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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 29
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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Auf dem großen Platze in Welmar, vor dem Hôtel St. Petersburg, war eine gaffende Menge versammelt. Man ging, man kam, stand und lauschte. Victorine mischte sich unter den neugierigen Haufen. Ihr verworrener Anzug fiel nicht auf, denn Aller Augen waren nach den obern Fenstern im zweiten Stocke gerichtet. Polizeibeamte drängten sich nach dem Eingang des Hauses. Alles war in größter Spannung. Blaß und starr blickte Victorine nach demselben Punkte. Es waren die Fenster vom Zimmer ihrer Mutter, welche die allgemeine Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. »Was gibt's dort oben?« fragten die Hinzukommenden.

»Dorten wohnt ja die kranke Polenfrau!« riefen Einige. »Will man sie gefangen nehmen!«

»Nicht doch,« hieß es von anderer Seite. »Die Frau liegt auf dem Todesbette. Seitdem ihre Tochter wahnsinnig geworden und nach dem Mondstein abgeführt ist, hat sich die Mutter in ihrem Zimmer verschlossen. Die Thüren sind verriegelt und verrammelt, man weiß nicht, was man davon denken soll.«

»Seht, seht! da blickt die kranke Frau hinter der Gardine hervor, seht, welches bleiche Todtenantlitz, hu! wie die Augen rollen! Sie sieht das Haus umzingelt, was will sie thun? Wie starr sie auf uns blickt! Schrecklich! schrecklich! Man sagt, es sei mit der Frau nicht ganz geheuer!«

»Man ist schlecht mit der Frau umgegangen,« meinten Andere; »man sollte sie ins Spital bringen und sie verpflegen. Man hat ihr die Tochter genommen, die unser Präsident für geisteskrank hielt. Der Mann hielt Alles für wahnsinnig, ließ Alles festsetzen und in Zwangsjacken legen, selbst sein eigenes Fleisch und Mut schonte er nicht.«

»Sein Regiment ist aus!« tröstete Jemand, »es hat sich an dem Manne bitter gerächt. Er ist selbst Das geworden, wofür er Andere hielt. Er sitzt in seinem Landhause eingeschlossen und tobt und tollt gegen die vier Wände. Die gesammte Jugend hatte er für Demagogen erklärt, und nun schreit er im Käfig nach Freiheit und lernt jetzt diese Göttin, die er so eifrig verfolgt hat, auf eine ganz eigne Weise lieben.«

»Die Welt ist wahnsinnig, die Polin ist klug!« schrie ein greiser Bettler und schwang seine Krücke. »Die Welt ist gottlos, die Polin fromm und gut. Sie hat mir die Wunden am lahmen Fuße geheilt, sie hat mit das weiße Haar gestrichen, sie hat mir die Hand gedrückt und gesagt, sie sei allen Kranken gut, sie habe in Polen wol hundert gepflegt. Die Welt ist böse, meine Polin ist gut!« Der Alte hinkte weinend fort; Alles wich ihm aus, man nannte ihn in der Stadt den verrückten Gabriel. »Geht,« rief er, »geht und sucht mein Polenmädchen!«

»Ich bin das Polenmädchen!« schrie Victorine, die sich vergeblich bemüht hatte, durch den immer dichter werdenden Haufen nach der Thür zu gelangen. »Ich bin die Polin! Ich will zur Mutter!«

Alles trat erschrocken zurück, und Victorine stürzte ins Haus. »Gott im Himmel!« riefen mehre Stimmen, »die Verrückte ist dem Irrenhause entsprungen. Seht ihren Anzug, den verstörten Blick, die flatternden Haare!« Da fiel ein Schuß im Zimmer der Polenfrau. Die Scheiben bebten vom Knall. Eine Todtenstille herrschte unter der Menge. In fliegender Hast stürzte Victorine wieder heraus auf die Straße. »Die Thüren werden erbrochen!« schrie sie verzweifelnd; »es dauert zu lange, laßt mich durchs Fenster steigen, eine Leiter, gebt eine Leiter!«

Es fand sich eine solche in der Nähe. Victorine entriß sie dem Diener, der sie herbeibrachte. Mit Riesenkraft warf sie dieselbe an die Wand des Hauses und klimmte in die Höhe. Niemand wagte zu folgen, Alles lauschte in starrer Angst. Victorine war oben. Mit einem Fußtritt stieß sie die Scheiben ein und schwang sich ins Zimmer. Ein lauter Schrei des Entsetzens erfolgte. Dann war Alles still, nur die dumpfen Schläge der Handwerker, welche die Thüren erbrachen, schollen lauter aus dem Innern des Hauses.

