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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 27
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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Mitternacht. Auf der Reise nach Welmar.

– So sind wir denn dem Mondstein glücklich entronnen. In einer einsamen Waldschenke auf der Grenze machen wir Halt, um den Damen eine Erfrischung zu gönnen. Die Nacht ist schwül, es liegt etwas Drückendes in der Atmosphäre. Aber wir sind rüstig und wohlgemuth, nur Victorine ist still und in sich gekehrt. So hat uns fünf seltsame Menschen das Leben also wieder! Es ist vielleicht nicht ganz richtig mit uns, wenigstens nicht mit Jedem von uns. Mag nun die Welt sehen, wie sie mit uns fertig wird und wir mit ihr. Mag das Leben selbst, in dessen Schooß wir zurückkehren, in uns neutralisiren, was Gesundheit, und was Krankheit in uns ist! –

– Es wurde gestern spät dunkel, und doch bedurften wir der Dämmerung, um unser Werk in Ausführung zu bringen. Es waren auch während der Nachmittagsstunden noch wichtige Vorkehrungen zu treffen, und zugleich durfte keine Eilfertigkeit im Hin- und Herlaufen gezeigt werden. Wir mußten vor den Augen des kleinen Arztes als dieselben Müßiggänger erscheinen, die wir bisher gewesen waren. Philipp hatte nun wol, als Neffe des Directors der Anstalt, den freiesten Spielraum von uns Allen; ohne ihn wären die nöthigen Anstalten zur heimlichen Abreise, die noch an demselben Tage geschehen sollte, gar nicht ins Werk zu setzen gewesen. Sobald wir kleeblätterigen Menschen unsere Sitzung in der Gartenlaube geschlossen, stieg Philipp, dem jeder Zugang und Ausgang offen stand, den Mondstein hinab und eilte nach dem nahen Dorfe, um Pferde und Wagen zu besorgen. Er war in der Gegend zum Theil bekannt, und es konnte nicht fehlen, daß er das Nöthige sich leicht verschaffte. Es führte nur ein Weg, nur eine Pforte vom Mondstein hinunter, und es kam darauf an, ob der Thürhüter auch mich mit dem Vertrauen beehrte, mich für unverdächtig zu halten. Ich ging frei umher und konnte hoffen, die Diener der Anstalt seien längst davon in Kenntniß gesetzt, daß ich überall passiren dürfe. Ich stieg den Felsenpfad hinab, machte eine Promenade am Strome entlang und kehrte bald darauf ganz ruhig zurück. Das Geschenk, das der Pförtner von jedem Reconvalescenten erhält, der zum ersten Male den Bezirk verläßt, fiel für ihn sehr reichlich aus; so war er doppelt zufriedengestellt über meine Person und hielt mich für überflüssig verständig. Daß ich jetzt zum ersten Male wieder die freie Welt als freier Mensch gesehen, war mir auf dem Spaziergange nicht einmal als besonders beziehungsreich eingefallen.

