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Georg Heinrich Freiherr von Langsdorff: Eine Reise um die Welt - Kapitel 10
Quellenangabe
typereport
authorLangsdorff
titleEine Reise um die Welt
publisherVEB Bibliographisches Institut Leipzig
editorDr. Hans Damm
year1952
senderwww.gaga.net
created20050523
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Von den gesellschaftlichen und religiösen Einrichtungen der Marquesas-Indianer

Es war schwer, uns von den gesellschaftlichen Einrichtungen, der Religion, dem Charakter und der Denkungsart dieser Insulaner in den wenigen Tagen unseres Aufenthaltes einen richtigen Begriff zu verschaffen, so daß ich es kaum wagen darf, etwas Bestimmtes darüber zu sagen. Die Kenntnisse unserer Gewährsleute waren in diesen Dingen auch so beschränkt, daß sie sich gewöhnlich in ihren Aussagen widersprachen.

Eine Regierungsform bemerkten wir eigentlich gar nicht. Roberts bezeichnete den angesehensten Mann im Tale Tayo- Hoae, namens Kätänuäh, als König. Doch schien sich dieser nicht einmal die Gewalt eines Oberhauptes, geschweige denn die eines Regenten anzumaßen. Er stammt wohl von einer der ältesten Familien ab und hat vielleicht als angesehener Hausvater die weitläufigste Verwandtschaft und die größten Besitzungen, politisch übt er aber keine Macht aus. Durch äußere Kennzeichen oder Kleidung unterscheidet er sich auch nicht im geringsten von seinen Mitbürgern, außer daß er etwas mehr tatauiert war, doch traf dies auch für viele andere noch zu. Sein Körper war gut genährt und unbeholfen, so daß er sich bei Streitigkeiten, wo Behendigkeit vonnöten ist, kaum als Anführer vorteilhaft hervorgetan haben würde.

Jeder Distrikt und jedes Tal dieser Insel hat nach Aussage unserer Gewährsleute einen solchen König. Ich vermute aber, daß die Eingeborenen keinen Begriff von politischer Obergewalt, von Regierung oder Regierungsverfassung haben. Das Oberhaupt eines Tales ist im Besitz und wahrscheinlich der Erbe vieler Brotfruchtbäume, Kokospalmen und Bananenhaine und als solcher wohl in der Lage, viele Menschen zu ernähren, die sich unter seinen Schutz begeben. Wiederum ist es so, daß jeder sein eigener Richter ist und die Handlungen aller Insulaner nach dem Tabu bestimmt werden. Bei Totschlag steht die Familie des Erschlagenen gegen den Mörder auf. Es wird ein öffentlicher Kampf ausgetragen, der nicht eher endet, als bis entweder der Mörder oder eine Person aus seiner Familie getötet ist.

Jeder Insulaner richtet seinen Lebenswandel nach den althergebrachten Gebräuchen, seine Leidenschaften werden durch abergläubische Vorstellungen, durch Furcht vor unsichtbaren Geistern und Gespenstern, was alles in dem Wort Tabu eingeschlossen ist, im Zaum gehalten. Hieraus entspringen ihre Gesetze und das, was man bei ihnen Religion nennen könnte. Durch die Kenntnis aller Tabu-Gesetze würde man viele ihrer Sitten und Gebräuche erklären können. Wären Roberts und Cabri gebildetere Leute gewesen, dann hätten wir wahrscheinlich noch wichtiges Material sammeln können. Deshalb muß ich mich mit den wenigen Beobachtungen begnügen, die ich zufällig machte. So waren die Priester (Taua) und alle ihre Habseligkeiten tabu und durften nur von dem Besitzer getragen bzw. angefaßt werden. Ähnliches gilt auch für die Person der Vornehmen und Reichen. Ohne die unsichtbaren Geister zu beleidigen und ihren Haß zu erregen, darf man keine persönliche Gewalt an ihnen ausüben. Tabu ist ferner ein jeder und wäre es der niedrigste, der im Kampf einen Gegner tötet. Dieses Tabu dauert zehn Tage, d.h. der Krieger darf während dieser Zeit keinen Umgang mit seiner Frau haben, auch des Feuers darf er sich nicht bedienen, so daß andere für ihn kochen müssen. Man bringt ihm Schweine, und er wird ganz wie ein Vornehmer behandelt.

Das Morai oder der Begräbnisplatz ist für das weibliche Geschlecht tabu; keine Frau darf diesen Ort besuchen, und kommt sie in seine Nähe, so muß sie ein großes Stück Rindenstoff umhängen, ist sie gar unbekleidet, so muß sie einen weiten Umweg machen. Einen solchen Begräbnisplatz hat ein jeder Insulaner bei seinem Hause. Dagegen ist das Morai der Priester von allen Wohnungen abgesondert; hier werden gewöhnlich die erschlagenen Feinde verzehrt. Durch dieses Tabu werden also die Frauen auf leichte Art von dem Genuß des Schweine- und Menschenfleisches ferngehalten. An einem solchen Schmause dürfen nur Personen, die tabu sind, wie Priester, Vornehme, ihre Namensverwandten und die Helden der Schlacht, teilnehmen. Nur unter gewissen Umständen erhalten auch die Frauen etwas davon, doch sind mir diese nicht genau bekannt.

