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Georg Heinrich Freiherr von Langsdorff: Eine Reise um die Welt - Kapitel 13
Quellenangabe
typereport
authorLangsdorff
titleEine Reise um die Welt
publisherVEB Bibliographisches Institut Leipzig
editorDr. Hans Damm
year1952
senderwww.gaga.net
created20050523
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Von Nukahiwa nach den Sandwich-Inseln

Wenn es uns auch nicht gelungen war, genügend Schweine als Proviant für die Weiterreise einzutauschen, so waren wir doch reichlich mit Kokosnüssen, Brotfrüchten, Bananen und nahrhaften Wurzeln versehen. Auch Holz und Wasser waren in hinreichender Menge an Bord genommen worden, so daß es an nichts fehlte. Kurz vor unserer Abreise – es war der 11.Mai – hatten wir noch die Freude, unser Begleitschiff, die »Newa«, von der wir am Kap Hoorn getrennt worden waren, in die Bucht einlaufen zu sehen. Das Schiff hatte drei Tage lang bei der Osterinsel auf uns gewartet, ohne jedoch dort wegen starker Westwinde landen zu können.

Am 17. Mai lichteten wir die Anker, doch hätte uns fast eine starke Bö auf das felsige Südwestufer der Bucht geworfen, Wären nicht der Kapitän und seine gesamte Mannschaft so umsichtig gewesen. So mußten wir nochmals Anker werfen und konnten erst am nächsten Tag bei plötzlich einsetzendem starkem Wind die offene See gewinnen. Wir nahmen nun Kurs auf die Sandwich-Inseln. Der Wind war ziemlich frisch, und so kreuzten wir bereits am 25. Mai den Äquator. Am 7. Juni sichteten wir die Ostspitze von Owaihi, der größten Insel in der Sandwich-Gruppe, die durh die Ermordung des berühmtesten Seefahrers unserer Zeit, des Kapitäns James Cook, eine so traurige Berühmtheit erlangt hat.

Da Kapitän v. Krusenstern die Absicht hatte, noch vor Ende September in Nagasaki, einer großen Handelsstadt Japans, zu sein, ließ er nicht ankern, sondern hoffte, im Vorbeifahren von herbeirudernden Booten die notwendigen Lebensmittel eintauschen zu können, wie das auch andere Seefahrer vor ihm mehrfach getan hatten.

Die Insulaner, die wir bei dieser Gelegenheit beobachten konnten, waren mittelgroß und von dunkler schmutzigbrauner Hautfarbe. Ihr an sich unsauberer Körper war mit Ausschlägen und Wunden bedeckt, wahrscheinlich eine Folge des Kawatrinkens oder venerischer Krankheiten. Den meisten Männern fehlten die Vorderzähne, die sie nach ihrer Aussage im Kampf durch Steinwürfe verloren hatten. An Armen und Lenden waren sie tatauiert. Die Muster stellten Eidechsen, Ziegenböcke, Flinten und andere rhombenartige Zeichnungen dar, entstellten aber eher den Körper, als daß sie ihn verschönert hätten. Auch hinsichtlich ihres Wuchses konnten die Sandwich-Insulaner keinem Vergleich mit den schön gewachsenen Marquesanern standhalten. Dagegen waren ihre Boote, mit denen sie sich weit in die See hinauswagten, sehr sauber und schön gearbeitet.

Die Küste von Owaihi bot mit ihren Kokos- und Bananenhainen einen freundlichen Anblick. In gewaltiger Majestät stieg der Berg Mauna Roa, der den Pik von Teneriffa noch an Höhe übertrifft, gleichsam aus dem Meer zum Firmament empor. Sein über 12000 Fuß hoher Gipfel war in dieser Jahreszeit gänzlich von Schnee entblößt. – Am 10. Juni kam die Insel außer Sicht, ohne daß wir irgendwelche Nachrichten von ihrem jetzigen Zustand hätten erhalten können. Als ich 1805/06 an der Nordwestküste von Amerika überwinterte, hatte ich jedoch Gelegenheit, einige Erkundigungen einzuziehen, die ich hier kurz mitteilen will.