Ich verlebte ein Stündchen in der Gesellschaft meines Medicus, dann kam die Dämmerung allmälig, und mit ihr kehrte Philipp zurück. Es war Alles in Ordnung wegen des Fuhrwerks. Hinter dem Dorfe im Gebüsch standen zwei Kaleschen in Bereitschaft, um die Flüchtlinge aufzunehmen. So war denn nicht mehr zu säumen, und ich eilte, Victorinen von Allem in Kenntniß zu setzen. Der Schrank war schnell fortgerückt und die Communication mit ihr durch die zertrümmerte Tapetenthür leicht wieder hergestellt. Sie faßte die Intrigue als einen Scherz auf, der nicht glücklich ablaufen könne, war aber doch gleich bereit, die kleine Maskerade mit aufführen zu helfen. Es schien nämlich unmöglich, daß den Frauen in ihren eignen Kleidern der Ausgang gestattet sei, zumal so spät am Abend; selbst in meiner und Philipp's Begleitung wäre es aufgefallen. So mußte denn Victorine sich in mein Costüm werfen, und die Vermummung kam ihr lustig genug vor, um Bedenklichkeiten nicht aufkommen zu lassen. Ich holte aus dem Koffer meinen zweiten Anzug hervor; es waren schwarze Pantalons und ein Frack von gleicher Farbe. Beides reichte ich ihr geheimnißvoll durch die Öffnung der Thür, und während sie mit dem Ankleiden beschäftigt war, brach ich noch ein großes Stück von der Breterwand los, bis die Öffnung weit genug schien um Victorinens schlanke Gestalt durchschlüpfen zu lassen. Sie war mit dem Anzuge fertig, stieg auf den Stuhl und schob sich, denn nur der obere Theil der Thür war durchbrochen, behutsam mit dem einen Fuße voran durch das zertrümmerte Breterwerk. Der umstürzende Stuhl raubte ihr das Gleichgewicht, ich hielt sie aber fest, und der schöne schwarze Candidat lag sicher in meinen Armen. So war denn das erste Stadium unserer Entführungsgeschichte erreicht. Victorine stand in meinem Zimmer, dessen Ausgang unbehindert war. Es gab noch Manches an ihrem Costüm zu vollenden. Ich stülpte meine grüne Jagdmütze über ihre Flechten, sie saß ihr wie ein Helm, und der schwarze gelehrte Rock hinderte nicht, ihr das Ansehen einer modernen Amazone zu geben. Es lag etwas Kriegerisches, eine kecke Gewandtheit in ihren raschen Bewegungen.

Da hustete Jemand wiederholt auf dem Corridor. Es war das verabredete Zeichen, das Philipp gab; somit mußten wir eilen. Victorine trat vor den dunklen Spiegel, die Dämmerung ließ nichts mit Sicherheit unterscheiden, blos Gewohnheit der weiblichen Natur führte sie vor die Glasscheibe. Da fuhr ein Mondstrahl plötzlich über ihre ganze Gestalt, der bleiche Schein umspielte sie wie eine Phosphorflamme. »Jesus Maria!« sagte Victorine leise, aber tief erschrocken, »ich bin todtenblaß, und das schwarze Gewand ist so düster, als ginge ich zu einem Leichenzuge!« Ich ergriff sie gewaltsam am Arme und zog sie fort. Andere Sorgen nahmen uns bald in Anspruch.

Der alte Thürhüter nickte schläfrig mit dem greisen Haupte, als Philipp an das Schubfenster trat, um sich den Schlüssel zu erbitten. Er hatte ihm von einer abendlichen Wasserfahrt gesagt, die er in meiner Begleitung zu machen sich vorgenommen. Der alte Mann hatte kein Arges und setzte nicht einmal die Brille vor das blöde Auge, als er den Kopf zum Schlage hinausbog. So ging die schwere Pforte rasselnd auf, wir schlüpften durch und eilten den finstern Felsengang hinunter ins flache Land. Das Herz schlug mir doch einigermaßen freier, als ich hinter mir die hohen Felsengebäude im Scheine des Mondes erleuchtet sah. Ich stand eine Weile still und dachte einen Augenblick der seltsamen, kaum abgeschlossenen Vergangenheit, die mit der knarrenden Eisenpforte hinter mir zuschlug, hoffentlich um sich nicht wieder für mich zu eröffnen. Victorine hing an meinem Arme und sah mit hinauf nach dem wunderlichen Mondsteinschloß, wo wir nichts zurückgelassen hatten als einige abgelegte Kleider und den abgetragenen Wahnsinn. Fast beschlich mich eine Wehmuth, wenn ich dachte, ich sei dort nicht ohne Nutz' und Frommen für meinen innern Menschen eingepfercht gewesen. Mein innerer Narr, der dort geblieben, kam mir vor wie ein Freund, den ich treulos verlassen. Es war mir, als sähe er dort oben vom Fenster herab auf den stillen Wiesenpfad, der mich jetzt wieder ins verständige Leben führte. Adieu, mein Narr, mein guter Knabe, mein kleiner Metaphysikus!

