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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 31
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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Isebüttel.

Die Episode meines Lebens neigt sich jetzt zu ihrem Ende. Ich werde bald mit dem neuen Adam, den ich anzog, wieder hineintreten ins alte Leben, – und Derselbe sein, der ich war, nur geläutert durch das Feuer innerer Mühsal und Schmerzen. Hier in Isebüttel schließe ich mein Tagebuch.

Der Morgen war schon herangebrochen, als ich Welmar verließ. Ich war mit dem alten Gabriel, der nebst dem Gardelieutenant und mir den Polinnen die letzte Ehre erwies, nach dem Gasthofe zur Stadt Petersburg zurückgefahren, sobald wir die Todten still beigesetzt und den Liebesdienst beendet hatten. Vor dem Thore noch verließ uns Römerchen auf der Rückkehr von den Kirchhöfen. Er stieg ab und schlich auf einem Seitenwege nach seinem Wachhause zurück. In den grauen Mantel gehüllt, die Mütze über den Kopf gestülpt, wird er unerkannt auf seinem Wachposten wieder angelangt sein. Es regnete noch immer stark. Die Nacht wird ihn auf ihrem feuchten Fittich sicher heimgeführt haben. Wir schieden mit aller Versöhnung voneinander, das schien uns Beiden die beste Todtenfeier. Im Hôtel entwarf ich einen kurzen Bericht an die Behörde und proponirte, das hinterlassene Eigenthum der Frau Miaska dem alten Gabriel zuzustellen. Da ich selbst das Begräbniß aus eignen Mitteln veranstaltet hatte, konnte mir wol eine Verfügung dieser Art erlaubt sein.

Auf der Rückfahrt hatte mir der Lieutenant noch Mancherlei über meinen Oheim mitgetheilt, das mir den Zustand des unglücklichen Greises klar vor Augen stellte. Von seinem frühern Leben war mir durch entferntere Glieder seiner Familie schon Vieles zu Ohren gekommen, das den Mann hinlänglich bezeichnete. Er war in seiner Jugend ein ausgelassener Freiheitsschwindler gewesen, hatte die große Revolutionsepoche in Frankreich selbst erlebt und namentlich in Strasburg und Mainz um die Freiheitsbäume mit einem schwärmenden Eifer getanzt, zu dem sein späterer Ultraroyalismus das entsprechende Gegenextrem wurde. Politische Händel, demagogische Umtriebe und Reisen im Interesse einer jacobinischen Propaganda füllten einen großen Theil seines Lebens, bis er, dieses wirren Treibens überdrüssig, mit einem Male alle seine Pläne aufgab und von den bisherigen Verbrüderungen, für die er sein Familienglück und nicht selten seinen Kopf aufs Spiel gesetzt, sich förmlich lossagte. Eine Neigung zur Tochter des b..schen Gesandten, der in Welmar residirte, führte ihn dorthin und machte eine Umänderung seines ganzen Wesens um so schneller möglich, als sich die zährenden Stoffe seiner jugendlichen Exaltation bereits völlig aufgezehrt hatten. Mein Onkel wurde glücklicher Familienvater und trat als Diplomat in Dienste. Er hatte bald Gelegenheit, seinem Fürsten Proben seines Talentes und seines Eifers abzulegen. Männer wie er brauchte der Geist der Zeit. Seit 1819 schien man ihrer zu bedürfen, ihre Hülfe war unentbehrlich, und hatte man sich einmal von der gesicherten Umänderung ihrer Gesinnung überzeugt, so wurden sie die wichtigsten Männer in jenen Staaten, die seit dem genannten Jahre eine Reaction erzielten. Mein Oheim war bei der Bundesbehörde thätig, welche man in Folge der That Sand's und des Angriffs auf das Leben des Präsidenten Ibell in Mainz zusammenberief. Nach dem Tode seines Fürsten war das Ansehen des Mannes schon zu bedeutend, um ihn zu beseitigen, obwol er sich der Gunst des jüngern Herzogs nicht in gleichem Maße zu erfreuen hatte. Er war unterdessen Witwer geworden, hatte eine Schar blühender Kinder zur Gruft begleitet, sein Gemüth war durch vielfaches persönliches Weh gebeugt und verfinstert. Physisches Leiden kam hinzu, um jenen argwöhnisch harten Mann aus ihm zu machen, der sich mit dem Geiste der Zeit verfeindete. Seit der Julirevolution sah man den Präsidenten wie von dämonischen Gewalten gepeinigt, die ganze Welt schien in Aufruhr gegen sein Monarchenthum, er glaubte von lauter heimlichen Demagogen umgeben zu sein. Seine körperlichen Krankheitsanfälle häuften sich und halfen mit, seinen Geist zu umdunkeln. So war ich in meiner ungebundenen Stellung zur Gesellschaft vorzüglicher Gegenstand seines Hasses; hinter meinem Verhältniß zu Victorinen, das rein menschlich und in künstlerischem Interesse sich anknüpfte, wähnte er politische Bezüge. Allein ich erschien ihm mehr toll als verbrecherisch. Meine rücksichtslose Laune gegen seinen finstern Absolutismus, in dem ich zu wenig die kränklichen Beweggründe schonte, nahm er für Anlage zur Seelenstörung, und es war seltsam, daß er vor dem völligen Ausbruche seines eigenen Wahnsinns Alles, was ihm sonst als demagogischer Gährungsstoff erschien, für Verrücktheit hielt. Seine Geisteskrankheit witterte er selbst zuvor an Andern. So waren die vielen Verhaftungen, die in Welmar erfolgten, und die man für politische Maßregeln ansah, längst schon nur Folgen seiner innern Zerrüttung. So wurde es möglich, daß ich dem Mondstein durch einen Präsidialbefehl überliefert wurde. Überall Wahnwitz aufzuspüren, gehörte zur Modekrankheit im kleinen Staate, und Römerchen's Aussage über Victorinen bestätigte den Oheim nicht wenig in dem Argwohn, auch an Victorinen den Hang zur politischen Intrigue im Irrenhause curiren zu lassen. Hieraus hat sich denn all' das beklagenswerthe Unheil entwickelt, das mich in so kurzer Zeit so heftig erschütterte!