»Laßt uns hinaufsteigen!« sagten zwei entschlossene Männer und standen schon auf den untersten Sprossen der Leiter.

Da erschien Victorine am Fenster, todtenbleich, die Augen rollten. »Sie hat sich erschossen, meine Mutter hat sich erschossen!« rief sie hinunter. »Wagt es nicht, heraufzukommen, ich will allein sein mit der Todten. Menschen, Menschen! Ihr habt mir Alles geraubt, Vater und Brüder, Land und Freiheit, meine Liebe habt Ihr getödtet, meine einzige Liebe in Warschaus blutigen Gassen. Auch die Mutter habt Ihr mir verfolgt und gemartert. Ihr habt mich ihr entrissen, mich, ihre einzige Stütze, die einzige Hand, die ihre qualvollen Wunden verband und heilte. Ihr habt mich wahnsinnig genannt und die Mutter wahnsinnig gemacht. Sie hat die öde Enge des Lebens nicht mehr ertragen können, so weit habt Ihr sie getrieben. So hat sie schnell enden wollen, statt langsam hinzusiechen. Menschen, Menschen! Ihr seid meine bittersten Feinde! Laßt mich die Todte allein begraben, stört nicht die geheiligte Stätte, wo ein Opfer Eures Hasses fiel. Ich schieße Jeden nieder, der sich mir naht. Eilt nach Hause, müßige Gaffer! Was wollt Ihr noch schauen, was noch erleben? Ihr habt Alles erreicht, was Ihr erstrebtet. Polen ist verloren, es hat sich selbst ermordet, weil Ihr es gemartert habt bis aufs Blut. Geht schlafen, Menschen, es ist Nachtzeit!«

Sie schwang ein Pistol in der Hand, das sie während ihrer Rede geladen hatte. Man sah deutlich, wie sie noch eben den Ladestock herauszog und den Stein prüfte. »Gute Nacht, Welt, schnöde Welt! Ich habe nichts mehr unter Gottes Himmel. Ich kann der Menschheit nichts mehr bieten als mich, damit sie mich martere und quäle. Aber ich will Euch zuvorkommen, wenn Ihr mich drängt und nicht frei laßt; ich bin eine Polin! Mit dieser Waffe streck' ich Den nieder, der sich auf der Leiter heraufwagt. Mit dieser Waffe hat sich meine Mutter erschossen; ich bin ihre Polentochter.«

Sie zielte in den Volkshaufen hinein und schien die Beiden zu visiren, welche die Leiter hielten. »Sie ist wahnsinnig!« schrieen die Leute. »Seht das wahnwitzige Polenmädchen!«

