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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 3
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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– Seltsame Fieberphantasien haben während der Krankheit meinen Kopf durchschüttelt. Der Arzt sagt mir das. Der kleine liebe Sachse, den ich für den Criminalrath hielt, – er ist mein Criminalarzt. Was für tolle phantastische Dämonen meinen Kopf heimgesucht haben mögen, fühl' ich selbst so halb an der Nachwirkung; mein Gehirn ist mir wie zermalmt, gefalzt, zerknittert. Von den gaukelhaften Traumbildern, die meine arme unschuldige Seele geängstet, weiß ich nur eins noch zurückzurufen. Es war in der Nacht, als ich hier ankam. Mein Verstand rang damals noch mit den Mächten der dumpfen fieberhaften Nacht, die mich bewußtlos gefangen hielten. Ich glaubte noch in ein Gefängniß transportirt zu sein. Der Traum zeigte mir alle Schrecken eines schmachvollen Kerkerlebens, wie es die Barbarei früherer Zeiten mit erfinderischer Grausamkeit nur immer erdenken konnte. Ich stand vor Gericht, und unter den schwarzgekleideten Larvenmenschen, die mich anstierten, tauchte hier und dort das Antlitz meines Onkel Präsidenten zehnfach hervor. Man wollte mich bis aufs Blut examiniren, was mein religiöses, philosophisches und politisches Glaubensbekenntniß sei. Man wollte wissen, warum ich kein sogenannter solider Mensch werden wollte, der sich um Amt und Brod bewirbt, was der Grund meiner Hinneigung sei zu einem vagabundirenden Jungesellenleben, und warum ich, statt meine Kräfte auf einen einzelnen Zweig der Verwaltung oder gelehrten Praxis zu verwenden, so eigensinnig die Hände in den Schooß legte oder vielmehr still lauernd dasäße, um auf der Tafel des Lebens nichts als kritische Randglossen zu verzeichnen. Mit all den Fragen hatte mich der bissige Oheim in der Wirklichkeit oft genug gemartert. Jetzt aber, im Traume, half mir weder Komus noch Jocus. Ich sollte absolut gestehen, warum ich ein freier Literat, ein vagabundirender Mensch sein und bleiben wolle. Ich sagte, man solle sich doch nicht bemühen, die Motten in die vier Wände zu locken, da zerfräßen sie die wärmenden Winterpelze des Lebens; draußen seien die Elemente für die allzeit freien, allzeit beweglichen Wesen, die immerwährend die Metamorphose der Zeit an sich erlebten, bald Raupen und bald Phalänen wären, bald in der Luft schwärmten, bald auf den Wassern sich wiegten und am Ufer die tausend Eier zu künftigem Gedeihen auswarfen. Diese Wassermotten, sagt' ich, seien die eigentlichen Frühlingsfliegen der Literatur; sie hätten vier Flügel und viele Augen darauf, lange Fühler und Fadenborsten, und setzten bei ihrer Seelenwanderung fortwährend Larven ab; diese Larven ließen sie andern Sumpfthieren zum Fraße. Das sagt' ich oder wollt ich sagen, denn kaum fing ich an mein Gleichniß von Nachtfaltern und freien Literaten mit Nutzanwendung für das Werden einer neuen Zeit zu entwickeln, so fiel der gesammte geheime Rath, der mit meinem präsidirenden, excellenten Onkel zu Gericht saß, über mich und meinen Gleichnißkram her, stürzte mit mir zum Saale hinaus und die Treppe hinunter, und stieß mich in ein unterirdisches Verließ, wo Heulen und Zähnklappen für Morgen und Abendsegen gelten mochte.