Kurz nach Victorinens Verhaftung mischte sich endlich der junge Herzog in den Gang der Dinge; er war entschlossen, der Willkür des Präsidialministers Grenzen zu stecken. Man hoffte, den Greis auf eine milde Weise von den Geschäften entfernen zu können; der Fürst mochte gegen den Freund seines verstorbenen Vaters nicht hart verfahren. Allein der Präsident war zu lange gewohnt, den Herrn zu spielen im kleinen Staate; er suchte jetzt, von aller gesunden Besonnenheit verlassen, auch gegen den Herzog sein Ansehen geltend zu machen. In einer Audienz kam es denn zum endlichen Bruch. Der Präsident war toll genug, den souverainen Gebieter der Demagogie zu zeihen; er bediente sich der beliebten Jarcke'schen Redensart, daß es schrecklich sei, wenn sich die Revolution selbst der Throne zu bemächtigen anfange; er appellirte von dem Urtheilsspruch des Fürsten an den ideellen Herrscher in der Person des Herzogs. Völlig zerrüttet sah man den alten Präsidenten das Schloß verlassen. Er taumelte sinnlos durch die Gassen Welmars, man trug ihn nach Hause, sein geistiger Zustand brach bald in eine förmliche Tollwuth aus. Auf seinem Landhause bei Isebüttel soll ich nun den armen Oheim finden.

Es war nach sechs Uhr Abends, als ich in dem Städtchen ankam. Das Erste, das mir als bedeutsam in die Augen fiel, war der Schauspielzettel am Thorpfeiler. Mozart's Don Juan war angekündigt. Mit großen Buchstaben stand unter dem Personenverzeichniß: »Fräulein Weißschuh – Donna Elvira – als Gastrolle.« Bravo, dachte ich, so wird doch hier Alles in Richtigkeit sein, das vom Mondstein geflüchtete Künstlerpaar wird sich mit Hülfe des jungen Medicus glücklich ins vernünftige Leben hineingerettet haben!

