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Eine Quarantäne im Irrenhause

Ferdinand Gustav Kühne: Eine Quarantäne im Irrenhause - Kapitel 26
Quellenangabe
typenovelette
authorFerdinand Gustav Kühne
titleEine Quarantäne im Irrenhause
publisherF. A. Brockhaus
year1835
firstpub1835
correctorreuters@abc.de
senderbruce.welch@gmx.de
created20151112
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Zwei Stunden später.

Abstract verständig, tugendhaft nüchtern, ging ich aus und wandelte durch Feld und Garten. Ich fing schon an, mich in meiner anerkannten Verständigkeit zu langweilen, indem ich darüber nachdachte, wie dürftig und ekelhaft leer die Welt sein müsse, wenn das Gehirn aller Menschenkinder ein regelmäßig geordneter Verstandeskasten wäre, und ihr Herz ein gegliedertes, nie abweichendes, uhrrichtiges Organen voll lauter Tugend! Es wäre schrecklich unter dem Monde, wenn der Mond keine Ebbe und Flut im Gehirne zuwege brächte, keine Leidenschaft aufrauschte, weder Haß noch Liebe uns toll machte. Gute Nacht dann, du unendlich wunderbares, geheimnißvolles Gelüst, des Lebens tiefste Tiefen, die Räthsel Gottes, die Wunder der Welt sich denkend zu deuten! Gute Nacht dann, Poesie; gute Nacht, du süße Bacchantin, Phantasie; gute Nacht, all' ihr lichtbeschwingten Genien des lustig schönen Daseins! Mit allem Jugendrausch, mit allen Täuschungen der entzückten Liebe nähme auch die Begeisterung für das Höchste von uns auf ewig Abschied. Das Leben wäre eine altbackene, hartgemagerte, tugendhaft versteifte Jungfer, wenn wir Alle blos verständig wären! Süße Verirrung des Wahns, zerflatternder Traum der Phantasie, du quellender Schaum und buntfarbiger Saum um das graudüstre Eiland, Leben! O ihr verklärten Leiber des Lichtes, die ihr weder Licht selber seid, noch Nacht und Schatten blos, ihr Trugbilder, womit das Herz sich die kahlen Wände der Welt bekleidet, wie der Frühling sich Blumenstreifen über die trostlos schwarze Erde zieht, ihr bunten Irrthümer der Einbildung und all' ihr Illusionen des trunkenen Gemüthes, verlaßt den armen Menschen nicht, bleibt bei ihm allezeit bis ans Ende der Tage, eure raschverblühenden und schnellwelkenden Rosen nehmt uns nicht, und auch die Dornen, die blutig verwundenden Dornen, stumpft sie nicht ab! Was wäre das Leben ohne Irrthum! Die Geschichte wäre keine Geschichte mehr, wenn der Mensch zu irren, zu streben, zu straucheln aufhörte. Wie soll sich die Wahrheit enthüllen, erproben und lebendig werden, wenn sie sich nicht vielverzweigt in tausend und tausend Fäden hier und dorthin verläuft, abirrt, – und im Irrthum ihre Enden abwickelt!

