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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 30
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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Es war schon dunkel geworden, als ich spät Abends nach dem Hotel zurückkehrte. Unter Vorkehrungen zur Bestattung der Gestorbenen war der ganze Tag verstrichen. Die tausend kleinen Sorgen des letzten Liebesdienstes hatten mich in Anspruch genommen, zerstreut, beschäftigt, in Spannung gehalten. Jetzt war ich an Körper und Seele erschöpft und übermüdet. So schlich ich ins Zimmer, wo die Todten im Sterbekleide lagen. Die Kerzen brannten neben den Särgen, die alte Wärterin, die Alles auf mein Geheiß besorgt, saß im Winkel und schlief. So mühen wir uns im Leben Alle um die Todten ab, um dann selber schlummern zu können. Und wohl Dem, dessen ganzes Leben nur ein schöner Todtendienst war voll stiller Pietät und liebender Ehrfurcht für Das, was da ist und hinwelkt!

So sehr ich des Schlafes bedurfte, so ergab sich doch manches Geschäft noch für die Nacht. Mit dem Frühesten, noch eh' der Morgen graute, wollte ich Mutter und Tochter bestatten, dann mußte ich selbst den Ort verlassen, wo ich ein Gegenstand lästiger Neugier war. Jung und Alt hatte mir seltsam nachgeblickt, als ich durch Welmars Straßen ging, um das Nöthige zu beschaffen. Man mochte sich zuraunen, ich sei mit der Polin dem Irrenhause entsprungen, in das uns die Weisheit meines Oheims transportiren ließ. Diese Weisheit des Mannes war nun selbst zu Schanden geworden, er war selbst toll, der Gute; das war mein Glück, sonst hätte man mich in Welmar verhaftet. Der Unglückliche saß in seinem Landhause bei Isebüttel, streng bewacht. Das erzählten mir die Leute, und somit war die ganze Mondstein-Episode meines Lebens erklärt und beendet.

Ich hatte bald bereuen müssen, den Priester erzürnt zu haben durch meine Ketzergedanken. Er verweigerte der todten Polenmutter ein ehrliches Begräbniß. Weit vor dem Thore auf dem öden Plätzchen, wo die Unseligen ruhen, sollte sie in Nacht und Nebel beigesetzt werden. Victorinen durfte man nichts anhaben; für sie hatte ich eine stille Grube auf dem Fremdenkirchhof gekauft. Erde ist Erde, dachte ich, Staub ist Staub, aber es that mir doch weh, Mutter und Tochter trennen zu müssen.

Ich glaubte der einzige Mensch zu sein, der die todten Polinnen zur Ruhe bestatten würde. Es lag mir noch ob, das Eigenthum der Frau Miaska zu ordnen. So durchsuchte ich denn Koffer und Kisten und machte eine Liste von Allem, was sich vorfand. Es war wenig genug, aber ich fand unter Victorinens Sachen einen Schatz von ideellem Werthe, den ich mir zuzueignen für Pflicht des Herzens hielt. In einer schwarzseidenen, mit weißem silbernem Kreuz bestickten Tasche fanden sich Briefe theils von ihrer, theils von fremder Hand. Es bedurfte nur weniger Einblicke in den Inhalt, um zu errathen, hier sei ein Schlüssel gefunden, um Manches zu erklären, was an Victorinens Erscheinung noch auffällig sein mochte. Victorine hatte geliebt. Die Glut ihres Herzens war eins gewesen mit dem Feuer der Begeisterung für die Sache des Vaterlandes. Nathanael Poniarky war der Name des Glücklichen, dem die Dithyramben einer glühenden Liebe galten, deren Athemzug mir aus den Briefen entgegenhauchte. Sie war funfzehn Jahre alt, als sie zu lieben begann; der Aufstand Polens fiel in dieselbe Zeit. Nathanael zog in den Kampf, er focht an des alten Miasky Seite. Bei Ostrolenka wurde er verwundet; aber schnell geheilt von der Hand der Geliebten, stand er in Warschaus Vorstädten bald wieder im Kugelregen. In männlicher Kleidung war Victorine im Schwarm der Kämpfer. Ein Streifzug mißglückte, und Victorine sah Vater, Brüder und Bräutigam sinken. Nathanael war der vierte jener Polen gewesen, die sie auf den Wagen lud und aus dem Getümmel des Gefechtes entführte. Sie hatte nur Todte gerettet, man rettet aus Polen nur Todte. So hatte sie's mir erzählt unterweges. Nun verstand ich den Strom der Thränen, es war das einzige Mal gewesen, daß ich ihr Auge sich feuchten sah. Sie hatte nie erwähnt, daß ihr mit dem Vaterlande und den Genossen der Verwandtschaft auch ein Geliebter entrissen war. Nun wußte ich, wie sie so römerhaft fest vom Schlachtenlärm, vom Geheul der Verwundeten, vom Jammer der Mütter reden gekonnt; den tiefsten Schmerz hatte sie für sich behalten, und dieser größte Schmerz hatte sie gegen die kleineren stark gemacht. An den todten Geliebten band sie das Gelübde ewiger Treue: nun verstand ich auch ihre amazonenhafte Laune, die sie gegen mich und alle Männer gehegt. Nun erfuhr ich, warum sie mich nicht und Niemand lieben durfte, weil sie ein Schwur fesselte, den ihr Mädchensinn nicht zu brechen wagte. Ach, und nun wußte ich auch, daß sie mich nur träumend küssen durfte, und pries meine Schweigsamkeit und die Scheu, die mich gehindert, von ihrem stillen Nachtkuß zu reden.

