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Eine Reise nach Hawaii

Theodor Kirchhoff: Eine Reise nach Hawaii - Kapitel 5
Quellenangabe
typereport
authorTheodor Kirchhoff
titleEine Reise nach Hawaii
publisherSchlüter'sche Buchhandlung
year1890
firstpub1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070805
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purl http://www-gdz.sub.uni-goettingen.de/cgi-bin/digbib.cgi?PPN243028059
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Drittes Kapitel.

Ein Königreich mit zwei Gasthäusern. – Das Hawaiian Hotel. – Erste Eindrücke in Honolulu. – Der Gegenseitigkeitsvertrag und seine Folgen. – Amerikanischer Einfluß und Gepflogenheiten. – Ein Paradies für Droschkenkutscher. – Straßenverkehr und Völkergemisch. – Léis-Kränze. – »Aloha!« – John Chinaman. – Das Musikchor des Herrn Berger. – Konzert in Queen Emma´s Square. – Kanaka-Reiterinnen.

Der Fremde, welcher eine Vergnügungsreise nach den Sandwichinseln unternommen hat, findet im Bereiche der Inseln nur zwei gute Gasthäuser, das allen vernünftigen Ansprüchen genügende Volcano-House auf der Insel Hawaii und das vorzügliche Hawaiian-Hotel in Honolulu. Wer sich längere Zeit in dieser Stadt aufhält, wird sich vielleicht ein möbliertes Zimmer mieten, ist aber alsdann auf die Restaurants angewiesen, die von zweifelhafter Güte sind. Die kleineren Kosthäuser sind nicht zu empfehlen. Will ein Reisender die Zuckerpflanzungen besuchen, oder Ausflüge nach den verschiedenen Inseln unternehmen, so ist er ausschließlich auf die Gastfreundschaft der Pflanzer angewiesen. Gasthäuser giebt es dort nicht. Die chinesischen Kosthäuser und Herbergen in einigen kleineren Plätzen verdienen nicht den Namen Gasthäuser und sind für einen civilisierten Menschen abscheulich. Es soll nun allerdings den von aller Welt abgeschlossen lebenden Pflanzern der Besuch eines gebildeten Europäers oder Amerikaners in früheren Jahren meistens recht angenehm gewesen sein. Die Gastfreundschaft der Pflanzer wurde aber nicht selten so mißbraucht, daß ein Fremdenbesuch ihnen heutzutage nur in Ausnahmefällen erwünscht ist. Seit von den sehr schreiblustigen Fremden, welche mit äußerster Gastfreundschaft aufgenommen wurden, insbesondere von Amerikanern, oft die entstellendsten Berichte über Hawaii in den Zeitungen veröffentlicht werden, sehn sowohl die Bürger Honolulus als die Pflanzer sich den hereingeschneiten Ausländer, der vielleicht Reisebriefe für ein Wochenblatt in Hangtown in Californien oder für eine Zeitung in Pike County in Missouri liefert, erst etwas genauer an, ehe sie ihn in ihre Familienkreise einführen, oder ihm ihre Gastfreundschaft anbieten. Scheint seine Bekanntschaft wünschenswert zu sein, so kann er sich auch heute noch gewiß nicht über einen kalten Empfang beklagen.