Mir begann, wie gesagt, förmlich zu grauen vor der eigenen Leere meiner abstracten Verständigkeit; ich lief nach Abenteuern umher, um mit Lebensstoffen meine hungrige Seele zu füttern; ich war in einer Stimmung – tollgierig muß ich sie nennen, ich weiß kein anderes Wort dafür. Die dumpfe Schaar der Wahnsinnigen aus Stupidität, die im Felde und im Hofraum herumkrochen, waren mir langweilig, widerwärtig. Diese Tölpel, die so brutal ins Blaue gaffen voll unsagbarer Animalität, haben keine Ahnung davon, was es heißt, interessant toll und rechtschaffen wahnwitzig zu sein. Die besten Tollen sind einzeln in die Zellen vertheilt und gehen nur in Begleitung der Ärzte oder Wärter ins Freie. Solange ich eingesperrt war, gehörte ich zu diesen Exquisiten, die man gefährlich nennt, d. h. zu Denen, die sub specie aeterni den Verstand in die Schanze geschlagen haben und, um »des Lebens Unverstand mit Wehmuth zu genießen,« das Endliche, Beschränkte in die Wagschale werfen, sodaß es hoch aufflattert vor der Schwere des Ewigen, das die andere Schale zu Boden drückt. All diese Narren hier um mich sind nicht viel werth. Selbst in der banausischen Wildheit jenes Bauerkerls, dem unter dem Kittel die Hände kreuzweise über die Brust gebunden sind, oder in der aufgeblasenen Oberhoheit jenes Aristokraten, dem man umgekehrte Daumschrauben ansetzen sollte, die ihn nicht in die Länge, sondern in die Kürze ziehen: was ist's weiter, als daß sich die Bestie der Creatürlichkeit in ihnen regt! Das Animalische in ihrer Natur hat keine Befriedigung, keinen Spielraum gefunden; so ist es in sich verwachsen und zum Knollengewächs aufgeschossen, das Kopf und Herz überwucherte. Ich werde in die Welt zurückkehren müssen, um den tieferen Wahnsinn zu finden, an den der innere Mensch die Geschichte seines Lebens angeknüpft sieht. Ich will den Ort verlassen, wo nur verschrumpfte Gliedmaßen sich widernatürlich bewegen. So sagte ich still zu mir und ging murrend durch den Garten nach dem Hofraum zurück. Die Fenster meines Zimmers standen geöffnet, und ich stellte mich ihnen gegenüber und blickte starr hinauf. Also dort, sagte ich, hat vor kurzem auch ein Wahnsinniger gehaust! Welche Dummheit, wenn nicht Tollheit, das zu wähnen! Dem Fremden, der den Mondstein besuchte, wurde vielleicht, wenn er hier über den Hof schritt, ein bedeutungsvoller Wink nach oben gegeben, dort wohne ein verrückter Doctor der Weltweisheit, ein verunglückter Philosoph mit poetisch tollem Beigeschmack. Aber er wird sich wol unter die Douche der kühlen Verständigkeit bringen lassen, die Empirie muß die Speculation curiren! – So sagte der Führer vielleicht zum Fremden. Nun, Ihr Herren vom Mondstein, hier steht ja der tolle Mensch auf freien Füßen! Was habt Ihr ihm denn abgezwackt? wieviel Unzen tollen Blutes hat er abgesetzt? was für ein Meisterstück der Heilkunst habt Ihr denn an ihm vollbracht? Haha! die Fenster stehen auf, der Vogel ist hinausgeflattert und guckt selber in sein Nest. Ihr habt ihm das Loch geöffnet – aber was hat er denn Verständiges zugelernt, was habt Ihr ihm denn beigebracht? Er hat, wie die Bourbonen nach dem Sturze, nichts vergessen und nichts gelernt! Er ist immer noch derselbe, der das von allen Trieben der Leidenschaft erfüllte Gemüth, die ewig wache, in ewiger Zweifelsucht bewegte Seele, nicht die abgeklärte, verfestete Verständigkeit, für die Wiege hält, in der sich die Wahrheit schaukelt. Greift ihn doch, den Verräther, der Euch und Eurem Handwerk Hohn spricht! Die Empfängniß der begeisterten Seele, in der sich das Ewige einen Moment seines Daseins schafft, ist der Gipfelpunkt des geistigen Lebens. Den Glauben habt Ihr mir nicht entrissen, und so bin ich ganz der Alte noch! Eure Kunst ist an der Fülle des Gehalts, in dem ich mich getragen fühle, erlahmt. Noch mehr als je will ich von nun an, sei's im Leben und Genießen, sei's im Denken und Dichten, im Momente das Absolute suchen, dann bin ich der Wahrheit versichert. Das Leben ist ein dunkler nächtlicher Luftraum und einige blinkende Sterne darin. Die Sterne halte fest! Das ist das Ende vom Liede! Hab' ich mir so die Fühl- und Stoßhörner zurechtgesetzt, was wollt Ihr mir bieten, das ich nicht faßte; was kann mir Himmel und Hölle aufzeigen, das ich nicht in mir selber hätte?– Was ich geschrieben, nennt Ihr Documente der Tollheit. Aber Euch gilt das Höchste auch für Unvernunft. Die Entzückung des Denkers, der sich und die Erscheinungen des Lebens im Schooße des Absoluten sucht und findet, der jubelnde Lerchenschwung des Dichters, der die pure Fläche des gemeinen Daseins verläßt und sich in Lüften wiegt, wo er trunken wird vom Morgenlicht und vom Wehen der Freiheit, die süße Andacht des von der Nähe seines Gottes erfüllten, frommen Gemüthes, der zitternde Kuß auf das Kreuz von Holz oder Stein, der fröhliche Lärm des frischen Jünglingslebens, die süße Trunkenheit, die wie ein schlummerndes Paradies im Auge des liebesuchenden Mädchens lauscht und lacht und lockt, die zuckende Lippe, die im Athem der Geliebten bebt, der süße Rausch des rollenden Auges, das im tiefsten Genusse die Kreislinien der Wonne mißt und doch kein Maß findet in der kreisenden Bewegung, – ach! Alles, Alles ist dann Störung und Gestörtsein, wenn im beengten Raume der Verständigkeit allein die Gesundheit der Seele zu finden ist; dann gilt Euch Alles für Verirrung und Irrsein, dann müßt Ihr Alles curiren, das Schönste, das Tiefste, das Heiligste. – Gottes ist Alles, das Äußere und das Innere, und das Geheimere im Leben ist seine treuere Offenbarung. Wir dürfen nichts im Dunkel lassen, es muß Alles heraus ans Tageslicht, wir müssen den ganzen, großen, heiligen Gott in der ganzen, weiten, herrlichen Welt begreifen. Das All ist nur Eines, das Viele macht in Summa eine Einheit. Das Absolute hat sich tausendfach auseinandergedehnt im wollüstigen Gefühl des Daseins, aber es ist nicht zerschnitten, zerrissen, geborsten und auseinandergefallen. Gott ist der Begriff alles Daseins, der Inbegriff der Welt, ihre Kraft, ihre Schönheit und Unendlichkeit. Gott ist Natur als Geist gefaßt, Gott ist der lebendige Complex ihrer Geheimnisse und ihrer Offenbarungen, Gott ist das All als Eins gedacht, Gott ist die Urpersönlichkeit der Welt. Er ist das Lebende, das Athmende, das Schaffend-Treibende, das Zerstörende und Auferstehende, Gott stirbt im Leben und lebt im Sterben, Gott ist die Trauer um das Versinkende, der Jubel um das Neuerscheinende, Gott ist die unendliche Liebe, weil er das unendliche Leben ist. Die Natur ist nicht das Abgefallene. Es gibt keinen Teufel, nur kleine Teufeleien der Menschenkinder!

Ich hatte, an die Mauer zurückgelehnt, mein pantheistisches Vaterunser so vor mich hingesummt, während sich an einem der Fenster mir gegenüber eine weibliche Gestalt schon eine Zeitlang bemerklich machte, ohne daß ich sie sonderlich in Obacht nahm. Man starrt oft so ins Blaue und läßt die einzelnen Erscheinungen im Spiegel der Augen verschwimmen, ohne daß der Reflex bis auf den Grund der Seele dringt. Es ist der Fehler aller pantheistischen Anschauungen, das Einzelne und das Nahe zu ignoriren. Jetzt aber – ich hatte den Hut vor die Brust gedrückt und die Hände darüber gefaltet – jetzt aber war mein metaphysisch-frommer Schauer vorüber, und ich fing an zu bedenken, wie schön die Empirie des Lebens sei, die sich dem Schauen ins Blaue entwindet. Ich drückte meinen Hut auf den Kopf und eine Brille vor mein kurzsichtiges Auge. Eigentlich ist der Pantheismus weitsichtig; er steht in der Vogelperspective des Denkens. Gleichwol bin ich kurzsichtig und demnach wol kein radicaler Pantheist. Der Focus meiner concaven Brillengläser war ziemlich schwach; desto stärker sollte der Brennpunkt der Attraction werden, in den ich trat. Es war – soviel konnte ich sehen – eine weißgekleidete Frauengestalt, die an dem Fenster seltsam auf- und abmanoeuvrirte. Ich sah auch die dunklen Locken, die, halb aufgelöst, halb in Flechten gewunden, auf die Schultern rollten. Über der Schläfe saßen einige Papilloten; die Dame schien im Morgennegligee. Das Gewand fiel regellos über den Busen, aus den weiten Ärmeln ragten die kleinen Hände wie Schwäne aus weißen Meereswellen hervor und rasselten an der Fensterscheibe hin und her. Die Fremde fixirte mich schon lange, und zwar mit einer Hast, die sich steigerte, je länger ich in meiner gleichgültigen Stellung ihr gegenüber beharrt hatte. Sie suchte offenbar einen nähern Verkehr mit mir. Eiserne Gitterstäbe, die meinem Zimmer einen Anstrich von Gefängniß gaben, fehlten dem ihrigen, und diese hätten sie auch nicht behindert, mir zwischendurch etwas zuzurufen; denn dies schien sie Willens. Sie rüttelte am Fensterriegel mit drängendem Ungestüm – o Himmel! der Flügel war vernagelt. Wahnsinnige haben oft ein unwiderstehliches Gelüst zur Freiheit, und sollte es einen Sprung in die freie Luft zwei Stock hoch hinunter kosten, sie wagen ihn, sie stürzen sich hinab und brechen das Genick – und sind dann dem Kerker des Lebens entflohen und athmen in aller Freiheit des Todes kühle Morgenluft. Deshalb ist die Vorsicht sehr lobenswerth, wenn der Staat den Menschenkindern die Fenster wenigstens vernagelt, im Fall Eisenstäbe zu tyrannisch erscheinen, um die gestörten Geister der Unterthanen vor Freiheitsschwindel zu bewahren. »Bewahret das Feuer und das Licht, damit (aus Freiheit nämlich) kein Schade geschicht!« Das alte gute Nachtwächterlied ist immer noch das beste Obrigkeitslied.