Ich hatte Victorinens Tagebuch durchgelesen; es endete mit der Flucht aus Polen. Es war schon tief in der Nacht. Die Lichter brannten unwillig und umdüstert. Es mochte an meinem Auge liegen; ich fühlte die Thränen, die sich lösen wollten, und doch konnte ich nicht weinen.

Die Todtenfrau lag schnarchend am Boden. Es war recht schaurig im engen Zimmer. Aber mein Herz fühlte sich wohlthätig warm bewegt. Ich begriff nicht, warum ich so ruhig, so eingefriedigt war, als deckte mich Frühlingserde, als wogte ein Blütenduft über meinem eingesargten stillen Herzen. Es schien mir, als sei ich mitgestorben, als sollte ich mich selbst, müde wie ich war, zur Ruhestatt begleiten. So stand ich zwischen den Särgen eine Weile und wunderte mich, daß kein dritter da sei für mich selber. Wie gern hatte ich mich hineingelegt, nicht aus Verzweiflung, nicht aus Lebensüberdruß, nein, nur weil mir der Tod so süß und das Bewußtsein des Todes die tiefste Seligkeit däuchte.

Ich nahm die Hülle fort, die man über Victorinens Sarg gebreitet, ich stellte alle Kerzen, die im Zimmer waren, ihr zu Häupten und blickte in ihr liebes Antlitz. Der flackernde Schein warf ein täuschendes Lebenslicht auf die schönen Züge der Polenbraut; es war, als rieselte die Welle des lebendigsten Hauches noch einmal über sie hin.

»Heiland der Welt!« flüsterte ich in scheuer Hast, »wenn sie erwachte! Wenn sie aufstände und sagte: Jetzt will ich Dir leben, Dir, den ich still geliebt. Als Polin mußte ich sterben, und es war gut, daß es so kam, meine Seele war dem todten Nathanael verfallen, der in Warschaus Ebenen liegt. Nun bin ich ihm treu gestorben, aber jetzt, jetzt will ich auferstehen und leben, als Dein deutsches Weib; nur die Polin starb in mir. – Himmel, Himmel! wenn du mir diese Todte auferwecken könntest und nicht neidisch wärest auf den Besitz dieser Seele! Aber nein, mir blüht kein Glück hienieden, ich muß Alle, die ich liebe, still beisetzen in die Kammer meines Herzens zum ewigen Gedächtniß. Ach, nach zwei Stunden, und ehe der Morgen graut, schläft Victorine in kühler Gruft, das Licht der Sonne wird ihre schöne Hülle nicht mehr schauen. Kein Glockenschall wird sie begleiten, kein Pole wird über dies Polenherz weinen, in fremder Erde wird es ruhen, Niemand wird der Leiche folgen als ich, ein einzelner deutscher Mensch. Ganz verstohlen und geheim muß ich Dich und die arme Mutter einscharren lassen, damit die Leute nicht kommen und uns höhnen. So übt der Deutsche oft genug ganz im Versteck seine süßesten Pflichten, die Polizei erlaubt's ihm nicht, seine Tugenden alle der Welt zu zeigen und im hellen Licht des Tages zu entfalten. – Und so ganz allein muß ich Euch folgen zur Gruft?«

