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Eine Reise nach Hawaii

Theodor Kirchhoff: Eine Reise nach Hawaii - Kapitel 18
Quellenangabe
typereport
authorTheodor Kirchhoff
titleEine Reise nach Hawaii
publisherSchlüter'sche Buchhandlung
year1890
firstpub1890
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
created20070805
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purl http://www-gdz.sub.uni-goettingen.de/cgi-bin/digbib.cgi?PPN243028059
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Sechzehntes Kapitel.

Die Zuckerindustrie auf den Sandwichinseln. – Bestimmungen des Zollvertrags mit Bezug auf Rohzucker. – Nutzen des Zollvertrags für die Pflanzer. – Der drohende neue Tarif in den Vereinigten Staaten. – Der Zuckerkönig Claus Spreckels. – Die Californa Sugar Refinery in San Francisco. – Die große Zuckerpflanzung bei Spreckelsville auf der Insel Maui. – Schicksale der Hawaiian Sugar and Commercial Company. – Auf der Landungsbrücke von Wainae. – Rückkehr nach Honolulu. – Das Kreuz des Südens. – Eine nächtliche Seefahrt unter den Tropen.

Die Zuckerindustrie ist für die Sandwichinseln von einer solchen Wichtigkeit, daß ich sie hier etwas eingehender besprechen will. Zucker ist sozusagen das tägliche Brot für die Bewohner des Königreichs Hawaii, das ganze Inselreich ist bekanntlich überzuckert, und vom Könige Kalakaua herab bis zum chinesischen Kuli lebt, spricht und träumt dort allewelt nur von Zucker. Würde dieser herrliche Stoff von der Ausfuhrliste Hawaiis verschwinden, so wäre ein noch so unternehmender Yankee nicht mehr imstande, genug Geld im »Paradiese des Pacific« zu verdienen, um nur ein halbes Dutzend Mal den Tag den Tropenstaub mit einem Cocktail aus seiner Kehle waschen zu können.

Um den Anbau des Zuckerrohrs mit Nutzen zu betreiben, müssen bei den gegenwärtigen Zuckerpreisen mindestens fünf Tons (10 000 ???) Rohzucker von einem Acker gewonnen werden. Sieben Tons von einem Acker ist eine vorzügliche Ernte. Man pflegt in jedem Jahr ein Fünftel von dem für den Anbau von Zuckerrohr bestimmten Boden mit Rohr zu bestellen, so daß z.B. auf einer 1000 Acker großen Pflanzung jedes Jahr 200 Acker mit Rohr bebaut werden. Um Zuckerrohr zu pflanzen, wird dies in 10 bis 12 Zoll lange Stücke zerschnitten, von denen jedes vier Glieder enthält. Diese Rohrstücke werden in Reihen von sechs Fuß Abstand der Länge nach mit geringem Zwischenraum in Furchen neben einander niedergelegt und dann mit Erde zugedeckt. Nach einiger Zeit sprießt aus jedem von den Knoten, welche die Glieder verbinden, ein Schößling empor. Das Rohr gelangt in 18 Monaten zur Reife und wird dann geschnitten. Eine kleinere sogenannte Rattoon-Ernte (Rattuhn) ist der zweite Nachwuchs, dem mitunter noch ein dritter Nachwuchs folgt, worauf das Rohr ausgerodet wird. Alter zersetzter Lavaboden, der viel vulkanische Asche enthält, ist für den Anbau von Zuckerrohr sehr gesucht und soll bei genügender Bewässerung fast unerschöpflich sein. Feuchter Boden, auf dem früher Taro angepflanzt wurde, gilt für das allerbeste Zuckerland.