Das nach amerikanischem Vorbild eingerichtete und geleitete Hawaiian Hotel, ein ansehnliches von zwei übereinander liegenden breiten Verandas umgebenes Gebäude aus »Concrete« (durch Cement verkittete zerschlagene Lava- und Korallensteine), ist das Hauptquartier aller Fremden, welche Honolulu besuchen. Da die Unsitte der Trinkgelder noch nicht nach Hawaii gedrungen ist, so kann man den Preis von drei Dollars den Tag für Wohnung und Beköstigung nebst freien Bädern in diesem vorzüglichen Gasthof nicht hoch nennen. Bei Tisch werden meistens californische Weine getrunken. In der Vorhalle hängen große blutrote Vulkanbilder, Landkarten der Inseln, Photographien hawaiischer Naturschönheiten u. s. w. Die Landkarten werden oft von Reisenden beschaut, die ihre geographischen Kenntnisse bereichern wollen, während die blutigen Vulkanbilder an Dantes Hölle erinnern. Im untern Raum des Gasthauses befinden sich kleine Spielzimmer, ein großer Billardsaal und ein prächtiger, ganz nach amerikanischem Muster eingerichteter Trinkstand (bar). Zu jeder Stunde des Tages und bis spät in die Nacht hinein findet man dort durstige Seelen und eifrige Spieler, welche sich bemühen, die Zeit auf anständige Weise tot zu schlagen. Abends ist in jenen Räumen oft ein dichtes Gedränge. Da man hier, wie allerwärts auf den Inseln, wo die gerichtliche Erlaubnis für den Ausschank (license) 1000 Dollars das Jahr beträgt, nicht für weniger als ¼ Dollar seinen Durst zu löschen vermag, (selbst ein kleines Glas Bier macht keine Ausnahme!) so regnet es an der »Bar«, die eine förmliche Silbermine ist, von größeren Silbermünzen – hawaiisches oder amerikanisches Geld. Kein Gentleman wird so knauserig sein, wenn er sich in dem riesigen, von vergoldetem Schnitzwerk und Säulen überreich eingefaßten Spiegel betrachtet, ohne Mittrinker ein Labsal hinter die Binde zu gießen. Das unter den Inselbewohnern arg eingerissene Traktieren würde jeder californischen Minenstadt zur Ehre gereichen.

Die Aussicht von einer der vorderen Verandas des Gasthauses ist außerordentlich malerisch. Tamarinden, Pfefferbäume, Bananen, Palmen und Mangos, eine große mit Schoten behängte Algeroba (Johannisbrotbaum) und fremdartiges Strauchwerk bilden ganz in der Nähe einen reizenden Park, aus welchem munteres Vogelgezwitscher erschallt. Daneben befindet sich ein vielbesuchter Rasenplatz für Lawn-Tennis-Spieler. Jenseits des Gartens liegt eine hohe, weißgetünchte Steinmauer, die den Raum einschließt, auf welchem der Königspalast steht. Eine Anzahl niedlicher Häuschen, die zum Gasthof gehören, liegen in der Nähe desselben. Von den Verandas an der Rückseite des Gebäudes gewahrt man in nicht weiter Entfernung die nackten, steilen Abhänge des alten Punch-Bowl-Kraters, hinter demselben eine meistens mit Wolken bedeckte und oft mit einem Regenbogen geschmückte vielgipflige Bergkette, den 2013 Fuß hohen Tantalus (Puu Ohia) und den 2447 Fuß hohen Olympus oberhalb des Manoathales. Im Vordergrunde des Bildes prangt ein reicher tropischer Pflanzenwuchs. Herrlich ist die Rundschau aus einem oben auf dem Gebäude stehenden kleinen Glashause (cupola). Zu Füßen liegt die Stadt, wie in einem Park, und ringsum breiten sich das Gebirge, malerische grüne Triften und Thäler, Landsitze, der Hafen und das blaue Meer aus.

Auf einer der breiten Verandas zur Zeit der Passatwinde in einem bequemen Schaukelstuhl zu sitzen, den blauen Rauch einer echten Habana emporzuringeln, sich von den weichen Lüften fächeln zu lassen, in die fremdartige Umgebung hinauszuschauen und die Insassen der jeden Augenblick anlangenden oder abfahrenden hübschen Einspänner zu mustern, ist ein beneidenswerter Zeitvertreib. Und wenn bei allen diesen Genüssen noch die Tonflut des trefflichen hawaiischen Orchesters von Queen Emma's Square herüberschallt, wenn vielleicht des Abends eine Tanzgesellschaft sich im Gasthause versammelt hat, die vielen großen bunten Papierlaternen reihenweise an den Verandas hängen, die elektrischen Glühlampen an den Säulen und zwischen dem Laub der Bäume und in den bunten und roten Blättern der Sträucher im tropischen Park glänzen, wenn Honolulus bräunliche und weiße Schönen – wahre junonische Gestalten! – in leichten hellen Gewändern und geschmückt mit den prächtigsten Rosen, sich einstellen, das braune niedere Volk, auf den Kieswegen dicht geschart, der Freude zuschaut, der König selber in bürgerlicher Kleidung erscheint, die Fremden sich vorstellen läßt und mit ihnen plaudert, so befindet man sich dort wie in einer neuen Welt.