Da klopfte es an die Thür. Ich rief nicht »Herein,« aber ein Mann in grauem Mantel, eine Mütze über die Stirn gedrückt, trat ins Zimmer. Es mußte draußen stürmisch geworden sein, der Mantel troff vom Regen. Ich ging auf den Fremden zu, ich hielt ihn für den Küster oder Todtengräber, den ich um die dritte Nachtstunde bestellt. Ich fragte, ob Alles bereit seit. Der Mann aber blieb gebückt stehen und starrte nach Victorinens Sarg. Ich zerrte an seiner Kleidung, in die er tief gehüllt war: »Ich bin Römerchen,« sagte er seufzend und ließ den Mantel fallen; der kleine Gardelieutenant, der Victorinen verhaftet hatte, stand leibhaft vor mir. Er wollte auf die Leiche zustürzen, ich hielt ihn zurück und drängte ihn nach der Thür. »Um Gotteswillen! ich bin Römerchen,« sagte er weinend, »lassen Sie mich Victorinen noch einmal erblicken! Noch vor Tagesanbruch, hört' ich, soll sie in die dunkle Erde. Es hat mich gefoltert mit allen Qualen der Hölle, es litt mich nicht länger im Bette, ich mußte auf und hin; ich muß das Polenmädchen noch einmal schauen.«

Ein Strom von Thränen stürzte dem guten Menschen über die Wange, – über dieselbe Wange, die Victorinens Hand geschlagen. Auf der Stirn saß dem Diminutiv-Römer noch das rothe Mahlzeichen von Victorinens Zorn. Dasselbe Pistol, das sie dem Lieutenant an den Kopf geschleudert, hatte ihr nun den Tod gegeben. Wie ist das Leben doch oft so buntscheckig verworren, so oft ein blutiger Carnevalscherz. Aber es war mir rührend, daß Römerchen noch kommen mußte, um vor Victorinens Leiche zu knieen. Ihre Hand durfte er jedoch nicht berühren, viel weniger ihre geweihte Lippe, sie hatte ihn nicht geliebt, und so mochte er knieen und weinen, aber nicht sie küssen. Ich stand wie ein wachhabender Engel vor diesem schlafenden Paradiese. Victorinens Züge waren ganz selig still und ruhig aufgelöst; sie lächelte über unsern Todtendienst.

»Römerchen,« sagte ich, »Sie müssen der Todten das Geleit geben. Lassen Sie mich nicht allein zur Grube folgen. Sie haben Victorinen geliebt, wollen Sie ihr nicht die letzte Ehre erweisen?«

Er machte Einwendungen; er habe sich nur einen Augenblick von der Wache geschlichen und könne seinen Ruf nicht aufs Spiel setzen, auch sei er nicht im Costüm. Ich zeigte ihm die Kleidung, die Victorine auf unserer Flucht vom Mondstein getragen. Ich sagte ihm, er möge dies Gewand anlegen, es sei heilig, es sei in Victorinens Blut getaucht. Da vergaß der Lieutenant seinen guten Ruf und seinen Dienst. Er wechselte die Kleider und beleuchtete sich im Spiegel. Das geronnene Polenblut glänzte auf seiner Brust wie ein dunkelrother Stern.

»Nun genug der Komödiantenstreiche!« rief ich laut, »wir müssen aufbrechen.« Ich drückte den Scheidekuß auf Victorinens Lippe, eine Thräne rann ihr über die Wange, es war meine eigne, meine letzte Thräne. Ich habe seitdem nicht mehr geweint, und diese letzte Thräne nahm die Polenbraut mit ins Grab.

Der Sargdeckel fiel, der Wagen fuhr vor, die schwarzen Diener trugen die Särge hinunter.

