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Georg Heinrich Freiherr von Langsdorff: Eine Reise um die Welt - Kapitel 20
Quellenangabe
typereport
authorLangsdorff
titleEine Reise um die Welt
publisherVEB Bibliographisches Institut Leipzig
editorDr. Hans Damm
year1952
senderwww.gaga.net
created20050523
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Neue Reisepläne

Nach unserer Ankunft mußten wir unsere Reisepläne grundlegend ändern. Herr v. Resanoff, dessen Mission beendet war, hatte zuerst die Absicht, nach Petersburg zu reisen, um dem Zaren persönlich zu berichten. Eingegangene Briefe bestimmten ihn jedoch, seinen Bericht durch einen Sonderkurier nach Petersburg bringen zu lassen und als Bevollmächtigter der Russisch-Amerikanischen Handelskompanie die Aleuten und die nordwestamerikanische Küste aufzusuchen.

Herr v. Krusenstern hatte inzwischen allen überflüssigen Ballast an Land bringen lassen, und wollte die unterbrochene Untersuchung der nördlichen Küste von Tschoka bis zum Ausfluß des Amur fortsetzen, um dann nach Kamtschatka zurückzukehren und neuen Proviant einzunehmen.

Da Herr v. Resanoff seine Reise nach den unkultivierten und unfreundlichen Gegenden Nordwest-Amerikas nicht ohne ärztlichen Ratgeber unternehmen wollte, forderte er mich auf, ihn zu begleiten. Die Entscheidung, entweder mit Herrn v. Krusenstern über Tschoka, Kanton und St. Helena nach Europa zurückzukehren, oder mit Herrn v. Resanoff nach Besuch der nordwestamerikanischen Küstensiedlungen über Sibirien heimzukehren, fiel mir nicht leicht. Schließlich entschloß ich mich für das letztere, da ich es der Wissenschaft schuldig zu sein glaubte, diese ganz ungewöhnliche und seltene Reise nicht zu versäumen.

So wurde am Abend des 13. Juni (julianischer Zeitrechnung) unsere Habe an Bord der Brigg »Maria« gebracht, und am folgenden Morgen segelten wir aus der Awatscha-Bay. Unser zweimastiges, 150 Tonnen großes Boot wurde vom Flottenleutnant Maschin befehligt. Die Besatzung bestand aus etwa 60 Personen, die als Pelzjäger (Promüschleniki) im Dienst der Kompanie standen. Dazu war der Schiffsraum so mit Waren angefüllt, daß sich der größte Teil der Besatzung auf Deck aufhalten mußte. Viele von diesen Leuten litten zudem an Skorbut, von dem sie sich in Kamtschatka kaum erst erholt hatten.

Am 24. Juni, dem ersten heiteren Tag seit unserer Abreise, sichteten wir die Insel Attu, die westlichste der Aleuten. Nach wechselvollem Wetter trafen wir schließlich auf die Insel Unalaska, konnten aber nicht in den Hafen einfahren, da sich der Wind fast ganz gelegt hatte. Als uns am Abend ein aufkommender heftiger Südostwind auch nicht zur Landung kommen ließ, steuerten wir die wenig bekannten, nordwestlich davon gelegenen Inseln St. Georg und St. Paul an. Unzählige Mengen von Seevögeln, Seehunden und Seebären zeigten Landnähe an.

Am 2. Juli kam dicker Nebel und Wind auf, Regen setzte ein, so daß eine Orientierung unmöglich war. Diese Tage waren seit unserer Abreise von Kamtschatka die unangenehmsten. Schließlich beruhigte sich das Wetter, und wir sahen die Insel St. Paul vor uns, vor deren Nordostspitze wir ankerten. Am Ufer fanden wir verlassene Erdhütten, deren Hauptstützen aus Walfischrippen bestanden. Fässer, Seehundfelle, verdorbene Häute, Holz u. a. lagen umher, aber Menschen sahen wir nicht. Vermutlich war diese Insel vor einiger Zeit von St. Georg aus besucht worden. Wir verließen bald die verödete Siedlung und gingen zur nordöstlichen Landspitze, um die Seebären, deren Gebrüll und Blöken wir schon in großer Entfernung hörten, näher zu betrachten. Jeder bewaffnete sich mit einem großen Prügel, die um die Hütten herumlagen, und zog in die Schlacht.