Honolulu ist während der Tageszeit ein sehr lebendiger Ort. Der Verkehr beginnt aber erst nach neun Uhr morgens, da die Kaufleute hier selten zu einer früheren Stunde ihre Geschäftshäuser und Läden öffnen. Die Hauptstraßen sind den Tag über voll von Fuhrwerken und Menschen. Nach Dunkelwerden dagegen wähnt man bei der schlechten Straßenbeleuchtung, namentlich in den Seitengassen, wo die Häuser sehr zerstreut stehn, sich in einer weitläufig gebauten Vorstadt zu befinden. Sonntags herrscht in Honolulu die Stille des Kirchhofs. Die vielen Schänken und alle Geschäftshäuser sind geschlossen; nur die Kirchen erfreuen sich eines lebhaften Besuchs. Die »Bar« im Hawaiian Hotel ist am Tage des Herrn nur durch ein niedriges viereckiges Loch vom Keller aus zu erreichen, da die dorthin führenden Thüren sonntags alle verriegelt sind. Die Geschäftsstraßen und viele Nebenstraßen in der inneren Stadt sind schmal und auch nicht immer nach dem Lineal ausgelegt. Die neuen, außerhalb des Geschäftsteils liegenden Straßen, an denen die Wohnhäuser stehn, sind dagegen breit und gerade. Es befinden sich in der Stadt große Lagerhäuser und Kaufläden, eine Eisengießerei, mehrere Maschinenwerkstätten, Holzhöfe, zwei Banken, zahlreiche Kirchen und Schulen und stattliche Regierungsgebäude.

Die Bauart der Häuser an den Geschäftsstraßen ist ganz amerikanisch. Die vornehmeren Wohnhäuser sind im Villenstil erbaut, und fast alle aus Holz. Beim Bau der Geschäftshäuser, Kirchen und öffentlichen Gebäude haben Ziegel, Korallen- und Lavasteine vielfach Verwendung gefunden. Das Holz wird vom Puget Sund und aus Oregon und Kalifornien eingeführt, die Ziegel werden in San Francisco angefertigt, weil es auf den Sandwichinseln keinen dafür passenden Lehmboden giebt. Die alten Grashütten der Eingeborenen sieht man heute nur noch in entlegenen Plätzen auf dem Lande. Sie werden auch von dort durch die billig herzustellenden Holzhäuser schnell verdrängt.

Durch den Zollvertrag zwischen den Vereinigten Staaten und dem Königreiche Hawaii sind die Handelsbeziehungen des letzteren Reiches zu Amerika derartige geworden, daß man die Sandwichinseln heute, fast eine amerikanische Kolonie nennen kann. Aber jener Gegenseitigkeitsvertrag (reciprocity treaty), der 1876 geschlossen wurde, hat Hawaii weitaus den größten Vorteil gebracht. Man hat berechnet, daß dieses bis zum Jahre 1888 allein an Zoll für Rohprodukte 22 Millionen Dollars gespart hat. Dagegen erwarben die Vereinigten Staaten, und zwar vorwiegend San Francisco, den Löwenanteil am Einfuhrgeschäft. Fast die Hälfte aller Manufakturwaren, Kleidungsstücke u. s. w. und Massen von californischen Lebensmitteln werden von dort bezogen.Im Jahre 1876 betrug die Einfuhr des Königreichs Hawaii 1 811 770 – die Ausfuhr 2 241 041 Dollars; 1888 belief sich die Einfuhr auf 4 540 887 Dollars, wovon 3 454 000 Dollars auf die Vereinigten Staaten fallen, die Ausfuhr auf 11 903 398 Dollars, davon Zucker 10 818 000 Dollars. 99% von der Ausfuhr erhalten die Vereinigten Staaten, und 76 % von der Einfuhr werden von dort bezogen. Auf den Sandwichinseln zeigt sich infolge der günstigen Handelslage ein großartiger Aufschwung. Eisenbahnen, Telegraphen, Telephone, gute Straßen, Wasserwerke, neue Bauten, elektrische Beleuchtung u. s. w. werden in Menge angelegt. Die Schiffahrt hat sich fast verdoppelt.1877 vermittelten 181 Schiffe mit 120 907 Tons den Handels- und Personenverkehr des Königreichs Hawaii mit dem Auslande; 1886 waren es 302 Schiffe mit 219 688 Tons – darunter 220 amerikanische, 29 hawaiische, 38 britische, 8 deutsche und 7 anderer Nationalität.