Im ganzen giebt es gegenwärtig auf den hawaiischen Inseln 72 Zuckerpflanzungen, die von verschiedener Größe sind, die meisten von ihnen mit einer Bodenfläche von 1000 bis 2500 Acker. Das darin angelegte Gesamtkapital beträgt ungefähr 30 Millionen Dollars, wovon über 22-½ Millionen amerikanisches Kapital sind. Auf der Insel Hawaii liegen 36 Pflanzungen, auf Maui 14, auf Kauai 13, auf Oahu 7 und auf Molokai 2. Darunter sind 47 Pflanzungen mit eigenen Mühlen versehen, während die übrigen ihre Zuckerrohrernte nach fremden Mühlen schicken. Außerdem giebt es 7 große Mühlen (3 auf Hawaii, 3 auf Kauai und 1 auf Maui), die von den Pflanzungen getrennt sind und das Mühlengeschäft unabhängig betreiben. Kaui, die fruchtbarste von allen Inseln, gewöhnlich die »Garteninsel« genannt, befindet sich zum großen Teil in den Händen von deutschen Pflanzern.

Bei dem auf den Sandwichinseln üblichen Zerquetschungs-Verfahren, wie es in dem vorhergehenden Kapitel beschrieben wurde, wird etwa 78 % Zucker gewonnen. Im Jahre 1888 wurde auf der Insel Kauai der erste Versuch mit einer aus Deutschland eingeführten sogenannten Diffusionsmaschine gemacht, vermittelst welcher man durch drei- oder viermal wiederholtes Kochen des Rohrs bis 99 % Zucker gewinnen soll. Diese Behandlung nimmt aber bedeutend mehr Arbeitskraft als die althergebrachte in Anspruch. Auch vermehren sich bei dem neuen Verfahren die Unkosten der Feuerung sehr, indem die übrig bleibenden Rohrreste nicht wie beim Zerquetschungs-Verfahren zum Heizen benutzt werden können.

Nach dem Zollvertrag zwischen dem Königreiche Hawaii und den Vereinigten Staaten von Nordamerika darf Rohzucker bis 20 Farbe (nach »Holländisch Standard«) frei von den Sandwichinseln nach dem Unionsgebiet eingeführt werden; um ganz sicher zu gehn, verschiffen die Pflanzer aber selten feineren Rohzucker, als 16 »Farbe«. Das ganze Roherzeugnis von hawaiischem Zucker wird an zwei große in San Francisco liegende Raffinerien geschickt: an die American- und an die California-Refinery. Eine Raffinerie in Honolulu zu errichten, würde von keinem Vorteil sein, weil raffinierter Zucker in den Vereinigten Staaten, dem fast ausschließlichen Markte für das Inselreich, zollpflichtig ist. Von der Zuckerernte im Jahre 1887, die sich auf ungefähr 100 000 Tons belief, erhielt die American-Refinery etwa 60 000 Tons, wovon das große deutsche Haus H. Hackfeld & Comp. in Honolulu allein über 20 000 Tons verschiffte, die California-Refinery (Claus Spreckels in San Francisco) etwa 40 000 Tons. Im Jahre 1888 belief sich die Ernte auf ungefähr 110 000 Tons, 1889 auf 125 000 Tons. Im Jahre 1887 betrug der Durchschnittspreis von Sandwich-Island-Zucker in San Francisco 75 Dollars die Tonne, 1888 etwa 85 Dollars die Tonne – alle Unkosten abgezogen. Das ist ungefähr 10 Dollars die Tonne weniger, als auswärtiger Zucker von derselben Güte mit Zoll in New York kostet. Die 10 Dollars werden in San Francisco dem Pflanzer abgezogen, weil dieser Betrag den Verschiffungskosten von einer Tonne Zucker von Honolulu nach New York (wo der den Preis bestimmende Markt ist) gleichkommt. Die Pflanzer erhalten also den ganzen Nutzen des Zollablasses weniger 10 Dollars die Tonne. Ihren Zucker nach New York zu schicken, würde ihnen keinen Vorteil bringen, und wegen schnellerer und leichterer Verbindung ziehen sie den Markt in San Francisco dem im Osten der Vereinigten Staaten vor.

