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Georg Heinrich Freiherr von Langsdorff: Eine Reise um die Welt - Kapitel 28
Quellenangabe
typereport
authorLangsdorff
titleEine Reise um die Welt
publisherVEB Bibliographisches Institut Leipzig
editorDr. Hans Damm
year1952
senderwww.gaga.net
created20050523
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Von Neu-Archangel nach San Franzisko

Die Anlagen von Neu-Archangel waren bei unserer Ankunft noch sehr primitiv; auch litten infolge unzureichender Ernährung viele Russen an Skorbut. Der Zustand der Bewohner wurde schließlich so bedenklich, daß sich Herr v. Resanoff entschloß, mit einem Schiff der Kompanie frische Lebensmittel herbeizuholen. Ziel waren die nördlichen spanischen Besitzungen, namentlich San Franzisko.

Am 25. Februar (= 9.März neuer Zeitrechnung) wurden die Anker gelichtet. Das Wetter war in den ersten Tagen unserer Fahrt kalt, aber heiter und wurde schließlich wieder milder. Am 6. März bemerkten wir ein eigenartiges Naturschauspiel, das einer Wasserhose sehr ähnlich war. Eine schwarze Wolke näherte sich der Meeresfläche, von der sich eine Säule bis zur Wolkendecke erhob. Nach anfänglich wechselndem Wetter sichteten wir die langersehnte Küste von Neu-Albion und befanden uns am 18. unter 46° 40'. Im Südosten lagen die Gebirgsketten, die wir in der Nachbarschaft des Columbia-Flusses vermuteten, im Nordosten ragte hinter einer langen Gebirgskette ein spitzer, schneebedeckter Berg hervor; es war dies ohne Zweifel der Mount Rainier. Im Osten dehnte sich die Küste von Shoal Water aus, im SSO erhoben sich hohe Gebirge, die wir für das Kap Look-out hielten, und zwischen beiden lag das Kap Disappointment. Mit Rücksicht auf unsere zahlreichen an Skorbut erkrankten Leute mußten wir den nächstbesten Hafen anlaufen, um frisches Gemüse und Fleisch auf den Tisch bringen zu können. Nach mehreren wechselvollen Tagen erblickten wir die Felsengruppe Los Fallerones und östlich das Vorgebirge Ponto de los Reys, in dessen Nähe der Hafen von San Franzisko liegt. Am 28. hatten wir endlich nach 32tägiger Fahrt unser Ziel erreicht.

Kaum waren wir vom Lande aus bemerkt worden, als 15 Reiter in vollem Galopp aus dem Fort zum Strand herabsprengten. Auf ihr Rufen und Winken setzten wir unsere Schaluppe aus. Wir wurden von einem Franziskanermönch und mehreren Militärpersonen empfangen. Der Kommandant trug über seiner Uniform noch einen Poncho; es war dies eine buntgestreifte Wolldecke, die in der Mitte einen Schlitz zum Durchstecken des Kopfes hatte, so daß die Decke über Brust und Rücken gleichmäßig herabfiel. Da niemand von uns Spanisch verstand, mußte ich mich mit dem Geistlichen in lateinischer Sprache verständigen. Ich erklärte den Grund unseres Besuches und erfuhr bei dieser Gelegenheit, daß die Spanier bereits über unsere Expedition hinreichend unterrichtet waren, ja aus ihrer Heimat entsprechende Anweisung im Falle unseres Eintreffens erhalten hatten. Sie versprachen uns alle Unterstützung und baten Herrn v. Resanoff um seinen Besuch.

So begaben wir uns schließlich gemeinsam zum Presidio, wo wir von der Dame des Hauses, Madame Arguello, in Abwesenheit ihres Mannes empfangen wurden. In ihrer Gesellschaft befand sich ihr Sohn, der als stellvertretender Kommandant Dienst tat und den wir in seiner Würde bereits am Strand kennengelernt hatten. Wir wurden aufs gastlichste bewirtet und erhielten von den anwesenden Patres für den kommenden Tag eine Einladung zur Mission, die unweit vom Presidio lag.

Am nächsten Morgen erwarteten uns am Ufer gesattelte Pferde, um uns zur Mission zu bringen. Hier wurden wir mit allen Einrichtungen bekannt gemacht. Hinter dem Wohngebäude der Mönche befand sich ein von Gebäuden umschlossener Hof. Hier lebten die Indianerinnen der Mission, die unter Aufsicht der Mönche nützliche Arbeit verrichteten, z.B. Spinnen und Weben, Brotbacken, wozu das Korn nach einheimischer Weise zwischen zwei viereckigen Steinen zu Mehl zerrieben wurde. Heiratete eine Indianerin, so zog sie zu ihrem Mann in das nahe Dorf, das aus langen Häuserreihen bestand. Die Anzahl der hier wohnenden christlichen Indianer soll 1200 betragen. Wir lernten auch die ökonomischen Einrichtungen der Mission kennen. Da gab es ein Gebäude zum Ausschmelzen des Talges, ein anderes zur Seifenfertigung, Werkstätten für Schlosser, Schmiede, Tischler u.a., ferner Magazine für Talg, Seife, Butter, Rinderhäute u. ä., des ferneren Vorratskammern für Getreide, Korn, Erbsen, Bohnen und andere Hülsenfrüchte. Wenn man bedenkt, daß 2-3 Mönche sich neben ihrer eigentlichen Missionsaufgabe auch noch der Mühe unterziehen, Nomadenvölker zu zivilisieren, d. h. zum Ackerbau anzuleiten, sie zu kleiden, zu nähren, ihnen Wohnungen zu verschaffen, kurz alles, was zu ihrer Lebenshaltung nötig ist, auf die uneigennützigste Art zu bestreiten, so muß man sich über das glückliche Gelingen ihres Unterfangens von Herzen freuen.

Inzwischen war der Gouverneur Don Arrelaga von Monterey eingetroffen, und wir erhielten die so dringend benötigten Lebensmittel für Neu-Archangel zugesagt. Unseren Aufenthalt suchte uns der Gouverneur auf alle erdenkliche Weise so angenehm wie möglich zu gestalten. Es wurden Jagden angesagt, und fast jeden Mittag war der eine oder andere von uns im Presidio zu Gast.

Don Arguello hatte uns viel von Tierhetzen erzählt. Von ihm waren bereits acht berittene Soldaten ausgeschickt worden, um einen Bären lebendig zu fangen und nach dem Presidio zu bringen; hier sollte er mit wilden Stieren kämpfen. Noch am gleichen Abend brachten die Leute auch wirklich einen großen schwarzbraunen Bären an. Er lag auf einer Ochsenhaut, die über mehrere zusammengebundene Baumäste ausgebreitet war, und wurde von Ochsen herbeigeschleppt. Im Presidio wurden seine Fesseln zum Teil gelöst und sein Körper mit Wasser begossen, was dem Tier sichtlich zu behagen schien. Mit den Hinterfüßen wurde er schließlich an einen Pfahl gebunden, vor dem sich eine mit Wasser gefüllte Grube befand. In dem kleinen Becken wälzte er sich voller Wohlbehagen. Die Tierhetze wurde für den nächsten Tag festgesetzt. Am nächsten Morgen mußten wir jedoch erfahren, daß der Bär über Nacht gestorben war. So bot man uns am Nachmittag ein Stiergefecht, bei dem mehrere Soldaten zu Pferd und zu Fuß einen Stier nach dem andern mit Speeren töteten. Eine ähnliche Unterhaltung bieten den Spaniern auch Hahnenkämpfe, bei denen den Kampfhähnen Sporen, die einem Federmesser gleichen, angeschnallt werden.

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