Als Ersatz für die dem Königreiche Hawaii gleichsam geschenkten Millionen ist der Einfluß der Vereinigten Staaten dort fast maßgebend geworden. Überall stehn die Amerikaner voran. In Regierungsangelegenheiten, im Handel, im bürgerlichen Verkehr u. s. w. geben sie den Ton an. In Honolulu zeigt sich dies ganz auffallend, und es ist dort fast alles nach californischem Vorbild zugeschnitten. Das Silbergeld ist amerikanisches oder gleichwertiges hawaiisches, das in San Francisco genau nach dem Münzfuß der Vereinigten Staaten geprägt wurde. Man rechnet wie in Kalifornien nach »Bit« (= 12 ½ Cents). Für die Weißen ist ein 2 Bit-Stück (¼ Dollar – ungefähr 1 Mark) eigentlich die kleinste gangbare Münze. Unter den Kanaken dagegen bilden 10 Cents Silberstücke (Dimes) und 5 Cents Nickels das übliche Kleingeld. Die Goldmünzen sind ausschließlich amerikanische; »Greenbacks« (Papiergeld der Vereinigten Staaten) haben in Honolulu Goldwert wie in Amerika.

Die Freimaurer und Odd Fellows besitzen in Honolulu ihre Logen, es giebt dort eine ansehnliche freie Bibliothek mit Lesezimmer, wo die besten englischen und amerikanischen Zeitungen und Monatsschriften ausliegen, sogar ein Gebäude der young men's Christian Association befindet sich in der Stadt, geradeso wie in San Francisco oder in einem größeren californischen Platze. Die Umgangsformen sind ganz californisch. Trotz des Völkergemisches in den Straßen und trotz der vielen neuen Eindrücke fühlt sich ein Californier in Honolulu schnell heimisch, zumal auch die englische Sprache dort im Verkehr fast ausschließlich gebraucht wird.

Auffällig sind die vielen Einspänner (cabs), welche die Straßen beleben und die jeden Augenblick vorüberfahren. Die Zahl dieser Droschken beträgt gegen 300 – eine größere Anzahl derartiger Fuhrwerke, als ich je in einem Platze von der Größe von Honolulu irgendwo in der Welt gesehen habe. Die Droschken werden sehr viel benutzt, weil das Gehen wegen der feuchtwarmen Luft hier außerordentlich schnell ermüdet. Nur wenige werden sich besinnen, vom Hafen nach dem Hawaiian Hotel zu fahren, statt den Weg zu Fuß zu machen, eine Entfernung, die man bequem in sieben bis acht Minuten zurücklegt. Selten sieht man in Honolulu jemand schnell gehen, und kommt es mitunter vor, so ist der rüstige Wanderer gewiß ein Fremder, der erst kurze Zeit in der Stadt war.

Das Fahren in den Droschken verursacht eine nicht unbedeutende Ausgabe. Eine kleine Entfernung kostet allerdings nur 10 Cents, aber es bezahlt selten jemand weniger als ¼ Dollar an den Kutscher. Nach 11 Uhr des Nachts soll doppeltes Fahrgeld berechnet werden, was aber meistens schon um 10 Uhr geschieht. Dabei herrscht die für den Kutscher außerordentlich nette Einrichtung, daß zwei Personen, die in demselben Wagen sitzen, doppelte, drei Personen dreifache Taxe u. s. f. bezahlen müssen. Mache ich eine Spazierfahrt allein, so kostet es z. B. einen Dollar, lade ich einen Freund ein, mitzufahren, so kostet mich das Vergnügen zwei Dollars. Wer einen Besuch macht und spät nach Hause fährt, den kostet das Hin- und Herfahren so viel, als ginge er in New Jork oder in San Francisco in die Oper. Ich will noch erwähnen, daß ein Droschkenkutscher in Honolulu durchschnittlich 8 Dollars, mitunter sogar bis 20 Dollars den Tag einnimmt, und daß diese Rosselenker wohl die am besten gestellten Kutscher in der Welt sind. Mein Leibkutscher, ein rothaariger Irländer, mit dem ich sehr vertraut wurde, erzählte mir, daß er mit Leichtigkeit 100 Dollars den Monat, nach Abzug aller Unkosten und aller Ausgaben für seinen Lebensunterhalt, erübrige.Durch eine Pferdebahn, mit deren Bau in Honolulu im Mai 1888 begonnen wurde, wird der Straßenverkehr eine große Umwandlung erleiden, und es werden die guten Tage für die Droschkenkutscher dort wohl bald vorüber sein. Für elektrische Straßenbeleuchtung war Zur Zeit meiner Abreise bereits alles vorbereitet.