Wie groß der Nutzen ist, den die Pflanzer durch den Zollvertrag erlangen, wird klarer, wenn ich sage, daß der Durchschnittszoll auf Zucker von den Sandwichinseln, stände dieser nicht auf der Freiliste, 2 bis 2-¼ Dollars an 100 Pfund in den Vereinigten Staaten betragen würde. Jetzt erhalten die hawaiischen Pflanzer durchschnittlich 1-½ bis 1-¾ Dollars mehr für 100 Pfund Zucker in San Francisco, als irgend ein anderes auswärtiges Land. Es fragt sich nur, ob der Zoll auf Zucker in nicht ferner Zeit ganz oder teilweise in den Vereinigten Staaten für alle auswärtigen Länder abgenommen werden wird. Das wäre für die Sandwichinseln ein harter Schlag, denn alsdann könnten sie den Mitbewerb anderer Länder, namentlich den Westindiens, kaum aushalten, und der vorhin erwähnte Nutzen von 1-½ bis 1-¾ Dollars an 100 Pfund Rohzucker fiele ganz fort. Der dem Kongreß in Washington vorliegende neue Tarif, welcher vorschlägt, fremden Rohzucker unter 13 Holländisch Standard auf die Freiliste zu stellen, dagegen alle Zuckersorten über 13 »H. St.« mit einem Zoll zu belegen, der auf Zucker über 16 »H. St.« 6/10 Cents das Pfund betragen soll, und dem einheimischen Zucker eine Prämie von zwei Cents das Pfund zu gewähren, hat begreiflicherweise im Königreiche Hawaii große Aufregung hervorgerufen, und es wird die Entscheidung darüber von den Zuckerpflanzern mit fieberhafter Spannung erwartet. Gegenwärtig blühen noch alle Geschäfte im Königreiche Hawaii, aber die Möglichkeit einer Kündigung oder einer Änderung des Zollvertrags seitens der Vereinigten Staaten hängt wie ein Damoklesschwert über den Häuptern der Pflanzer und Kaufleute. Durch die zollfreie Einfuhr von Rohzucker nach Amerika aus allen auswärtigen Ländern würden die Pflanzer in Hawaii vier bis fünf Millionen Dollars im Jahre einbüßen, die ihnen jetzt als nicht erhobener Zuckerzoll von den Vereinigten Staaten eigentlich geschenkt werden. Auch Kalifornien würde stark in Mitleidenschaft gezogen werden, indem der auswärtige Handel des Königreichs Hawaii, den die Stadt San Francisco bisher fast ausschließlich beherrscht hat, wahrscheinlich zum großen Teil für diese verloren ginge.

Claus Spreckels, der californische »Zuckerkönig«, hat sich in Hawaii viele Feinde gemacht, indem er versuchte, die Pflanzer zu zwingen, ihre ganze Zuckerernte auf Schiffen, die ihm gehören, an seine Raffinerie nach San Francisco zu senden. Dies wollten sich viele Pflanzer nicht gefallen lassen, und diese gründeten infolgedessen die bereits genannte American Sugar Refinery in San Francisco, an welche sie ihren Rohzucker verschifften. Im März 1888 verband sich diese Raffinerie mit dem Sugar Trust (einer Vereinigung der Raffinerien im Osten der Union), mit welchem Spreckels seit geraumer Zeit einen grimmigen Krieg führt. Dieser Krieg nahm im Januar 1890 zeitweilig eine günstige Wendung für den Zuckerkönig. Auf Befehl der californischen Gerichte wurde nämlich die American Refinery geschlossen, weil sie durch ihre Verbindung mit dem Sugar Trust ihre Konzession verwirkt hätte; die Obergerichte gaben aber eine andere Entscheidung ab, so daß jene Raffinerie ihre Thätigkeit im Juni 1890 wieder beginnen konnte. Daß Spreckels durch die Handlungsweise der gegen ihn verbündeten Pflanzer und durch die vielen unliebsamen Auseinandersetzungen mit Kalakaua einen Groll gegen die Sandwichinseln gefaßt hat, ist nicht zu verwundern. Er hat unendlich viel für die Entwickelung des Inselreichs gethan und ist nicht der Mann, sich von irgend jemandem Befehle vorschreiben zu lassen. Durch den Bau einer großen Raffinerie in Philadelphia, die täglich eine Million Pfund (= 3000 Faß) Zucker liefert, welches Quantum man in kurzer Zeit zu verdoppeln gedenkt, hat Spreckels den Krieg nach Afrika geführt. Seinen beiden Söhnen, die ihm an Tüchtigkeit nicht nachstehn, hat er die Verwaltung des Geschäftes in Californien und auf den Sandwichinseln übertragen, während er selbst in Philadelphia dem Sugar Trust nun die Hölle heiß macht.

