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Georg Heinrich Freiherr von Langsdorff: Eine Reise um die Welt - Kapitel 4
Quellenangabe
typereport
authorLangsdorff
titleEine Reise um die Welt
publisherVEB Bibliographisches Institut Leipzig
editorDr. Hans Damm
year1952
senderwww.gaga.net
created20050523
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Auf dem vulkanischen Boden von Teneriffa

Das Städtchen Santa Cruz bietet den Seeleuten mit wohlfeilen Landesprodukten, wie Weintrauben, Pfirsichen, Birnen, Zitronen, Apfelsinen, Bananen, Mandeln, Kastanien, Feigen, Melonen, Kartoffeln, Zwiebeln und anderen Küchenkräutern, einen willkommenen Aufenthalt. Eines der wichtigsten Handelsgüter ist der Wein. Der Ort ist außerordentlich malerisch gelegen. Die Häuser haben vor den Fenstern Holzgitter, wie es in Spanien und Portugal üblich ist. Auch Tracht, Sitten und Gewohnheiten des Landes sind von den spanischen wenig verschieden. Unter der niedrigen Volksklasse scheint sehr große Armut zu herrschen; viele essen nicht einmal gebackenes Brot, sondern reiben das Korn zwischen zwei Steinen zu Mehl und verzehren es, nachdem sie es mit Wasser oder Milch in der Hand geknetet haben. Zuweilen nähren sie sich auch nur von geröstetem Korn. Der Fischmarkt war reichlich beschickt. Die Fische werden meistens mit Angeln gefangen, statt der Schnüre bedient man sich des Messingdrahtes. Um Makrelen zu angeln, setzen sich 6-8 Personen abends in einen Kahn, auf dem sie, sobald es dunkelt, zu beiden Seiten ein großes Teerfeuer anmachen. Die Angeln gehen nicht tief in das Wasser, und fast jeden Augenblick wird ein Fisch von diesen gelöst. Diese Fangart dauert oft die ganze Nacht hindurch. Die zahlreichen Feuer auf dem Wasser bieten einen äußerst malerischen Anblick.

Die Insel besteht aus steilen, beinahe unzugänglichen Bergen und Felsen vulkanischer Herkunft. Wo man auch hinblickt, überall sieht man Lava verschiedener Art; alle Häuser und Festungswerke sind daraus erbaut, alle Straßen damit gepflastert. An den steilen Berghängen findet man verschiedentlich Grotten oder unterirdische Höhlen, die in den ältesten Zeiten von den Ureinwohnern der Insel, den Guantschen, bewohnt gewesen sein sollen. In vielen dieser Höhlen liegen Menschenknochen und zuweilen auch ganze, in Leder eingenähte und zusammengetrocknete Leichen. Man versicherte uns, daß hin und wieder Familien auf der Insel angetroffen würden, die noch als Nachkommen der Guantschen zu betrachten seien. Wir haben auch manche Männer gesehen, die ganz und gar nicht zivilisierten Menschen ähnlich waren. Die schmutzige gelbbraune Hautfarbe, die Armut und schlechte Kleidung, die unsaubere Lebensart, alles das trug dazu bei, den größten Teil der hiesigen Einwohner eher für Guantschen als für zivilisierte Spanier zu halten.

In dem Handelshaus des Herrn Armstrong fanden wir gastliche Aufnahme und machten in Begleitung dieses freundlichen Mannes auch einen Ausflug in das Innere nach Porto de L'Orotava im nordwestlichen Teil der Insel. Auf Mauleseln und kleinen Pferden ging es über Lavaschichten bergauf nach La Laguna, der Hauptstadt der Insel, die zwar weniger reinlich und schön wie Santa Cruz ist, aber in einer fruchtbaren Umgebung liegt. Die Gegend wurde dann wieder steinig und bergig, und je mehr wir uns dem Orte Santa Ursula näherten, um so mehr nahm die Zahl der Weinberge zu. Nach Einbruch der Dunkelheit kamen wir im Dorf an. Groß und klein feierte den Geburtstag der heiligen Ursula. Dicht an der Kirche war eine Menge Buden aufgeschlagen, in denen Erfrischungen und Kleinigkeiten verkauft wurden. Hin und wieder sah man Gruppen von Tänzern und Tänzerinnen, aus deren Mitte rauher Gesang und Gitarrenbegleitung ertönte. Der Menschenauflauf in der Dunkelheit glich mehr einem Jahrmarkt als einem Kirchenfest.

Da wir immerhin noch drei Stunden bis Porto de L'Orotava vor uns hatten, mußten wir uns beeilen. Der Pfad begann zudem schlecht, steinig und unbequem zu werden. Der 12000 Fuß (3730 m) hohe Pik schien in unmittelbarer Nähe vor uns zu stehen, obgleich wir noch 5 deutsche Meilen von ihm entfernt sein mochten. Gar zu gern hätten wir diesen bekanntesten unter allen Bergriesen des Erdballes, der immer noch heiße Schwefeldämpfe ausstößt, einen Besuch abgestattet, aber die unbestimmte Dauer unseres Aufenthaltes und die vorgerückte Jahreszeit erlaubten es nicht.

Am Fuß des Berges lag im hellen Mondenschein die Stadt Orotava, die wir endlich gegen 9 Uhr erreichten. Sie genießt die schönste Lage an der Nordseite des Piks. Eine Sehenswürdigkeit ist der schöne botanische Garten, den der Marquis de Nava 1795 anlegte. Als ein Freund der Wissenschaften hatte er dem spanischen Hofe einen Plan vorgelegt, nach welchem Pflanzen aus allen Weltteilen hier kultiviert und der Versuch gemacht werden sollte, auf diese Weise mehrere nützliche Gewächse der heißeren Erdzonen nach und nach an ein kälteres Klima zu gewöhnen. 3000 der seltensten Pflanzenarten, hauptsächlich aus Mexiko, Peru, Chile und vom Kap der Guten Hoffnung waren bereits hierher verpflanzt worden und standen unter der Obhut eines geschickten Kunstgärtners, den man aus England hatte kommen lassen. Dieser hatte sich auch bemüht, die den Kanarischen Inseln eigenen Gewächse, darunter die mächtigen Drachenblutbäume, im Garten zu kultivieren.

Am 23. kehrten wir wieder nach Santa Cruz zurück. Kapitän v.Krusenstern hatte unterdessen das Schiff mit dem notwendigen Proviant, Wasser, Holz und Wein versorgen lassen, die Mannschaft war gestärkt und erquickt, und so waren wir alle am 26.Oktober reisefertig.

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