Das Getriebe in den Straßen, besonders am Hafen, am Fischmarkt und dort, wo sich größere Volksmengen zusammenfinden, ist außerordentlich mannigfaltig. Die verschiedenen Volksarten der Inselbewohner treten sofort ins Auge. Alle möglichen Hautschattierungen, von weiß bis zur Schwärze des Ebenholzes sind dort vertreten; Kanaken, Chinesen und Weiße bilden die überwiegende Mehrzahl. Die Kanaken, namentlich die Weiber (Wahinis) unter ihnen, lieben es, sich mit Blumenkränzen und mit Laubgewinden zu behängen, was namentlich beim Abschied vor einer Reise geschieht. Aber auch in den Straßen Honolulus sieht man oft Kanaken, die mit Blumen geschmückt sind. Kränze, in denen weiße und rote Rosen miteinander abwechseln, große Gewinde aus Farnblättern und Epheu, andere Kränze, worin rote, scharlachene, dunkelblaue und strohgelbe wilde Blumen in das grüne Laub geflochten sind, Léis genannt, hängen sich die Frauen gern um Hals und Brust, oder sie tragen Halsschnüre aus kleinen roten und braunen oder aus größeren gelben Beeren. Die Männer schmücken oft ihren Hutrand mit breiten Muschelbändern, worin kleine weiße und braune Muscheln geschickt aneinander gereiht sind, und knüpfen baumwollene rote Bandana-Taschentücher lose um den Hals. Südfrüchte der mannigfachsten Art werden auf offener Straße auf großen Verkaufstischen feilgeboten; in den Schaufenstern gewahrt man allerlei hawaiische Seltenheiten. Die an den Straßenecken stehenden Polizisten sind fast ausschließlich Kanaken.Seit der letzten großen Revolution, die vornehmlich von fünf Deutschen niedergeschlagen wurde, sind viele Ausländer, namentlich Deutsche, bei der Polizeimannschaft angestellt worden. Die stattlichen, in dunkelblaue Röcke, weiße Beinkleider und weiße Mützen gekleideten Männer sind die Liebenswürdigkeit selber und grüßen die Fremden oft recht vertraulich. Die Polizeimannschaft, welche den Frieden auf den Inseln aufrecht erhält, ist ungefähr hundert Köpfe stark. »Aloha!« (Alócha), oder »Aloha, nui, loa!« (d. h. ich grüße dich – groß – sehr), den hawaiischen Nationalgruß, vernimmt man oft. Dieselben Worte sieht man häufig auf den Deckeln der Albums, auf Bildern, Fächern, Briefpapier u. s. w., sowie auch in den Wohnungen über der Thür und in den Zimmern in Zusammenstellungen von Moos und Blumen, und sonst noch an vielen anderen Orten. Das Wort Aloha – eigentlich der Frieden – hat eine sehr vielseitige Bedeutung, z. B.: guten Tag, ich danke, ich küsse dich, Liebe, Zueignung, Gruß, Freundschaft und alles was süß ist u. s. w.

Die Kanakafrauen tragen meistens lose Gewänder aus billigem Baumwollenstoff, Holoku genannt, (nach Art der in Amerika bekannten Mutter-Hubbard-Kleider) und sehen, mit Ausnahme der Blumen- und Epheukränze, durchaus nicht malerisch aus. Hellfarbige Gewänder tragen sie am liebsten, obgleich auch schwarze Kleider bei ihnen keine Seltenheit sind. Das rabenschwarze Haupthaar lassen sie in der Regel frei im Nacken herabfallen. Ihre breiten, sinnlichen Gesichter können auf Schönheit keinen Anspruch machen. Geistig aufgeweckter als die Frauen sehen die meistens bartlosen Männer aus, die auch körperlich kräftig entwickelt sind. Stattlichere Männergestalten als die Kanaken (das Wort Kanake bedeutet ein Mensch), kann kein Volk der Welt aufzeigen.