Die von Spreckels in San Francisco gegründete California Sugar Refinery ist eine der größten ihrer Art in der Welt. Sie hat 1-¼ Million Dollars gekostet und ist so großartig angelegt, daß sie mit Leichtigkeit die ganze Zuckerernte der Sandwichinseln raffinieren könnte. Aber Spreckels erhält, wie bereits erwähnt wurde, nur etwas mehr als ein Dritteil jener Ernte. Der Rohzucker, den er aus Manila bezieht, läßt sich nicht gut raffinieren und steht an Güte dem hawaiischen bedeutend nach. Der Anbau von Zuckerrüben in Californien, der im Jahre 1888 durch die Unterstützung von Spreckels auf großartige Weise erweitert wurde, hat bis jetzt bedeutenden Erfolg gehabt, würde aber durch die Abschaffung des Zolls auf Rohzucker arg geschädigt werden. 1889 belief sich der Ertrag bereits auf 2000 Tons Rohzucker. Der Durchschnittspreis für Rüben war 5-¼ Dollars die Tonne, bei einer Ertragsfähigkeit von zehn und mehr Tons den Acker. Bei Watsonville (105 engl. Meilen – 169 km – südlich von San Francisco) hat Spreckels eine Zuckerrüben-Fabrik gegründet, die ½ Million Dollars gekostet hat; für eine zweite ebenso große Zuckerrüben-Fabrik wurde die Maschinerie bereits in Deutschland bestellt. Die Errichtung einer zweiten Fabrik hängt aber ganz und gar von der Tarifgesetzgebung des Kongresses ab. Die Behauptung mancher Honoluluer, Spreckels wolle durch das Unternehmen mit Runkelrüben in Kalifornien in blinder Wut die Sandwichinseln zu Grunde richten, scheint aber nicht glaubhaft, denn jener hat viel zu viel Geld im Königreiche Hawaii angelegt, um sich auf diese Weise selbst zu schaden.

Claus Spreckels ist im vollen Sinne des Wortes ein »self made man«. Dieser aus Stade gebürtige thatkräftige deutsche Mann begab sich, als er nach den Vereinigten Staaten auswanderte, zuerst nach Charleston in Süd Carolina, wo er einen kleinen Materialwarenladen errichtete. 1852 ging er nach San Francisco, wo er wieder einen solchen Laden besaß, dann Bierbrauer und schließlich Zuckerhändler wurde. Seine Erfindung des Würfel-Zuckers, der jetzt die ganze Welt erobert hat, war sein erster Glückswurf und brachte ihm viel Geld ein. Von der Zeit an arbeitete er sich schnell empor. Heute ist er Bankier und, in Gemeinschaft mit seinen Söhnen, Eigentümer eines der angesehensten Geschäfte in San Francisco und San Diego, Besitzer der größten Zuckerraffinerien in Amerika, von Zuckerpflanzungen und einer ganzen Flotte von Dampf- und Segelschiffen. Sein Vermögen wird auf 20 Millionen Dollars geschätzt, und er ist einer der einflußreichsten Geldmänner nicht nur in Californien, sondern in den Vereinigten Staaten. Seinen Namen der Zuckerkönig führt er mit vollem Recht. Mit merkwürdigem Scharfblick hat Spreckels es von jeher verstanden, tüchtige Leute an sich heranzuziehen. Von seinen Untergebenen wird er trotz seines oft etwas herrischen Auftretens vergöttert. Für seine engeren deutschen Landsleute sorgt er, wenn sich ihm eine Gelegenheit dazu bietet, auf die freigebigste Weise.