Dieses gänzlich neue Schauspiel läßt sich kaum beschreiben. Zu vielen Tausenden hatten sich Seebären verschiedenen Alters in Gruppen gelagert. Sie zeigten bei unserem Nahen keine Furcht. Einzelne hüpften über die schroffen Steine nach der nahen See, die Alten blieben jedoch am Ufer, um die Jungen zu bewachen. Als wir auf sie losgingen, sperrten sie ihr Maul auf und zischten uns an, andere suchten sich mutig durch Bisse zu verteidigen. Die kleinen, noch saugenden Jungen blökten wie die Schafe, größere wie Kälber. Es erforderte wenig Geschicklichkeit, sie an den hinteren Floßfüßen zu ergreifen und davonzutragen. In weniger als einer halben Stunde hatten wir 40-50 für die Schiffsbesatzung erlegt. Die Matrosen hätten sie zu Hunderten erschlagen, wenn wir nicht Einhalt geboten hätten. Wir selbst ließen uns das Fleisch, das im Geschmack dem Kalbfleisch ähnlich, aber durch seine schwarze Farbe wenig appetitlich ist, gutschmecken. So kehrten wir mit frischem Proviant wieder zum Schiff zurück.

Am nächsten Morgen begaben wir uns wieder an Land und fanden an der Südwestseite eine geräumige Bucht, an deren Ufer sich mehrere gut eingerichtete Erdhütten befanden; sie dienten 15 Russen und einigen Eingeborenen von den Aleuten als Wohnung. Diese Leute fingen für die Kompanie Füchse und Seebären und beschäftigten sich im Sommer lediglich mit der Bereitung des Wintervorrates, meist getrocknetes Seebärenfleisch; gegen den Herbst zu präparierten sie die Häute. In diesem Jahre hatten diese 15 Menschen 30000 Seebären erschlagen und zu Wintervorrat verarbeitet; die Felle hatten sie weggeworfen, weil sie keine Zeit hatten, sie aufzuspannen und zu trocknen.

Die an der Südwestküste anstehende schwarze Lava läßt den Gedanken aufkommen, daß diese Insel ihre Entstehung einem Vulkan verdankt. Um so merkwürdiger fand ich es, als mir einer der hiesigen Jäger auf meine Frage nach Naturseltenheiten einige Versteinerungen von dem höchsten Berge, der etwa in der Mitte der Insel liegt, aushändigte. Dies ist um so auffallender, da man auf der ganzen Strecke von Kamtschatka über die Aleuten bis zur nordwestamerikanischen Küste nichts als Urgebirge (Granite, Porphyre, Schiefer) und Vulkane findet.

Das Klima ist rauh, und nach Aussage der Bewohner herrschen hier im Frühjahr und Winter die fürchterlichsten Stürme. Die See ist dann mit hohen Eisbergen bedeckt, auf denen bei Nordwind Eisbären angetrieben werden. Im Sommer sind Nebel häufig; helle Tage sind dagegen selten. Die Hauptprodukte dieser kleinen Insel bestehen in Stein- oder Eisfüchsen, die in Fallen gefangen werden, sodann in Seebären, die Mitte April hier trächtig ankommen, an Land Junge werfen und sich im September wieder entfernen. Sie gehören zum Geschlecht der Seehunde, unterscheiden sich aber von dem gewöhnlichen Seehund durch das schöne pelzartige Fell, das Chinesen und andere tatarische Völker als Besatz ihrer Kleider und Mützen hoch bewerten. Diese Tiere kann man leicht erlegen, indem man ihnen den Rückweg zum Meer abschneidet, sie truppweise nach dem Innern der Insel treibt und dort mit Prügeln totschlägt.

Die kostbaren Seeottern (Lutra marina), von denen in den ersten zwei Jahren nach der Entdeckung der Insel (1786) gegen 3000 erlegt wurden und deren jedes Fell mit 100 bis 150 Rubel bezahlt wurde, sind jetzt bereits ausgerottet. Das Walroß (Trichechus rosmarus) wird auf einer nahen Felseninsel erlegt.