O Himmel! das muß ja meine Wandnachbarin, die Sängerin sein, mit der ich letzte Nacht concertirte! – Das fiel mir jetzt erst ein. Ihre Fenster waren dicht neben den meinigen, rechter Hand, – o Thor, Thor! warum so lange gezögert! hätte ich eine Leiter gehabt, – es war nur einen Stock hoch – ich wäre schnell hinaufgestiegen und hätte horchend mein Ohr an die Scheibe gelegt, um ihre Worte zu vernehmen. Sie wollte reden, wahrhaftig. Sie rüttelte stärker am Fensterkreuz, daß die Scheiben klirrten. Vergebens! Sie rang die Hände und schlug sie trostlos zusammen. Mechanisch ahmte ich ihre Bewegungen nach und gab ihr jetzt mit der geballten Faust das Zeichen, das Glas einzustoßen. Sie verschwand einen Augenblick hinter der Gardine, dann trat sie wieder hervor, einen Pantoffel über die Hand gestülpt wie einen Fausthandschuh. Sie hatte mich verstanden, die prästabilirte Harmonie unserer Geister war bewiesen. Sie drückte zaghaft gegen die Scheibe, den klirrenden Ton begleitete ein freudiges Ach! Aber ein Stück Glas, das sich nach außen zu löste, drohte herabzustürzen. Es stürzte wirklich, und ich stürzte auch, nämlich nach der Wand, und fing es glücklich im Hute auf. So war der Lärm und das Aufsehen vermieden, das die unten auf dem Pflaster zerspringende Scherbe verursacht hätte. Ich lief, das erwischte Glas in der Hand, wieder zurück und schwenkte vor der Donna den Hut. Verrückt – oder nicht verrückt, – sie war eine Dame und einem Volke vergleichbar, das seinen Kerker zerbricht und die Hand keck hinausstreckt nach der Freiheit. Und siehe! ihre kleine Hand bewegte sich wirklich durch die Öffnung: ach! Völker-Eos mit den Rosenfingern, ritze Dich nicht blutig! es ist gefährlich, zwischen schneidenden Schwertern der jungen Freiheit entgegenzutanzen! – Siehe! zwischen den kleinen Fingerspitzen der Dame schwebte ein Blättchen Papier, un billet de liberté. Die schneeweiße Hand schien einen Augenblick zu erröthen, zu zaudern, Bedenken zu tragen, aber schon wandte sich sozusagen das Blatt, es fiel, es flog, es war luftig genug, wie ein Freiheitsbrief, und ich hatte Mühe, es zu haschen, aber ich sprang zu und drückte es an die Lippe. Sie sah es, sie mochte es sehen, denn ich sah nicht, daß sie's sah. Sie mochte erröthen, denn es war ja kein billet d'amour, das sie auf den Flügeln des Windes aussandte, es war ja eine Petition um Freiheit, nicht um Liebe! Nicht an die Lippen, an die Augen hätte ich das Blatt drücken sollen, um zu lesen, was die Zeilen besagten. Aber dazu war keine Zeit mehr. Eben trat der Medicus in den Hof – er ging auf mich zu – ich fuhr mit der lettre de cachet in die Westentasche. Geheimbriefe waren immer Gewaltbriefe, und dieser Geheimbrief meiner Königin wäre für sie und mich zum Verhaftbrief geworden, hätte der Medicus ihn erwischt und wahrgenommen, in welchem Verkehr ich mit einem wahnsinnigen Frauenzimmer stände. So lag aber das Blatt schon auf meinem Herzblatt und konnte nur mein Herz gefangen nehmen, – als der werthe Äsculap mich erblickte und zu mir trat.

Er grüßte mich und lüftete die weiße Sommermütze, die er trug. Ich mußte in gleicher Weise erwiedern; ach, mein Gott! da fiel die Glasscherbe, die ich ins Hutfutter gesteckt, mit vermaledeitem Gerassel auf das Steinpflaster und zersprang in neunundneunzigmal verdammte kleine Bischen. Gott! Du bist groß, aber auch gnädig! das hätte mich ja gleich ins Loch bringen können: welcher vernünftige Mensch trägt denn Glasscherben als Haarputz! Trüge Jeder eine Fensterscheibe vor seiner Stirn, so würde Jeder, weil Jeder ein Scrupelchen Wahnwitz hinter dem Schädel beherbergt, für toll gehalten. Man sähe sein ganzes verstecktes Elend mit einem Blicke!

Der kleine Mann sah mich groß an, denn groß ansehen kann ein kleiner Mann so gut als ein großer. Ich war perplex bis in die innersten Fasern meiner Seele hinein. Ein Scherz, ein Witzwort hatte mir leicht geholfen. Aber ich war zu aufgeregt, wie von Liebe angeweht; ein Liebender ist nie witzig. Und ein absoluter Philosoph ist auch nie witzig, er ist auch verliebt ins Absolute, er schäumt gleich, wenn er sich regt, er wägt gleich ewige Potenzen auf der Zunge, er schießt gleich mit schwerem, grobem Kaliber. Ach Gott! ein Witz, ein Königreich für 'nen Witz!

»Was machen Sie mit dem Glas im Haare?« fragte der Medicus, denn das schien ihm doch bedenklich.