Das großartigste Unternehmen, welches Claus Spreckels auf den Sandwichinseln ins Leben gerufen hat, ist die auf der Insel Maui liegende 16 000 Acker große Zuckerpflanzung bei Spreckelsville (man vergleiche Seite 111), auf welcher im Jahre 1887 etwa 3000 Acker bewirtschaftet wurden. Hier ging aber durchaus nicht alles nach Wunsch. Im Gegenteil, die Hawaiian Commercial and Sugar Company (der Name dieser Gesellschaft), hatte mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen und begann erst nach jahrelangem Mißerfolg nutzbringend zu werden. Das Anlagekapital jener im Jahre 1882 auf Aktien gegründeten Gesellschaft besteht aus 100 000 Aktien (shares), und es wurden auf jede Aktie 23 Dollars angezahlt – also aus einem Barvermögen von 2 300 000 Dollars. Die Riesenpflanzung steht auf den Sandwichinseln einzig in ihrer Art da. Während andere Zuckerpflanzungen einen jährlichen Überschuß von 20, 40 und sogar 60 % verzeichnen konnten, erzielte die große Pflanzung bei Spreckelsville bis zum Jahre 1888 so gut wie gar keinen Gewinn. Zuerst war der Glaube an Spreckels' Unfehlbarkeit so groß, daß man sich an der Börse in San Francisco um die Papiere förmlich riß, und es stieg der Marktpreis der Aktien schnell bis auf 65 Dollars. Als aber die Ernte der ersten Jahre fast ganz verloren ging, stellte sich plötzlich eine Panik ein, und es fielen die Aktien in unglaublich kurzer Zeit bis auf 25 Cents.

Um das Unternehmen vor dem Bankerott zu retten, ließ Spreckels eine Summe von 1 100 000 Dollars, welche die Gesellschaft ihm schuldete, in Pfandbriefen (bonds) mit 7 % hypothekarisch auf das Eigentum derselben eintragen, obgleich es ihm ein Leichtes gewesen wäre, wenn er die sofortige Zahlung der Schuld verlangt hätte, damals alle Aktien für zehn Cents das Stück zu erwerben. Jahrelang schwankten dann die Aktien zwischen zwei und vier Dollars. Infolge der höheren Zuckerpreise und einer in Aussicht stehenden guten Ernte begannen die Aktien zu Anfang des Jahres 1888 wieder zu steigen. Im Juli 1888 erreichten dieselben bereits 20 Dollars. Während des Jahres 1889 wurden sie an der San Francisco-Börse zu 30 bis 35 Dollars notiert. Daß Hawaiian Stock schon oft vielen Börsenspekulanten in der californischen Handelsmetropole schlaflose Nächte verursacht hat, ist dort nichts Neues. Hing der hawaiische Börsenhimmel wieder einmal voller Geigen, so war dies manchem biederen Deutschen, der sich im Vertrauen auf den guten Stern unseres Zuckerkönigs Hawaiian Shares gekauft hatte, gewiß von Herzen zu gönnen.

Der Hauptfehler der Anlagen jener großen Zuckerpflanzung bestand darin, daß sie nicht nur viel zu viel Geld gekostet haben, sondern auch ihren Zweck nicht erfüllten. Eine ausgedehnte Wasserleitung, vermittelst welcher man das ganze Besitztum zu bewässern gedachte, bewies sich als ungenügend. Es kamen trockene Jahre, in denen fast alles zu Grunde ging. Von vier großen Zuckermühlen, die jede von ihnen mehrere hunderttausend Dollars gekostet hat, stehen zwei ganz unbenutzt da, weil nicht genug Zuckerrohr vorhanden ist, um sie in Thätigkeit zu halten, und nur eine von ihnen ist in stetigem Gebrauch. Dann mußte der Boden in der riesigen Pflanzung geklärt, eingezäunt und von Steinen gereinigt werden, eine Änderung der Gräben war notwendig geworden, kostspielige Gebäude, neue Wasserwerke mußten errichtet werden, eine Eisenbahn, Hafenanlagen u.s.w. verschlangen eine Unmasse Geld, – genug, die Ausgaben beliefen sich in den meisten Jahren höher als die Einnahmen, so daß sich das Unternehmen nur mit äußerster Mühe sozusagen über Wasser hielt.

