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Eine Reise nach Hawaii

Theodor Kirchhoff: Eine Reise nach Hawaii - Kapitel 8
Quellenangabe
typereport
authorTheodor Kirchhoff
titleEine Reise nach Hawaii
publisherSchlüter'sche Buchhandlung
year1890
firstpub1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070805
projectid559aa6c5
purl http://www-gdz.sub.uni-goettingen.de/cgi-bin/digbib.cgi?PPN243028059
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Sechstes Kapitel.

Auf dem Dampfer Kinau nach dem Vulkan. – Eine bunte Schiffsgesellschaft. – Nach Maui. – Ein wackeliger Dampfer. – Die rauhen Kanäle zwischen den Inseln. – Zahlreiche Spuren vulkanischer Thätigkeit. – Durch die Upolo-See nach Hawaii. – Ratlose »Japs«. – Die Winterhäfen der alten Walfischfahrer. – An der Küste von Hilo. – Die Kanaken als unübertreffliche Seeleute. – Haifischgeschichten. – Eine Landung in Körben. – Die Bucht von Hilo.

Am Nachmittage des 19. Dezembers begab ich mich in Honolulu an Bord des Dampfers Kinau, um die Reise nach dem Vulkan anzutreten, welche den Glanzpunkt meines Aufenthaltes auf den Sandwichinseln bildete. Für 50 Dollars hatte ich mir eine Fahrkarte als Vulkanreisender gelöst, womit ich alle Ausgaben, die Dampferfahrt hin und zurück, Reittiere, Führer, Beköstigung u.s.w., nebst einem Aufenthalte von zwei Tagen und Nächten im Volcano-House, bestritt. An der Landungsbrücke des Dampfers war eine große Schar Kanaken beiderlei Geschlechts versammelt, von denen sich viele mit Blumen geschmückt hatten. Mit lautem »Aloha!« wurden die Reisenden von der Menge begrüßt. Ein hübsches Kanakamädchen hing mir einen großen Kranz von Rosen um, als ich an Bord stieg, eine Aufmerksamkeit, die mich angenehm berührte. Die auffallend geringe Zahl unserer Reisegesellschaft, welche nur aus zwei Herren und zwei Damen bestand, erklärte sich dadurch, daß im Winter nur wenige Reisende der Frau Pele einen Besuch abstatten. Seit drei Wochen war unsere Gesellschaft die erste, die nach dem Vulkan fuhr. Eine zweite Dampfschiffslinie, welche die große Insel Hawaii im Süden umfuhr und mit dem Dampfer A. G. Hall ebenfalls Reisende nach dem Vulkan beförderte, befand sich in derselben Lage. Ich hatte den Kinau gewählt, weil die Verbindung zu Lande auf dieser Linie die kürzere war. Es hieß, der Kilauéa halte einen Winterschlaf und sei nicht in Thätigkeit, was auch manche in Honolulu verweilende Fremde vor der recht unangenehmen Seefahrt nach der Insel Hawaii zurückschreckte. Ich verließ mich aber ganz auf die Göttin Pele, welche gewiß nicht die Gelegenheit, mir ihr Feuerschloß in aller Pracht zu zeigen, so leichtsinnig unbenutzt vorübergehen lassen würde. Und hierin hatte ich mich denn auch, wie die Zukunft lehrte, nicht getäuscht.

