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Georg Heinrich Freiherr von Langsdorff: Eine Reise um die Welt - Kapitel 34
Quellenangabe
typereport
authorLangsdorff
titleEine Reise um die Welt
publisherVEB Bibliographisches Institut Leipzig
editorDr. Hans Damm
year1952
senderwww.gaga.net
created20050523
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Im Hundeschlitten kreuz und quer durch Kamtschatka

Als ich im Schlittenfahren einige Sicherheit gewonnen hatte, besuchte ich den 138 Werst von St. Peter und St. Paul entfernten Ort Malka, um die in seiner Nachbarschaft befindlichen heißen Quellen zu untersuchen. In einem reizenden Tale quillt das kochende Wasser aus der Erde. An dem Gestein, das sich in den Hauptquellen befindet, setzt sich ein weißer, teils nierenförmiger, teils blättriger Kalksinter ab. Das Wasser hat einen schwach salpeterartigen Geschmack und Geruch. Im kleinen Umkreis findet man drei bis vier solcher kochender Quellen, die sich in einem Bache vereinigen. Dicht daneben ist ein Behälter, in dem sich das Wasser abkühlt und der den Menschen als Badeplatz dient. In der Nähe der Quellen sind auch einige Hütten errichtet, in denen die mit Gicht und anderen Beschwerden behafteten Kranken im Notfall wohnen können. Die Einwohner von Malka baden in dem warmen Wasser und waschen darin ihre Wäsche. Fleisch und Fische kann man in einer solchen Quelle rasch garkochen.

Ich kehrte von hier nach dem Hafen zurück, den ich am 15. Januar erneut verließ, um mich mit eigenen Hunden nach Nischna Kamtschatka zu begeben. Ich berührte viele interessante russische Siedlungen. Bemerkenswert war mir der Ort Klutschi, der am Fuße eines sehr hohen, noch tätigen Vulkanes liegt und dessen Feuerschein weithin sichtbar ist. Am 2. Februar erreichte ich die jetzige Hauptstadt der Halbinsel, Nischna Kamtschatka. Hier herrschte gerade Karneval, der selbst durch ein heftiges Erdbeben in der Nacht vom 13. zum 14. Februar – hierzulande keine seltene Erscheinung – nichts an Fröhlichkeit einbüßte.

Am 2. März trat ich die Rückreise nach St. Peter und St. Paul an, die mich diesmal von Nischna Kamtschatka über Tigil führen sollte. Dabei mußte eine hohe Bergkette gequert werden, die Kamtschatka von Norden nach Süden teilt. Der Weg ist wegen der herrschenden Schneestürme und ungebahnten Wege nicht ungefährlich. Hin und wieder fährt man durch Engpässe und dann wieder über weite Flächen, auf denen Windböen und Schneegestöber oft furchtbar hausen sollen. In diesen Ebenen hat man, nicht weit voneinander entfernt, Pfähle eingerammt, die als Wegweiser dienen, wenn Bergspitzen und Klippen in Nebel und Wolken gehüllt sind. Trotzdem kommt es oft vor, daß sich Reisende bei Schneestürmen, die zuweilen so heftig toben, daß man kaum die vorderen Schlittenhunde unterscheiden kann, verirren. Nachdem wir schließlich mühsam die letzte Anhöhe erreicht hatten, wurden wir plötzlich durch den Blick in die westlichen, zu unseren Füßen im Abendrot liegenden Niederungen der Halbinsel überrascht. Nun ging es beständig bergab, die Hunde waren kaum zu halten und wurden durch die Witterung der vielen wilden Rentiere, die wir sahen, noch mehr zum Laufen angefeuert.

Am 7. übernachtete ich in Sedanki, einem Ort, dessen Bewohner eigentlich von den Korjäken abstammen und die eine von der kamtschadalischen und korjäkischen verschiedene Mundart haben, die nördlich bis Palan und südlich bis Itschi gesprochen wird. Tags darauf erreichte ich Tigil, wo ich Rasttag hielt, um meinen Hunden die notwendige Ruhe zu gönnen. Tigil ist ein in der Geschichte von Kamtschatka sehr interessanter Ort, denn hier siedelten die ersten Russen und setzten von hier aus ihre Kolonisation fort.

Da ich in Erfahrung gebracht hatte, daß sich in nicht allzu großer Entfernung von hier das Nomadenvolk der Korjäken aufhalten sollte, beschloß ich, ihnen am kommenden Tag einen Besuch abzustatten. Über die Lebensweise dieser Menschen berichte ich ausführlich im nächsten Abschnitt.

Von Tigil führte mich die Weiterreise nach Bolscheretsk. Für den ersten Reiseabschnitt benutzte ich interessehalber Rentiere vor dem Schlitten. Ich gestehe offen, daß ich den Hunden den Vorzug gebe. Die Rentiere laufen zwar auf kurze Zeit viel schneller, sind aber weniger ausdauernd und können nur eine geringe Last ziehen. Lästig ist auch, daß sie dem Fahrer mit ihren Hufen beständig Schnee ins Gesicht werfen. Ich fuhr deshalb bald wieder mit meinem Hundegespann weiter und durchflog die westliche Küste von Kamtschatka, auf der niemals so viel Schnee fällt wie auf der östlichen. Sie ist im ganzen teils wegen der höheren Lage, teils auch wegen der öfteren und heftigen Nordwestwinde und der vielen Nebel kälter, öde, weniger einladend und vielerorts mit Rentiermoos bewachsen. Die Flüsse sind im allgemeinen nicht so fischreich und der Ackerbau nur in einigen Dorfschaften möglich.

Am 22. kam ich nach Bolscheretsk, der ehemals volkreichen, nun aber sehr einsamen Hauptstadt von Kamtschatka. Sie liegt in einer großen Ebene, welche sich von Itschi aus längs des Seeufers erstreckt. Allenthalben ist offene Heide, welche mit Rentiermoos bedeckt ist. An der Mündung des großen Flusses, 30 Werst von der Stadt, ist eine Bucht. Der Fluß bildet einen freilich nicht sehr guten Hafen, da das Fahrwasser nicht sehr tief und nur für kleine Schiffe geeignet ist. Übrigens ist dieser Fluß der fischreichste der Halbinsel, deshalb sind seine Ufer im Frühjahr und Sommer ein Tummelplatz für zahlreiche Bären.

Am 25. traf ich wieder im Hafen von St.Peter und St.Paul ein, wo zu meinem Erstaunen noch völliger Winter herrschte. Ein großer Teil der Bucht und des Hafens waren noch mit Eis bedeckt. Kapitän DWolf traf bereits Anstalten, um unser Schiffchen wieder zu bemasten und den Hafen baldigst zu verlassen.

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