Victorine preßte die Lippen wild zusammen, sie wollte losdrücken, um ihrer sinnlosen Wuth freies Spiel zu lassen: da ergriff sie hinterrücks ein starker Arm. Die Thür war erbrochen, ohne daß Victorine ihr Auge daraufgerichtet, man war ins Zimmer gedrungen, – ein Polizeicommissair erfaßte ihre bewaffnete Hand. Kräftig und gewandt aber, wie sie war, und in dem wahnsinnigen Schmerz der Verzweiflung, die ihre Sinne verblendete, ihr Gemüth umdunkelte, rang sie mit dem starken Manne um die Todeswaffe. Ein dumpfes Murren lief durch die Menge, die dem Kampfe zuschaute. Victorine hatte noch immer das Pistol in der Hand, der Lauf schwankte hin und her, sie suchte ihn sichtlich nach der Brust des Commissairs zu lenken, um ihm die Kugel durchs Herz zu jagen. Ein wilder Dämon hatte die Rachelust in ihrer Seele entfesselt, Sie drückte los, ein lauter Schrei des Volkes begleitete den Knall, die Kugel hatte sich entladen, aber im krampfhaften Ringen hatte sie doch ein anderes Ziel erreicht, als Victorine gewollt. Victorine selbst stürzte blutend zu Boden. Ihre eigne Brust hatte sie getroffen; ein rother Strom schäumte aus dem schönen weißen Busen so wild und jäh, als hätte er längst auf seine Erlösung gewartet. Sie war den Händen des bestürzten Commissairs entgleitet, ihre Gestalt in sich selbst zusammengesunken. Jetzt bückte sich der Mann, richtete sie auf und hielt sie mit seinen Armen umfangen, die Wunde prüfend. So lag sie an seinem Herzen der Welt zur Schau. Sie ruhte in den Armen des Commissairs, wie Rußland das blutende Polen an sein Herz nimmt, mit kalter Großmuth, mit eisiger Liebe. Aber Victorine war schneller gestorben als ihr Vaterland, auch unschuldiger, auch schöner. Noch ein Zucken flog über die bebende Lippe, noch ein Feuerstrahl des braunen Auges irrte suchend über die versammelte Menge hin, dann lag sie matt und zerknickt, ein Bild von weißem Marmor, an der Brust des Mannes, der sie den Augen des Publicums darbot. In seiner Miene lag viel, unendlich viel durcheinander. In die Bestürzung und das Bedauern über die That mischte sich eine versteckte Freude, daß nicht ihn die Kugel getroffen; eine dumme Unschuld, eine unschuldige Bosheit lag in seiner Miene. O Rußland, großmüthiges Rußland! – Man hatte den ganzen Vorgang am Fenster gesehen, man konnte dem Commissair so wenig wie Rußland die Schuld des blutigen Ausgangs beimessen. Er hatte sich vergeblich bemüht, Victorinens geballter Hand die Todeswaffe zu entwinden, vergeblich den Lauf des Pistols nach der Luft zu wenden getrachtet, seine nervige Faust war schwach gewesen gegen den Krampf der Verzweiflung in Victorinens kleiner Lilienhand. Als die Menge sie wahnsinnig schalt, da hatte Victorine gewiß Gefängniß oder Irrenhaus vor Augen, die Mutter lag blutend auf dem Bette, Feinde von allen Seiten; es galt, die Freiheit zu ertrotzen. So hatte sie gewiß den Commissair zu treffen gesucht im dunklen Gewirr des Augenblicks; aber ein Mord war nicht geschehen, die blutige That war keine That, nur ein Ereigniß.

Wir hatten das Alles mitangesehen von der Straße aus. Der Fensterrahm umschloß wie ein Guckkastenloch das ganze lebende Bild, das ganze Bild des lebendigen Todes. Es war Alles wie im Fluge geschehen. Alles das Werk weniger Secunden. Wir hatten das Alles mitangesehen; auch ich, auch ich, elender Mensch! Ich hatte sie noch reden gehört, noch ihre Stimme vernommen; – als sie mit der Waffe in der Hand zu dem Volke gesprochen, war ich zu dem Schwarme gestoßen. Hätt' ich nur schreien gekonnt, und wäre mit dem Schrei mein Herz zersprungen – hätte ich nur schreien gekonnt, als sie herab zu uns sprach. Sie hätte mich noch erblickt, mich, ihren Freund, den einzigen in aller Welt, an den sie noch vor wenigen Stunden ihren schönen Busen still gelehnt in stiller Nacht, ohne daß sie's gewollt und gewußt. O, o! nun lag sie in den Armen des Commissairs, ohne daß sie's gewollt, ohne daß sie's wußte, still und todt, und ich sah die Welle ihres Blutes über den reinen mädchenkeuschen Busen hüpfen, den ich auch in dunkler, verschwiegener Nacht zu küssen nicht gewagt. –

