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Georg Heinrich Freiherr von Langsdorff: Eine Reise um die Welt - Kapitel 22
Quellenangabe
typereport
authorLangsdorff
titleEine Reise um die Welt
publisherVEB Bibliographisches Institut Leipzig
editorDr. Hans Damm
year1952
senderwww.gaga.net
created20050523
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Die Fahrt nach der Insel Kodiak

Am 25. Juli verließen wir den Hafen Illuluk. Unsere an Skorbut erkrankten Matrosen ließen wir hier zurück; sie waren durch gesunde Männer der Niederlassung ersetzt worden. Die Fahrt ging an den östlich gelegenen Inseln Akutan, Awatanok, Tigalda und Botinski vorbei. Später sichteten wir im Norden die Schumachins-Inseln und am folgenden Nachmittag die Insel Ukamok, die mit anderen die sog. Ewdokijevsche Gruppe bildet. Der stark zunehmende Südwestwind hätte uns hier beinahe zum Scheitern gebracht; nur mit knapper Not kamen wir in geringer Entfernung an der südöstlichen Felsenspitze dieser Insel vorbei. Fast alle diese Eilande sind nur von Seehunden, Seelöwen und Seevögeln belebt, lediglich auf Sannak und Isannak wohnen Aleuten. Bei ständig günstigem Wind erblickten wir schließlich am 29. die Insel Kodiak und ankerten am 31. in einer großen, mit vielen Inseln besäten Bucht, in der sich die Hauptniederlassung der Kompanie befand. Ihren Verwalter, Herrn Baranoff, trafen wir allerdings nicht an, da er bereits vor Jahresfrist nach Sitka (Norfolk-Sund) abgereist war, um hier eine neue Niederlassung zu gründen. Baranoffs Vertreter, ein Däne namens Bander, bewirtete uns auf die zuvorkommendste Weise und sorgte auch für unsere, wenn auch bescheidene Unterbringung.

Kodiak, Kadjak oder Küktak, d. h. »große Insel«, ist die größte aller nördlich zwischen Amerika und Asien liegenden Inseln und war den Russen schon seit 1750 bekannt. Mehrere Kaufleute besuchten wegen des Pelzhandels einzeln von Odiotsk aus diese Gegenden besonders in den Jahren 1760–1770, bis endlich der Kaufmann Gregori Schelichoff aus Irkutsk eine Niederlassung hier gründete. Er unterwarf sich nach und nach die Inseln und ihre Bewohner und legte den Grund zu der jetzt bestehenden Russisch- Amerikanischen Handelskompanie. Selbst wenn Schelichoff mit seiner Schätzung von 50000 Köpfen die Zahl der Bevölkerung zu hoch veranschlagt hätte, so betrug sie doch damals noch 20-25000. Im Jahre 1809 wurde die Bevölkerungszahl auf 7000 geschätzt. Selbst wenn Schelichoffs Ziffer zu hoch gegriffen ist, so bleibt doch der zahlenmäßige Rückgang erschreckend hoch. Veränderte Lebensart, fremde Sitten und Gebräuche, Mangel an Nahrung und Kleidung, Verbreitung von ungewöhnlichen, z. T. unbekannten Krankheiten, Mißbräuche aller Art, Kummer und Sorgen, Meuterei und viele andere Ursachen mögen gleich einer Pest diese Entvölkerung herbeigeführt haben. Diese zerstörenden Einflüsse dauern noch an und drohen dieses Völkchen ganz zu vernichten.

Dia starke Besiedlung, die Menge an kostbarem Pelzwerk, die Lage und Beschaffenheit des Landes, ein nicht sehr rauhes Klima und mehrere gute Häfen ließen diese Insel als Sitz der Niederlassung besonders bevorzugt erscheinen. Die teilweise hohen, mit dünnen Erdschichten bedeckten Gebirge bestehen meist aus Granit, die Niederungen und die an die See anstoßenden Felsenklüfte aus verhärtetem Tonschiefer. Ringsum ist die Insel mit Häfen und tiefen Buchten ausgestattet. Die Bewohner siedeln nur an der Küste und an den Flüssen und befriedigen mit Fischen und anderen Seeprodukten ihre Lebensbedürfnisse. Das Klima ist besser, als man es in einer so nördlichen Breite vermuten sollte. Der Grund dazu ist wohl in den überaus hohen Schneegebirgen auf dem nahen Festlande Amerika und der Halbinsel Alaska zu suchen, durch welche die Insel wie durch hohe Mauern vor den rauhen Winden geschützt wird. In manchen Jahren soll der Winter so gelinde sein, daß man in den Niederungen von Kodiak kaum anhaltenden Schnee und selten strenge Kälte hat.

Der Boden ist im Tiefland fruchtbar und grasreich, für Viehzucht also wohl geeignet. Rindvieh, Schweine und einige Ziegen werden bereits gehalten, die Schafzucht würde hier unstreitig gut gedeihen. Die wenigen Versuche mit dem Anbau von Getreide sind mißlungen. Kartoffeln und andere Küchengewächse kommen dagegen sehr gut fort, doch ist man über Versuche noch nicht hinausgekommen.