Fast so häufig als die Kanaken sieht man in den Straßen Honolulus den arbeitsamen John Chinaman in seiner Nationaltracht, der die Eingeborenen längst wirtschaftlich überflügelt hat, und der sich auch hier von den Weißen, wie überall wo er mit ihnen zusammentrifft, nicht mehr zurückdrängen läßt. Im Königreiche Hawaii haben sich die bezopften Asiaten ganz eingebürgert; ungefähr jeder dritte Mensch in Honolulu ist ein Chinese. Auf den Pflanzungen haben sie sich als Arbeiter beinahe unentbehrlich gemacht, in der Stadt sind sie in fast allen Geschäften vertreten. Chinesische Läden, in denen alles Mögliche feil geboten wird, findet man in jeder Hauptstraße. Es giebt in Honolulu chinesische Möbel- und Teppichhändler, Uhrmacher, Handwerker aller Art u. s. w. Das Waschgeschäft ist selbstverständlich ganz in ihren Händen. Im Hawaiian Hotel sind sämtliche Aufwärter und Köche Chinesen; sogar in der »Office« hat ein Zopfträger die Oberleitung. In der »Chinesenstadt«, dem eigentlichen Mongolenquartier, das einen ansehnlichen Stadtteil bildet, sieht es merkwürdigerweise ziemlich reinlich aus. Die Ursache davon ist der Umstand, daß jenes Stadtviertel vor einigen Jahren (18. April 1886) fast ganz niederbrannte, und weil dort alles seit dem Wiederaufbau noch ziemlich neu ist. Auch sind die Straßen dort breiter, als z. B. in der Chinesenstadt in San Francisco, so daß sich der Schmutz nicht in ihnen anzusammeln vermag. Sonst ist die Chinesenstadt in Honolulu ein genaues Ebenbild von der in San Francisco.

Eine sehr angenehme Unterhaltung gewähren in Honolulu die Konzerte der auch auswärts durch ihren Besuch in San Francisco berühmt gewordenen Royal Hawaiian Band, die jeden Sonnabend Nachmittag und sonst bei festlichen Gelegenheiten in Queen Emma's Square stattfinden. Alle Klassen der Bevölkerung finden sich dort zusammen, mit Ausnahme der Mongolen, denen die Musik der Weißen und ihrer Zöglinge, der Kanaken, ein Greuel ist. In dem kleinen, mit tropischen Bäumen bewachsenen Park sitzen Männer und Frauen aller Hautschattierungen friedlich auf den Bänken neben einander, oder spazieren dort auf und ab. Braune, schwarze und weiße Kinder jagen sich auf den Rasenplätzen und zwischen den Bäumen hin und her. Draußen vor der Einfriedigung halten die Privatfuhrwerke der wohlhabenderen Weißen. Damen und Herren der feinen Welt sitzen dort stundenlang auf den weichen Polstern in ihren Wagen und lauschen den Klängen des Orchesters. Einspänner, mit Fremden darin, rollen schnell vorbei, Reiter und Reiterinnen jagen, oft im wilden Galopp, die Straße entlang. Die Kanakafrauen sitzen nach Art der Männer hoch zu Roß. Um den Gürtel haben sie eine breite rote oder gelbe Schärpe gewunden, das lange bunte Gewand hängt rechts und links fast bis auf die Hufe der Pferde herab und weht beim schnellen Ritt wie eine Doppelfahne, die über den Schweif des Rosses hinausreicht, malerisch hinterher. Kunstreiterinnen ähnlich sitzen diese braunen Frauen und Mädchen, mit fliegendem schwarzen Haupthaar, wie aus Erz gegossen fest im Sattel auf ihren wilden Rennern.

Inmitten des kleinen Stadtparks spielt in einem offenen Pavillon das Musikchor von 33 weiß gekleideten Kanaken, welche der Berliner Kapellmeister Herr Berger vortrefflich eingeschult hat. Es ertönen deutsche, amerikanische und andere Musikstücke; mitunter erklingen in Solo und Chor hawaiische, deutsche oder amerikanische Nationallieder. »Die Wacht am Rhein«, dort unter Palmen ertönend, machte auf mich einen eigentümlichen Eindruck. Prasselt dann ganz unerwartet einer von den in Honolulu im Winter sich nicht selten plötzlich einstellenden tropischen Regenschauern durch das Grün, so löst sich die Zuhörergesellschaft hastig auf, und Herr Berger ist gezwungen die in den Tagesblättern angezeigten Musikstücke ohne ein bewunderndes Publikum zu Ende spielen zu lassen.

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