Ich hatte mich mit dem wachhabenden Officier in seinem Zimmer, wohin ich ihm gefolgt, schnell verständigt. Die Brieftasche, die ich ihm eingehändigt, hatte ihm als Caution genügt. So war ich Victorinen nachgeeilt, halb willenlos getrieben zu stürmischer Hast. So war ich noch zeitig genug vor dem Hôtel angelangt, um die Schlußkatastrophe des Schauspiels mitzuerleben, als Zuschauer zu erleben, was ich hätte abwenden können, – o Gott! Vielleicht, – vielleicht auch nicht, – ach! ich unsäglich deutscher Mensch. Aber wer glaubt auch noch heutzutage an Thaten, wenn er ein Deutscher ist! O Du mein geliebtes, süßes Polenherz! – In wenig Augenblicken war Alles vor mir geschehen, das Trauerspiel zu Ende. Nun riß der Schmerz wie ein Wirbelwind mich hin und her. Nun tobte ich durch die dumpf betäubte Menschenmenge, nun stürzte ich ins Haus, die Treppe hinauf nach Victorinens Zimmer. So springt der Deutsche gewiß am Ende der Tage, wenn der Vorhang fällt und alles Thatenleben aus ist, noch schließlich wie ein Narr über die Orchesterwand, zertritt die Flöten und Contrabässe, daß sie gellend schreien, stürzt über die Lampen hinauf auf die Weltbühne und will noch helfend und thatlustig eingreifen in den Gang der Dinge, der nun kein Gang mehr ist, da Alles sich schon zu Ende spielte!

Das Zimmer war mit Wache besetzt. Man wehrte mir den Zugang. »Ich bin der Doctor,« sagte ich mit lächelnder Ruhe. Den Wundarzt schien man zu erwarten. So trat ich ein in Victorinens Zimmer, so sah ich mein todtes Polenmädchen auf dem Ruhebette liegen, nahm das Tuch, das man über den nackten Busen gebreitet, mit heiligem Schauer fort und sank über der Leiche still zusammen.

Ein Klopfen auf die Schulter brachte mich zur Besinnung. Es war der wirkliche Arzt; er hielt die Lanzette in Händen.

Ich nöthigte die müßigen Zuschauer, das Zimmer zu verlassen, ich gönnte ihren ungeweihten Augen den Anblick meiner Polenbraut nicht. Auch der Arzt durfte sie wenig oder kaum berühren, so glaubte ich ihren Manen genug zu thun. Ich trennte den Ärmel des schwarzen Rockes auf und enthüllte den keuschen blutenden Busen. Die Ader sprang, ein rother Quell hüpfte aus dem geöffneten Pulse. So lag sie in meinem Arme, und das warme Blut floß über meine kalte Hand.

Es war nichts mehr zu hoffen. Auch das brennende Wachs fiel vergeblich auf die Herzgrube, und um ihre Lippe schwebte es wie ein lächelnder Triumph, daß Alles vergeblich war, ihren ewigen süßen Schlaf zu stören. Auch bei der Mutter, die auf dem Bette im Hintergrunde des Zimmers lag, war des Arztes Bemühung umsonst, die alten Adern wollten sich kaum noch ergießen. Die Frau hatte das Pistol an die Stirn gesetzt, ihr Hirnschädel war zerschmettert. Auch sie hatte scharf zu laden verstanden; die Hand einer Polin, kennt den Gebrauch der Todeswaffen. Das lange schwarzglühende Terzerol Peter Wisotzky's, das Beiden den Tod gegeben, lag vor mir am Boden.

