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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 32
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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Drei Tage später.

Mein Oheim ist nicht mehr unter den Lebenden. Gestern Abend verschied er in einer lichten Stunde, mit vollem Bewußtsein, mit aller Seelenruhe in meinen Armen. Noch in der ersten Nacht meines Hierseins fuhr ich nach seinem Landhause, das ich bis heute früh nicht verließ. Ich wußte Clementinen in besten Händen, mithin konnte ich dem Bruder meiner Mutter die wenigen, ihm noch gegönnten Tage widmen und durch das Bewußtsein, ihm hülfreich zur Seite zu stehen, mir selbst genügen, falls ich ihm nicht zu nützen vermochte.

Das Landhaus des Onkels liegt oberhalb des Städtchens an dem Bache, der Isebüttel durchfließt. Es war dunkel, als ich ankam; finstere Wolken verhüllten den Mondhimmel. Im Gebäude war es um so heller. Die Fenster leuchteten grell in die Nacht hinein. Im geschmückten Saale wandelte die Gestalt des Greises im Ministerornate stolz einher. Er hatte gegen den Befehl des Arztes die Nacht in Tag um sich verwandelt; die Diener standen an den Wänden in Gala und in ehrfurchtgebietender Stellung, wenngleich auf den Wink des alten vorsorglichen Reitknechts jeden Augenblick bereit, den gestrengen Herrn zu behüten, dessen Pantomime ihnen verdächtig genug erscheinen mochte. Der Unglückliche durfte nicht meine Nähe wissen, ich bezog ein Stübchen im Nebengebäude, der alte Anton hinterbrachte mir stündlich, wie der Oheim sich befand. Am zweiten Tage trat wieder die Tobsucht ein; man hatte Mühe, die physische Übergewalt des Patienten zu bändigen. Ich litt in meinem Versteck die entsetzlichste Pein. Den Leiden des Mannes so nahe und doch zur Unthätigkeit verdammt zu sein, war eine folternde Strafe. Indessen billigte der herzogliche Leibarzt, der täglich mehrmals aus Isebüttel heraufkam, meine Absicht, in einem lichten Augenblicke vor den Kranken zu treten und immerfort zu diesem Momente bereit zu stehen. Dem letzten Anfall erlagen die Kräfte des Greises, ein tödtliches Ermatten erfolgte auf den tobenden Aufruhr der inneren Zerstörung, und ein mildes Licht von ruhiger Besinnung war ihm noch vergönnt, eh' er den Schauplatz vielfacher Leiden verlassen sollte.

Der Arzt wußte, daß mein Oheim gegen mich einen fortwährenden Groll gehegt hatte; es schien ihm selbst räthlich, ihn auf mein Erscheinen vorzubereiten. So trat ich zagend ins Zimmer und wagte mich nur langsam näher. Drückte mich doch jetzt der Vorwurf, nichts gethan zu haben, um eine Versöhnung zwischen ihm und mir herbeizuführen, noch ehe der Argwohn des Mannes sich zu dem Gipfel steigerte, mich für das Tollhaus oder für das Gefängniß reif zu halten. Man bedenkt im Leben nicht, wie flüchtig das Leben, selbst ist; man vergeudet die Minuten, man zählt nicht die Pulse seiner nächsten Menschen, an die uns Neigung, Gewohnheit oder die Blutsverwandtschaft fesselt. Die Spanne der Erdenzeit ist so karg gemessen, aber im Tumulte der Wünsche, Pläne, Hoffnungen und Leidenschaften lauschen wir nicht darauf, wie leicht ein theures Herz seinem letzten Schlage entgegenpocht.

Es war eine Abendstunde, als ich vor den Oheim trat. Eine matte Beleuchtung zeigte mir das Antlitz des sterbenden Greises im friedlichsten Schimmer. Seine Züge waren tief gefurcht, sein Auge lag hohl. Trotzdem war er mir nie im Leben so liebenswürdig sanft erschienen; seine sonst so bitterstolze Lippe war mild zusammengesunken, sein Blick trachtete Höherem nach als der finstern Leidenschaft des Gemüthes, die seine letzten Lebensjahre erfüllte; es schien fast eine leise Röthe über den Wangen des Greises zu schweben, es war das Morgenroth des Todes.

»Mein Neffe!« sagte er mit matter Stimme, als ich mich über ihn bog, indem er die Hand zu mir erheben wollte, ohne daß er's vermochte. »Mein Sohn! ich habe Dir wehe gethan, ich habe Deinen gutartigen Leichtsinn verkannt; Du bist wol nicht so böse, als Du mir erschienst. Für ein Werk finsterer Mächte hielt ich, was wol nur lärmende Bewegung übermüthiger Laune war. Es gehörte zur Krankheit meines Gehirns, meine Zeitgenossen für krank zu nehmen. Ich thue Abbitte bei Dir, Du wirst mir nicht gram sein. Wir leben in einer Zeit, wo sich Kind und Greis nicht mehr befreunden mögen. Es ist der Fluch ermatteter Zeitalter, die hüpfende und übersprudelnde Welle des jugendlichen Lebens Tollheit zu schelten. Dem getrübten Greise fehlt die Zuversicht zu einem Frühling, dessen Blüten zu genießen ihm nicht mehr vergönnt ist. So tobt er noch mit letzter Lebenskraft gegen die junge Saat, und die junge Saat wuchert, aus Erbitterung gegen die entzogene Gunst, jäh und heiß wie Unkraut auf. Die Jugend übereilt sich und hat dann selbst unter sich zu jäten, um das Schlechte vom Guten zu sondern. Was Du auch säen wirst mit jugendlich kecker Hand, mein Sohn, laß Dich durch den Haß, mit dem die ältern Deiner Zeitgenossen Dich verfolgen, nicht insoweit verleiten, daß Du, in Verzweiflung an ruhiger Entwickelung Deiner Zeit und Deines eignen innern Menschen, allzu verwegen Alles in die Schanze schlägst, um entweder Alles oder Nichts zu erobern. Sei behutsam, verständig, sei still bedachtsam in Deinem Eifer – ich sehe es heller dämmern – es kommen schönere Tage, als ich sie sah, Tage des freiesten Glückes – sonnige Bergesluft – allgemeinste Rührigkeit unter allen Völkern in frischem, gesundem Athemzuge – eine glänzende Heiterkeit wie ein Saum voll Sternenlicht – ja – ja – Ihr Deutschen seid eine große Nation, nur müßt Ihr es mit keuscher Liebe – unschuldig – zu empfangen trachten, was die Gottheit Euch noch beschieden. Mein Leben war kalt und dunkel – aber jetzt – o der Frühlingshauch! – o die Leuchte dort – zu hell für mein müdes Auge! Mein Sohn – lösche mir die schimmernde Kerze aus – sie blendet mich – ah!«

Ein leises Beben flog mir durch die Seele; mein Oheim war nicht mehr. Der getreue Anton, der weinend neben mir stand, löschte die nächste Kerze aus, – er hatte die Worte des Sterbenden mißverstanden. Ein anderes Licht war dem Todten vor die Augen seines Geistes gestiegen: eine heilige Sonne ewigen Glanzes. Ich war von der Göttlichkeit der menschlichen Seele nach unserem leiblichen Tode allgewaltig überzeugt. Eine wohlthätige Erschütterung kräftigt und erwärmte mein Inneres. Dieser sterbende Mann wurde im Tode zum Propheten. Ich glaube an eine schöne Zukunft des Erdenlebens; die Menschheit geht einer großen Frühlingszeit entgegen.

*

 

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