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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 7
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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Soeben besuchte mich der Arzt, kurz nachdem ich die Briefe ihm zugeschickt. Er fand mich erschöpft und rieth mir, noch einige Stunden im Bette zu ruhen.

»Sie haben an Ihren Oheim geschrieben,« sagte er freundlich, »nun, das ist recht, man muß die Verbindung mit Menschen, die uns lieben, in keinem Verhältniß aufgeben. Je mehr man sich in die Gemeinschaft mit Menschen hineinlebt, desto mehr wird man selbst Mensch. Ich habe ihre beiden Briefe nach Welmar abgehen lassen.«

»Beide? warum beide nach Welmar?« fragte ich, »der eine hatte eine andere Adresse.«

»Ihr Herr Oheim wünschte es so,« war die Antwort.

»Wie? weiß er denn um meinen Aufenthalt auf dem Mondstein?«

»Ich setzte ihn schon früher davon in Kenntniß.«

»Da werden Sie mich ihm im rechten Lichte gezeigt haben,« sagte ich bitter; »hätten Sie doch lieber auf die Briefe geschrieben: Angelegenheiten eines Tollhäuslers. Und wenn ich das Vernünftigste von der Welt schrieb, unter diesem Stempel würde es für inficirt gelten. O mein Herr, beten Sie zu Gott um Aufklärung Ihrer dunklen Gehirnkammer, ich muß anfangen, nicht Ihren guten Willen, aber die Vollrichtigkeit Ihrer fünf Sinne zu bezweifeln. Ist es Ihnen in der Praxis noch nicht vorgekommen, daß Sie einen zum Narren machten, weil Sie ihn als solchen brandmarkten, so wird Ihnen dieser Fall an mir geboten werden. Und wozu dieser Ihr Briefwechsel mit dem Onkel? Sie schreiben ihm baar und blank, ich sei toll: wird er's nicht glauben müssen? Soll ich einmal für wahnsinnig gelten, so schwöre ich Ihnen zu, in meiner Tollheit ist doch noch Methode, wie es von Hamlet hieß; Sie aber sind in Ihrem Benehmen, in Ihren Maßregeln so confuse, daß ich meine Langmuth nicht begreife, die ich mit Ihnen habe. Können Sie es denn nicht fassen, daß, wenn Sie in alle Welt ausposaunen, der Mensch ist toll, Sie mich völlig toll machen. Bewundern Sie die Festigkeit meines Gehirns, wenn ich's noch nicht geworden bin!«

Ich hatte mich aufs Bett geworfen und klapperte halb vor Ärger, halb vor Frost mit den Kinnladen.

»Wenn nur erst diese Heftigkeit Ihres Temperaments nachließe!« seufzte der Kleine und setzte sich zu mir aufs Lager. »Sie regen sich unnöthig auf; wer will solche Grenze ziehen zwischen Vernünftigkeit und Unvernunft, zwischen Gesundheit und Krankheit! Sammeln Sie sich geistig und körperlich, und Sie sind gesund und dürfen entlassen werden, selbst wenn Sie nie die Überzeugung erlangt hätten, daß in Ihrem Gemüthe sich kleine Unordnungen vorfanden. Mir sind Patienten oft genug vorgekommen, die mich für den verrücktesten Menschen auf Gottes Erdboden hielten und nie begriffen, warum man so grausam gegen sie sein konnte. Nur Ruhe, mein Lieber, innere und äußere Ruhe, damit sich das nervöse Fieber nicht wieder einstellt. Sind Sie erst physisch wieder in Ordnung, erkläre ich Sie auch innerlich für geheilt.«