Im Nebenzimmer sprachen Criminalisten über den Fall. Die Aussage des Commissairs ward zu Papier gebracht. Ich saß unter den Todten halbtodt allein. Die Sonne wollte sich nicht verhüllen, sie schien mit ihrem Morgenlicht meinem Polenmädchen in das langsam erbleichende Angesicht. Es wollte mich fast bedünken, das sei die Sonne nicht, es sei der Mond, und wir säßen in der waldeinsamen Schenke in stiller Nacht, und Victorine läge, ohne Wissen und Wollen, träumend an meinem Herzen. Wenn nur das rothe Blut nicht wäre, dann war Alles gut! In dieser schlafenden Gestalt quoll noch die Wärme des heiligen Menschenlebens, auf dieser schönen Stirn saß noch der Traum unserer waldstillen Sommernacht. Auch die Wanduhr zählte noch mit ihrem Gleichtakt die Pulse der Zeit, wie in jener süßen Stunde, wo es nichts zu zählen gab, wo ein Rausch des Entzückens durch meine Adern rann und ein Zauberbann voll seliger Befangenheit auf meiner Seele ruhte, als sie mich küßte, ohne daß ich sie wieder zu küssen wagte. Damals hatte ich sie erweckt mit einem Kusse, und das war damals zu fürchten. Und jetzt – o jetzt, jetzt! Hätte sich meine tiefste Seele in einen einzigen Kußhauch zusammengepreßt und ihn wie einen Feuerstrahl über meine Lippen auf die ihrigen fortgeströmt, – ich hätte sie doch nicht mehr erweckt, – das war jetzt nicht mehr zu hoffen. Victorine ist nun todt. Ach! als sie schlief und träumte, da durfte sie mich küssen, und nun, da sie todt ist und träumt, da darf ich sie küssen. Deine Lippe, Mädchen, blüht noch wie eine duftende Kirsche. Ein Gott, der vom Himmel stiege, würde noch knieen vor Deiner Schönheit und einen Kuß sich erflehen. Ach! ungebeten, unerlaubt hat ein Gott Dich geküßt. Der Gott des Todes hat Dir die Weihe auf die Lippe gedrückt, und siehe! Du lächelst und freust Dich über den süßen Athem seines Mundes. So bittersüß küßt ein Gott. So viel Wermuth mit so viel Honig mischt sich in den Nektartrank des Todes. Warum durfte ich Dich nicht im Leben küssen, Victorine? Warum konntest Du Dich nicht wachend an meine Seite lehnen? Warum haben wir nicht lebendig das Wort der Treue gewechselt? Warst Du doch meine Braut still und geheim! Hast Du mir's doch wider Willen im keuschen Nachtkuß verrathen, daß Du mich geliebt! Das frage ich Dich jetzt, Victorine, da Du todt in meinem Arme liegst. Und Du antwortest mit dem stummen Lächeln. Ach! Du hast gut lächeln, da Du todt bist, wir aber, die wir leben, was sollen wir thun? Wir haben gut weinen! Mädchen, Mädchen! ich habe schwere Vorwürfe gegen Dich auf dem Herzen, und ich sage es Dir mit Bitterkeit in Dein todtes Angesicht. Polin, Polin! warum hast Du auf Niemand mehr in der Welt gebaut? Warum glaubtest Du von lauter Feinden Dich umringt? Warum ludst Du das teuflische Pistol, um auf die Menge oder auf den Mann des Gesetzes zu feuern? Warum ließest Du Dich nicht gefangen nehmen! Ich hätte Dich befreit, wie aus dem Irrenhause so aus dem Kerker, so aus der tiefsten Hölle! Aus dem Tode zieht Dich Niemand mehr ans Licht des Lebens zurück, denn der Tod selbst ist Leben, die Todesnacht ist hellster Tag. Nun, wie Du willst, lebe todt, wir wollen Polen begraben. Polen ist noch nicht verloren – jenseits nämlich, vor dem ewigen Richter. Schlummre, Victorine, ich nehme meinen Vorwurf, meinen Schmerz zurück. – Dein warmes Blut ist nun auch kalt und starr, alle Röthe hat es aus Deinem Angesichte fortgesogen. Du siehst recht blaß aus, Victorine, die Milde ringt mit der Härte in Deinen Zügen, recht wildschön siehst Du jetzt aus, mein gutes Mädchen. Wildschön wie Dein Leben war Dein Tod. Der Tod gehört mit zum Leben, deshalb sind wir eben unsterblich. Noch einen schmerzlosen, vorwurfslosen Kuß drücke ich auf Deine Stirn, noch einen, und so gebe ich Dir alle meine Heiterkeit mit auf den Weg. Lebe wohl! – und Du wirst wohlleben, denn Du bist nun still und todt, Du mein vestalisches Mädchen!