Die größte Zuckerernte erzielte man im Jahre 1886, die sich auf 14 025 Tons belief. Dieselbe ergab einen Nutzen von 308 416 Dollars und 46 Cents. Aber man hatte im vorhergehenden Jahre 150 000 Dollars zugesetzt, und unvorhergesehene Ausgaben verschlangen den Rest, so daß für die Besitzer der Aktien nichts übrig blieb. Von 1600 Acker neuen Kulturlandes wurden durchschnittlich 5 Tons Zucker auf einem Acker erzielt, von 1650 Acker »Rattoon« (zweite Ernte) nur 3 65/100 Tons auf einem Acker. – Im Jahre 1887 belief sich die Zuckerernte der Pflanzung nur auf 8182 Tons und ergab einen Verlust von 122 000 Dollars. Die Hauptursachen dieser Mißerfolge sind in dem geringen Regenfall, der 1302 Zoll gegen 3053 Zoll im vorhergehenden Jahre betrug, und in den niedrigen Zuckerpreisen zu suchen.

Einen Begriff von der Größe des Unternehmens wird dem Leser der mir vorliegende Jahresbericht der Hawaiian Commercial and Sugar Company vom 31. Oktober 1887 geben, der folgende Einzelheiten anführt:

Hilfsquellen $ 3 670 943 . 04
Schulden " 1 052 147 . 45

bleibt ein Guthaben von $ 2 618 795 . 59/100

Als Hauptposten unter den Hilfsquellen wurden angeführt:

Grundbesitz $ 670 300 .
Gebäude " 255 499 . 79
Mühlen " 1 058 410 . 99
Haikee-Graben " 381 355 . 48
Waihee-Graben " 171 997 . 31
Eisenbahn " 308 035 . 58
Pflanzung " 484 861 . 54

Seit 1887 hat sich in Spreckelsville vieles gebessert. 1889 kamen 2000 Acker neuen Bodens unter Kultur; die Unkosten des Betriebs wurden von 75 000 auf 40 000 Dollars den Monat eingeschränkt; die Gräben, welche nicht cementiert sind, halten das Wasser, das früher stark durch die Böschungen sickerte, jetzt besser zurück; die Mühlen und Maschinen sind in vortrefflichem Zustand und das Land ist von losen Steinen gereinigt worden; die Hauptausgaben wurden bereits bestritten und die Aktionäre erhielten ansehnliche Dividenden. Es fragt sich nun, ob die jüngst errungenen Erfolge Bestand haben werden, ob die goldene Ernte für die Besitzer von Hawaiian Stock anhalten wird, namentlich aber ob die Aktien nicht wieder einen Rückschlag erleben werden – Fragen, die ungefähr so schwer zu beantworten sind wie ein Delphischer Orakelspruch!Wie unsicher die Aktien der Hawaiian Commercial and Sugar Company immer noch sind, das zeigte sich deutlich im Sommer 1890. Während die Mc. Kinley-Bill im Kongreß vorlag und noch gar nichts über das Schicksal derselben entschieden war, fiel Hawaiian Stock in 3 Monaten von 35 auf 13 Dollars die Aktie. Sollte Rohzucker unbeschränkt auf die Freiliste gestellt werden, so würde ein weiterer Rückgang der Zuckeraktien unausbleiblich sein.

Nachdem ich die Zuckermühle in Wainae in allen ihren Teilen aufmerksam betrachtet, und meine Kenntnisse über Zuckermühlen, Zuckererzeugung, Zuckerpflanzungen, Zuckerernten, Zuckerland, Zuckerrohr, Rattuhnzucker, Rohzucker, raffinierten Zucker, Zuckerpreise, Zuckermarkt und Zuckergeschäft im allgemeinen um ein Bedeutendes erweitert hatte, begab ich mich auf die Landungsbrücke und verbrachte dort mehrere Stunden, um dem Verladen von 1436 Säcken Rohzucker Nr. 1 zuzuschauen.