»Sie sind sehr grausam,« sagte Römerchen schluchzend, »ich hätte ihr gern die Hand geküßt.« Der Jüngling im blutgetränkten Frack hing sich matt an meinen Arm.

Vor der Hausthür hielten die Träger. Ein Greis bog sich mit seinen weißen Locken über den schwarzen Sarg Victorinens. Er drückte die Stirn gegen den Deckel und flüsterte ein kurzes Gebet. Es war der lahme Gabriel, dessen Wunden Victorinens Hand gelindert. Er hatte die stürmische Nacht nicht gescheut, um am Sarge seiner Wohlthäterin zu beten. Die Nacht schüttete kalte Ströme auf sein nacktes Haupt. Ich hob den Alten in den Wagen, der Gardelieutenant saß schon drinnen, und so waren wir doch unser Dreie, die den Todten das Geleit zum Friedhof gaben. An die vierte Stelle im Wagen, die leer blieb, dachte ich mir den Polizeicommissair hin, unter dessen Händen Victorine die Todeswunde erhielt. Es wäre recht schön gewesen, wenn dieser großmächtige Mann, der mir wie Rußland vorkam, auch noch dabei gewesen wäre, um Polen zu begraben. So waren wir freilich nur unser Drei, aber eine heilige Zahl, eine seltsame Dreieinigkeit, ein greiser Bettler, ein kindischer Lieutenant und ich. Was bin ich? Zu welcher Gattung Menschen gehöre ich? – Zu keiner; ich bin ein gattungsloser Mensch, ein Mensch an sich, ein radicaler Mensch, nichts weiter, wahrhaftig. Wäre mein Denkapparat auf dem Mondstein nicht aufgebraucht, so könnte ich sagen, auch ein Philosoph habe Victorinen zur Flucht begleitet. Ist denn aber kein Poet zur Grabesstätte gefolgt? – Ach, ach! hätte mich Victorine lebendig umarmt, ich wäre zum glücklichsten Dichter erglüht. So aber kann ich nur trauern um mich und meine verwelkte Blüte, und die glückliche Poesie will eine Feier des Lebens sein.

So fuhren wir Drei hin und begruben unsere Todten. Den beiden Genossen nahm ich noch ein Gelübde ab, das sie halten werden. Der lahme Bettler wollte täglich für die Gestorbenen beten. Das konnte der Gardelieutenant nicht füglich. Sein Gemüth war weich genug dazu, allein Rang, Stand, Ahnen und Ehre erlaubten das nicht. Bei alle dem war Römerchen ein guter Mensch. Ich schenkte ihm eine Locke von Victorinens Haar, mit dem Geheiß, sie stets auf dem Herzen zu tragen als Talisman gegen die Gebrechlichkeiten seines eitlen Lebens. Das war nicht Spott gegen ihn, nur Mitleid, denn ich hatte ja seine Thränen und seine Zerknirschung über Victorinens Tod gesehen. Er hatte die Polin geliebt, wie er zu lieben verstand, nach seiner Weise, und war doch ein Werkzeug der Verfolgung und des Hasses gegen sie gewesen. Ich übersah die ganze Hinfälligkeit seines innern Menschen.