Wir vier Vulkanfahrer, nebst einem Dutzend anderer Weißen, bildeten nur einen verschwindend kleinen Bruchteil der Reisenden auf dem Kinau, der förmlich von Menschen wimmelte. Es befanden sich mindestens 400 Japaner, die vor kurzem von Yokohama gekommen waren, nebst einer großen Anzahl Portugiesen von den Azoren, Chinesen und Kanaken auf dem nicht sehr großen Schiff, die sich fast alle als Arbeiter nach den Zuckerpflanzungen auf den verschiedenen Inseln begeben wollten, welche unser Dampfer besuchen würde. Das Gewimmel dieser bunten Menschenhaufen, die alle auf einmal in verschiedenen Sprachen schnatterten, die seltsamsten Gepäckstücke mitschleppten und sogar ihre Lieblingshunde- und Katzen im Gefolge hatten, Frauen, welche Singvögel und kleine grüne Papageien in hölzernen Käfigen sorgfältig in der Hand trugen, Scharen von japanischen Kindern, die mit ihren großen braunen Augen ängstlich umherblickten, dies alles war im höchsten Grade unterhaltend. Die Chinesen und Japaner trugen ohne Ausnahme ihre vaterländischen Kleider: Kittel, Pumphosen, Kahnpantoffeln, schildähnliche riesige Strohhüte u.s.w. Massen von tropischen Früchten – Bananen, Mangos, Guaven, Melonen, Ananas, Kokosnüsse, Datteln, Alligator-Birnen, Orangen u.s.w. – lagen überall zerstreut umher; dazwischen standen Kisten voll von getrockneten Fischen, Kalabaschen mit Poi, lebendige Krabben in Körben u. dergl. m. Allmählich kam etwas Ordnung in dies bunte Gewirr. Die zusammen gehörenden Familien und Volksarten vereinigten sich und lagerten sich auf Matten zwischen Bambusstangen, Säcken, Kisten und Körben, oder sie saßen, Früchte essend, auf Bündeln, altertümlichen Koffern und anderen Gepäckstücken.

Endlich ertönte die schrille Dampfpfeife das letzte Mal zur Abfahrt, die guten Freunde und Bekannten der Reisenden verließen schnell das Schiff, die Taue wurden gelöst, und wir entfernten uns langsam vom Ufer. Auf den Gebirgen Oahus lagen schwere Wolken, und es spannte sich ein überaus prächtiger doppelter Irisbogen über die gezackte Bergkette des Pali; vor uns breitete sich das blaue Tropenmeer unter einem sonnenhellen Himmel aus. Auf dem englischen und den drei amerikanischen Kriegsdampfern, in deren Nähe wir vorüberfuhren, herrschte ein reges Leben. Scharen von Matrosen sprangen von denselben in die See, die von rüstigen Schwimmern förmlich wimmelte. Sobald das offene Fahrwasser erreicht war, nahmen wir einen östlichen Kurs. Der langgestreckte Kraterwall Diamond Head gewährte einen herrlichen Anblick. Nachdem wir bei den zwei grünen Bergkuppen von Koko Head vorbeigefahren waren, entfernten wir uns rasch von der Küste Oahus und dampften durch den breiten Kaiwi-Kanal zwischen jener Insel und der Insel Molokai (wo sich die Niederlassung der Aussätzigen befindet); dann, während der Nacht, durch den Pailolo-Kanal, der die schmale 40 engl. Meilen (64 km) lange Insel Molokai von der kleineren Insel Lanai trennt, nach Maui hinüber.

Der von Kramp & Comp. in Philadelphia gebaute Schraubendampfer Kinau, welcher unter dem Befehl des in Flensburg gebürtigen deutschen Kapitäns Lorenzen stand, bewährte in vollem Maße seinen Ruf als ein bösartig rollendes Schiff, dem es schwer ward, zum Gleichgewicht auf seinem Kiel zu gelangen. Die See ist in den zwischen den verschiedenen Inseln liegenden Kanälen stets sehr unruhig, allerlei Strömungen und Gegenströmungen kreuzen sich dort, und alle möglichen Sorten von groundswell, cross cut seas, chopping seas, und wie die Seemannsausdrücke alle heißen mögen, verbittern den Reisenden das Dasein auf den wackeligen Schiffen, die in jenen Gewässern fahren. Der Kinau hatte vollauf Gelegenheit, seinen Tanzübungen und schlenkernden Bewegungen nach gewohnter Weise obzuliegen.

