Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Ferdinand Gustav Kühne >

Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 8
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
Schließen

Navigation:

Den 5. August.

Es ist zu verwundern, daß der Witz noch nicht über die heilige Faustsage hergefallen ist und den mythischen Großpapa des deutschen Geistes, im Widerstreit zwischen altem und modernem Geschmack wunderlich frisirt und ausstaffirt, zum Gespötte der Menge in die Interessen der Tageswelt hineingezogen hat. Der Alte hat wol einen Januskopf, aber keinen Jahnsrock getragen, noch eine tricolore Halsbinde. Mit Hegel'schen Paragraphen hat man ihn einmal gefüttert. Aber mit saintsimonistischen Grundsätzen ausgestopft, könnte er als wandernder Scholar den Freiheitsapostel spielen, die Gemeinschaft der Güter und Weiber predigen und das baare blanke sansculotte Naturrecht gegen die Satzungen des historischen Herkommens proclamiren. Man sucht nach einer neuen Religion, man schreit kindisch nach einem neuen Heiland. Lächerlicher Aufruhr! wollt Ihr denn immer, daß von außen her das Heil zu Euch tritt? Greift an die eigne Brust, im Gedanken habt Ihr Alles, Gott und Teufel, seht nur zu, wie Ihr's schlichtet ohne wahnsinnig zu werden. Wenn's Euch der Faust in Euch nicht sagt, so sagt's Euch Keiner. Wollt Ihr den alten Denker narren und plagen, er wird mürrisch werden, Ihr könnt ihn irre machen an der Zeit, an dem lebenden Geschlecht, an Gottes Macht und des Teufels Dummheit, aber er wird nicht irre werden an sich und Deutschland. Ihr werdet den Alten nicht zu Tode martern, oder habt Ihr ihn ans Kreuz geschlagen und begraben, so steht er am dritten Tage wieder auf von den Todten und fährt – nicht gen Himmel, sondern in die deutsche Haut, er bleibt in Deutschland und ein Deutscher. Die Philosophie wird unter uns nicht aussterben, aber sie kann zur Poesie werden, dann wird sie erst recht Volksthum. Für jetzt ist aber Hegel noch nicht philosophisch widerlegt, noch nicht einmal gedeutet. Das Gold in seinen Bergwerken liegt noch vergraben, von den Schlacken ungesäubert, viel weniger ist es gemünzt. Seine Lehre von der absoluten Offenbarung des Göttlichen in dem Diesseits der Erdenwelt, seine Versöhnung der Wirklichkeit und Wahrheit, sein Sieg über Mysticismus und Rationalismus, über Pantheismus und creatürliche Ichheit sind eine Basis geworden, aus welcher die Weltgeschichte des menschlichen Geistes fußt. Hegel's System ist ein Nervensystem seiner Zeit, er hat die Blutströmungen im Körper seines Jahrhunderts katechisirt. Den Katechismus könnt Ihr zerschlagen, aber den Gehalt seiner Sätze nicht, denn die Sätze sind Umschwungsgesetze der Jetztwelt, die er fand, nicht machte; er war nur Gesetz geber, indem er die Geheimschrift des geistigen Lebens entdeckte. Die Götzenbilder am Tempel können wir zerschlagen, aber den Gott nicht tödten, denn der Gott ist die Ewigkeit im Vergänglichen. Hegel's Gott ist kein jenseitiger, abstracter, todter Gott, und darum ist diese Lehre kein philosophischer Absolutismus; sein Gott ist auch nicht die saintsimonistische Gott-Materie, Hegel's Gott ist nicht Jehova und nicht Weltgeist, nicht Großvater im Himmelsstuhl und nicht ruhiges Sein im Stoffe der Welt, Hegel's Gott ist weder Jenes noch Dieses, sondern das Ineinandergreifen von Beidem, die Betätigung des Einen im Andern, das verschmelzende Leben Beider, sein Gott ist die absolute Bewegung, die ewig strömende Immanenz des Geistes im Stoffe. Er nennt es die Wahrheit, aber die Wahrheit ist unser Gott. Hegel's Dialektik ist das tiefste Geheimniß und die lauteste Offenbarung des Weltprocesses; sie ist so verzehrend, so skeptisch und so wahr wie die Weltgeschichte, die sich auch nur durch Negationen affirmirt, nur in aufgelösten Dissonanzen ihre Harmonie findet. Es gehört ein Römersinn dazu, um von der Größe dieser Weltanschauung nicht erdrückt zu werden. Daß Hegel's System so aussieht wie ein steinernes Beinhaus, wo alle Potenzen des Lebens wie eingesargt liegen, ist freilich des Baumeisters Schuld; sein Genius konnte nur groteske Kirchenwände, kolossale Gewölbe errichten; aber es ist noch weit mehr die Schuld der Zeit. Es hatte ihm Niemand in die Hände gearbeitet, und nun können sie ihm auch nicht aus den Händen, was er bietet, herausarbeiten; er stand lange Zeit unendlich einsam da, deshalb hielt er Alles, was er gefaßt, so zusammengedrückt, zusammengeballt, und die nervige Faust wurde starr und unregsam. So ist's denn wirklich ein Labyrinth geworden, was er als System hinstellte, die großartigste Ruine des deutschen Denkens, aus der der Athem mit dem letzten Hauche des Meisters entwich. Es wird Niemand mehr so universell das Ganze beherrschen, Niemand mit einem einzigen Blicke die tausend Gänge und Schachten des gesammten Wissens durchdringen, den Ariadnefaden wird man nicht mehr aufnehmen. Vielleicht bedarf es dessen auch nicht. Den Minotaur hat der moderne Theseus selbst getödtet, nur daß ihn die Hand der Liebe nicht so sanft und treu wie den alten Helden leitete.

*

 

 << Kapitel 7  Kapitel 9 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.