Die Eingeborenen sind von denen in Unalaska nur wenig verschieden. Von Wuchs sind sie größer und robuster, aber unleugbar vom gleichen Stamme. Die Sprache ist verschieden, Sitten und Gebräuche sind beinahe die gleichen. Obwohl die Wohnungen mit denen der übrigen Aleuten übereinstimmen, unterscheiden sie sich doch darin, daß sie mit mehr Holz und auch geräumiger gebaut sind. Ebenso ist der Eingang seitlich am Hause und gewöhnlich so klein und niedrig, daß man auf allen vieren in die Hütte kriechen muß. Anstatt der Haustüre findet man größtenteils ein über einen Rahmen gespanntes Seehundsfell vor die Türöffnung gestellt. Diese halb in die Erde versenkten Behausungen sind auch ohne Öfen im Winter warm genug, um die Bewohner vor Kälte zu schützen.

Die Kleidung dieser Insulaner, die sich selbst Konjägen nennen, ähnelt in der Form der auf den Aleuten getragenen. Sie besteht aus den Häuten der Seevögel, besonders von Alca arctica, Alca cirrhata und Pelecanus urile, sowie Seehundsfellen. Da aber Kodiak an Produkten reicher ist als die westlich davon gelegenen Inseln, so haben auch die Insulaner mehr Hilfsquellen, um ihre Bedürfnisse leichter und besser befriedigen zu können. Sie benutzen z.B. die Bärenfelle zu Pelzen und Decken und fertigen ihre Regenkleider nicht allein aus den Eingeweiden der Seehunde, sondern auch aus denen der Bären. Auch sieht man Kleider aus Fischhäuten und Wintertrachten aus Murmeltier- und Zieselfellen.

Die Näh-, Stick- und Flechtkunst ist bei weitem nicht so hoch entwickelt wie auf Unalaska. Statt des hölzernen Hutes tragen die hiesigen Eingeborenen runde, aus Stroh und Baumbast geflochtene Hüte, die mit Erdfarben mannigfach bemalt sind. Die Verzierung der Unterlippe, der Nase und der Ohren sowie die Anwendung der Tatauierung sieht man jetzt nur noch selten, dagegen bemalen sie sich das Gesicht oft mit Kohle, rotem Ton und anderer Erde.

Die Boote sind von gleicher Konstruktion, aber nicht mit der gleichen Genauigkeit hergestellt wie auf Unalaska. Sie sind breiter und plumper und meist für 2 oder 3 Personen eingerichtet. Die Harpunen werden ebenfalls mit einem Wurfbrett geschleudert, aber beide sind in Form und Größe anders als wie auf den westlichen Aleuten. Beim Tanz benutzen sie Rasseln, die aus einer Menge um einen Holzreifen konzentrisch angeordneter Schnäbel von Seepapageien (Alca) bestehen und deren Geräusch große Ähnlichkeit mit den Kastagnetten der Spanier hat.

Von der russisch-griechischen Religion wissen sie kaum mehr als das Zeichen des Kreuzes, obwohl hier eine Kirche und Geistliche sind. Männliche Konkubinen sieht man hier häufiger als auf Unalaska. Man sagte mir auch, daß die eheliche Gemeinschaft unter den nächsten Blutsverwandten nicht im geringsten verpönt sei und Verbindungen zwischen Geschwistern oder gar zwischen Eltern und Kindern vorkommen. Ein Aleute, den ich hierüber befragte, antwortete mir ganz unbefangen, daß sein Volk hierin dem Beispiele der Seeottern und Seehunde folge.

Die Hauptbeschäftigung der Bewohner von Kodiak ist Jagd und Fischerei und gleicht auch sonst der auf Unalaska. Diese Insel ist der eigentliche Sammelplatz für alles Pelzwerk, das hier und in der weiteren Umgebung, wie auf Alaska, an dem Cook-Fluß, dem Prince-William-Sund, der Beringsbai und anderen Orten, erlegt wird. Deshalb findet man in den hiesigen Magazinen zuweilen einen Vorrat von zahlreichen und kostbaren Fellen. Im Jahre 1802 belief sich die Zahl der seit den fünf vorhergehenden Jahren gesammelten Seeottern auf 18000 Stück. Zusammen mit den Fuchs-, Zobel-, Bären- und Seebärenfellen stellten sie einen Wert von fast 2 Millionen Rubel dar.

Um die hiesigen Besitzungen der Kompanie hat sich Herr v.Baranoff besonders verdient gemacht. Er weilt jetzt bereits 30 Jahre in dieser Gegend. Ruhelos ist er bald auf der einen, bald auf der anderen Niederlassung seines weiten Gebietes. Manchmal verbringt er mehrere Jahre in diesem verlassenen Erdenwinkel, vollkommen auf sich selbst gestellt, ohne Nachricht und Verbindung mit der Außenwelt.

Von Hunger und Durst verfolgt lebt er mit seinen Gefährten wie die Eingeborenen nur von Seehunden, Fischen und Muscheln, baut mitten in diesem Elend Fahrzeuge, errichtet neue Niederlassungen und dehnt das Gebiet der Handelskompanie immer weiter aus. Ihre Herrschaft erstreckt sich von 55° bis 61° nördlicher Breite und von 135° bis 190° westlicher Länge. Das ist ein gewaltiges Gebiet, das die Kompanie beim jetzigen Stande der Schiffahrt niemals wird übersehen können. Daraus ergeben sich leider auch mancherlei Mißstände und Mißhelligkeiten zwischen den Russen und den Eingeborenen. An der Nordwestküste von Amerika war bereits dreimal die eine oder andere Niederlassung von Indianern überfallen, und die Bewohner waren niedergemetzelt worden.

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