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Georg Heinrich Freiherr von Langsdorff: Eine Reise um die Welt - Kapitel 24
Quellenangabe
typereport
authorLangsdorff
titleEine Reise um die Welt
publisherVEB Bibliographisches Institut Leipzig
editorDr. Hans Damm
year1952
senderwww.gaga.net
created20050523
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Die Niederlassung Neu-Archangel an der nordwest-amerikanischen Küste

Als die Jagd nach dem kostbaren Seeotter auf den Alëuten und auch auf Kodiak durch allzu starken Abschuß immer unrentabler geworden war, verlegte die russische Handelskompanie ihre Niederlassung an die Nordwestküste Amerikas. Im Norfolk-Sund fand man noch einen reichen Bestand an Seeottern. Hier war nun vor mehreren Jahren durch Herrn v. Baranoff unter den Eingeborenen, die von den Russen Kaluschen genannt werden, die Niederlassung Neu- Archangel gegründet worden.

Das Klima ist hier nicht so rauh, wie man es in diesen Breiten vermuten sollte. Nur wenige, allerdings von Bergen und Inseln eingeschlossene Buchten frieren zuweilen zu. Schneefälle sind unbedeutend, dagegen ist Regen sehr häufig. Gewitter stellen sich meist im Dezember und Januar ein. In den Wintermonaten ist die Atmosphäre öfters so sehr mit Elektrizität geschwängert, daß während der dunklen Nächte oft mehrere Stunden lang auf den Bajonetten der Flinten oder auf dem mit einem Metallknopf versehenen Flaggenstock ein blaugrünes elektrisches Licht, das sogenannte St.-Elmsfeuer, zu sehen ist.

Hohe Berge reichen bis ans Ufer und bestehen aus Granit. Sie sind zum Teil sehr spitz, schroff und kahl, andere von mittlerer Höhe bis zum Gipfel mit Wäldern, besonders mit der Spruce-Tanne (Pinus canadensis), und der Balsampappel bedeckt. Wälder und Berge sind wegen der vielen gestürzten Baumriesen unzugänglich. Oft muß man sich wundern, wie die ungeheuren Baumstämme an den kaum mit Erde bedeckten Felsen hängen und diese mit ihren Wurzeln gleichsam umschlingen. Man findet hier viele Bäume, die über 6 Fuß Durchmesser haben und 150 Fuß hoch sind. Sie liefern für den Schiffbau gutes Holz.

Mehrere Arten sehr schmackhafter Beeren, besonders die stachellosen amerikanischen Himbeeren und schwarzen Johannisbeeren, gibt es in großer Menge. Die Jahreszeit war jedoch schon so weit vorgerückt, daß ich außer einigen blühenden Moosen keine botanischen Schätze sammeln konnte.

Von Säugetieren finden sich Walfische, Seehunde, Seelöwen, See-, Sumpf- und Flußottern, braune und schwarze Bären. Letztere habe ich nie untersuchen können; die Größe und Beschaffenheit des Felles, das ich oft sah, lassen mich vermuten, daß der amerikanische schwarze Bär eine von dem braunen sehr verschiedene Art sein muß.

Auf den häufigen Jagdpartien habe ich u. a. einige interessante Vögel beobachtet. Die Anas histrionica ist eine schöne Entenart, die Ende September einfliegt und hier überwintert. Die Anas perspicillata ist eine in Europa seltene Ente, die sich ebenfalls hier im September einstellt und sehr listig ist. Diese Vögel fliegen abends auf die offene See hinaus, schicken des Morgens ein oder mehrere Beobachter aus, um die Gegend, die sie am Tage besuchen wollen, auszukundschaften, damit sie auch vor Nachstellungen sicher sind. Ein oder zwei Enten bleiben dann immer auf der Oberfläche des Wassers als Wache, während die anderen nach Futter untertauchen. Die Anas glacialis ist dagegen auf Kodiak häufig und brütet an den Küsten der Halbinsel Alaska. Der harmonische Trompetenton unterscheidet sie von allen übrigen Enten; sie taucht sehr tief unter und nimmt dabei einen großen Vorrat an Luft mit, die sie von Zeit zu Zeit von sich stößt, so daß bei stillem Wetter die aufsteigenden Bläschen die Richtung ihres Weges unter Wasser verraten.