Mein engerer Landsmann, Herr Lorenzen, mit dem ich bald vertraut geworden war, wunderte sich über meine, für eine Landratte ziemlich seefeste Natur und machte die Bemerkung, daß öfters sogar alte Matrosen bei der Fahrt durch diese Kanäle seekrank würden. Als sich während der Nacht eine kräftige Brise erhob, wurde der Aufenthalt auf dem Dampfer in der That recht ungemütlich. Eine elendere Reisegesellschaft als die unsrige sah ich noch nie. Das Jammern der im Zwischendeck des Schiffes mit ihren Frauen und Kindern zusammengepferchten Japaner und das Gestöhn einer neben meiner Kabine einquartierten zahlreichen Familie verhinderten mich am Schlafen. Nur zweimal hielt unser Dampfer während der Nacht auf kurze Zeit vor den Landungsplätzen Lahaina und Maalaea auf der Insel Maui an, setzte dort Reisende in Böten ans Land und nahm andere an Bord.

Als der neue Tag anbrach, fuhren wir immer noch nahe am Ufer der Insel Maui entlang, der zweitgrößten Insel im hawaiischen Königreiche, die eine Länge von 48 (77 km) und eine Breite von 30 engl. Meilen (48 km) hat. Hinter uns türmte der Haleakalá seinen gewaltigen ausgebrannten Kratergipfel über 10000 Fuß in den Äther empor. Überall am Strande gewahrte ich die Spuren alter Lavaströme. Daß sämtliche hawaiische Inseln vulkanischen Ursprungs sind, wird auch dem oberflächlichsten Beobachter nicht entgehn. Die südwärts von Maui liegende kleine Insel Kahoolawe ist eigentlich nur ein alter Vulkan; die ganz nackte Felsinsel Molokini ist ein Stück eines halb zerstörten Kraters, in welchen die Wogen der See jetzt hineinspülen. Angesichts dieser beiden kleinen Inseln fuhren wir durch den Alalakeski-Kanal und erreichten bald darauf Makéna, den letzten kleinen Platz auf Maui, bei dem wir nur kurze Zeit verweilten. Von Makéna dampfte der Kinau dann durch den Alennihaha-Kanal nach der großen Insel Hawaii hinüber.

Der 28 engl. Meilen (45 km) breite Alennihaha-Kanal, auch die Upolo-See genannt, nach dem gleichnamigen nördlichen Vorgebirge auf der Insel Hawaii, ist bei weitem der rauheste unter diesen Wasserwegen, deren schön klingende Namen gewiß leicht zu behalten sind. Ich muß gestehn, daß ich nach einer Fahrt von beinahe drei Stunden, bei sehr erregtem Seegang, mit kurzen, unangenehm kräftigen Wellen, die den Kinau wie einen Gummiball hin und her warfen, herzlich froh war, als wir in der Nähe der Insel Hawaii endlich in ein ruhiges Fahrwasser gelangten. Ohne Zweifel ist es lobenswert, wenn jemand wie ich während einer rauhen Seefahrt nur selten ein bißchen Unannehmlichkeit in der Magengegend verspürt; aber stundenlang wie ein Eichhörnchen auf dem Verdeck herumzuspringen, sich die halbe Zeit während einer Seereise von anderthalb Tagen mehr in schräger als in senkrechter Lage auf den Füßen zu bewegen, mitunter zur Abwechselung im klatschenden Regen auszugleiten und fast unausgesetzt die wunderbarsten Turnübungen machen zu müssen, ist immerhin ein Vergnügen von absonderlicher Art. Bei Mahukona, dem ersten Platze, den wir auf der Insel Hawaii erreichten, verweilte unser Dampfer mehrere Stunden und setzte dort eine ansehnliche Schar Japaner an Land, die in der Umgegend auf Zuckerpflanzungen Beschäftigung finden sollten. Die »Japs« waren vollständig aus Rand und Band. Niemand verstand, was sie eigentlich wollten. Sie befanden sich in einer fürchterlichen Aufregung und schnatterten wie die Gänse durcheinander, schleppten ihr aus Strohkörben, Matten und sonderbaren Bündeln bestehendes Gepäck, ihre Vogelkäfige und Katzen bald hierhin, bald dorthin, drängten sich plötzlich in die Boote und sprangen noch schneller wieder auf den Dampfer zurück und schienen ganz ratlos zu sein. Einer derselben, dem ich durch mein ehrliches deutsches Gesicht wahrscheinlich Vertrauen einflößte, faßte meinen Rockschoß und zerrte mich nach dem Zwischendeck, wo seine weinende Gemahlin und vier schreiende Kinder auf ihrem Gepäck saßen und dasselbe mit aller Macht fest hielten, während mehrere lachende kanakische Matrosen es fortzuzerren suchten. Der Familienvater machte wunderbare Zeichen mit den Händen, zeigte bald auf das Ufer, bald auf den Dampfer, tat so, als ob er einen Kasten aufhöbe und ihn wieder hinsetze, und sah mich dabei fragend an. Zuletzt verstand ich ihn. Der kleine braune Mann wollte nämlich wissen, ob er in Mahukona ans Land gehen solle. Als die Matrosen dies bestätigten und ich ihm zunickte, war er plötzlich eitel Freude und Seligkeit, drückte mir die Hand und schleppte mit Hilfe seiner Frau seine Matten, Körbe, Vogelkäfige, Katzen und Kinder in eins der Boote, welche die Verbindung mit dem Lande herstellten.