Die Criminaldeputirten traten ins Zimmer und nahmen den Thatbestand in Augenschein. Der Priester der katholischen Gemeinde erschien, den die kranke Polenfrau in den letzten Tagen mehrmals zu sich beschieden hatte, ohne daß sie im Stande gewesen, aus der Irre der Gedanken, die sich in ihrer Seele gekreuzt, ein Beichtgeständniß herauszufinden. Seitdem Victorine ihr entrissen, hatte auch die nöthige Pflege gefehlt, um den trostlosen Zustand der hinsiechenden Frau zu mildern. Von Körperschmerzen gefoltert, verdunkelten sich ihre Sinne von Tag zu Tag. In einigen lichten Augenblicken fühlte sie die Nähe des Todes und äußerte das Verlangen nach den Segnungen der Kirche. Sobald aber der Geistliche erschien, lag sie ihrer Sinne beraubt, von den Leiden des Körpers überwältigt da und schien mehr der Sorge des Arztes zu bedürfen als zu dem Genusse kirchlicher Gaben befähigt zu sein. Der Wunsch nach baldiger Auflösung ging langsam in den Entschluß über, ihrem Unglück freiwillig ein Ziel zu stecken. Mehrmalige officielle Nachsuchungen unter ihrem Eigenthum, die von Seiten der Behörde ausgingen, verdüsterten das Gemüth der Frau immer mehr. Man hatte nichts unter ihren Papieren gefunden, was sie oder die Tochter der Strafe des Gesetzes geradezu verfallen ließ; um so mehr glaubte sich die von einer Welt voller Feinde umringte Polin der Willkür der Menschen preisgegeben und sah keine andere Rettung als in der Flucht vor den finstern Mächten des Lebens, die sie wie ihr Volk dem Untergange entgegentrieben. Sie verschloß sich mehre Tage hindurch in ihrem Zimmer. Man wußte nicht, welcher Plan in ihr gereift sein mochte; endlich schien es dem Besitzer des Hôtels Pflicht, die Behörde davon in Kenntniß zu setzen. Allerlei Gerüchte liefen durch die Stadt, und es war erklärlich, daß sich an dem Morgen, als man dazu schreiten wollte, ihr Zimmer zu erbrechen, ein Haufe Menschen auf dem Platze versammelte. Seit zwei Tagen hatte sie kein Zeichen des Lebens von sich gegeben; man hielt die Frau für todt, ihr Erscheinen am Fenster in späten Abendstunden schien dem Pöbel die Meinung, sie wandele als Geist und Schatten, nur zu bestätigen. Vielleicht hatte die Unglückliche den Entschluß gefaßt, durch Hungertod zu enden, und als sie matt und todmüde, durch das Rütteln an der Thür und das Ansetzen der Zerstörungsinstrumente erschreckt, sich vom Lager aufraffte und ans Fenster schleichend das Gebäude von der gaffenden Menge umzingelt sah, glaubte sie rascher den Händen der Feinde entfliehen zu müssen. Die ermatteten Kräfte reichten nur kaum noch hin, ein Pistol zu laden, aber des Gebrauchs der Waffen des Krieges kundig, wußte sie die Kugel sicher zu lenken. Mit zerschmettertem Schädel lag sie auf ihrem Bette. Ihre Seele war schon von hinnen, als Victorine die Leiter zu ihrem Fenster erstieg.

Es war hier nichts mehr zu retten, also verließ ich den Ort, um mich selbst zu retten. Was bleibt dem Menschen Anderes als dieser Egoismus übrig, wenn er die Blumen des Frühlings um sich her verwelken und sterben sieht, und auch das Rosenblatt, das er auf seine Herzgrube zum treuen Angedenken legt, langsam in Staub zerfällt? Ich ging, und der Priester ging mit mir, denn es war nichts mehr zu beichten und zu absolviren. Die Todten waren stumm, sie konnten sich selbst die beste stille Messe lesen. Wozu sollte es auch noch länger nutzen, über das blutumspülte, furchtbar zerstörte Angesicht der Polenfrau das Zeichen des Kreuzes zu machen? Sie hatte Kreuz genug gehabt in ihrem Leben, soviel, daß sie es nicht mehr zu tragen vermocht. Sie hatte noch im letzten Todeskrampf die wunde Hüfte, die ihr in Warschau zerschossen wurde und die Victorinens zarte Hand nicht mehr mit kühlenden Tüchern umhüllte, der Welt verächtlich zugekehrt, und ihre Wunden schrieen auf gen Himmel. Was die Hand der ganzen Menschheit versündigt, konnte die segnende Priesterhand nicht mehr gutmachen. Und Victorinens blasses Antlitz, das die Glorie himmlischer Seligkeit umspielte, war schöner als der silberne Heiland, den der Pfaffe am schwarzen Holze über sie schwenkte. So lautet mein weltliches Evangelium.