Die Sandwich-Inseln sind für alle nach der Nordwestküste Amerikas, nach den Aleuten oder nach Kamtschatka segelnden Schiffe ein sehr wichtiger Erfrischungsort, denn hier gibt es Schweine, Brotfrüchte, Bananen, Kokosnüsse, Taro- und Yamswurzeln, Bataten usw. in reicher Fülle. Die Seefahrer der Vereinigten Amerikanischen Freistaaten besuchen deshalb diese Inseln alljährlich auf ihrem Wege nach der Nordwestküste, wo sie Seeotterfelle, die von den Chinesen außerordentlich hoch geschätzt werden, gegen Eisenwaren, Tuche, Reis, Pulver und Gewehre eintauschen und diese dann nach Kanton ausführen. Die Menge der die Karakua-Bai anlaufenden Schiffe und der sich daraus entwickelnde Handelsverkehr haben die Kultur der Eingeborenen mit Riesenschritten der europäischen Zivilisation nähergebracht.

Der König Tomoomo hat durch den beständigen Verkehr mit den Seefahrern der Amerikanischen Freistaaten und besonders durch einige Europäer, die schon jahrelang bei ihm wohnen und gleichsam seine Minister sind, englische Sprache und Sitte angenommen, so daß die meisten der tätigen Inselbewohner jetzt englisch sprechen. Tomoomo hat sehr rasch den Wert des Silbers schätzen gelernt und verkauft deshalb den anlegenden Schiffen seine Landesprodukte am liebsten nur gegen Barzahlung in spanischen Talern oder Piastern. Wenn er dann eine genügend große Summe beisammen hat, dann kauft er von einem Amerikaner ein Schiff, bemannt es teils mit eigenen, teils mit ausländischen Matrosen, von denen heutzutage sehr viele auf Owaihi leben, und fährt für eigene Rechnung und Gewinn. Tomoomo bewies in allen seinen Handlungen viel Verstand und große Geschäftigkeit. Seine Seemacht hatte er in kurzer Zeit so vergrößert, daß sie im Jahre 1806 bereits 15 Fahrzeuge zählte, unter denen sich einige Dreimaster, Briggen und Kutter befanden. Der König beschäftigte sich selbst sehr viel mit Schiffbau und bevorzugte deshalb Matrosen, die zugleich Zimmerleute waren; ihnen gewährte er Ländereien und andere Vorteile, nur um sie an sich zu ketten.

Vor einigen Jahren hatte man auf Owaihi die Entdeckung einer für den Bau von Schiffen besonders wertvollen Holzart gemacht, die in keiner Weise von dem in diesen Gewässern so gefährlichen Schiffsbohrwurm (Teredo navalis Linn.) angegriffen wird. Würde sich diese Nachricht bestätigen, so könnte man in Zukunft auf das bis jetzt notwendige Beschlagen der Schiffsböden mit Kupferplatten verzichten.

Zu den verheißungsvollsten Produkten dieser Inselgruppe gehört auch das Zuckerrohr; würde man seine Kultur vervollkommnen, so könnte man mit der Zeit von hier aus ganz Kamtschatka und Sibirien damit versorgen.

Da nur wenige Eingeborene Ware an das Schiff gebracht hatten und sich diese auch noch teuer bezahlen ließen, entschloß sich unser Kapitän, ohne weiteren Aufenthalt Kamtschatka anzusteuern. Er konnte das um so eher tun, als sich die gesamte Mannschaft der besten Gesundheit erfreute. – Am 10. Juni trennten wir uns von unserer bisherigen Gefährtin, der »Newa«, die Order nach Kodiak und der Nordwestküste Amerikas hatte. Da für Herrn Lisiansky, dem Kapitän dieses Schiffes, die Zeit nicht so drängte wie uns, so suchte er auf einige Tage die Karakua- Bai auf, um seiner Mannschaft einige Erholung zu gönnen. Unser Ziel jedoch war Kamtschatka.

