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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 9
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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Den 6. August. Früh Morgens.

Ich habe die Nacht wenig schlafen können. Der Mond lugte tief hinein ins Zimmer, obwol ich die Fenster verhüllt hatte. Aus dem flimmernden Trugschein, der an den Wänden wie eine Geisterhand hingriff, blickte mir der Doctor Faust ins Angesicht, der alte mondgebleichte deutsche Denker. Seine Gestalt war unentweiht durch moderne Flittern im Costüm, er war ganz der Mann seines Jahrhunderts, nur etwas ideal, für alle Zeiten passend gekleidet. Durch die Falten seiner wolkenreichen Stirn leuchtete sein Gehirn hervor wie eine Phosphorflamme, sein Schädel mit den dünnen greisigen Haaren war ganz illuminirt, nur die untern Züge seines Antlitzes waren dunkel und hingen wie graue Felsenmassen, steif und starr. Er sah unendlich leidend aus; in seinen Augen brannte eine stille Wehmuth, die mit der Härte in seinen Zügen wieder versöhnte. Der alte deutsche Faust ist krank, sehr krank, in den verwitterten Wangenhöhlen wohnt der Tod. Aber ich fürchtete mich nicht vor ihm, er war ja leidend. Ich konnte ihm nicht gram werden, ich hätte ihn umarmen und sein hinsterbendes Leben füttern mögen mit Balsam und Nektar, die Pulsader hätt' ich mir öffnen mögen, wenn er mit Jugendblut sich erfrischen gewollt!