Ich stieg im Gasthofe ab und eilte nach dem kleinen Sommertheater in der Au. Die Oper hatte schon begonnen, zu weitern Erkundigungen nahm ich mir nicht Zeit. Auf dem Gange zum Parterre kam mir Jemand laufend in den Wurf, der mir bekannt war. Die Lampen brannten dunkel, aber ich hielt ihn fest; es war Philipp. »Seid mir gegrüßt, Kinder! wie geht's Euch? und sie singt, Elvira singt?« rief ich ihm entgegen und umfaßte den Freund mit beiden Händen.

»Lieber Himmel! sind Sie's? warum so spät?« sagte er mit Mühe, denn er schien es höchst eilig zu haben, er wollte auf die Bühne.

»Wir sind hier glücklich angekommen, wie Sie sehen,« erzählte er auf meine dringenden Fragen. »Mein erster Gang war mit Clementinen zum Theaterdirector, der sehr erfreut war, die Sängerin wiederzusehen; er kannte sie genau von früher her. Seine Proposition, sofort die Elvira in dem neu einstudirten Don Juan zu übernehmen, da das für diese Partie bestimmte weibliche Subject der Rolle nicht eben gewachsen sei, erschien Clementinen außerordentlich erwünscht. Vergebens war meine Widerrede, sie müsse sich erst erholen, man solle sich nicht übereilen. Allein ihre Neigung, dem Director zu willfahren, der die anwesenden Herrschaften vom Hofe mit einer neuen Elvira zu überraschen gedachte, war unüberwindlich; es schmeichelte ihr zu sehr, bei ihrem ersten Wiederauftreten ein glänzendes Publicum vor sich zu wissen. Morgen kehrt der Hof nach der Residenz zurück; somit schien Alles auf den heutigen Abend anzukommen. Ist der glücklich vorüber, so preise ich meinen Schöpfer.«

»Nun, was beängstigt Sie, Philipp? Was steht zu fürchten? Hat sie etwa ihre stummen Augenblicke wieder?«

»O im Gegentheil!« sagte der junge Arzt und schlug sich vor die Stirn. »Sie singt mit allen Mächten ihrer innersten Seele, ein schmetterndes Nachtigallenchor ist in ihrer Brust erwacht, ein Feuer sprühender Begeisterung tobt aus ihr hervor; aber ich fürchte, sie erschöpft sich, sie übernimmt sich, ihre physischen Kräfte reichen nicht aus, daß sie so, wie sie begonnen, die Rolle durchführt. Auf der Reise hierher war sie stumm wie ein Fisch. Sobald der Theaterdirector seinen Vorschlag gemacht, durchströmte eine verzehrende Unruhe ihr ganzes Wesen. Mir ist dergleichen noch nicht vorgekommen. Schon in der Probe heut früh sang sie mit einer Gewalt, die ihre Seele zerrütten muß. O Himmel! lassen Sie mich fort, ich muß auf die Bühne.«

»Was macht der Capellmeister?« rief ich dem Forteilenden nach.

»Ach, der Unglückliche!« sagte Philipp achselzuckend, »gehen Sie doch hinein und suchen Sie ihn heraus; er steht wie ein Narr unter den Zuschauern und ruft sein schallendes Bravo, daß ihn Jedermann lächelnd anblickt.«