»Es ist blos der Humor davon,« sagte ich aus Mangel an Humor und wie ein stotternder Schulbube. »Blos Humor, mein Herr, eine gläserne Papillote, blos aus Humor, oder eine Scherbe, wenn Sie wollen, um mir die Nägel zu radiren, ich litt von je an langen Nägeln, kratzte die Leute mit Kritiken wund; ich will künftig ihnen das Fell kratzen, aber nicht blutig; ich will glätter, fideler, amouröser schreiben. Können Sie mir eine Nagelschere borgen, so brauche ich die Glasscherbe nicht, um meinem Katergeist die Pfoten zu stutzen. Ich möchte mir einen Geist anschaffen wie ein Kaninchen so zahm, blos aus Humor, mein Herr. Sie haben mir ja den Humor empfohlen, guter Heilkünstler; ihn mir empfohlen wie ein Medicament. Ach, lieber Himmel, Humor kann nicht für Jedermann eine empfehlenswerthe Sache sein, nur für Den, der ihn hat, ist er zu empfehlen. Humor ist so gut wie jedes andere Ding eine Gabe Gottes. So sagt der liebe Lorenz Sterne. Und Humor ist so gut ein Päckchen wie jedes andere Ding, das uns die Götter bescheren. An diesem Päckchen, an dieser Last hat unsere Zeit zu schleppen. Es kann Einer wahnsinnig werden, wenn ihn der Gott mit Humor geschlagen hat. Denken Sie nur an Börne. Sogenannte Vernunftmenschen, eine Art Pilze auf deutschem Acker, können aber nicht humoristisch sein. Sie sind hartscherige Krebse, sie kneifen. Schlagt sie zu Brei, sie lassen wol ihre Feuchtigkeit fahren, aber es wird kein Humor daraus, obschon Humor eigentlich humor ist. Es gibt Menschen, die können stechen und verwunden wie Igel und Stachelschweine; es sind Ironisten und Satiriker, aber keine Humoristen. Da haben Sie nun ein Pröbchen von mir; ist das nun Ironie oder Humor? Sie verzeihen, es ist das ungeschlachte Kind meiner metaphysischen Laune.«

»Aber, bester Freund!« sagte der Medicus und schlug die Hände über den Kopf. »Das ist mehr als Humor, schon weit mehr, das ist beinahe radicaler« –

» Weniger als Humor!« sagte ich weinerlich wie ein Kind, das sich unschuldig dumm verrathen hat.

»Ja leider weniger, bei weitem weniger!« rief der gute Mann seufzend. »Kommen Sie mit mir, gleich, fort, fort in die Badstube, nehmen Sie ein kühles Sturzbad!«

Ich ging wie ein winselndes Hündchen neben ihm her. Mein Gott! dachte ich still, jetzt unter die Traufe, ins Sturzbad! und mein billet d'amour, meine lettre de cachet in der Westentasche den Händen Fremder, wenn ich mich entkleide, preisgegeben!

Ich weinte innerlich, deshalb lachte ich plötzlich äußerlich ganz laut, fiel dem Medicus um den Hals und versicherte, ich sei bei Sinnen, ich hätte mir nur den Spaß gemacht, mich toll zu zeigen.

»Nichts als Scherz, verehrter Mann,« sagte ich lachend, »Spaß muß sein unter dem Monde, und warum nicht auch auf dem Mondstein? Und was ich über den Humor gesagt, sehen Sie, man kann auch den Humor ironisiren, auch den Spott verspotten. Der Humor unserer Zeit hat Blößen genug, und ich kenne nichts Lustigeres, als die Humoristen zu hyperhumorisiren. Ich bin Ihnen mein Glaubensbekenntniß hierüber schuldig als Entgegnung auf das Ihrige. Humor ist Gesundheit des Geistes, so sagten Sie, und ich sag' es Ihnen nach, ich stimme ganz damit überein. Humor ist der sprudelnde Fluß der tiefbewegten Seele, ein duftender Äther der geistigen Substanzen im Menschen und in der Vernunft. Deshalb ist der Humor nicht vernunftlos, nicht unvernünftig, kein tobender Schamane, der in Wüsten schweift, kein Rachedämon der beleidigten Menschen. Wo er als solcher heraustritt, ist er nicht mehr Gesundheit, und wo er das nicht ist, da ist er überhaupt nicht. Das Krankhafte, Diabolisch-verwegene an Börne und Heine ist nicht mehr Humor, es ist seine Caricatur. Börne's Humor ist eine Travestie auf den Humor. Man soll keine Witzfunken anzünden, die sich wie Irrlichter in Sümpfen verlieren. Man soll das Roß, das man besteigt, zu zügeln verstehen, nicht blos zu spornen. Ist der Humor der Pegasus der Zeit, so ist er unter Börne's Leibe zum pechschwarzen Rappen geworden, der den Koller kriegt, zum Rappen, den Mephisto dem Faust vorführt, um windschnell – ein Spiel des höhnisch pfeifenden Sturmwinds – durch die Luft zu sausen und in die Dünste der Nacht zu zerstieben. Ist der Humor ein Roß, so ist er Manchen eine Mähre, ein berliner Sandpferd, das an einer Journalkarre zieht und keucht. Es soll nach Brot gehen und kann den Anger kaum erreichen. Saphir, Saphir! warum mußtest Du Berlins Sand verlassen! Hier brauchtest Du den Leuten nicht erst Sand in die Augen zu streuen! Hier zogst du gut, hier warst du ein Faun, ein Satyr, der mit der Pfeife seines gellenden Witzes die Dohlen aufscheuchte. Und Du, Heinrich Heine, warum hast Du Deinen Pegasus abgesattelt, warum hast Du ihm die Fersen und die Verse durchschnitten und so entnervt? Seitdem Dein Humor kein Apolloroß mehr ist, hast Du, schlotterichter Götterbube, den Sonnenstrahl verloren. Als Phaëton griffst Du in die Phöbuszügel und vermochtest eine Weile das Gespann wie ein Gott zu lenken, bis Du Dich mit ihm in die Nacht gestürzt. Du schienst doch kein Ikarus mit wächsernen Flügeln! was bist Du denn so schmachvoll gestürzt, – oder nein – gesunken!«

»Sie sind und bleiben mir kritisch, Verehrtester!« sagte der Arzt ungläubig das Haupt wiegend und klopfte mir auf die Schulter.

»Kritisch?« sagte ich, »nun ja wol bin ich ein geborener kritischer Kopf, und ein wohlgeborener dazu. Gott bewahre uns vor hochgeborener ober gar allerhöchstgeborener Kritik! Allerhöchstgeborene Kritiken sind Ukasen. Wie soll ich aber nicht kritisch bleiben, wenn ich's von Hause aus bin?«

»Ich meine, Ihr Zustand ist und bleibt mir kritisch!« entgegnete der Kleine.