»Armer Greis,« sagte ich zu ihm, »geht es denn wirklich mit Dir auf die Neige, und will sich im Webstuhl der Zeit kein neues Gewand für Dich weben? Willst Du so mit der schmuzigen Doctorkutte zu Grabe gehen und kannst nur die Stätte nicht finden, wo Du Deine Gebeine zur Ruhe legen könntest, denn das System, das die Leute für Deine letzte Wohnstätte auf Erden gehalten, ist auch noch nicht Deine Gruft geworden. Sie dachten, Du würdest von den chinesischen Pagodenthürmen überbaut werden und in den luft- und lochleeren Giebelgewölben würde Dein Athemzug stille stehen. Du bist nicht erstickt, Du wandelst noch umher, krank, fahl, todessehnsüchtig; aber Du kannst nicht sterben. Alter deutscher Metaphysikus, Du bist wie der ewige Jude. Den buntgeschmückten Don-Juansmantel, mit dem Dich Goethe bekleidete, hast Du wieder ausgezogen; es hat keinen Reiz mehr für Dich, die Ströme der sinnlichen Welt wie glühenden Wein in Deinen Adern toben zu lassen; Du hast Alles durchgekostet, was das Leben Süßes zu bieten vermag, Deine ruhelose Seele hat auch im Champagnerrausche der Liebesfreuden sich drüber hinausgesehnt nach andern Quellen des Lebens; auch die schönen Mädchenblumen hast Du nur zerpflückt, um ihren specifischen Gehalt zu proben; die schönsten Kränze konnten für Dich keine Ketten werden, Du hast sie zerrissen, oder Du sahest, daß sie von selber welkten, Du spürtest allerwegen den Todeswurm in der Blüte, allerwegen warst Du der ewige Nimmersatt. Nur die Wollust des Sterbens hast Du noch nicht erlebt, danach gelüstet Dich, und Du bist nur krank vor Sehnsucht nach dem Tode. Du bist schrecklich, alter Mann! In den Furchen Deiner leichenfahlen Wangen liegen alle Sünden des Menschengeschlechts; Du bist der Ursünder des Lebens, weil Du der Urdenker meines Volkes bist; aus allen Sünden hast Du dir Weisheit schöpfen wollen, aber in keiner ein Genüge gefunden, nie wurde das Laster Dir ein Pfuhl, in dem Du versumpftest; Dein ewig reger Geist wandelte durch alle Gestalten und streifte wie die Schlange die Häute von sich. Dein altes Wamms, das Du wieder hervorgesucht, fällt Dir trödelhaft wie Zunder von den Schultern. Du suchst vergeblich nach einem Todtenhemde, der Tod ist Dir nicht bescheert, also häute Dich und sag' mir, welches Gehäuse Dir zusagen möchte, damit Du dich nur verjüngst; der alte Doctormantel macht Dich zum Skandal. In welche Haut willst Du kriechen, alte Blindschleiche? Oder willst Dich in die Erde miniren und den Winterschlaf halten? Grab' Dich nur ein, schlummern wirst Du nicht. Du wirst an den Wurzeln der Bäume nagen und als Maulwurf Hügel aufwerfen. Oder schleich' als Marder in der Welt umher und sauge den Absoluten und Liberalen die Eier aus, falls Dotter darin ist und nicht lauter Wind. Du bist die ewige Vernunft, und die Vernunft ist ewig Siegerin, im Irrthum hat sie nur eine Seite ihrer selber. Wahrheit ist immer in der Welt, sie ist nicht hier oder da, sie ist nicht Dies und Das, sie ist Beides im Fluidum, in der Bewegung in einander; die Dialektik der Welterscheinungen ist die Weltwahrheit. Fasse Muth, Faust, alter Faust, sei kein Kopfhänger, es gibt immer zu thun im Leben, nur sei frühlingsfrisch und wieder jung; kannst Du denn nicht sterben, so mußt Du doch leben, das Mittelding ist sieches Hinwelken. Glaube nicht, Du seiest ein überlebter Sünder, den der Fluch seiner Thaten im Denken und Handeln so centnerschwer belastete! Sieh, ich scheue mich nicht vor Dir und der Miene des Grabes, die Du Dir angekränkelt. Ich habe Ehrfurcht vor Deiner Stirn, wenn auch alle Gebrechen des menschlichen Gedankens wie Wundenmale auf ihr geschrieben stehen; Du hast geirrt, gelitten, gesündigt um unser Aller und um der Wahrheit willen. Ich halte meine Hände vor Dir, komm näher und laß mich Deine welke Lippe küssen; in der meinigen hüpft die Welle der Jugend, bin ich gleich ein fieberhafter Knabe, der im Irrenhause sitzt. Ich bin Dir, alter Ewigkeitsmensch, unendlichen Dank schuldig, daß Du zu mir auf den Mondstein kommst. Die Wahrheit ist aller Orten und aller Enden, nur der Wahnwitz der Menschen klammert sie ein und wirft sie in Rubriken. Vivat der alte Faust im Irrenhause; sei mir gegrüßt, Du alter Überall-und-nirgends; laß mich deinen greisen Scheitel jung küssen, deine weißen Locken kräuseln, komm, o komm an mein Herz!«

Der Altvater Faust fuhr in seltsamer Bewegung an der Wand auf und nieder. Die Phosphorflamme hinter seinem Hirnschädel schlug wie ein Blitz durch seine ganze Gestalt, seine grauen Züge wurden braun und roth wie das Antlitz eines sonnverbrannten kräftigen Mannes, ein Lächeln um die Lippe, ein beseeltes Flimmern im Stern des Auges sprach von der Verjüngung, die wie ein Hauch über sein Wesen gefahren war. Die alte schwarzgraue Doctormütze, die wie eine Nachtkappe zerloddert um die bleiche Stirn saß, schwang er vor mir in die Höhe und schwebte so näher und näher. Aber wie ich mich zu ihm aufrichtete, versagte er mir doch die Lippe zum Kusse; er strich mit der Hand über meine Schläfe und bedeutete mir, ich solle schlummern. Ich fühlte auch den Reiz dazu und sank aufs Lager zurück. Und wie ich mit den Augen zu ihm blinzelte, rauschte die Erscheinung noch heftiger hin und her, der Mond brannte in dunklen Gluten und die metaphysische Nebelkappe, die sich Faust wieder auf die Stirn gedrückt, stand in rother Lohe, sie glänzte wie eine jakobinische Scharlachmütze; mir war's als flatterte auch Mephisto's Hahnenfeder hintenüber. So fuhr der alte Faust durch die Thür von dannen, und ich schlief und träumte weiter.

*

 

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