Eine Schar kräftiger Kanaken schaffte die Säcke vermittelst Schlingen und über ein langes geneigtes Brett in die tief unter uns liegenden Böte, welche sie nach dem Dampfer beförderten. Es war hoher Nachmittag geworden, als dieser zur Rückfahrt nach Honolulu bereit war. Durch Telephon benachrichtigte Herr Widemann den Kapitän der Australia, die am nächsten Morgen in See stechen sollte, um die Reise nach San Francisco anzutreten, daß wir eine Ladung Zucker nach Honolulu brächten und ersuchte ihn, alles für das schnelle Umladen und die Weiterbeförderung von 1436 Säcken Zucker vorzubereiten. Bald kam die Antwort »all right!« aus dem Munde des Kapitäns der Australia von dem 30 englische Meilen (48 km) entfernten Honolulu zurück; dann wurde der Anker aufgehißt, und der Dampfer Kaalá setzte sich endlich wieder in Bewegung.

Prangend wölbte sich ein doppelter Regenbogen über den mit Wolken gekrönten gezackten Kraterbergen hinter Wainae, als wir uns von dort entfernten, und bald waren die Gebäude auf der Pflanzung, der Kokospalmenhain und der hohe Schornstein der Zuckermühle unseren Blicken entschwunden. Ein wunderbar schöner Sonnenuntergang schmückte den westlichen Teil des Himmels. Goldige, rote und purpurne Flammenbüschel schossen vom Horizont empor, und ein immer wechselndes Bild einer in allen Farben des Irisbogens strahlenden Himmelslandschaft, mit lichten Wolkengebirgen, bunt schimmernden Buchten, Inseln und Festland, folgte dem verschwundenen Sonnenball. Schnell brach die Nacht herein. Die Gestirne blitzten am bläulichen Himmelsgewölbe mit einer im Norden nie gesehenen Pracht. Die herrlichen Sternbilder der nördlichen Breite und die wie ein Silberband leuchtende Milchstraße vereinigten ihren Glanz mit dem Kreuze des Südens, das uns vom tiefen Horizonte einen Gruß herüberstrahlte. An Schönheit vermag sich aber der südliche Sternenhimmel und das Kreuz des Südens nicht mit dem Orion und den nördlichen Sternbildern zu messen. Die fünf Gestirne (vier äußere von verschiedener Größe, worunter nur einer ersten Ranges und ein schwach leuchtender Seitenstern), welche das Kreuz des Südens bilden, haben die Form eines schiefen Vierecks, nicht die eines langen Sternenkreuzes, wie man sich jenes nicht selten fälschlich vorstellt.

Die laue Tropennacht war herrlich. Vier mit Rosen bekränzte Kanakamädchen, die auf einer Bank auf dem Verdeck Platz genommen hatten, sangen wohl eine Stunde lang eine rührend klingende Melodie mit nur drei Noten, den O-lo-ing, wozu ein junger Kanake, der einen Kranz von großen goldgelben wilden Blumen um seinen Hut geschlungen hatte, auf einer Mandoline die Begleitung spielte. Ein Heer von diamantenen Funken blitzte im Fahrwasser des Dampfers, in der Ferne lagen die dunklen Gebirge Oahus, und über uns breitete sich die blaue Himmelsdecke mit dem Gewirr blitzender Gestirne aus: genug, es war eine nächtliche Seefahrt unter den Tropen, wie man sich eine solche romantischer nicht vorstellen kann. Nur zu schnell erschienen die Lichter im Nuuanuthale, die Masten der Schiffe im Hafen von Honolulu und der lange Kraterwall Diamond Head, die das Ende unserer Seefahrt andeuteten. Vorsichtig steuerte der Kapitän den Dampfer Kaalá durch den engen Paß im Korallenriff auf die rote Laterne zu, welche ihm die genaue Richtung nach der Landungsbrücke zeigte, wo wir bald darauf wohlbehalten anlegten. Um zehn Uhr in der Nacht wanderte ich durch die einsamen Straßen Honolulus nach meinem alten Quartier, dem gastlichen Hawaiian Hotel.

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