»Ja, das sei Gott geklagt! Ich habe die Ehre und das Vergnügen, zu sein und zu bleiben, wozu mich Gott geschaffen hat. Und eigentlich wissen Sie vielleicht gar nicht, was kritisch ist. Ein kritischer Kopf, möchten Sie als Medicus sagen, ist ein Kopf, mit dem es immer kritisch aussieht. Ich sage Ihnen aber, ein kritischer Kopf ist ein Kopf, der eine kritische Feder hat, eine Feder, die nicht fliegt, sondern kritzelnd einherschlendert. Sehen Sie, kritisch und kritzelnd sind sogar wortwahlverwandt. Also eine kritische Feder ist eine kritzelnde Feder. Und wozu kritzelt die kritische Feder? Antwort: um Alles allen Menschen klar zu machen, was an sich schon klar wäre, aber bei dickbemeldeter Trägheit der Leute doch immer der Aufklärung, wenn nicht der Abklärung bedarf. Sehen Sie, bester Mensch, allen Menschen Alles klar zu machen: das ist's, da liegt der Hund begraben!«

»Himmel! so gebe ich meine Menschheit lieber auf, denn ich bin durch Ihren Kriticismus nicht klar geworden,« sagte der Mann.

»Und kann die kritische Feder« – fuhr ich fort – »nicht Allen Alles klar machen, so kratzt sie den Leuten die Augen aus.«

»Mir ist Alles klar, Alles deutlich, seien Sie nur ruhig!« bat der Medicus.

Der kleine Mann war ganz aus der Fassung gebracht, und das war mein Ziel. Solange Einer compact bleibt, eh' Einer nicht aus den Fugen geht, ist mit ihm kein Auskommen. Divide et impera! ist das Feldgeschrei aller Kritik, auch wenn der Kritiker kein Napoleon ist.

»Es sollte mir lieb sein, wenn Ihnen Alles so klar ist wie mir!« sagte ich versöhnlich. »Es sollte Jeder einmal eine kurze Zeit im Irrenhause sitzen und Probe halten. Jeder müßte dann angehalten werden, sein Gehirn schwarz und weiß zu destilliren, wie ich es in meinem Tagebuche gethan. Ich wette, Sie haben hier in der Anstalt viel Heine's sitzen, keine geborene, am allerwenigsten wohlgeborene, sondern nachgemachte Heine-Männer. Wie konnte es anders sein! Und Börnisten? – Mon dieu, der ganze Börne, nicht als frankfurter Schneckenpostbiograph, sondern als pariser raisonnirender Haarkräuseler, der seinem Gott selbst Zöpfe dreht, müßte, wie er leibt und lebt, hier hinter dem Gitter sitzen, d. h. um Quarantaine zu halten, so gut wie ich. Bringen Sie ihn, können Sie seiner habhaft werden, in das Zimmer dort, in dem ich gesessen. Bitte sehr darum. Da sind einige metaphysische Spinngewebe hängen geblieben, die meine verduckte Seele gesponnen hat. Sie sind dick genug, um Börne's Gehirnfliegen und Stachelbremsen zu fangen. Ein einziger Hegel'scher Satz über Sein und Nichts kann Börne's Dialektik so verstricken, daß sie an allen Vieren gebunden liegt und sich zu Tode ächzt. Ich meine das in allem Ernst. O ich möchte, wenn ich wie Sie wäre und die Macht hätte, die halbe Welt meiner Zeitgenossen ins Loch werfen, unter die Douche bringen, in den Schwitzkasten stecken. Sie müßten Alle Blut lassen, viele Unzen, und aus den Poren den wilden Geist der fessellosen Zwietracht stromweise entlassen. Ich wollte ihnen einige Dosen speculativen Denkens einflößen, es sollte dialektisch und diastalaktisch wirken wie Rhabarber, sie sollten purgiren und transpiriren, – und es würde vielleicht noch Alles gut werden. – Ich war Ihnen mein Glaubensbekenntniß schuldig; da haben Sie es. Wenn ich Ihnen sage, ein einziger Kettensatz der absoluten Philosophie sei fähig, den ganzen Börne mit seinem losen Gewirre zusammenzuknebeln, so habe ich Ihnen Alles gesagt.«

»Nun gut, gut!« sagte der Medicus und war jetzt so irre als ich, d. h. so wenig als ich. Ich war froh, daß ich ihn mürbe hatte, und so umarmte ich ihn, küßte ihn und sagte: »Nehmen Sie, gefühlvoller Mann, meinen herzlichsten Dank für den Antheil, den Sie mir geschenkt, und für die nicht hoch genug anzuschlagende Geduld, womit Sie der Gasausströmung meines verstopften Gehirns ruhig zusahen. Quälen mußt' ich Sie nun schon ein wenig zu guter Letzt, das konnte nicht anders sein. Von jetzt an bin ich froh bis in alle Ewigkeit und freue mich meines jungen Schwärmerlebens. Sela! lieber Medicus, sela! Ich will jetzt gehen und ein rechtschaffener Mann werden. Ich verspreche, Ihnen und aller Vernünftigkeit Ehre zu machen. Ich weiß, daß ich mir vielfach vor Ihnen wie vor Andern, namentlich den Kritikern, Blößen gegeben habe. Kritiker indeß leben von den Blößen anderer Leute. Wo Einem der Rockärmel oder das Beinkleid platzt, da kommen die Kritiker und beäugeln die offene Stelle und belecken ihn, aber nicht immer so sanft wie die Hündlein des armen Lazarus Wunden. Es ist ein schlimm Ding mit solchem Kritikus, und ich bin selbst ein Stück davon. Aber ich fürchte Gott und scheue Niemand, selbst meine eigne Geißel nicht. Ich habe mich allen Spottvögeln bloßgestellt, allen Vernunftwissern viel Argerniß gegeben. Ich habe mich freiwillig ausliefern wollen und kann mit Räuber Moor sagen: den Männern soll geholfen werden!«

Ich war seelenvergnügt, daß der gute Medicus das nun so leutselig hinnahm und zufriedengestellt schien. Arm in Arm wandelten wir im Hofe auf und ab. Ich schielte nur ein einziges Mal nach der zerbrochenen Fensterscheibe. Meine schöne Unbekannte blickte hervor, fuhr aber erschrocken zurück hinter die Gardine, als mein Auge sie traf. Was mochte sie denken über meine Vertraulichkeit mit dem Arzte? Sie fürchtete gewiß, ihr Billet sei in falsche Hände gerathen; aber es lag auf der rechten Stelle, auf meinem treuen Herzen, eigentlich also auf der linken, nicht auf der rechten Seite. Aber die linke Seite ist in der Welt oft genug die rechte, die Oppositionsseite oft genug die Seite der Wahrheit. Nur das Gesuchte, das Absichtliche darf nicht hervorstechen als der Stachel des diaconus diaboli. Die Linksmacher sind auch immer die Rechtsverdreher. Alles muß wie eine Blume sein auf Gottes freiem Felde, keine Treibhauspflanze. So die Politik, Poesie, Philosophie, das ganze volle Leben.