Der Traum wurde nun recht pedantisch wüst. Die Thür wurde hinter mir zugeschlagen, das weite Gewölbe war nur schwach von einer Ampel beleuchtet, ein Haufe Männer wühlte im Dunkel hin und her, Stangen und Latten, Schrauben und Drehrollen fingen an zu klappern, eine eiserne Jungfrau wetzte ihre Schwerter und harrte mit kalter Wollust auf eine Umarmung. Ich stand in einer Folterkammer, alle Marterwerkzeuge lauerten auf ein Opfer. Hinten war es hell geworden. An einem langen, mit grünem Tuch beschlagenen Tische saß die heilige Examinationsvehme, die in letzter Entscheidung über mein Loos zu deliberiren schien. Die Herren flüsterten viel unter einander und wühlten mit den Fingern in einer silbernen Schüssel, in der sich eine rothe blutige Masse befand, die wie das Gekröse eines frischgeschlachteten Thieres aussah und noch warm dampfte. Ein Frost lief mir durch die Gebeine, es war als wenn mein Blut stille stand. Ich fühlte nach meiner Brust, großer Gott! es war kein Herz darin, der Puls war erstarrt. Mein ganzer Mensch kam mir so leer und nüchtern vor, und jetzt merkte ich erst, daß meinem Leibe die Eingeweide fehlten. Dort, dort in der Schüssel lag beides, mein Herz und Gekröse, alle Geheimnisse meines Innern lagen auf dem grünen Tische ausgebreitet. Das silberne Becken ging die Reihe herum, jeder der Herren prüfte den Inhalt und gab es dann kopfschüttelnd weiter. Plötzlich erhoben sich Alle. Die eiserne Jungfrau hinter mir ließ die Arme sinken, die Foltermaschine hörte auf zu knarren, eine Stille zog durch den Raum. Das Becken ward zu Boden geworfen, ein lauter Schall fuhr an mein Ohr, mein Gekröse saß mir plötzlich wieder an Ort und Stelle. Nun konnte ich mir ein Herz fassen, denn ich hatte wieder eins und hörte es klopfen. Vergebens hoffte ich auf eine wissenschaftliche Disputation; ich hätte mich wacker vertheidigt, ich wetzte meine Zähne. Aber ein schwarzes Tuch ward über die grüne Hoffnungsfarbe der Tafel gebreitet, und die Vehmrichter wandelten langsam auf mich zu. In einem Halbkreise standen sie vor mir. Mein Onkel Präsident trat mit einer bleichen Jesuitenmiene vor mich hin und erhob feierlich die Hand. »Junger Mann,« sagte er., »der Du mein Neffe scheinst aber nicht bist, Dein Inneres ist so schwarz wie die Nacht und die Farbe des Todes, in die wir uns kleiden, befunden worden. Blicke zurück, nicht, auf die äußern Begebenheiten Deines Lebens, nein, an der Kette der Gedanken, die Deine Seele ausgebrütet, greife rückwärts in die Vergangenheit hinein. Es gibt auch innere Begebenheiten, Ereignisse in der Welt der Gefühle, und ein höherer Richter durchschaut auch die innere Werkstätte des Busens. Was zur That wurde von Deinem Wünschen und Wollen, ist unbedeutend; die Dürftigkeit Deines äußern Lebens bot wenig Veranlasssung und Gelegenheit, um die Nachtgeburten Deiner Seele an das Tageslicht steigen zu lassen. Halb vereinsamt, einem Anachoreten nicht unähnlich, lebtest Du bisher Dein stilles Forscherleben; dem Wirrwar des äußeren Daseins glaubtest Du entrückt zu sein, da Du ein Gespinnst von Grillen, Launen, Phantasiegebilden und metaphysischen Tändeleien Zeit Deines Lebens in Dir zusammenwebst; Du saßest so still und harmlos da und meintest sicher zu sein vor aller Anfechtung, vor aller Verirrung; Du thatest nichts aus Thatenlust, Alles um des Gedankens, um der Wissenschaft willen: – und doch hängen alle Sünden und Verbrechen, die je die Welt an der Stirn zur Schau trug, am Geiste Deines inwendigen Menschen, alle Unthaten, die je die Geschichte der Menschheit befleckten, stehn im vielblätterigen, buntscheckigen Buche Deines Innern zu lesen; jeder schwarze Fleck an Deinem Herzen ist das Denkmal einer Schauderthat. Wir haben Eingeweide und Nieten in Dir geprüft, mein Freund. Was für Wüsten muß Dein Gedanke durchirrt sein, welche Hölle hat Dein Gefühl durchwandelt, welche Wunden und blutige Spuren hängen schwarzgedörrt an Deinem zerrissenen, seltsam durchfurchten Herzen! Das Innere des zum Bewußtsein gelangten Menschen ist fähig, den geistigen Reichthum der ganzen Welt in sich aufzunehmen, er kann einen Bazar aus seinem Geiste machen, und zu ihrem eignen Unheil hat dazu unter allen Nationen die deutsche das meiste Talent. Macht der Einzelne aber so sein Inneres zum Reflex alles Dessen, was je die Menschheit gefühlt, gedacht, gelebt, gejubelt und geweint, wird sein Gemüth en miniature der Schauplatz der ganzen Weltgeschichte, so sind auch alle Gebrechen, alle Unthaten des Geschlechtes in ihm beisammen und sein Eigenthum. Er trägt dann alle Sünden der Welt in sich, nicht wie Christus, der sie blos auf seine Schulter nimmt und mit sich zur Schadelstätte führt, nein, im Schooße der sympathisirenden Seele. Du bist so ein absoluter Mensch, der alle Gebiete des Wissens durchschwärmte, an Allem aber nur schwelgte, statt an einzelner Stelle selbst mühsam Schätze zu erwerben. Dafür nahmst Du auch den Fluch in Dich auf, alle Verbrechen der Weltgeschichte zu theilen. Alle Teufeleien des Gedankenlebens sind Dir eigen geworden. Die Philosophie fängt mit einer Sündenschuld ihre Arbeit an, weil sie damit beginnt, an Allem zu zweifeln; schon der Vorsatz, denkend die Welt zu begreifen, ist ein Heraustreten aus dem Kreise des Creatürlichen. Um Gott zu erkennen und ihn in seiner geheimsten Wesenheit zu belauschen, hast Du alle Phasen des Denkens durchkrochen, hast alle Scheu der Creatur vor den Mysterien des Ewigen bei Seite geräumt, das Verbot, nach den Früchten der Erkenntniß zu greifen, hast Du übertreten, alle Bände abgeworfen, die ein harmlos Erdenleben still begrenzen, das fromme Gelüst des Herzens, im Glauben ein Genüge zu finden, hast Du mit teuflischem Übermuthe von Dir gewiesen, die Wunder des geheiligten Lebens hast Du deuten, zerstücken, zergliedern wollen und bist darüber in eine Zweifelsucht verfallen, die gegen alles Göttliche die Stirn erhebt. Mit kecker Hand hast Du in die Geheimnisse des Himmels greifen wollen, und Dein Gemüth ist darüber verwildert und in Abgründe gerathen, wo kein lebendiger, kein persönlicher Gott mehr lebt. Du kannst nicht mehr beten, denn Du hast das Gefühl verlernt, Du wolltest mehr als glauben und fühlen, und hast beides verloren und mit beidem alle Tugenden des Herzens, Alles was menschlich heißt. Durch die Skepsis Deines Gedankens bist Du so ausgehöhlt, daß Du bei lebendigem Leibe schon als kleiner Teufel einherschreitest.«