Was sollte ich nun thun, wenn ich Victorinens Gebeine zur Ruhe gebracht? Ich kann so wenig für sie beten wie Römerchen, obwol aus andern Gründen. Nur für die Lebendigen kann ich beten, fürchten und bangen, nicht für die Todten; todt sein und selig sein gilt mir Eins. Wo der Gott selbst entschieden und geschlichtet hat, indem er die Wirren des vereinzelten Lebens still im Tode löst, was sollen wir da noch bitten und fodern? Das Einzige, das ich an Victorinens Grabe hätte beten können, wäre die Bitte gewesen: Vater unser, erhalte uns den Glauben an die persönliche Fortdauer der Seele! Aber auch das mag ich nicht beten. Wer weiß, ob uns jenseits nicht eine größere Seligkeit erwartet als ein Fortbestehen unsers Ichs! Wer weiß, ob dem Geiste, wenn er sich der Hülle der leiblichen Isolirung entwindet, nicht mehr bevorsteht als ein Festhalten seiner selber! Eine Ahnung, die mich mitten in der Angst des Lebens wie ein ewiger Friedensgedanke beschleicht, sagte mir oft, es liege in der Auflösung des individuellen Daseins eine unendliche Wonne und die tiefste Seligkeit. Wenn die Ichheit sich durch den Tod, der die beschränkenden Bande hinwegräumt, zu einem allgemeinern Leben erweitert, wenn alle Persönlichkeiten erlöschen und sich auflösen in die Eine große Urperson der Welt, in Gott, so ist das mehr, als wenn die Seele als besonderte Seele weiter lebt. Der Gott befreit uns von uns selbst. Das muß eine große Wohlthat, eine göttliche Lust der entfesselten Freiheit sein; sonst verstehen wir nicht die Schmerzen des Lebens. Wir leben jenseits, aber nicht wir in uns, nur Gott in uns. Gott schauen und Gott sein, ist dasselbe. Vom eigentlichen Schauen ist dann auch nicht mehr die Rede, alle Vereinzelung der geistigen Mächte hört auf. Das Ich wird nichts, um Alles zu sein. Glanz, Ton, Licht, Gefühl, Gedanke, Alles erlischt und vertönt und versinkt in die Eine große stille Seligkeit. Ein süßes Beben, ein wehender Athem, eine glanzlose Helle, eine stille Musik, ein Schauer der Wonne, eine Liebe ohne Rausch, das ist die ewige Seligkeit. Wir werden sie genießen, wenn wir nicht mehr wir selbst sind. Das sagt mir kein Christenthum, keine Religion, keine Poesie, keine Philosophie. Das sagt mir mit geheimer Andacht mein innerer Mensch, wenn er sich in einsamster Stunde abgelöst fühlt vom Denken der Welt und von der Sorge um das zerbrechliche Leben. Scheltet mich nicht darum, Menschen! Scheltet meine Thorheiten, nennt mich einen Narren, sammelt die Irrthümer aus Allem, was ich hier in meinem Tagebuche gedacht und gewollt, geweint und gelacht, und saget, er hat es zu nichts gebracht, er hat nichts erreicht, er hat vergeblich sich gefoltert und abgemüht, nehmet mir Alles – aber lasset mir diese meine stille Todesweisheit! Es ist auch ein Glaube an persönliche Fortdauer, wenn ich sage, nach unserem Tode gebe es nur Eine Person, die ewige Urperson der Welt, nur freilich anders als es die Menschen wollen und möchten. Hier schreibe ich's, ich kann nicht anders, ich bin ruhig, mit dem Tode fertig. Mit dem Leben wird man nie fertig, so lange man lebt, und die sich hierüber sicher dünken, sind es am wenigsten. Hier im Leben gilt es, die zerbröckelte Gestalt der Wahrheit zusammenzukleben, die umgestürzte Götterfigur der Schönheit wieder aufzurichten und das Palladium der Freiheit vor dem Andrange der rohen Barbaren des Herkommens zu vertheidigen. Im Leben herrscht der Streit, alle Hausgötter sind fortwährend in Gefahr. Man kämpft, man müht sich ab und erlebt selbst im Siege über die Feinde nur eine Niederlage gegen sich selbst, im Frieden nur einen neuen Impuls zum Kampfe.

Ich will nächstens mein Tagebuch schließen, ich werde mit dem Leben nicht fertig, meine Selbstbekenntnisse sind so fragmentarisch wie die Menschenwelt. Ich mag nicht die Summe ziehen von meinen innern Erlebnissen, auch die Differenz nicht machen, die sich erzeugt hat. Selbst die Wunden, die offen geblieben sind, will ich nicht verdecken; selbst wenn ich Balsam und Pflaster wüßte, ich möchte sie nicht heilen. Warum soll ich die Dissonanzen für mich lösen, da sie in unseren Zeitläufen harmonielos durcheinander tönen? Ich will mich nicht täuschen und einen Frieden, den ich nicht erlebte, mir nicht mit künstlichen Tractaten zusammenstellen. Es gibt provisorische Zustände in der Literatur wie in den politischen Constellationen der Welt; ebenso gibt es auch provisorische Menschen. Sie sind das Product einer Krisis.

*

 

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