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Georg Heinrich Freiherr von Langsdorff: Eine Reise um die Welt - Kapitel 14
Quellenangabe
typereport
authorLangsdorff
titleEine Reise um die Welt
publisherVEB Bibliographisches Institut Leipzig
editorDr. Hans Damm
year1952
senderwww.gaga.net
created20050523
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Die Fahrt nach dem unbekannten Japan

Während der ersten Tage hatten wir ziemlich günstiges Wetter. Am Morgen des 11. erhob sich aber ein starker Ostwind, der nachmittags gegen 2 Uhr in einen Sturm überging und der die ganze Nacht hindurch tobte. Die Wellen türmten sich höher, als wir es je auf unserer Reise beobachtet hatten. Erst am folgenden Morgen legte sich der Wind und zwar ganz plötzlich, so daß das Schiff wie ein Kork von den unregelmäßig zusammenschlagenden Wellen und der unruhigen See unsanft umhergeschleudert wurde. Obwohl unser Schiff in Kamtschatka sorgfältig kalfatert worden war, leckte es doch so sehr, daß die Pumpen immerwährend betätigt werden mußten. Dazu kam ein beständiger Nebel und feiner Regen, der mit dem eindringenden Wasser Bücher, Papiere und Kleider nicht trocken werden ließ und unsere unangenehme Lage beträchtlich vermehrte. Am 15. klarte das Wetter auf, und wir hatten heitere trockene Tage und warme mondhelle Nächte. Ein günstiger Nordostwind ließ uns rasch vorwärts kommen. Endlich am 28. sahen wir die japanische Küste. Das vor uns liegende Vorgebirge mußte nach der Bestimmung die Südspitze von Sikokow (jap. Scheissui-saki) sein. Unser Kapitän, dieser vortreffliche Nautiker und Geograph, beschäftigte sich nun stündlich mit der genauen Bestimmung dieser so unbekannten und kaum von europäischen Schiffen besuchten Gegend. Seine Beobachtungen sind für die nähere Kenntnis von Japan so wichtig, daß man diesen Teil seines Werkes nicht ohne das größte Interesse studieren kann.

Regengüsse und Sturm hielten uns zunächst von der Küste fern. Erst am 1. Oktober klarte das Wetter wieder auf, und wir konnten unseren Kurs wieder auf das Land zu nehmen. Ungewöhnlich hohe Wellen aus Südost und ein beständiges Fallen des Barometers veranlaßten aber den Kapitän, den Kurs nach Süden zu richten und so viele Segel setzen zu lassen, wie das Schiff tragen konnte. Seiner Vorsicht, uns aus der gefährlichen Nähe des Landes wegzubringen, verdanken wir wahrscheinlich unsere Rettung. Das Barometer sank nämlich in erschreckendem Maße. Der Südost wurde stärker und artete in einen furchtbaren Sturm aus. Nur unter größter Gefahr und Anstrengung konnten die Segel eingenommen werden; alle Seile, auch die neuen, wurden von der Gewalt des Sturmes zerrissen. Die Wellen rollten in fürchterlichen Massen an, und die über uns hinwegfegenden schwarzgrauen Wolken verdunkelten die Sonne so, daß wir gegen ½5 Uhr in tiefe schreckliche Nacht eingehüllt waren. Das Steuerruder war bereits angebunden und ohne Bedienung; wir waren ein Spiel der Wogen. In jedem Augenblick mußten wir befürchten, daß die knarrenden Masten über Bord gehen würden; alle Beile waren bereitgelegt, um sogleich die Wanten zu kappen. Der Wind heulte gräßlich durch das Tauwerk; Wasser stürzte von allen Seiten in das Schiff, und das unaufhörliche Pumpen ermüdete die Mannschaft nicht wenig. Noch immer sank das Barometer, die ganze Natur schien in Empörung und Aufruhr; kurz, es lassen sich keine Worte finden, um unsere Lage zu beschreiben. Alle Geräte lagen zertrümmert und verstreut umher, die Seitenböden des Schiffes flogen ab, und die Kanonen auf der Schanze berührten das Wasser. Der Gedanke an eine Rettung mußte vollkommen schwinden, da wir uns mit jeder Stunde dem Lande um drei englische Meilen näherten und bei diesem Sturm in kurzer Zeit an der Küste scheitern mußten.