»Darf ich jetzt Ihren Neffen sehen und sprechen?« fragte ich den Arzt, der still in sich versunken schien. »In einigen Tagen verlasse ich den Mondstein, und es würde mir schmerzlich sein, ohne alle Hoffnung zu scheiden, daß Philipp dem Reiche des Lichtes wieder zu gewinnen sei. Sagen Sie mir doch zuvor Alles, was Sie von seinem Zustande wissen und denken. Ist es denn blos jenes stille innere Verkehren mit sich, das die Leute Tiefsinn zu nennen pflegen?«

»Sie nehmen mir recht die Sorge vom Herzen,« seufzte der Mann, »eben dachte ich an den armen Jungen, dem so ganz die Gabe fehlt, den Proceß seines Zustandes zur Entscheidung zu bringen und im Ausspruche Dessen, was in ihm fix geworden, Alles fortzuströmen, was sich in seiner Seele lastend angehäuft. Sie haben das gekonnt und über sich vermocht; so haben Sie sich gerettet. Es ist mit Philipp ein eigen Ding. Solange er die Patientin, an deren Heilung er sein eignes Heil verloren hat, nicht aufgibt, möchte schwerlich für ihn zu hoffen sein. Es ist der erste Fall von Bedeutung, der ihm als Seelenarzt vorkommt, – er hatte so trefflich seinen Cursus vollendet, hat auf der Reise hübsche Bemerkungen gesammelt, ich glaubte in seiner frischen, gewandten Zuthätigkeit, die sein Wesen bezeichnete, eine Stütze in dem mühsamen Geschäft zu finden, – und nun muß die erste Cur, die er versucht, so unheilbringend für ihn selber sein! Wie hatte ich ahnen können, daß die Patientin, die ich fast für verloren gab, für die sich Philipp aber gleich anfangs lebhaft interessirte, ihn wie mit magischem Zauber in den Kreis ihres Wesens hineinbannen konnte! Dumpf und erstorben wie sie war und wie sie ist, saß sie dort im Garten unter dem Lindenbaume und starrte uns empfindungslos an, als ich den Neffen zum ersten Male zu ihr führte. Seine Erkundigungen über den Zustand ihrer blöde verhüllten Seele schienen mir nichts Anderes als die Wißbegier zu verrathen, die er auch bei andern Phänomenen in der Anstalt zeigte. Und doch, wenn ich mir's recht vergegenwärtige, lag schon in der ersten Begegnung Beider etwas Verfängliches, das sich in der Folge ihres Verkehrs miteinander wie Sympathie der Liebe gestaltete. Die Patientin hat nichts dabei verschuldet. Sie beobachtet im Verhältniß zu ihm dieselbe starre Passivität, die ihr seit lange eigen ist, und es muß also in ihrer und seiner Seele ein Etwas liegen, das sich ungesucht gefunden hat und sich als verwandtschaftlich begrüßt. Nicht einmal der Zauber jugendlicher Reize hat dabei mitgewirkt; die Dame hat in ihrem Wesen eine sterile Kälte, die eher abstoßend als anziehend zu nennen ist. Sie mag früher auf der Bühne eine brillante Erscheinung gewesen sein, allein jetzt, ich weiß nicht, sie könnte mich nicht fesseln; sie ist auch nicht mehr jung. Man muß zwischen Beiden ein unmittelbar gesetztes Seelenverhältniß annehmen, und ein solches ohne äußere Motive, ohne den Schimmer einer bevorzugten Persönlichkeit, hat immer etwas Rätselhaftes an sich.«

»Mein Himmel!« rief ich bewegt, »also doch wol die Sängerin, die neben mir wohnt?«

»Nicht diese,« sagte der Arzt, »obwol auch sie dem Theater und den Musen angehört. Diese Ihre Nachbarin ist erst seit gestern hier, und ich bin über ihren Zustand noch sehr im Dunkel. Es geht mit ihr wie es mit Ihnen ging, sie ist mir, wie Sie, empfohlen. Weiß der Himmel, wie das enden soll, wenn man fortfährt, mir lauter unfähige, unbrauchbare Subjecte zuzuweisen. Sie werden auch diese Dame kennen, aber die Patientin meines Neffen haben Sie neulich gewiß im Garten am Arme des Capellmeisters gesehen. Pastor Faigenheim nennt sie nur die stumme Elvira.«

»Ach, ach! also doch! die Weißschuh-Elvira, Clementine Weißschuh?«

»Nun so wissen Sie auch den Namen der Circe meines unglücklichen Neffen. Sie hat die Gesangstimme verloren und ist zugleich so capriciös oder so in sich verdumpft, ihr ganzes Sprachorgan zu verleugnen. Im Bade, unter dem Stürzer, gelang es, ihr einige Laute abzugewinnen, allein es waren nur inarticulirte Töne, und selbst der alte Musikus, den sie von der Bühne her kennt, und an den sie sich hier lediglich anschließt, hat ihr noch kein einziges Wort abnöthigen können. Der lächerliche Mann hat den tollen Einfall, Mozarts Don Juan, wenn auch nur als Oratorium, hier zur Aufführung zu bringen. Sie müßte, wie er sagt, die Partie der Elvira übernehmen, in der sie früher auf den Bretern geglänzt hat, und wenn Alles arrangirt wäre, würde sich auch ihre Stimme willig finden zur Mitwirkung. Sie sei, wie der unkluge Mann versichert, nicht die einzige Sängerin, die in Gesellschaft alles Reden verschworen habe und nur singen könne und wolle, sobald der passende, ergreifende Moment erscheine. Durch eine vollständige theatralische Aufführung der Oper würde aber dieser Moment herbeigeführt, und könnte nur die stumme Schöne wie mit einem Zauberschlage aus der dunklen Coulisse plötzlich in die hell erleuchtete Scene versetzt werden, wo die tausend Köpfe der dichtgedrängten Zuhörerreihen im Schimmer der Lichter sich bunt bewegten und die Töne des vollen Orchesters sie wie ein rauschendes Meer umwogten, – dann solle man ihn nur gewähren lassen. Er würde winken mit dem Herrscherstabe, der den brausenden Elementen gebietet, und die hartnäckig verschlossene Seele Elvirens würde plötzlich von ihrem Schweigen erlöst sein.«

»Seltsam, seltsam, aber nicht unmöglich,« dachte und sagte ich, und die Situation stand mir ganz lebhaft vor Augen, in welcher der stumme Wahnsinn sich entfesselt fühlen müßte. »Das könnte wirken, es ist denkbar. Schon vom Einfluß der Musik an sich hat man wunderbare Beispiele. Man kennt den Tyrannen von Thracien, dessen eisenfestes Herz im Theater zerschmolz und wie siedendes Blei überströmte. Mann des Äsculap, können Sie diese Scene nicht herbeiführen und diesen Versuch anstellen?«