Das war nun wieder so gut und verständig gesprochen, daß ich dem Manne nicht weiter gram sein konnte. Es liegt zuviel Klugheit, Sorgsamkeit und liebevolle Güte in seinem Wesen, um ihn für einen Charlatan zu halten, der sich unnöthig eine Cur macht. – Es muß – es muß in meiner Seele ein stiller Lauerwinkel sein, wo etwas Unheimliches nistet, ich habe es nur noch nicht auffinden können. Ich will mich prüfen, will in mich gehen, um die wunde Stelle meines innern Menschen zu entdecken. Habe ich denn in der Geschichte meiner Seele nicht Schmerzliches genug erlebt, das mich hätte wahnsinnig machen können, weil mein Gemüth über allem schwer wurde und wie Blei lastete? Habe ich nicht über Probleme gebrütet, die Niemand oder nur der Wahnsinn löst? Habe ich nicht lange Zeit mich alles frischen Lebensgehaltes entschlagen, um Schattengespenstern nachzulaufen, die die Philosophie für das Wesenhafte der Dinge hält? Von all dem nur Eines festgehalten und fixirt, von diesen metaphysischen und fatalistischen Mahlzeiten nur eine einzige unverdaut, – und der Wahnsinn nagt aus Verlegenheit an seinen Fingerspitzen, weil er nicht mehr ein und aus weiß und die Welt aus ihren Fugen tritt oder mit Bretern zugenagelt ist. Nein, ich will den kleinen Doctor nicht weiter schelten, er sieht oder ahnt weiter als ich; wer kann wissen, wo es mir im Geheimen sitzt. »Den Wahnwitz merkt das Völkchen nie, und wenn er es beim Kragen hätte!« Es laufen viele Schwindler im Leben umher, die wohl thäten, wenn sie sich selbst die Zwangsjacke anzögen, ehe sie ihnen angelegt würde. Die geistige Cultur unsrer Zeit ist so mit Dampfapparaten in die Höhe getrieben, daß mehr Wahnsinn in der Welt herrscht als man denken sollte und nach dem System der speculativen Vernunft, Wirklichkeit zu denken gestattet ist. Und eben dies Denken und Denken-Sollen ist es, an dem wir Deutschen einen Narren gegessen haben, um nicht gefressen zu sagen. Andere Nationen werfen sich auf reelle Stoffe, und ihre Narrheit wird von dem Materiellen bezwungen. Die Natur und die Macht gegebener Facta halten den wahnsinnigen Geist gebunden. Andere Völker fuhren übers Wasser und entdeckten neue Welten und steuern nächstens durch die Luft, oder sie erfanden Eisenbahnen und haben Dampfmaschinen; ihr ganzes Tichten und Trachten, ihr ganzer Geistesvorrath verzehrt sich in der Sorge für die Bedingungen und Bedürfnisse des äußern Daseins im Staat und in der Gesellschaft. Wir Deutschen haben alle jene Elemente in unserm Denken; wir finden Wasser, Luft, hartes steriles Eisen und blauen Dampf in unserm Philosophiren. Wässerige Moralsysteme, luftige Naturspeculationen, eisenharte Begriffsbestimmungen und qualmige Theorien, das waren so unsere Leiden und Freuden im Kleinen seit Generationen. Und wenn wir das kleine Terrain verlassen und das gigantische Ringen der großen Denker betrachten, so erwächst unsere winzige Narrheit zu einem dämonischen Wahnsinn, der die Sonne des Erdenlebens wie eine Wolke überschattet. Ist die ganze speculative Richtung der deutschen Philosophie, das Absolute, das doch nie vollauf und ganz herausgeschält aus dem Schooße Gottes in die Erscheinung tritt, in seiner ewigen Construction vom Anfange bis zum Ende der Welt, begreifen zu wollen, nicht ein Überheben der Creatur über sich selbst, nicht eine titanische Himmelstürmerei? Warum hat man den Faust noch nicht so dargestellt, daß sein grübelnder Verstand sich bis zum Wahnsinn verzehrt? Vielleicht erträgt das deutsche Gemüth es nicht, sich selbst im Wahnsinne, der es still und leise wie ein Iltis beschlichen, keck und grell hingestellt zu sehen! Vielleicht darf der deutsche Nachtwandler sich nicht selbst erblicken, nicht bei seinem Namen angerufen werden. – Faust greift mit der deutschen Faust seines verwegenen Denkens in die Urnacht der Dinge, wo eine bodenlose Tiefe anhebt, die ihn schwindeln macht. In dieser Betäubung, die mit Wahnsinnssittichen seine Stirn umflattert, könnte er noch viel verlachen von den Geheimnissen der ewigen Ordnung; im Hinübersteigen aus der Sphäre des Einzellebens in das allgemeine Geisterreich, auf dieser schwankenden Brücke zwischen individuellem, beschränktem Bewußtsein und gänzlicher Auflösung des endlichen Verstandes, müßten die lichten Urgestalten des göttlichen Daseins noch einige Sonnenstreifen in seine Seele werfen und ihn dann für ewig vernichten. Mit dem Ergreifen eines göttlichen Gedankens müßte Faust plötzlich umdunkelt werden, wie Jupiter's Geliebte erblindete, als sie den Gott geschaut in seiner Wesenheit: dann wäre Faust zu Ende gedichtet, wir wüßten, daß mit dem Auslöschen des endlichen Lichtes das Urlicht mit dem blendenden Strahlenglanz aufflammt, wie die Nachtlampe des einsiedlerischen Forschers bleich zusammensinkt, wenn die Morgensonne durchs Fenster steigt. In dem Momente, wo der Wahnsinn ihn überfällt, müßte Faust das Tiefste noch erschauen und sagen und dann für ewig von geistigem Dunkel umhüllt werden.