Victorine trieb zur Eile. Sie gedachte nicht der Vergangenheit, die nächste Zukunft beschäftigte ihr Gemüth, und die Furcht, die kranke Mutter schlimm zu finden. Ich sprach ihr Muth zu, aber es gelang nur schlecht, die stille Trauer von ihrer Stirn zu scheuchen. Wir holten die Gesellschaft, die uns vorgeeilt war, erst am Saume des Waldes ein, wo die beiden Wagen bereit standen. Erst jetzt nahm ich wahr, in welchem seltsamen Costüm unsere Elvira steckte. Ein weißer breitkrämpiger Hut verhüllte ihr länglich blasses Gesicht, die Beinkleider hingen nachlässig um ihren schlanken Fuß, und während dieser Theil des Anzugs zu weit und bauschig war, ragte ihre große Gestalt seltsam aus dem knappen Oberrock heraus. Eine lange Weste, die zur Garderobe des Capellmeisters gehörte, verhüllte ihre Brust, ihr Kinn lag tief vergraben in der hohen steifen Cravate. Mit den schönen weißen Händen, die aus den kurzen Ärmeln des hellgrünen Rockes weit hervorragten, war sie unablässig bemüht, sich das enge Gewand zurechtzurücken, und wenn während dieser Bemühung hier und da eine Naht platzte, stand sie sinnend einen Augenblick still, wie in Gedanken vertieft. Man durfte nicht scherzen; Elvira schien ebenso wenig dazu aufgelegt als der Capellmeister, der sie jetzt eben mit stummen Reverenzen in den Wagen hob.

»Die Weißschuh ist mir räthselhaft!« flüsterte mir Philipp ängstlich zu. »Sie hat unterwegs kein Wort gesprochen, auf keine Frage geantwortet.« Gott im Himmel! dacht' ich, so ist ihr Gemüth wol bei ihrem Narren im Mondstein zurückgeblieben, und nicht Jeder von uns hat sich wirklich und wahrhaftiglich emancipirt. So laufen wir denn mit einigen halben Menschen, deren eine Seelenhälfte im Narrenhause sitzen geblieben, so ganz ins Blaue hinein! Ich sagte zu Philipp, er möge das Künstlerpaar behüten, für Victorinen werde ich selber sorgen. Mit ihr stieg ich in den zweiten Wagen. Ich mußte selbst die Zügel ergreifen und fuhr hinter Philipp her, der die Wege kannte. Die Knechte, die uns das Geschirr gebracht, entließen wir; es ließ sich nicht gut vereinigen, sie als Führer mitzunehmen. –

Durch Wald und Gebüsch sind wir nun vier Stunden in einem Zuge gefahren. Der Weg war ebenso schlecht, als unsere Eile groß. Der Mond verkroch sich oft, und die knarrende zweiräderige Kalesche, in der ich mit Victorinen saß, drohte mehrmals, zusammenzubrechen, wenn die vielen Wurzeln im Waldwege ein Hinderniß boten. Aber der Gaul hatte Muth und Kraft, und so jagten wir denn fort und haben die Grenze und die Hälfte der Tour erreicht.

Hier in der einsamen Herberge theilen sich unsere Wege. Der Capellmeister will direct nach Isebüttel, er läßt sich nicht davon abbringen, während Victorine den dringenden Wunsch verräth, nach Welmar zu fahren. Mich selbst zieht es dorthin. Sobald der Morgen graut, lasse ich anspannen; bis dahin gönne ich dem Thiere die kurze Rast. Philipp ist bereits aufgebrochen, der Capellmeister ließ ihn nicht ruhen. Sie werden bald ihr Ziel erreichen, da der junge Arzt des Weges auch hier kundig ist.