»Wo denken Sie hin?« rief der Kleine. »Wie soll das hier bewerkstelligt werden? Ich müßte für dergleichen Approbationen die Mauern des Mondsteins zur Welt ausdehnen. Es wird mir hier mitunter allerdings zu eng für all' die fabelhaften Wahnsinnigen, die hier zusammenstoßen; man weiß am Ende gar nicht mehr ein und aus. Die ganze liebe große Welt sollte sich selbst als Irrenanstalt etabliren, um alle Störungen, die sie verschuldet, in ihrem eignen Gebiete zu heilen. Hier geht das nicht, hier curirt man nur mit einfachen Medicamenten, hier heilt man nur Einzelnes. Ist die ganze Welt toll, so mag sie sehen, wie sie selber mit sich fertig wird. Mag die Philosophie mit ihrer Vernunft ihren Wahnsinn selbst bekämpfen, mag der Stachel der Kritik den wissenschaftlich Erblindeten den Staar stechen, mag die Polizei sich um den verrückten Rausch der Demagogen bekümmern, mögen die Könige gegen die wahnwitzigen Journalisten mit ihren Kerntruppen zu Felde ziehen und ganze Armeecorps aufstellen gegen einen einzelnen Mann der Rednerbühne, der dem Volke vorschwatzt, die Herrscher seien nur erste Staatsdiener, sie seien nur von Gottes Gnaden, wie jeder andere ehrliche Mensch Alles, was er ist und hat, auch nur von Gottes Gnaden ist und hat und leibt und lebt. Wollte man alle Wahnsinnige ins Irrenhaus stecken, man müßte mehr Irrenhäuser in Deutschland bauen, als es Höfe und Throne daselbst gibt, und das, werden Sie mir einräumen, geht nicht, geht wirklich nicht. Oder man müßte denn einige Hochschulen, die schon längst manchen großen Herren ein Dorn im Auge sind, schließen und sie in Irrenschulen verwandeln; man müßte die Hälfte der Hofchargen eingehen lassen und die damit bisher Bekleideten zu Wärtern berufen, um den Verrückten, die sich für Könige und Fürsten ausgeben, denn an solchen ist in den Anstalten ein bedeutender Überfluß, die Honneurs zu machen. Alles das ginge wol, aber es geht nicht.«

»Ach! das ist der Refrain von vielen guten Herzensliedern,« sagte ich wehmüthig, »vom Freiheitsliede zumal. Es ginge wol, aber es geht nicht! Recht aber haben Sie, mein Verehrtester, die Welt muß ihnen Wahnsinn, den ganzen, großen, der in ganzen Zeitrichtungen sich kundgibt, selber heilen. Sie können hier nur Lappalien, verteufelt winzige Kleinigkeiten curiren. Der große Wahn gehört der Geschichte des Lebens in Politik, Kunst und Wissenschaft an; in der Kette der Irrthümer, an der sich die Entwicklung der Menschheit hinrankt, ist jede Schake ein Paragraphensatz vom System des Lebens. Die Wahrheit kann nicht anders erscheinen als in vereinzelten Irrthümern, die sich extremiren, austoben und ausleben. Unsere Sünden des Gedankens und Gefühls sind nothwendige Übel, ohne welche Tugend und Weisheit gar keine Existenz hätten. An den großen Verbrechern der Weltgeschichte offenbart sich die Wahrheit am tiefsten und glänzendsten.«

»Sie verwirren hier wieder unendlich viel,« sagte unwillig der Arzt, »Sie springen zu schnell vom Speciellen zum Allgemeinen über, wie das die Unart der speculativen Philosophen ist, wenn sie von der einzelnen Erscheinung nichts verstehen und sich dann in die Brust und in die Totalität werfen, in der sich Alles in Wohlgefallen auflöst. Aber Sie thun wohl, in, die Welt zurückzukehren, die Welt mag Sie weiter mores lehren. Hier kann Ihres Bleibens nicht lange mehr sein; ich muß Ihr Zimmer benutzen. Da hängt auch noch eine Glasscherbe in Ihrem Backenbart. Schlagen Sie den Leuten mit den Fäusten Ihrer Kritik der Idee wegen nur immer die Fenster ein, aber hüten Sie sich, daß Ihnen die Scherben nicht um die Ohren knittern und Ihre Finger blutig ritzen.«

»Ich werde« – sagte ich erröthend – »diesen Glassplitter zu mir stecken, um, was meine Absicht eigentlich war, mir die Nägel damit glatt zu wetzen. Ich will zahm werden und den Leuten, wenn nicht eine geleckte, doch eine polirte Pfote reichen. Ich will kein Krebs mehr sein und die Scheren, mit denen man der Literatur den Krebsschaden doch nicht similia similibus ausmerzt, demüthigst ablegen. Ich will keine Schildkröte mehr sein, ich will meine Schale von mir thun, das Schneckenhaus der Metaphysik mir lüften und herauskriechen als glatte Schnecke mit stachellosen Fühlern. Man kann als denkender Mensch eine Raupe sein und grüne Maulbeerblätter verspeisen und braucht doch keine pelzige Haut zu tragen wie das Raupengeschlecht der Lagereule, die immer nach Wolfsmilch geht. Man kann eine Schlange sein, die sich selber, aber nicht andern Leuten die Haut über den Kopf zieht; man kann eine kritische Brillenschlange sein, ohne Giftzähne, ohne Klappern am Schwanze, ohne ein weites Maul zu haben wie die Blindschleichen. Die verkappte Journalistik ist eine wahre Blindschleiche. Es gibt aber auch Brillenschlangen, die thun so zahm wie Kaninchen, tanzen in Zeitschriften nach jeder Pfeife, belecken und beloben Dich, und nur wenn Du näher hinschaust, wird es ersichtlich, daß der versteckte Tadelzahn doch eine gute Unze Gift losließ. Kommt aber der Ichneumon, so springt er ihnen auf den Kopf und zerbeißt ihnen das Gehirn. O Heine! Dir muß die Ichneumon-Vernunft noch auf den Kopf kommen und Dir den Schädel einstoßen!«

»O halten Sie ein mit Ihrer naturgeschichtlichen Kritik! Sie sind schrecklich als Zoolog, schrecklich wenn Sie wüthen!« sagte der Kleine und wehrte mit beiden Händen.

Ich lachte und zwang den guten, trefflichen Mann, mir geneigt zu bleiben. Wir waren in den Hausflur getreten und standen an einer Thür still, an deren Spalte der Arzt sein Ohr lehnte.