Der 22. Juni brachte uns eine ganze Reihe merkwürdiger Begebenheiten. So kreuzten wir den Wendekreis des Krebses, konnten bei völliger Windstille und ruhiger See von einem ausgebrachten Boot aus Meeresuntersuchungen vornehmen, und außerdem fing die Mannschaft zwei gewaltige Haie, von denen der eine 200 Pfund wog. Dadurch erfuhr der Küchenzettel eine Bereicherung; wenn auch das Fleisch hart, trocken und fad war, so ließen wir es uns doch am gleichen Abend wohlschmecken. Das Gericht bekam allen sehr gut. Bei einigen Matrosen trat allerdings ein starkes Erbrechen ein; ich führe dies jedoch eher auf eine Unmäßigkeit im Genuß als auf den Fisch selbst zurück. Ich habe ihn in Lissabon und Teneriffa öffentlich auf dem Markt angeboten gesehen, wo ihn die ärmeren Leute kauften.

Von diesem Tage an war uns allerdings das Wetter nicht mehr hold: Nebel setzte ein, veränderliche Winde und unangenehme Witterung begleiteten uns bis nach Kamtschatka. Am Nachmittag des 3. Juli erhob sich ein starker Ostwind, der uns mit einer Geschwindigkeit von 9 Meilen in der Stunde gerade gen Westen trug. Am 5.Juli sahen wir eine Schildkröte, am 6. eine Menge Wale, am 7. Enten und einen Baumstamm, und nun mehrten sich mit jedem Tag die Anzeichen nahen Landes. Am 11. waren große Scharen von Seemöwen, Papageientauchern (Alca), großen und kleinen Sturmvögeln (Procellaria) und Albatrossen in unmittelbarer Nähe unseres Schiffes zu sehen. Und richtig am 13. morgens ertönte von der Spitze des Mastes der Ruf »Land!« Windstille hielt uns zwar zunächst fest, und sehnsüchtig blickten wir auf das vor uns liegende Vorgebirge Schibunskoy-Noss, in dessen Nähe unser Ziel, der Hafen St. Peter und St. Paul lag.

Es währte jedoch nicht lange, und ein günstiger Wind trug uns rasch auf die Küste zu, deren bewaldete niedrige Berge uns durch ihre Anmut und Schönheit entzückten. Die grünen Birkenwälder und dicht begrasten Hügel im Vordergrund erinnerten uns geradezu an eine europäische Landschaft, so daß wir uns schon in der Heimat wähnten. Gegen Mittag fanden wir uns in der Einfahrt der großen Bucht von Awatscha. Tausende von Seemöwen, welche die schroffen Felsufer bewohnten, schienen uns ein freundliches Willkommen zuzurufen. Kaum hatten wir die geräumige Bucht erreicht, so wurden wir auch schon vom Ufer her mit Salutschüssen empfangen. 35 Tage waren vergangen, seitdem wir die Insel Owaihi verlassen hatten.

Im Norden der Awatscha-Bucht liegt in einem engen und kurzen, gegen Norden durch einen großen Süßwasser-See begrenzten Tal der Ort Petropawlowsk. In den etwa 30 Holz- Häusern, die alle in russischem Stil erbaut sind, wohnen die Soldaten und der Kommissionär der Russisch-Amerikanischen Handelskompanie. Nach Aussage aller Seefahrer gehört der Halfen zu einem der besten, die man kennt. Die Schiffahrt ist während 7-8 Monaten möglich, das heißt, die Schiffe können vom April bis November aus- und einlaufen. Nur selten ist die Bucht zu einem Teil mit Eis bedeckt, jedoch niemals ganz zugefroren. Der Schnee liegt zwar höher als in anderen Gegenden, so daß die niedrigen Hütten ganz darin verschwinden; doch tritt die Schneeschmelze sehr früh ein, und die wenig gefrorene Erde nimmt rasch die Feuchtigkeit auf. Ende April, bei sehr kalter Witterung Anfang Mai, kann man auf den Frühling rechnen und das wenige Vieh auf die Weide lassen. Ackerbau wird nur wenig getrieben, weil die Seeluft dem Getreide nicht gut sein soll.