Endlich waren die Japaner ans Land gesetzt und der Kinau dampfte in geringer Entfernung vom Ufer in südlicher Richtung weiter nach Kawaihae, wo sich dasselbe Schauspiel mit den Asiaten wiederholte. Mahukona und Kawaihae liegen beide »unter dem Winde« und sind ganz vor Seegang geschützt. Als in früheren Jahren die Walfischfahrer ihren Sammelplatz bei den Sandwichinseln hatten, statt wie jetzt in San Francisco, pflegten jene in dem ruhigen Wasser bei Kawaihae und Mahukona und bei Lahaina auf der Insel Maui zu überwintern, falls sie es nicht vorzogen, in dem kostspieligen Hafen von Honolulu einzukehren. Der von Amerikanern im Jahre 1819 begonnene Walfischfang erreichte 1858 seine höchste Blüte. In diesem Jahre besuchten 500 Walfischfahrer den Hafen von Honolulu. 1865 liefen 180 Walfischfahrer in die Häfen des hawaiischen Königreichs ein, 1871 nur noch 31, und heute sind sie ganz von dort verschwunden. Zu Anfang der sechziger Jahre bestand die Walfischfahrerflotte im nördlichen Stillen Meere aus etwa 200 Segelschiffen. Jetzt ist ihre Zahl weit geringer. Fast alle von ihnen kommen aus den Häfen von Nantucket, New Bedford und Newhaven in Neu-England. Der Gebrauch, Harpunen mit der Hand zu werfen, schränkt sich mehr und mehr ein; statt dessen werden Sprenggeschosse und Harpunen aus kanonenartigen Büchsen auf die Walfische abgefeuert, und die alte Romantik ist so ziemlich dahin. Für die hawaiischen Inseln ist das Fortbleiben der Walfischfahrer, deren flotte Besatzung ihre Ersparnisse auf freigebige Weise verausgabte, ein harter Schlag gewesen, während jene in dem Welthafen San Francisco nur eine unbedeutende Rolle spielen.