»Das sind die Sünden Deiner Gedanken. Und nun die Verbrechen Deiner Wünsche für diese Welt! Hast Du nicht alle politischen Bewegungen der Empörer im Innern mitgemacht, die sich gegen Kirche und Staat erhoben? Hast Du, Verruchter, nicht nach den geweihten Häuptern der Fürsten Deine Hand ausgestreckt, derweil Du ihre Würde als Statthalter Gottes in Zweifel zogst? Hast Du nicht die Julirevolution in Deiner Seele miterlebt? Hast Du mit den Polen nicht gejubelt, gemordet und freilich auch mit ihnen geblutet? Eine Ideenassociation verbrüdert Dich mit allen Aufrührern, allen Neuerern. Ihre Vergehen sind ganz Deine Vergehen; die Sünde, die Du gedacht, ist so gut Deine Sünde, als die Du gethan. Hältst Du die Republik für eine höhere Staatsform als das Königthum, so bist Du ideell ein Königsmörder, ein Majestätsverletzer, ein Verruchter und Verfluchter. Blos die äußern Constellationen fehlen, und Du bist Alles, weil Du Alles sein kannst, Du bist ein ideeller Robespierre. So sei denn, Du, – Verbrecher, weil Du die Möglichkeit zum Verbrecher in Dir birgst, – verdammt für jetzt und ewige Zeiten. Ihr seid freilich Alle gleich verworfen, und wenn Ihr in Euerm dummen Wahne Gute und Böse unter Euch sondert, so wird Euch diese moralische Finte nichts helfen, denn den Guten und den Bösen schuf die Macht der Gelegenheit, der äußere Reiz bei innerm Gelüst zu Dem, was er wurde, innerlich seid Ihr alle gleich, Alle Engel, bis der Sturmwind bläst, dann könnt Ihr alle teufeln. Der obere Richter prüft Herz und Nieren. Wir prüften Dich, absoluter Mensch, und geben Dich preis. Radicaler, Du, in allen Fächern des Wissens, Ultrajacobiner aller Bestrebungen, fahre somit in die ewige Nacht der Verdammung!«

Ich sank betäubt auf die Knie, ich glaube, ich schrie, überzeugt von meinen ideellen Verbrechen, um Gnade. Aber die schwarzen Männer griffen mit ausgestreckten Händen nach mir; wie eine Gewitterwolke wälzten sie sich auf mein Gewissen, die eiserne Jungfrau schlug die zischenden Schwerter über mich zusammen, der Boden entglitt mir unter den Füßen, – und wie ich in die ungewisse Tiefe hinabsank, erwachte ich. Ein Glück ists, daß Alles Trug und Traum war.

*

 

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