Ich trat in den innern Raum. Es war gedrängt voll, die Temperatur drückend schwül. Das Terzett im ersten Acte war beendet. Leporello sang vor der Signorina die lustige Dithyrambe von den Liebesgeschichten seines Herrn. »Selbst neunzig im türkischen Reich!« riefen mir die Flöten triumphirend zu, als ich durch den Haufen der stehenden Zuhörer mich einigermaßen vordrängte. Ich sah noch immer nichts, ich hörte nur. Ein Rausch des Entzückens fliegt mir immer durch die Seele, sobald die Arie Leporello's beginnt. Es liegt die feinste Ironie in diesem Tonstück. Leporello will moralisiren, indem er Elviren das Register der verlassenen Geliebten Don Juan's vorführt; der gute Bursch will sie warnen, er will den Verräther schwarz und schrecklich charakterisiren, deshalb die grollenden Töne des Vorwurfs, – und doch wird dem unschuldig listigen Menschen seine ganze Moralpredigt unbewußt zu einer festlichen Jubelhymne auf die Siege seines Herrn in allen Landen der Welt! Die Arie ist eine Apotheose des dämonischen Flattersinns, der im Don Juan alle Stadien zwischen Himmel und Hölle durchfliegt.

Endlich hatte ich in der dichten Reihe der Zuschauer meinem Auge eine Schießscharte eröffnet, ich übersah einen Theil der Bühne. Donna Elvira lag im Lehnstuhl vor mir, die hohe schlanke Gestalt, in der weißen Robe, tief in den Schleier gehüllt. Leporello's ermahnende Worte klingen ihr wie Spott und Hohn, denn er malt ihr den Gott ihres Herzens vor, wie er triumphirend durch die Welt zieht und die wie Blumen zerknickten Mädchenherzen hinter ihm still verbluten. Das macht sie stumm und läßt sie in den unendlichen Schmerz versinken, aus dem jener elegische Nachtigallenseufzer: »Mich verläßt der Undankbare!« sich so wunderbar süß und sanft hervorwindet. Jetzt aber sitzt sie noch im Lehnstuhl vor dem koboldartigen Leporello, still begraben in ihrem Leid; sie weiß nichts zu sagen, sie ist starr und stumm. So saß Clementine Weißschuh vor mir mit verschleiertem Haupt. Gott im Himmel! dacht' ich, wenn sie jetzt sitzen bliebe, vom Krampf befallen! So steinern blieb sie auch auf dem Mondstein in ihrer ruhigen Lage, als ich in ihrem Zimmer vor ihr stand! – Ich zitterte. Aber die Furcht war unnöthig. Sie erhob sich, als Leporello sie verlassen, und sang Recitativ und Arie mit einer Empfindung, mit einer Aufregung ihrer ganzen Natur, die mich entzückte. Es lag ein ganz eigner Zauber in ihrem Gesang, ich hatte die Rolle noch nicht so eigenthümlich produciren gehört. Clementine faßte die Elvira anders auf, als ich sonst gewohnt war, den Charakter dieser musikalischen Gestalt zu verstehen. Sie hob besonders den Tumult der innern Zerrüttung hervor, der allerdings in den ersten Passagen des Recitativs laut wird. Aber auch aus dem Ganzen, wie sie's nahm, klang eine stürmische Empfindsamkeit, ein quälendes Rachegefühl hervor, das sich in Clementinens Accentuation nicht so elegisch weich auflöste, als es wol eigentlich der ganzen Natur Elvirens entsprechen möchte.

»Schon seh' ich den tödtenden Blitz, der ihn zerschmettert!
Schon seh' ich offen des Todes Schlund!
Arme Elvira! welche schrecklichen Leiden
Fühlst Du in Deinem Busen;
Warum noch diese Thränen, und dieses Mitleid?«

Hierin sprach sich die ganze Glut der tiefsten Erbitterung aus, und die nachfolgenden Worte:

