet.

Statt der Feuerwaffen gebrauchen die Einwohner eine Art Bogen (Betocca), mit dem man kleine Steinchen oder gehärtete Tonkugeln schießt. Dabei handelt es sich nicht etwa um ein Spielzeug, sondern geübte Schützen benutzen sie als Jagdwaffe. So konnte ich beobachten, wie mehrere an Blumen schwirrende Kolibris auf diese Weise erlegt wurden.

In der Residenz des Gouverneurs war mir aufgefallen, daß die vornehmeren Personen lange Fingernägel, besonders an den Daumen, als große Zierde ansahen. Es ist dieses hier wie vielerorts in Ostindien ein Zeichen des Wohlstandes, denn damit will man zeigen, daß man wenig oder gar keine Handarbeit verrichtet.

Während in den europäischen Städten zu feierlichen Anlässen Equipagen benutzt werden, bedient man sich in diesem kleinen Städtchen der Neuen Welt bei solchen Gelegenheiten der Cadeirinhas, in denen sich die Reichen von ihren Negersklaven einhertragen lassen. Es sind dies Tragstühle mit fester Rückenlehne, überdacht von einem Baldachin, der mit Goldfransen verziert ist.

Hier feierten wir auch das Neujahrsfest von 1804 und lernten dabei die Lustbarkeiten kennen, die bei dieser Gelegenheit üblich sind. Die Negersklaven, die das ganze Jahr sehr streng zur Arbeit angehalten werden, dürfen sich zum Jahreswechsel einige Tage der Freiheit erfreuen; sie belustigen sich dann auf ihre Weise mit Nationaltänzen. Ein monotones Geschrei, ein wildes, jedoch taktmäßiges Trommeln, ein Beckenschlagen und Klappern, ein Rasseln und Händeklatschen zeigen schon auf weite Entfernung hin den Festplatz an. Der Anführer, ein besonders großer und kräftiger Bursche, war mit allem möglichen Tand und Flitterkram behangen. In der linken Hand trug er ein etwa 2 Fuß langes Rohr, das mit vielen, dicht nebeneinanderstehenden Kerben versehen war, über die er unaufhörlich mit einem kleinen in der andern Hand geführten Stäbchen strich. Die übrige Menge hatte ähnliche Stöckchen, Klappern und Schellen. Außerdem saßen einige Neger in einer Ecke auf der Erde und schlugen mit den Händen auf die über einem ausgehöhlten Baumklotz gespannte Rinderhaut; dies war die Trommel. Die meisten waren mit bunten Federn, seidenen Bändern und einem Diadem von Goldpapier geziert. Einige hatten ihre Gesichter mit Masken bedeckt oder sich mit roten, weißen und anderen Farben beschmiert. Männer und Frauen bildeten einen Kreis um ihren Anführer und traten dann als Solotänzer auf. Sie drehten die Hüften in unglaublich schneller Bewegung, während der Oberkörper fast unbeweglich blieb, dazu schüttelten sie die Hals-, Achsel-, Schulter- und Rückenmuskeln auf eine ganz unbeschreibliche Weise. Verzerrung der Gesichtsmuskeln, Aufblasen der Backen und andere gräßliche Gebärden gehörten dazu. In diesen Tänzen werden Ereignisse des täglichen Lebens dargestellt, wie Fischfang, Jagd, Krieg u. a.

Eine unerwartete Freude war es für mich, die Bekanntschaft eines Insektensammlers zu machen, der mich zu seinen Ausflügen mitnahm. Nur von einem möchte ich berichten, der mich nach dem Gebirge Sertão das picadas führte und der Tummelplatz großer und seltener Schmetterlinge sein sollte. Noch vor Tagesanbruch machten wir uns auf den Weg. Bezaubert und wonnetrunken von den Schönheiten der Natur ließ ich öfters haltmachen. Die üppige Natur, welche hier alle Vorstellungen, die man sich nur von der Fruchtbarkeit, dem Farbenspiel und der Schönheit des Baumbestandes macht, bei weitem übertrifft, war zudem noch belebt mit den verschiedensten Geschöpfen: Säugetieren, Vögeln, Insekten und Amphibien, die der Europäer nur selten oder nie in großen Naturaliensammlungen ausgestopft oder in Spiritus aufbewahrt zu sehen bekommt. Hier gab es Papageien von mancherlei Größe und Farbe, die laut kreischend vorüberflogen, dort verzehrte ein großgeschnäbelter, bald rot, bald gelb gefiederter Pfefferfraß (Ramphastos) Früchte eines nahen Baumes. Tiefer im Wald ertönte das Gebrüll der Affen. Zu meinen Füßen öffneten sich die Höhlen der Panzertiere (Tatu, Dasypus), dann plötzlich ein bunter Schmetterling, der sich größer als ein Vogel majestätisch von Blume zu Blume schaukeln ließ, dann wieder ein wunderschöner Kolibri, der schwirrend den süßen Honig aus wohlriechenden Blüten saugte, hier eine giftige Korallenschlange, die sich quer über den schmalen Pfad windend den fremden Wanderer schreckte, während die himmlische Harmonie der bunten Singvögel dessen Ohr und Herz mit Wonne und Entzücken erfüllte. Unter solchen und ähnlichen Bildern traten wir in eine von brennenden Sonnenstrahlen durchflutete offene Landschaft und mußten erst einmal unseren Magen zufriedenstellen.

In einer kleinen Hütte wurden wir gastfreundlich aufgenommen; man brachte uns eine Wassermelone und eine Schüssel voll Tapiokamehl, das, wie ich bereits erwähnte, an Stelle von Brot genossen wird. Hinreichend gestärkt traten wir wieder unsere Wanderschaft an und drangen tiefer in das Tal ein. Schon hatten wir das Ziel, den Bach Ribeirao, erreicht, als mich mein Führer bat, Stiefel und Strümpfe auszuziehen und ihm zu folgen. Mir behagte dieser Vorschlag in Erinnerung an die Giftschlangen gar nicht. Um meine Neugierde zu befriedigen, blieb mir keine andere Wahl übrig, denn es war unmöglich, auf eine andere Art als im Bachbett in die undurchdringlichen Waldungen vorzudringen. So wateten wir denn bis an die Knie im kristallklaren Wasser. Kaum waren wir zehn Schritt gegangen, so zeigten sich schon in unbeschreiblichen Scharen die farbenprächtigsten Schmetterlinge. Die Sonne brannte drückend heiß, während wir unsere nackten Füße bald dem kühlen Wasser des Waldbaches, bald den heißen Tümpeln der Sumpfniederung aussetzten. Mein Führer war diese Art des Insektenfanges besser gewöhnt als ich. Nach einigen Stunden empfand ich die heftigsten Fußschmerzen. Meine Füße waren, soweit ich sie dem Wasser ausgesetzt hatte, von der Sonne so verbrannt, daß sie ganz geschwollen waren. So mußten wir den Rückweg antreten und erreichten spät abends, vollkommen ermüdet, die Hütte meines Führers.

Ganz allgemein stellte ich fest, daß die Landbevölkerung gefällig, zuvorkommend und gastfrei war, was um so höher anzuschlagen ist, als sie alle in bescheidenen Verhältnissen leben. Von einer industriellen Entwicklung kann in diesem Lande keine Rede sein. Lediglich der Walfischfang und die damit zusammenhängende Tranbereitung ernähren einige tausend Menschen, besonders Negersklaven. Seitdem jedoch die Engländer und die amerikanischen Freistaaten besonders bei den Falkland-lnseln Jagd auf Wale machen, ist der Ertrag stark zurückgegangen.

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