Faust's Ende ließe sich auch noch in anderer Weise denken. Ich hatte einmal den Plan entworfen, ihn als einen Mann darzustellen, der sitzt und sinnt und sich starr und todt grübelt. Die Farben des Lebens erbleichen vor ihm, die Gestalten laufen irre in einander, das Einzelne erlischt vor seinen Augen im Reiche des Allgemeinen. Alle Körperlichkeit um ihn zerfällt in Asche, die Bücher, über denen er brütet, der Tisch, an dem er studirt, Alles um ihn und an ihm ist als mürber Staub zusammengesunken. Seine Kleider liegen verzundet neben ihm, nur sein langes Haar umhüllt weit herunter die entblößten Glieder. Mit seinen ellenlang gewachsenen Nägeln klammert er sich am Erdreich fest. So sitzt, so sinnt und grübelt er starr und fest, während alle Vegetation der Natur ihn überwächst mit Stauden und Gesträuchern. Und die kommenden Geschlechter, die die verödete Stätte in der Wildniß wieder aufsuchen, wo der Ahnherr seine Wohnung vor Jahrhunderten aufschlug, finden einen versteinerten Mann an ihm. Seine forschende Miene ist noch dieselbe, aber von Stein; sein nach der Tiefe gewendetes Auge, die Brust, die eine Begeisterung für das Höchste, das Heiligste durchglühte, Alles ist kalter und todter Stein, der ganze deutsche Mann ein Anthropolith. Ach, ach! wir müssen entweder den Faust in uns sterben lassen oder wir werden mit ihm zu Stein. Die jüngste Generation der Deutschen hat sich gegen sich selbst empört und die Geißel der Satire über ihr eigenes Haupt geschwungen. Man hat die Pedanterie, das Philisterthum der Deutschen, ihr »bedientenmäßiges« Naturell gescholten und an den Pranger gestellt. Man hat den alten Nicolai, der im deutschen Leben auch nie aussterben will, in seinem fortwährenden Seelenwandel unter uns gehöhnt und geschlagen. Ach! damit ist's nicht abgethan, nur halb gethan. Solange man den Faust in uns nicht ertödtet, hat man den Nerv des Unheils nicht erfaßt. Börne's diabolische Ruthenstreiche haben nur die Oberfläche des deutschen Wesens getroffen, die stillen, bleichen Wangen hat er uns zerfleischt, den duldsamen, eselhaften Rücken hat er uns zerbläut; wer hat uns aber das Herz im Innersten umgewendet, das dunkle metaphysisch verwachsene Herz mit seiner Sucht, sich einzuspinnen in eitel Spinngewebe? wer hat das Faust'sche Gelüst in uns zerstört? das speculative Brüten über die Geheimnisse Gottes uns verleidet? – Der alte Faust lebt noch, er geht noch um am lichten Tage in der deutschen Geisteswelt. Das Hegel'sche System, dies labyrinthische Gebäu mit den tausend Kammern, ein Werk des deutschen Fleißes, das die ägyptische Architektur hinter sich läßt, von dem aber die Sonne der griechischen Schönheit ihr Auge abwendet, – das ist das neueste Stück Arbeit vom alten Faust. Ist er nicht steinern geworden, er wie sein Werk, denn seine Werke und er sind eins –? Er trägt ja wol alle Schätze des Himmels in seiner weiten tiefen Brust, es stehen ja wol die Räthsel der Jenseitswelt auf seiner Stirn gelöst? Und doch klammert er sich mit den langgewachsenen Nägeln am Erdreich und an der Wirklichkeit fest wie der steinerne Mann, der alte anthropolithische Faust!

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