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Georg Heinrich Freiherr von Langsdorff: Eine Reise um die Welt - Kapitel 29
Quellenangabe
typereport
authorLangsdorff
titleEine Reise um die Welt
publisherVEB Bibliographisches Institut Leipzig
editorDr. Hans Damm
year1952
senderwww.gaga.net
created20050523
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Sitte und Brauch der kalifornischen Indianer

Was ich während unseres Aufenthaltes über die Indianer dieser Gegend erfahren konnte, möchte ich zusammenfassend im folgenden mitteilen.

Die indianischen Missionszöglinge von San Franzisko sind die ursprünglichen Bewohner dieser Umgegend; nur wenige kommen von der nördlichen Küste unweit der Mündung eines großen Flusses, der sich in den nordöstlichen Teil dieses Hafens ergießt, noch andere aus der Nähe des von hier im Norden gelegenen Fort de Bodega. Alle diese Küstenvölker Neu-Kaliforniens gehören zu den Stämmen der Estero, Tuiban und Tabin, andere in den ostwärts angrenzenden Ländern nennen sich Tscholban und Tamkan.

Die ersteren leben als Nomadenvölker hauptsächlich von Fischen, Seehunden, Muscheln und Seeprodukten, zum Teil aber auch von der Jagd, von gesammelten Kräutern, Wurzeln und Samen. Sie haben keine Dauerwohnungen, sondern jede Familie errichtet da, wo sie sich gerade aufhält, eine kleine runde Strohhütte in der Form eines Zuckerhutes. Zieht die Familie weiter, so wird die Hütte verbrannt. Das geschieht auch für den Fall, wenn ein Mitglied darin gestorben ist.

Beide Geschlechter tragen lediglich eine Schambedeckung, im Winter hängen sie sich noch Felle von Hirschen, Rehen und Seeottern um, auch bereiten sie sich eine Kleidung aus den Federn der vielen Wasservögel. Die Federn binden sie aneinander fest an eine Schnur und knüpfen mehrere derartige Schnüre dann so zusammen, daß dadurch eine Art Federpelz entsteht. Auf die gleiche Art sollen sie auch Seeotterfelle zu schmalen Riemchen zerschneiden und zu einem auf beiden Seiten völlig gleichen Pelz verarbeiten. Er wird besonders von Frauen, seltener von Männern getragen.

Diese Indianer sind von mittlerer, ja von kleiner Statur. Ihre Hautfarbe ist dunkelbraun, beinahe schwarz, wozu ihre schmutzige Lebensart, bei der sie den Sonnenstrahlen beständig ausgesetzt sind, das Beschmieren des Körpers mit Erdfarben und Kohle sowie die nachlässige Bedeckung wohl das meiste dazu beitragen. Sie haben große aufgeworfene Lippen, breitgedrückte negerähnliche Nasen und überhaupt auffallend viel Ähnlichkeit mit Negern, von denen sie sich nur durch ihr straffes langes Haar unterscheiden, das oft bis zu den Hüften herabhängt. Gewöhnlich schneiden sie es aber 4-5 Zoll über der Haarwurzel ab, so daß es borstenartig zu Berge steht. Der Haarwuchs beginnt nicht weit über den Augen und läßt die Stirn sehr schmal wirken. Die Augenbrauen sind nicht sehr behaart, und auch der Bart ist nur mäßig entwickelt. Viele kneipen die Haare mit Muschelschalen ab. Alle Indianer, die wir sahen, waren unter 5 Fuß, schlecht proportioniert und hatten ein finsteres Aussehen. Ihre Waffen waren Bogen und Pfeile. Der Bogen war sauber aus Holz gearbeitet und auf der einen Seite kunstvoll mit Hirschsehnen überzogen, die fest am Holz anklebten und ihm eine so große Elastizität gaben, daß das Spannen des Bogens sehr viel Kraft und Geschicklichkeit erforderte. Pfeile sind gleichfalls sehr sorgfältig gefertigt und mit einer Spitze aus Obsidian versehen, die in den Schaft eingesenkt und durch Sehnen festgebunden ist.

Unter ihren Hausgeräten bemerkte ich sehr kunstvoll geflochtene Körbchen aus Baumrinde und Bast. Diese waren so fest und wasserdicht, daß sie als Trinkgefäße und Suppenschüsseln, ja sogar als Bratpfannen dienten. Mangels anderer Behälter rösteten sie die Hülsenfrüchte in diesen Körbchen über einem kleinen Holzfeuer so geschickt, daß jedes einzelne Körnchen wie unsere Kaffeebohnen gebräunt wurde, ohne daß das Körbchen durch die Hitze auch nur im geringsten gelitten hätte. Manche dieser Behälter waren mit den hochroten Federn des Oriolus phoeniceus und mit dem schwarzen Kopfbusch des kalifornischen Feldhuhnes (Tetraonis cristati), mitunter auch mit Muscheln und Korallen verziert.

So schmutzig diese Menschen auch aussehen mögen, so ist ihre Putzsucht doch sehr ausgeprägt. Als Schmuck verwendeten sie neben Federn auch Muscheln, vor allem eine Art Seeohr (wahrscheinlich Haliotis gigantea), die häufig an der Küste gefunden wird und an Farbenpracht der neuseeländischen Haliotis Iris wenig nachsteht. Von einer anderen mir nicht zu Gesicht gekommenen Muschelart verfertigen sie mit bewundernswerter Genauigkeit kleine Ringe von gleicher Größe, die sie ohne eiserne Instrumente in der Mitte durchbohren. Diese Ringe hatten das Aussehen unserer Glaskorallen und wurden, auf Schnüre gereiht, als Halsschmuck getragen.

Der schönste Kopfschmuck bestand aus den beiden mittleren Schwanzfedern eines Spechtes (Picus auratus), deren Schaft von Natur schön zinnoberrot ist. Diese Federn wurden bis auf einen Zoll von ihrer Endspitze von den Fahnen gereinigt und dann so geschickt aneinandergereiht und miteinander verbunden, daß daraus eine Art Kopfbinde entstand. Ich konnte einen solchen Zierat eintauschen, der aus nicht weniger als 450 Federn bestand. 225 Vögel hatten dafür ihr Leben hergeben müssen! Ich konnte nicht erfahren, wo die Eingeborenen diese vielen Vögel herbekommen, denn in der Nähe von San Franzisko sind sie sehr selten.

Ein anderer Kopfschmuck, der besonders bei Tänzen getragen wird, besteht aus den Federn eines hier vorkommenden gemeinen Geiers (Vultus aura). Die Schwanz- und Flügelfedern dieses Vogels werden in der Art eines türkischen Turbans zusammengeflochten.

Auch die Tatauierung ist gebräuchlich, und zwar besonders beim weiblichen Geschlecht. Einige haben eine doppelte oder dreifache Linie, die von den Mundwinkeln nach den Seiten des Kinns verläuft; bei anderen sind es nur einige nach unten konzentrisch zusammenlaufende Streifen, die meisten haben aber an der Vorderseite des Halses, vom Kinn bis zur Brust, und auf den Achseln einfache Längs- und Querstriche.

So gesund hier das Klima an sich ist, so ist es doch merkwürdig, daß die Indianer in den Missionen öfters fieberhaften Krankheiten erliegen. Die veränderte Lebensweise mag dazu viel beitragen. Die Geistlichen klagten sehr, daß die Indianer bei jeder sie befallenden Krankheit sofort kleinmütig und apathisch seien. Die seit einigen Monaten hier herrschenden Masern hatten unter den Eingeborenen bereits große Verheerungen angerichtet und viele hingerafft.

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