Als nach 8 Uhr die Wut des Orkans aufs höchste gestiegen war, entstand plötzlich eine Windstille, die aber nur 5 Minuten anhielt. Dann tobte der Sturm mit erneuter und gleicher Heftigkeit wie zuvor, aber statt aus Südosten, faßte er uns jetzt aus Südwesten. Bei diesem unvorhergesehenen Umschlag brach eine ungeheure Welle in das Hinterteil unseres Schiffes, fegte die Galerie auf der linken Seite weg, durchbrach die Wand der Kapitänskajüte und setzte diese vollkommen unter Wasser. Möbel, Bücher, Instrumente, Landkarten, die für Japan bestimmten Geschenke, alles schwamm in der Kajüte umher. Man sprach den Matrosen Mut zu, das Leck nach Möglichkeit zu dichten, aber ein jeder dachte: es ist ja doch umsonst, wir sind verloren! – Wenn auch die plötzliche und unerwartete Änderung der Windrichtung uns von der gefahrvollen Küste wieder entfernte und die Gefahr des Scheiterns nicht mehr bestand, so schien trotz allem der Orkan das Todesurteil über uns gesprochen zu haben.

Wer beschreibt aber unsere Freude, als wir bemerkten, wie das Barometer wieder zu steigen begann und der Sturm sich wirklich legte. Neue Hoffnung erfüllte unsere Herzen, und als die ersten Sonnenstrahlen durchbrachen, schien uns das Leben neu geschenkt. Zum Glück stellte es sich heraus, daß unser Schiff nicht allzu stark gelitten hatte. Wohl erforderte die Ausbesserung des Tauwerkes viel Arbeit und Zeit; manches Gerät war zerschlagen und mußte ersetzt werden, die durchnäßten Kleider, Karten, Papiere, Seidenstoffe und Geschenke für den japanischen Kaiser mußten getrocknet werden, und es war kaum ein Plätzchen auf dem Verdeck zu finden, auf dem nicht irgendein Stück zum Trocknen ausgebreitet war.

Erst am 22. gegen Mittag konnten wir wieder Segel setzen und mit einem gelinden Westwind gegen Norden steuern. Am Abend sichteten wir Land und hatten uns am 3. Oktober der japanischen Küste von Kiusiu auf 15-20 Meilen genähert. Ein hohes Vorgebirge, das unter 32° 14' 15" N und 131° 41' 45" O bestimmt wurde, nannte der Kapitän Kap Tschirikoff, ein anderes, mehr südlicher gelegenes Kap Cochrane. Beide liegen in der Provinz Fiunga.

Das nahe Land schien fruchtbar und gewährte abwechslungsreiche Bilder. Bei Einbruch der Nacht sah man längs der Küste in nicht allzu großer Entfernung voneinander eine Menge einzelner Feuer. Unsere Mutmaßung, daß dies Signale seien, wurde bei unserer Ankunft bestätigt. Am 4. passierten wir die Vandiemensstraße, verfolgten die südlichen Ufer der Provinzen Oosumi und Satzuma und näherten uns zuweilen dem Lande so sehr, daß wir Gebäude und Menschen unterscheiden konnten. Von den vielen kleinen Fischerbooten wagte es keines, sich unserem Schiffe zu nähern, obwohl unsere an Bord befindlichen Japaner ihnen öfters zuriefen. Die Südostseite von Satzuma war besonders reizvoll, schien sehr gut bebaut und zahlreich bevölkert zu sein. Wir bekamen einen hohen Eindruck von der Regsamkeit und Kultur der Japaner. Die Berge waren terrassenartig bis zum obersten Gipfel bebaut.

Am 6. kamen wir in eine geräumige Bucht. Windstille und eine Menge Felsen und Inseln, die wir am westlichen Horizont bemerkten, veranlaßten uns, den Versuch einer Durchfahrung aufzugeben. Wir wendeten also wieder nach Süden und umfuhren die Insel Meac-Sima, um dann nach Norden zu steuern. Bereits am frühen Morgen des 7. sahen wir die Goto-Inseln, und, da auch nachts der Wind günstig war, erblickten wir am Morgen des 8. Oktober den gebirgigen Teil von Kiusiu, in dessen Nachbarschaft sich der langgesuchte Hafen von Nagasaki befindet. Im Laufe des Tages sahen wir ein Fischerboot, dessen Insassen, nur um den Kopf und die Hüften mit einer Binde bekleidet, an Bord kamen und uns erzählten, daß man schon seit vier Tagen durch Nachtfeuer von dem Nahen eines dreimastigen Schiffes unterrichtet sei. Sie erzählten uns weiter, daß seit Juli zwei holländische Schiffe im Hafen seien. Es währte nicht lange, so kam schon ein Boot mit zwei Offizieren herbei, die sich allerdings weigerten, an Bord zu kommen. Sie verlangten die Auslieferung ihrer Landsleute, stellten unzählige Fragen an uns, forderten den Passierschein und fragten schließlich, warum wir erst jetzt Gebrauch von der Besuchserlaubnis gemacht hätten. In Wirklichkeit wollten sich die Japaner vergewissern, ob wir auch wirklich Russen seien, und ver- langten zum Schluß ein paar Zeilen in russischer Sprache. Wir segelten dann mit sehr flauem Wind auf die vor Nagasaki sich ausbreitende Bucht zu und wurden von einem anderen Offiziersboot an unseren Ankerplatz geleitet.

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