Es war bereits Abend geworden, als der Kinau endlich von Kawaihae Abschied nahm, wieder bei Mahukona vorbeifuhr und seinen Kurs um die Nordseite der Insel Hawaii nach dem Hauptorte Hilo einschlug. Als Upolo-Point, das nordwestliche Vorgebirge der Insel Hawaii, hinter uns lag, gerieten wir plötzlich wieder in einen schweren Seegang, wodurch vielen Reisenden die prächtige Aussicht auf die felsige Küste ganz verleidet wurde, die besonders auf der Strecke zwischen den Ortschaften Waipio und Hilo das Auge durch großartige Bilder fesselt. Das Ufer fällt hier meistens 1000 bis 1500 Fuß steil ab. Zahlreiche Wasserfälle schwebten wie silberne Bänder an den steilen Felshängen hin und her. Nicht weniger als 92 Schluchten und kleine Thäler gewähren auf der 60 engl. Meilen (96 km) langen Strecke zwischen Waipio und Hilo einen Einblick von der See aus, und durch jede Schlucht ergießt sich ein Wildbach. Im Waipiothale stürzt ein Wasserfall 1700 Fuß von einem senkrechten Felsen in einen Wald von Brotfruchtbäumen herab. Unmittelbar nach jedem Regenguß fallen unzählige Wasserströme von der hohen felsumgürteten Küste in das Meer. Als der Kinau nahe am Ufer entlang fuhr, konnte ich oft durch die vielen kleinen Thäler in das Innere der Insel schauen, wo lange Reihen von Arbeiterwohnungen auf den Zuckerpflanzungen lagen, oder weiße, vom Mondlicht beschienene Herrenhäuser hoch oben von den Felsvorsprüngen herniederblickten. Dahinter dehnten sich die schwarzen Urwälder aus. Eine gewaltige Brandung brach sich am Fuße jener Abhänge. Nirgends konnte der Dampfer unmittelbar am Ufer anlegen. Sowohl die Reisenden als die Warengüter wurden stets von den Schiffsbooten an das Land gesetzt.

Bewundernswert ist die Geschicklichkeit, mit welcher die Matrosen, sämtlich Kanaken, die Schiffsboote regieren und die sehr gefährliche Verbindung mit dem Lande bewerkstelligen. Schon das Aussehen der arg zerschlagenen Boote ist ein Beweis, wie oft dieselben mit den Felsen in Berührung kommen. Schlägt bei stürmischem Wetter mitunter einmal ein Boot um, so wird ein solcher Unfall von den Eingeborenen nur als ein guter Scherz betrachtet, da es diesen so ziemlich einerlei ist, ob sie sich im Wasser oder auf festem Boden befinden. Schnell wird das Boot von den in der Nähe schwimmenden Matrosen wieder aufgerichtet und ausgeschöpft, die herausgefallenen Waren und andere lose Gegenstände werden wieder hineingeschafft, mitunter sogar vom Meeresboden, wenn das Wasser nicht gar zu tief ist, heraufgeholt, und ehe man sich's versieht sitzt die ganze Besatzung wieder auf den Ruderbänken. Die beim Fischfang benutzten Böte sind mit einer durch Querhölzer mit dem Bootrand verbundenen, seitwärts auf dem Wasser schwimmenden baumartigen Stange, einem sogenannten »Ausleger« (outrigger) versehn, um jene im Wogenschwall vor dem Umschlagen zu bewahren. Bei ihren Kriegszügen zur See pflegten die Kanaken die Ausleger von je zwei Böten miteinander zu verbinden und einen Bretterboden darauf aufzuschlagen, auf dem die Kämpfer standen.