»Es ist beklagenswerth,« sagte der Geistliche, mit dem ich das Haus verließ, »daß die Frau nicht beichten konnte. So ist sie in ihren Sünden und mit Sünden dahingefahren.«

»Würdiger Vater, – oder was, Sie sonst sein mögen,« sagte ich, »man muß einer Polin etwas zugutehalten. Aus dem Gewirr der Sünden, das die Welt über sie geschüttet, hat sie den eignen Antheil nicht mehr herausstöbern können. Ein echter Pole kann die Dissonanzen seines räthselhaft und wüst verschlungenen Daseins auch im Sterben nicht ganz mit klarer Seele auflösen; ein verworrener Tod gehört mit zu seinem verworrenen Leben.«

Der Priester sagte, wer selig sein wolle, müsse als Christ sterben, er wolle gehen und für die Todten beten.

»Und ich will gehen und für die Lebendigen beten,« mußte ich ihm erwiedern, »für alle Lebendigen beten, die da wähnen, der ohne Sacrament Gestorbene sei dort oben nicht selig. Was hätte der wahnsinnigen Polin der Genuß des Abendmahls genutzt! Sie hätte ja das Symbol nicht verstanden in dem Zustande der verdunkelten Lebensgeister.«

Der Diener des Herrn blieb dabei, die beiden Todten könnten nicht füglich selig werden, da sie das Brot nicht gebrochen.

»Guter Vater,« sagte ich, »sie haben mehr als Brot gebrochen, sie haben sogar vom Kelche getrunken.«

»Vom Kelche?« fragte der Mann; »waren sie Beide nicht gut katholisch?«

»Ja, würdiger Gesalbter, trotzdem daß sie keine Ketzer waren und sich also mit dem Brote begnügten, haben sie doch vom Kelche getrunken. Sie haben auch oft gebetet: es gehe, so es der Wille des Herrn ist, dieser Kelch von mir; aber er ging nicht, und so mußten sie ihn bis auf die Neige ausleeren, den bittern Kelch der Leiden. Das Leben des Sterblichen, guter Priester, hat alle seine Sacramente in sich. Im Symbol fassen wir's nur mit klarem Bewußtsein zusammen, was im Leben selber liegt. Auch sein Fegefeuer, auch seine Hölle hat der arme Mensch im Leben reichlich und in Überfülle, und wenn der Herr den Athem von ihm nimmt, es sei wie es sei, so bleibt der zerschlagenen und zermarterten Seele nichts weiter übrig als der reine Himmel. Solange die Hölle für jeden Einzelnen noch nicht ganz erschöpft ist, so lange bleibt er am Leben. Das ist mein Evangelium, würdiger Vater; Du siehst, ich mache Dir die Hölle heiß in diesem Augenblicke. Geh' hin und bessere Dich, guter Priester.«

Ich hatte dem Manne das mit aller bescheidenen Milde gesagt. Wozu sollte ich mich ereifern gegen ein gutmüthiges Wesen, das dem Herkommen seine Denkkraft zum Opfer dargebracht! Er aber lief zornig von hinnen, die Chorknaben, die ihn begleiteten, konnten kaum folgen und das Schleppkleid des Priesters, das durch den Koth der Straße hinter ihm her schwänzelte, von dem Schmuze dieses Erdenlebens rein halten. Fahre wohl, stolze Priesterseele!

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