Vom Albatros habe ich einige schwarzbraune und beinahe ganz weiße Exemplare gesehen. Im März und April, wenn sich die Heringszüge einstellen, erscheinen sie in großen Scharen. Ihr Ruf ähnelt dem dumpfen Blöken einer Ziege oder eines Schafes. Im Februar brachte man mir einen dieser Vögel, der aber keinerlei Verletzungen aufwies. Auf die Frage, wie man ihn gefangen habe, sagte man mir, mit der Hand. Auf wiederholtes Fragen versicherten mir die Alëuten, daß diese Vögel nach starken Stürmen und darauffolgender Windstille gar nicht fliegen könnten. Wenn man sie dann verfolge, suchten sie sich zwar durch Laufen über die Wasserfläche zu retten, doch würden sie von ihnen in ihren flinken Lederbooten rasch eingeholt und dann mit den Händen gegriffen oder mit dem Ruder oder einem Pfeil zur Strecke gebracht. Mir scheint diese Angabe nicht ganz glaubwürdig, wenn ich bedenke, daß dieser Vogel während eines Sturmes niemals die Wogen des Meeres berührt, sondern in schnellem und niederem Flug gleichsam an der Meeresfläche dahingleitet, die gefürchteten Regionen eines Kap Hoorn zum Lieblingsaufenthalt wählt, die Temperaturen aller Zonen ertragen kann und sich vom Südpol durch die heißesten Regionen bis zum Nordpol tragen läßt und dazu eine Flügelspanne von 3-4 Metern hat!

Ein anderer interessanter Vogel ist der schöne Adler mit weißem Kopf und ebenso gefärbtem Schwanz (Falco leucocephalus). Er ist einzeln beinahe das ganze Jahr hindurch hier anzutreffen, zieht aber meistens im Herbst gen Süden und stellt sich zum Frühjahr zur Heringszeit wieder an diesen Küsten ein. Fische sind seine Lieblingsnahrung, doch stößt er auch auf Enten, Gänse und junge Seelöwen. Sein Fleisch ist eßbar, doch müssen die Eingeweide sorgfältig ausgenommen werden, ja, die Leber soll schädlich, wenn nicht gar giftig sein. Diese Vögel nisten im Norfolk-Sund auf hohen Bäumen, in Unalaska auf Felsen. Sie besuchen mehrere Jahre das gleiche Nest, das sie aus Reisern bauen und mit Daunenfedern auspolstern. Die Eier sollen wie Hühnereier so groß sein.

Daß ich kern Verzeichnis der hier vorkommenden Fische geben kann, liegt daran, daß die vielen hungrigen Mäuler unserer Leute die Fänge gleich verzehrten. Außer den auch auf den Alëuten vorkommenden Salmen, Heilbutten, Dorschen, Kabeljauen und Heringen habe ich keine besondere Spezies bemerkt. Heringe kommen gewöhnlich im April hier in den Sund, um zu laichen. Die Eingeborenen legen dann mit Steinen beschwerte Tannenreiser in die seichten Gewässer, an denen diese Fische ihren Rogen abstreifen; vermöge des ihm eigenen natürlichen Klebstoffes bleibt er fest an den Zweigen hängen. Diese Reiser sehen dann wie Korallenstöcke aus und teilen dem daran hängenden Rogen, der als Leckerbissen gilt, einen nicht unangenehmen, aromatischen Geschmack mit.

Die See ist auch sonst reich an Produkten mancherlei Art. Es gibt Aktinien von außerordentlicher Größe, Seeraupen (Aprodita), eine neue Spezies von Sepia, Muscheln und eine Menge Gewürm, Zoophyten und Mollusken.

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