»Denk' ich, wie er meiner spottet,
Dann erglüht die Brust in Rache« –

gab Clementine mit dem Aufwand einer intensiven Kraft, die sich fast gewaltsam überbot. Jetzt verstand ich Philipp's Besorgniß, jetzt theilte ich sie in gleichem Maße. Wenn diese Überreizung, in der sie die Rolle auffaßte, anhielt, – an Steigerung war nicht zu denken! – so mußte sie sich überschreien, ihr Organ mußte in dieser Spannung seine Grenze finden, es war nicht anders möglich. Sie wankte auf dem Proscenium hin und her, der zurückgeworfene Schleier enthüllte ihr flammendes Antlitz, Clementinens blaues, sanftes Auge strahlte in seltsamer, dunkler Folie. Sie schien aus der Sphäre Elvirens heraustreten, sie schien zur Donna Anna, zur Priesterin der Rachelust, werden zu wollen. Himmel! welch' ein Gegensatz zu der starren Ruhe während ihres kranken Zustandes! Jede neue Bewegung die, sie machte, war mir ein neues Zeichen der furchtbaren Erschütterung ihrer Seele. Sie war nicht blos, was sie spielte, sie war mehr als sie vorstellen sollte. Wie konnte das enden! Mir brannte der Kopf, das Blut stieg mir heiß ins Gehirn, Aller Angst um fremdes Leid glaubte ich für immer überhoben zu sein, als ich von Victorinens Grabe kam; wo war der ruhige Mensch in mir geblieben, der vor kurzem erst den tiefsten Schmerz erlebte und sich gegen alles weiten Ungemach gesichert wähnte? So bleibt der Mensch doch immer derselbe, das bitterste Weh stumpft ihn nicht ganz ab für das folgende Unglück, das ein geliebtes Herz befällt.

Publicumchen war entzückt über diese Elvira. Publicumchen ließ sich soviel Aufgebot der ganzen Seele gefallen. Wo sich ein Herz verzehrt in glühendem Schmerz, da sucht sich der Deutsche sein ästhetisches Wohlbehagen. Ein rauschender Beifall tobte wie ein Sturm auf Clementinen ein, als die Arie zu Ende war. Wäre nur die ganze Oper zu Ende gewesen, wir hätten, Philipp und ich, unsere Freundin auf Händen nach Hause getragen und ihre erschöpften Lebensgeister sorgsam behütet!

Die Beifallsbezeigung dauerte lange. Ein Mann dicht hinter mir rief unaufhörlich sein stürmisches Bravo und hielt die sinkenden Schwingungen des Lärmes immer von neuem aufrecht, bis sein tiefer Baß sich ganz allein noch vernehmen ließ. Ich blickte hinter mich; es war der alte Emir. Sein Antlitz leuchtete verklärt, sein Auge schwamm in Entzücken. Das wäre noch Alles gut gewesen, so mag jeder vernünftig Begeisterte auch aussehen; wenn der Emir nur nicht so verdächtig mit den Händen manoeuvrirt hätte! Er hielt sich für den geheimen Dirigenten der ganzen Oper, wenigstens in Bezug auf Clementinen. Er schwenkte bald höher bald niedriger seine Notenrolle taktgemäß hin und her, sah erst den Rücken seines Vordermanns für das Pult und sich für den Leiter des Orchesters an, der die Tonmächte beherrschte. Seinen zerfetzten Commandostab hatte er vom Mondstein mitgenommen, er ließ ihn nicht aus der Hand. Ich stieß ihn in die Seite, ich wollte ihn bedeuten. Er sah mich oberflächlich an, er kannte mich nicht. »Besinnen Sie sich doch, Capellmeister, ich bin ja Ihr Kritiker!« raunte ich ihm zu, damit er sich nur zurechtfinden möchte in der bekannten wirklichen Welt. »Ei was Kritiker!« schnob er brutal und verächtlich, »was soll hier noch Kritik!« Ich war ein geschlagener Mann, hier ließ sich nichts thun, nicht helfen. So stößt man den ausgemachten Kritiker immer von sich wie eine niedrigere Art Geschöpf. Und doch ist jeder Mensch nichts Anderes als ein Kritiker selber, jeder nimmt das Leben wie er kann und mag, so kritisirt er Gott, sich und die Welt; das ganze Leben ist ein kritisches Handwerk.