Es ist recht schaurig still in der kleinen Waldstube, die mich und Victorinen umschließt. Aus der nahen Kammer dringt der röchelnde Laut schlafender Menschen; es sind die Wirthsleute, die so einträchtig schnarchen und glücklich sind. Auch die Freundin ist still und müde, sie sitzt im alten Lehnstuhl, – ich glaube sie schläft jetzt. Ich halte meinen Arm vor das Nachtlicht, das vor mir steht, um ihr Auge zu beschatten. Mit der andern Hand schreibe ich hier mein Tagebuch. Ich bin innerlich so wach, ich möchte krähen wie ein Haushahn, wenn ich die Schläfer nicht zu wecken fürchtete. Ach, da erlischt die Leuchte. Nun ists gut, nun haben wir Schatten, wenn nur der Mond nicht wäre!

Ich hielt eine Weile das Auge geschlossen, dann sah ich auf und erschrak heftig. Victorine stand dicht vor mir. Sie legte ihre Hände auf meine Schultern und blickte mir starr ins Angesicht. Das Mondlicht umspielte ihre weiße hohe Stirn, ihr Auge war etwas stier, die Lippe bewegte sich schnell und hastig. Himmel! sie träumt, sie ist mondsüchtig! Ich blieb in meiner Stellung wie gelähmt, wie gebannt. Ihre ganze Gestalt lehnte sich mit vollem Gewicht an meine Schulter. Ich mochte sie nicht rufen, nicht ihren Namen nennen; so ließ ich Alles ruhig an mir geschehen. Sie neigte sich so nah über mich hin, daß ich den Hauch ihrer Lippen an meiner Wange fühlte, dann sank sie matt und leise ganz an meine Brust, ihr Busen klopfte an dem meinigen, ihre Hände umschlangen meinen Nacken. Ein Schauer bebte durch meine Adern, ich wäre vor Seligkeit fast gestorben. »Du guter Mensch!« sagte sie mit einer lispelnden Geisterstimme, die wie der Athem einer verklärten Seele klang: »Du hast mich doch wol recht tief und wahrhaftig geliebt? – und ich Dich nicht? Ja, hätte ich lieben gedurft, ich hätte Dich geliebt. So lebe wohl, so laß uns Abschied nehmen, – einmal und nie wieder!« Ihr zitternder Mund hing an meiner glühenden Lippe, ich konnte den Kuß nicht erwiedern, ich unterlag der Wehmuth, die wie ein Strom voll ewiger Liebe, wie der Ätherglanz eines Engels mich überflutete; ich weinte eine stille Thräne.

Der Mond hüllte sich in die Wolke und ließ uns in der traulichen Dunkelheit. So sah ich Victorinen nicht mehr, aber ich hatte und hielt sie ganz in meinen Armen. Und sie wußte nichts davon! Nur träumend hatte sie mich geküßt, und ich hatte nicht den Muth, sie auch zu küssen, eine gewisse bange Scheu hielt mich ab. Ich mochte sie nicht wecken und auch den Traum nicht weiter spielen. Jetzt schlief sie wieder recht fest, ich hatte sie bequem an meiner Brust gebettet, aber ich fürchtete ihr Erwachen, wenn das Mondlicht wieder aus der Wolke trat. So umfaßte ich sie denn sanft und leise, hob sie in die Höhe und mich mit ihr, und trug sie sacht zurück, von wo sie gekommen war ohne es zu wissen, ohne es zu wollen. Ihr Haupt lag wieder in der Lehne des Armstuhls, ihr Busen klopfte heiß und mächtig gegen den schwarzen Candidatenfrack. So lag sie nun wieder ruhig und durfte nicht erröthen, wenn sie erwachte. Ich selbst rückte meinen Stuhl ihr näher und saß still vor ihr und behütete ihren Schlaf, als das bleiche Nachtgestirn wieder mit seinem täuschenden Saum ihre Stirn versilberte. –

*

 

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