Tabu ist ferner die Frau des Oberhauptes für dessen Freunde und für alle Personen, die dessen Namen tragen, d.h. sie dürfen sich ihr gegenüber keine besonderen Freiheiten erlauben. – Der Kopf eines jeden Insulaners ist tabu, man darf also nicht über den Kopf eines Schlafenden hinwegschreiten, auch selbst der Vater nicht über den seines Sohnes, ja nicht einmal die Hand darf man auf den Kopf eines anderen legen. So wollten wir bei unserer Ankunft einigen schönen Männern über den Kopf streicheln, worüber sie in Angst und Verlegenheit gerieten und uns mit diesem Tabu bekannt machten. – Jedes Kind erhält sogleich nach seiner Geburt von den Eltern wenigstens einen Brotfruchtbaum, und dieser ist selbst für die Eltern tabu. Können diese keinen Brotfruchtbaum entbehren, so wird sogleich einer für das Kind gepflanzt und auf diese Weise seine Ernährung sichergestellt. Denn ein bis zwei Brotfruchtbäume reichen aus, um eine Person das ganze Jahr hindurch zu ernähren. – Die großen Kürbiskalebassen, die als Trink- und Wassergefäße dienen, sind für jede einzelne Person beiderlei Geschlechts tabu. Die Frauen dürfen die der Männer niemals berühren, nicht einmal im Hause aufhängen; es erklärt sich dies wohl aus den Eigentumsrechten. – Wird jemandem etwas gestohlen, z.B. ein Schwein, und hat der Bestohlene den mutmaßlichen Täter erkannt, so legt er aus Rachsucht ein Tabu auf dessen Schweine und Besitz. Er gibt dessen Schweinen und Fruchtbäumen seinen eigenen Namen oder den eines anderen, wodurch diese Dinge nach Anschauung der Eingeborenen behext werden, denn sie glauben, der Geist eines Verstorbenen oder Lebenden sei darin. Auf diese Weise zwingt man zuweilen den Dieb, seine Besitzungen zu verlassen und sich anderswo anzusiedeln. Die Schweine, die auf diese Weise behext sind, dürfen nicht geschlachtet werden.

Tabu ist auch die Hüftbinde eines jeden; sie darf zu keinem andern Zweck gebraucht oder im Hause neben andern Geräten aufgehängt werden, sondern muß in einer Ecke auf einem Stocke hängen oder auf der Erde liegen. – Tabu ist es auch, Wasser in die Hütte zu bringen, sich darin zu waschen oder Wasser auf die Matten oder Steine zu gießen. Auf diese Weise ist das Haus immer trocken und reinlich. – Die geschicktesten Stelzenläufer, die sich bei öffentlichen Tanzfesten sehen lassen, sind drei Tage vorher tabu; sie gehen nicht aus, pflegen sich gut und haben keine Gemeinschaft mit Frauen, wahrscheinlich um mehr Kräfte zu sammeln. Auf dem Tanzplatz ist vor allem der Teil für die Frauen tabu, der von den Trommlern und Sängern eingenommen wird. – Tabu ist für die Frau ferner das Feuer, das der Mann angemacht hat; sie darf nicht darauf kochen, auch nichts von den damit bereiteten Speisen essen. Dagegen kann der Mann von allen Mahlzeiten seiner Frau mit genießen. – Wenn ein Mann ein Gericht aus Bananen und Kokosnüssen abends in den heißen Erdofen legt, um es über Nacht dünsten zu lassen, so ist er tabu und muß während dieser Zeit seine Frau meiden, sonst wird das Gericht nicht gar. – Liegt ein Schwein irgendwo quer über den Weg und schläft, so ist es tabu, man darf nicht darüber hinwegschreiten oder es aufwecken, sondern muß es umgehen. – Schweinefleisch ist, wie ich bereits bemerkte, genau wie Menschenfleisch den Frauen tabu. Nur in Ausnahmefällen dürfen sie davon essen, z.B. wenn der Mann seiner Frau ein Schwein schenkt und sie es selbst zubereitet, so darf sie es auch mit ihren Freundinnen zusammen verzehren. Beinahe alle Fische, namentlich Perca, Choetodon, Diodon, Muraena Raia, Squalus, Scomber usw., sind tabu, solange die Brotfrüchte unreif sind; man darf sie folglich nicht essen. Es besteht nämlich der Aberglauben, daß bei Übertretung dieses Verbotes alle jungen Brotfrüchte von den Bäumen abfallen, was Hungersnot zur Folge haben würde. – Wenn eine Frau Kokosnußöl bereitet, so ist sie für diese Zeit, 5 und noch mehr Tage, tabu und muß den Umgang mit Männern meiden, sonst würde das Öl nicht geraten. Auch das Kokosnußöl selbst ist für den Mann tabu.

Wer ein Tabu übertritt, ist ein Kikino, d.h. ein schlechter Kerl, und kann der mittelbaren oder unmittelbaren Einwirkung der Geister (Atuan) und Priester (Taua) nicht entgehen. Krankheit und plötzlicher Tod sind die sicheren Folgen. Auch wenn jemand schlecht von den Taua spricht, so erfahren es diese durch die ihnen dienstbaren Geister, und ein schneller Tod der Lästerzunge ist die Folge.

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