Das Intermezzo mit dem Emir war kaum hinreichend, mein beängstetes Herz für einen Augenblick abzulenken von dem Gegenstand meiner Sorge auf der Bühne. Das Quartett begann. Anna und Ottavio, Elvira und Juan standen nebeneinander. Don Juan sucht jene Beiden zu überreden, Elvira sei ein Kind des Wahnsinns. Elvira eifert, jene für sich zu gewinnen und ihnen zuzuflüstern, Don Juan sei ein tückischer Bösewicht. So jagen sich die Töne, so fahren die Passagen im fliegenden Rhythmus durcheinander, so tobt und sprüht Haß und List aufeinander ein; das Quartett ist wie ein Gemurre verschworener Geister, die sich theils suchen und theils verfolgen.

Clementinens Lebensgeister blieben fortwährend in krampfartiger Spannung. Das verriethen ihre Mienen, das hörte ich ihren Tönen an. Die ganze Erbitterung und der volle glühende Haß ihrer Seele warf sich jetzt auf den anwesenden Juan; Augen, Mund und Hände entbrannten furienhaft in Verfolgungseifer. Sie sang ihr ganzes Unglück mit furchtbarer Wahrheit dem Verräther in die Seele, jeder Zoll ihrer Natur flammte gegen ihn auf, jeder ihrer Blicke spie Verderben gegen den Räuber ihrer Ehre. War das blos Spiel, so wäre es unendlich schön, übermenschlich künstlerisch gewesen; aber es war mehr als Spiel, Clementine spielte nicht mehr, es war der entfesselte Schmerz ihres eignen Lebens. Es war keine Elvira mehr, die vor mir stand, es war Clementine, die arme Clementine selber.

»Schon lange dem Schicksal zum Spiele
Hör' ich nur auf der Rache Gefühle;
Dieser Aufruhr, dies inn're Gewühle« –

In diesen Tönen loderte die verstohlene Glut des Wahnsinns, der sich langsam angekündigt und in der nächsten Passage in helle Flamme ausbrach. Ich preßte die geballte Faust gegen mein Herz, es drohte still zu stehen; meine Stirn wurde dunkel, ich hörte und sah nur noch in Dämmerung.

Ottavio.

»Nein, ich weiche nicht von hinnen,
Gebt mir Auskunft, gebt mir Licht.«

Anna.

»Ihre Sprache, ihr Beginnen,
Zeugt fürwahr von Narrheit nicht.«

Juan.

»Glaubt mir's doch, sie ist von Sinnen;
Seht ihr starres Angesicht!«

Elvira.

»Seine schwarze böse Seele
Leuchtet überall hervor.«

Ottavio (zu Juan).

»Eine Närrin?«

Juan.

»Freilich, freilich!«

Anna (zu Elvira).

»Ein Verräther?«

Elvira.

»Ein Verruchter!«

Das letzte Wort sang Clementine nicht mehr, sie schmetterte es kreischend aus. Mit erhobenen Armen, ein Dolch blinkte in ihrer Hand, fuhr sie auf Don Juan ein, sie hätte ihn mehr als theatralisch getroffen, aber sie stürzte mit einem gellenden Schrei zu Boden. Die Mitspieler waren starr, die Töne des Orchesters irrten chaotisch durcheinander, sie verstummten, eine tödtliche Stille lag über der versammelten Menge. Man sprang der Unglücklichen zu Hülfe, der Vorhang fiel, die Zuschauer wogten durcheinander. Ich drängte zurück, der Kapellmeister stand wie eine Säule von Stein, die Hand war ihm im Tempo erstarrt. Ich rang mich hindurch und eilte auf die Bühne.

Clementine lag in der Garderobe, von einer krampfhaften Ohnmacht befallen. Weibliche Hülfe war bereit, Philipp machte die nöthigen Versuche, sie ins Leben zurückzurufen. Clementine erwachte, aber nur zu halbem Leben. Sie war, als sie das Auge aufschlug, ganz die alte verstummte blöde Donna, wie sie uns auf dem Mondstein erschienen war.

*

 

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