Während Soldaten und Bevölkerung mit dem Löschen der für Kamtschatka bestimmten Ladung beschäftigt waren, warteten wir mit Ungeduld auf günstiges Wetter, das die Fortsetzung unserer Reise erlaubt hätte. Denn jetzt begann der in politischer und geographischer Hinsicht interessanteste Abschnitt unserer Reise, die Gesandtschaft nach Japan. Die Vorgeschichte dürfte allgemeines Interesse verdienen.

Das japanische Volk, das viel zu wenig und fast nur durch Kämpfer, Thunberg und Charlevoix bekannt ist, hat schon fast seit 200 Jahren allen Umgang mit anderen Nationen abgebrochen; lediglich mit den Holländern treibt es einen überaus eingeschränkten Handel. Da Japan keinen anderen europäischen Nachbar als Rußland hat, so war es nur natürlich, wenn dieses seine Freundschaft suchte; ebensowenig entging dem Scharfblick der Zarin Katharina die Bedeutung eines Handels mit diesem Inselreich. Als sie erfahren hatte, daß sich ein japanischer Kaufmann namens Kodai mit anderen Landsleuten, die vor mehreren Jahren auf den Kurilen scheiterten, in Sibirien aufhalte, ergriff sie die Gelegenheit, um diesen Fremdlingen den Wert der russischen Gastfreundschaft in hohem Maße angedeihen zu lassen. Sie bot ihnen schließlich ein Schiff an, das sie in ihr Vaterland bringen sollte. Die Japaner reisten daraufhin nach Ochotsk und wurden 1792 von dem Seeoffizier Adam Laxmann nach Atkis, einem Hafen an der Nordostküste von Matmai gebracht. Der Generalgouverneur von Sibirien übergab Laxmann einen Brief an den Kaiser von Japan, in dem er im Namen seiner Herrscherin die Ursache der Reise schilderte, um nachbarliche Freundschaft und Anknüpfung eines Handelsverkehrs zwischen beiden Völkern bat.

Der Japaner Kodai hatte während seines Aufenthaltes in Rußland die russische Sprache erlernt und verwandte sich aus Dankbarkeit, vielleicht auch aus eigenem Interesse, für Rußlands Handelsangelegenheit; während des Aufenthaltes in Atkis leistete er wertvolle Dolmetscherdienste. Nach Verlauf einiger Monate erhielt Laxmann anstatt eines Briefes oder einer Antwort an die Zarin lediglich eine Art Instruktion, in der darauf hingewiesen wurde, daß es seit den ältesten Zeiten fremden Mächten verboten sei, mit ihren Schiffen japanische Häfen anzulaufen, daß man dieses Versehen Laxmanns aber seiner Unkenntnis mit den hiesigen Landessitten zugute halte und ihm mit Rücksicht auf die Hilfe, die das Russische Reich japanischen Schiffbrüchigen gewährt habe, die Rückkehr in sein Heimatland nicht versage. Besprechungen über eine zu schließende Freundschaft könnten nur in dem vorher von der japanischen Regierung bestimmten Hafen getroffen werden. Zu diesem Zweck wurde Laxmann ein Passierschein ausgehändigt, der einem russischen Schiffe den Zugang zum Hafen Nagasaki erlaubte. Die kriegerischen Verhältnisse in Europa verhinderten damals, von dem japanischen Zugeständnis sofort Gebrauch zu machen. Dies geschah nun jetzt unter der Regierung des Zaren Alexander I., der mit einer Entdeckungsreise um die Welt unter dem Kommando des Kapitäns v. Krusenstern eine Gesandtschaftsreise nach Japan verbinden ließ. Da 1796, also wenige Jahre nach der Rückkehr von Laxmann, ein weiteres großes japanisches Schiff an den Aleuten gescheitert war, konnte man gleichzeitig die geretteten japanischen Seeleute wieder in ihre Heimat bringen. Zum Gesandten war Herr v. Resanoff bestimmt, der viele kostbare Geschenke mitführte, um sie dem japanischen Kaiser zu überreichen.

Ende August war unser Schiff wieder segelfertig. Ungünstige Windverhältnisse und dicker Nebel verhinderten allerdings bis zum 6. September unsere Ausfahrt, die schließlich am folgenden Tage in der Frühe erfolgte.

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