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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 5
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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Den 3. August.

– – Ich bin so vernünftig wie irgend ein Mensch, – oder soll ich sagen: wie kein Mensch? – In Berlin gab es vor Jahren einen Vogelhändler, ein gemüthlich possierliches Kerlchen, der sich ein Geschäft daraus machte, Zeisige zu zähmen, sodaß sie sich selbst ihre Nahrung im Käfig heraufwanden. »Kaufen der Herr einen Zeisig, so vernünftig wie kein Mensch!« sagte der närrische Mann an den Straßenecken und lächelte so pfiffig, als ob er es ernstlich meinte.

Mein Arzt hält mich ernstlich für wahnsinnig, für so vernünftig wie kein Mensch. Er wich meinen Fragen auf gescheite Weise aus, aber jetzt bin ich überzeugt, schon mein lebhaftes Demonstriren, daß ich nicht von Sinnen sei, ist ihm verdächtig vorgekommen. Ich habe zu viel beweisen wollen und habe nichts bewiesen. Der Mensch sollte vielleicht überhaupt nicht so viel räsonniren über Alles was geschieht. Die Völker zumal sollten alles stiller über sich ergehen lassen, dann würden sie weit eher als volljährig erklärt werden, nämlich als volljährige, alt und stumpf gewordene Knechte; wenn sie sich den Mund stopften oder stopfen ließen, würde man sie eher für mündig erklären!

Ich habe gegen den Doctor zu leidenschaftlich meine Mündigkeit vertheidigt, die bedächtige Sicherheit seines Benehmens hatte mich nicht erbittern sollen! Es war von je mein Fehler, zu leidenschaftlich heiß zu sein, sodaß ich Momente für absolute Kälte zum Gegensatze nöthig hatte. In mein Tagebuch schrieb ich einmal: Fühle so glühend wie du willst, aber zeige dich stets so, als wärest du nur mäßig erwärmt! Der Satz enthält eine Diplomatenweisheit, bei der man friert, aber ich lerne es begreifen, ich hätte den defensorischen Eifer zügeln, mich in die Vorschriften des Arztes fügen, auf seine Überzeugung eingehen sollen, um mir unter seiner Behandlung den Schein eines nach und nach Genesenden zu geben. Ich sprach von meiner gesunden Vernunft wie ein Volk, das plötzlich emancipirt sein will. Grade das Drängende der Überzeugung duldet man nicht. Ich habe thöriger Weise einen großen Vortheil aus der Hand gegeben und mir selbst die Macht genommen, die ein Kranker über den Arzt gewinnt, wenn er auf dessen Curmethode eingeht. Der Patient kann den Arzt mehr regieren, als dieser jenen. Ich habe es dumm angefangen, ich muß suchen, es wieder gut zu machen. So lange ich selbst nicht an mir irre werde,bin ichs nicht. Victoria! –

Heute ist der Geburtstag meines Königs. Vivat! aus meiner ganzen Seele: Vivat! Fern vom Vaterlande, von meinem speziellen nämlich, – denn jeder Deutsche hat zwei Vaterländer, ein generelles und ein specielles, – ein ideelles und ein reelles, Deutschland als Vaterland ist eine Fiction, Preußen etwas Reelles und reell, fern von der Heimat, aus dem Bereiche der lichten Sonne der vernünftigen Welt ausgestoßen, im Narrenkäfig gefangengehalten, unter wahnsinnigen Larven die einzige preußische Brust, hört mich hier Niemand Vivat rufen. Und wenn ich hier Kanonendonner losließe, man würde mir meinen Patriotismus verdächtigen und achselzuckend sagen: Patriotismus im Narren! – Narr im Patriotismus! möchte ich aber ausschreien in die weite Welt und würde damit zwei Patrioten meinen, die von einem Hyperpatriotismus wie besessen sind. Der eine ist ein sehr wundersames Haus, ein Professor von Profession, dessen preußischer Patriotismus so weit geht, daß er seiner Gesinnung nach sogar ein russisch-preußischer Patriot ist. Der Mann ist ein Ehrenmann, aber ein Phantast; Viele sagen, er sei still-toll. Das kommt vom überspannten Idealismus des Patriotismus. Und der Staat erkennt diesen Patriotismus gar nicht an; dieser Mann lebt verkümmert und verblüfft wie ein Maulwurf. Schreckliches Loos des Patriotismus! Der andere Patriot, den ich meine, stellt uns das Extrem des Materialismus auf im Patrioten. Dies ist ein steifer Haudegen aus den Befreiungskriegen. Er zieht eine kleine Pension, weil er bei Leipzig in den Fuß geschossen wurde; ein buschiger Knebelbart bedeckt eine weite Schmarre über der Oberlippe. Er ist zu nichts zu gebrauchen als zum Patriotismus; er liegt auf der Bärenhaut in Tabagien, spricht vom Kriegsdonner bei Quatrebras und dampft seine Pfeife. Sein patriotischer Qualm riecht noch übler als sein Knaster. Dabei beweist er Euch, daß Blücher der größte Politiker war, denn wenn es nach dessen Gutachten gegangen wäre, so wären die Franzosen geviertheilt, nämlich Frankreich wäre in vier Reiche getheilt und die vier Könige, die man eingesetzt hätte vom alten Bourbonenstamm, hätte man besser lenken können als einen einzigen König aller Franzosen. Von seinem eignen König weiß er nur, daß er unter ihm in Paris eingerückt ist und ein Jahrgehalt von ihm zieht. Hurrah und Heil Dir im Siegerkranz ist der Refrain in seinen Reden. Will man ihn aber näher kennen lernen, so muß man ihn belauschen, wenn er am ersten Tage des Monats von der Militairkasse kommt, zu Hause vor den Nachbarsleuten die harten preußischen Thaler auspackt, das Gepräge mit einem wollenen Tuche blank reibt, die silbernen Könige nach der Jahreszahl der Präge in Reih' und Glied stellt und aller Welt zuschwört, er liebe seinen König von 1814, 1824 und 1834 gleich stark, sein König gelte ihm immer gleich viel. So ein Spitzbube ist dieser Patriot! Die Zahl seiner Brüder und Gleichgesinnten ist Legion. Pereat solcher Patriotismus! – Es gibt aber einen Patriotismus, der huldigt der Persönlichkeit des Monarchen und lebt in der Idee, die der Staat welthistorisch dermaleinst in der Wirklichkeit zu erfüllen berufen ist. Das ist der stille, der echte Patriotismus.

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