Mein größtes Interesse galt Stellers Seekuh. Dieses merkwürdige Tier, das dieser verdienstvolle Gelehrte ausführlich beschreibt und das damals an den Küsten von Kamtschatka, auf den Berings- und anderen Inseln dieses Meeres in großen Scharen vorkam, ist nicht mehr beobachtet worden und muß als ausgestorben gelten.

So klein diese Insel auch ist, so ist sie doch ein Sammelplatz für Millionen von Seevögeln, die sich hier zur Brutzeit einfinden. Für die Pelzjäger bilden diese Vogeleier für einen großen Teil des Jahres die Hauptnahrung. Im Frühjahr beschäftigten sie sich mit nichts anderem als mit dem Einsammeln dieser Eier. Einer läßt den andern mit Stricken an den 30-40 Klafter hohen und steilen Felswänden zusammen mit einem Korbe hinab, um die Eier aus den Nestern zu nehmen. Sie werden dann sorgfältig gewaschen, an der Luft getrocknet und in einem Faß abgekochten Tranes aufbewahrt. Die Eier bleiben dadurch so frisch, als wenn man sie eben erst aus dem Nest genommen hätte.

Auch an eßbaren Pflanzen ist diese Insel keineswegs arm, so fand ich neben verschiedenen Beerenarten auch Wermut, Sauerampfer, Beifuß, wilden Sellerie, Kresse u. a. m.

Herr v. Resanoff befaßte sich indessen mit den Handelsangelegenheiten der Kompanie, ließ den Vorrat an Fellen, Fischbein und Häuten an Bord bringen. Auch hielt er es für notwendig, die Zahl der Pelzjäger zu verringern, um einem zu starken Abschuß der Tiere vorzubeugen.

Am 8. verließen wir St. Paul, und noch am gleichen Tage sichteten wir die beträchtlich kleinere, südwestlich gelegene Insel St. Georg. Wir feuerten einen Kanonenschuß ab, um den Bewohnern unser Kommen zu melden. In dem gleichen Augenblick, als sich der Schall an den Felswänden brach, stiegen Scharen von Seevögeln aller Art hoch. Ich übertreibe bestimmt nicht, wenn ich sage, daß eine dicke Wolke 147 von Vögeln die Klippen verließ und das Meer weithin von ihnen bedeckt war. Da uns ein frischer Wind in gefährliche Nähe der Felseninsel brachte, änderten wir unseren Kurs und steuerten südöstlich nach Unalaska. Am 16. liefen wir in die Seeotter-Bay ein und ankerten in der kleinen Bucht von Amagul. Es dauerte gar nicht lange, so kamen mehrere Aleuten-Männer in ihren einsitzigen Lederbooten, Baidarka genannt, an unser Schiff und sagten uns, daß die Niederlassung der Kompanie 5-7 Werst jenseits der Berge läge. Wir fertigten sogleich einen Boten ab, der unsere Ankunft melden sollte. Herr v. Resanoff machte sich mit zwei Seeoffizieren und einigen Matrosen sofort zu Fuß auf den Weg, während wir übrigen im Geleit der Aleutenboote nach der nördlich gelegenen Bucht Ugadachan fuhren und von hier aus den Landmarsch antraten.

An den Ufern blühten einige köstliche Blümchen, unter denen sich ein neuer Mimulus und eine noch unbeschriebene Potentilla besonders auszeichneten. Die niedrigen Gegenden des nahen Tales waren mit hohem Gras bedeckt.

Allen diesen neuartigen Dingen, den Felsenklüften, den am Horizont stehenden kegelförmigen Schneebergen, den steilen Hängen, die es zu erklettern galt, und den Tälern, in die wir dann unbarmherzig wieder hinunter mußten, konnte ich wegen der hereinbrechenden Dunkelheit nicht die notwendige Aufmerksamkeit schenken. Gar bald umgab uns tiefe Dunkelheit, und wir durchirrten unter Führung einiger Aleuten diese unwegsamen Gegenden. Felsen und Steine, Fuchsgruben, Strauchwerk und Steinhaufen erschwerten unser Fortkommen. Kurz vor Ende unserer beschwerlichen Wanderung glaubte einer unserer Gefährten, einen Fußsteig entdeckt zu haben, als er plötzlich bis über die Knie im Wasser stand. Erst um Mitternacht erreichten wir müde und zerschlagen den Ort Illuluk.

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