Vor den Haifischen, welche in diesen Gewässern sehr zahlreich sind, haben die Eingeborenen nur geringe Furcht, obgleich es doch mitunter vorkommt, daß einer von den besonders gefährlichen Niuhis einem sorglosen Schwimmer einen Arm oder ein Bein abbeißt. Mir wurden von durchaus zuverlässigen Leuten haarsträubende Abenteuer von Kämpfen zwischen Haifischen und Kanaken erzählt, die fast unglaublich scheinen, aber ohne Zweifel wahr sind. Eine beliebte Angriffsweise jener kühnen Schwimmer besteht darin, entweder unter den Hai zu tauchen (der sich bekanntlich auf den Rücken legen muß, ehe er zubeißen kann), um diesem mit einem Messer beizukommen, oder ihm den einen Arm, der mit einem dicken Tuch umwunden ist, in den Schlund zu stecken, so daß jener den Rachen nicht schließen kann, und der Meereshyäne dann mit der anderen Hand vermittelst eines langen Messers den Bauch aufzuschlitzen. Oder es nimmt ein Haijäger einen etwa anderthalb Fuß langen Stock, der aus sehr hartem Holze besteht und an beiden Enden scharf zugespitzt ist, in die Rechte und steckt ihn dem Ungeheuer, wenn sich dieses zum Zubeißen auf den Rücken legt, geschickt querüber in den weit aufgesperrten Rachen. Der Hai beißt natürlich sofort zu und rennt sich, statt einen wohlschmeckenden Kanaken zu erhaschen, das doppelt zugespitzte Stück Holz in beide Kiefer hinein, so daß er den Rachen nicht mehr zu schließen vermag. Das Leben des Haifisches ist dann für diesen keinen Pfifferling wert! Die größte Gefahr besteht in einem Schlag vom Schwanze des Hais. Die Schläge, welche dieser so auszuteilen vermag, sind von furchtbarer Wucht.

Ähnliche Haifischgeschichten und Erzählungen von den verwegenen Thaten kanakischer Seeleute bildeten während dieser Reise einen unerschöpflichen Stoff für anregende Gespräche. Eine schiffbrüchige Schar amerikanischer Matrosen wurde im Jahre 1886 während eines Sturmes an der Küste von Hilo durch Kanaken von einer Klippe gerettet, die von weißen Seeleuten gar nicht hätte erreicht werden können. Die Regierung in Washington ließ jene kühnen Männer für ihre wackere That reichlich belohnen. Einst fiel ein Reisender an dieser Küste aus einem Boote ins Wasser und wurde von der Brandung in eine Höhle geschleudert, deren Öffnung ab und zu unter dem auf und ab wogenden Wasser verschwand. Der Weiße, welcher sich dort auf ein Felsstück gerettet hatte, wäre ohne Zweifel umgekommen, wenn ein Kanake ihn nicht für eine Belohnung von fünfzig Cents herausgeholt hätte.

Daß das Landen an dieser felsigen, nicht selten von Stürmen gepeitschten Küste nicht zu den Annehmlichkeiten gehört, wird dem Leser noch mehr einleuchten, wenn ich sage, daß die Reisenden an einigen Stellen in Körben sechzig Fuß hoch aus den sich wild auf den Wogen hebenden und senkenden Böten bis an den Rand des Klippenabfalls hinaufgehißt werden und ebenso hinabgelangen. Vermittelst Stahlkabel, die in der See verankert sind und nach dem schroffen Felsrande hinaufführen, werden die Zuckersäcke auf einer Art Wiege in die Böte geschafft, oder es stehn gewaltige Kräne hoch oben in den Felsspalten und Dampfmaschinen auf dem Berge, durch welche die Fracht auf einem am Abhang befestigten Schienenstrang befördert wird. Bei stürmischem Wetter ist aber auch diese Art des Landens dort eine Unmöglichkeit. Weiße Matrosen könnten hier überhaupt kein Boot regieren. Wird es doch allgemein zugegeben, daß die Kanaken den Weißen als Seeleute weit überlegen sind! Die Kapitäne der Walfischfahrer pflegten deshalb, als diese noch bei den Sandwichinseln überwinterten, gern einige Kanaken als Matrosen mit nach dem Eismeer zu nehmen.

Gegen Mitternacht gelangten wir im strömenden Regen nach der Bucht von Hilo, wo der Dampfer Kinau ziemlich weit vom Ufer bis Tagesanbruch liegen blieb, und wieder 250 Japaner nebst deren Gepäck in den Schiffsböten an das Land befördert wurden.

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