»Gehen Sie hinein,« sagte der Medicus, »und berichten Sie mir nachher über die Naturerscheinung, die Sie hier finden werden. Sie wollen doch einmal nur Naturgeschichte im Leben treiben. Mein Neffe ist drinnen; es ist das Zimmer der stummen Elvira.«

Da war mir die Seele plötzlich so scheu und schüchtern, das Herz so mild bewegt, ich hätte weinen mögen, wenn ich dachte, hier seien Gemüther ohne alle Schuld mit Nacht umhüllt. Ich hätte umkehren und mich still verkriechen mögen, um an meine Brust zu schlagen und zu prüfen, wieviel absichtliche Sünde und selbstverschuldete Thorheit in meinem Innern wirrig durcheinander liegt.

Der Arzt hatte jedoch die Klinke schon gedrückt und die Thür halb geöffnet. So ließ ich mich sacht hineinschieben und stand im fremden Raum, ich, ein einzelner junger Mensch mit wetterwendischer Vernunft, die man noch gestern an mir bezweifelt, ich, gegen zwei ausgemacht tolle Menschen ganz allein auf dem Kampfplatze! Wenn nun das Stück Verstand, an dem ich keinen Überfluß hatte, wenn dieser mein einziger Bundesgenosse Reißaus nahm? – Ich war den beiden Tollen in meiner radicalen Menschheit förmlich in die Hände gegeben. Was sollte ich thun, was lassen? Sollte ich ihnen die drückende Bürde erleichtern, ein Theilchen Unsinn absorbiren? – Ich stand wie betäubt am Eingang still. Als die Thür zufiel, meinte ich, die Welt der Vernunft sei hinter mir abgeschnitten. Myops, wie ich bin, stand ich bei sothaner Anfechtung der Seele doppelt schwachäugig da. Es war, als schlotterte mir der Verstand wie mein Fuß; mein Herz schien zu fiebern. War es ein Ansteckungsfieber, ein Ballfieber zur Galoppade der fünf Sinne? Ich setzte meine Brille zurecht und rieb die trüben Gläser, ich erfaßte mich im Centrum meines Wesens und schaute dreist um mich.

Das Zimmer, in dem ich stand, war einfenstrig, eng. Wände und Geräthe standen zu jener handlichen Bequemlichkeit aneinandergerückt, die einen schmalen Raum so wohnlich machen. Das Pianoforte war geöffnet, mit zerstreuten Notenblättern überhäuft. Sonst war das Walten der Weiblichkeit wol ersichtlich, wenn auch nicht so, wie es der Sittenrichter im Boudoir des Weibes wünscht. Die Gardinen waren geschmackvoll geordnet, aber leicht abgeworfene Kleidungsstücke, die über den Stühlen hingen, brachten in die Anmuth der Umgebung einen Beigeschmack von harmloser Nachlässigkeit. – Die Bewohnerin mochte Dämmerung, als dem Zustande ihrer Seele entsprechend, lieben; die Vorhänge waren halb herabgelassen. Sie selbst, Elvira, saß auf dem Ruhebett, halb zurückgelehnt, die schöne schlanke Junogestalt umhüllte ein weißes Morgengewand, ihr Kopf lag in die Kissen gedrückt, die Hand an die Stirn gepreßt, ihre Füße ruhten aus einer Escabelle.

Der gute Philipp, Philipp der Gute, Herzog und Besitzer eines Stück Irrsinns, saß auf einem niedrigen Schemel zu Clementinens Füßen. Ihre Linke ruhte in seiner Rechten, auf ihrem Schooße lag ein Heft, in dem er zu lesen schien. Er blickte bald auf die Schriftzüge, bald in ihr starres Angesicht. Wo wollte der gute Blonde mehr entziffern? wo sich den tiefern Zusammenhang abnehmen? wo das Verständniß finden? Ach, ach! es war hier gar nicht richtig, es mußte hier ein großes Mißverständniß obwalten, oder ein so wunderbar geheimes Verstehen, bei dem es keiner Worte bedarf. Man hatte meinen Eintritt nicht bemerkt, man hatte mehr zu thun, als auf die Außenwelt zu horchen. Man war bemüht, die Geheimschrift der verstummten Seele zu enträthseln, die tief eingesargt des Lebens beraubt schien, aber doch im Stillen gewiß leise bebte. Hätte man nach mir aufgeblickt, ich würde um Entschuldigung gebeten haben, würde davon geschlichen sein, um eine Scene der Vertraulichkeit nicht zu stören. So aber blieben sie eng aneinandergerückt, still vergnügt in starrer Trauer, – ein stummer Lector, ein wahnwitzig stiller Tasso vor seiner Eleonore, eine leblose Gruppe im Wachsfigurencabinet. Armer Philipp! Ach! ich konnte mit dem Onkel-Äsculap nicht sagen, das Schöne sei doch fort aus seinem Leben; wol aber war das Leben fort aus dieser Schönheit. So saßen sie wol Tag für Tag und brüteten so vor sich hin und trieben die stille Lecture, blickten sich ins steife Angesicht und drückten einander die blutleeren Hände und fühlten und dachten in dumpfer Seligkeit des Vegetirens nichts als das Nichts ihrer räthselhaft aneinander gebannten Geister. So mögen die Sterne ihren Lauf beschreiben, so mögen sie wandeln in der kühlen, blaulich kalten Luft, so still, so stumm mag der Gruß sein, den sie mit den silbernen Augen sich zuwerfen, wenn sie willenlos aneinander vorüberschweben.

Mir wurde unheimlich; ein Todesathem floß kühlend wie Zugluft durch meinen innern Menschen. Ich mußte Lärm machen, um mich meines eignen Daseins zu versichern. Ich mußte den willkürlichen Kometen spielen, um mit meinem Schweife die beiden Fixsterne aus ihrer Lethargie zu reißen. So fing ich an zu husten, zu niesen – vergeblich, die beiden Menschen, oder was sie waren, blieben in ihr todtes Sein versunken. Hier war Sein und hier war auch Nichts, das sah ich wol, das fühlte ich schmerzlich, und das Sein und Nichts waren hier furchtbar dasselbe. Aber wo blieb das Werden, das aus dieser Einheit schlechthin nothwendig hervorgeht? Mir entschwand alle speculative Logik, – und das will hier wenig sagen, – aber mir entschwand auch alle gesunde Vernunft. Waren es balsamirte Mumien, so könnten sie nicht frische Wäsche tragen; waren sie in Wachs bossirt, so hätten sie sich die wächsernen Hände längst zerbröckelt; waren sie gypserne Automaten, so war es eine schlecht angebrachte Maschinerie; waren es lebende deutsche Menschen, so hätten sie vor der Außenwelt die Thür verriegelt, wie die Deutschen thun, – ach! es waren nur harmlose Kinder des Wahnsinns, stille, gemüthliche Narren und Einfaltspinsel, die nicht mehr wußten, was Wachs und Gyps, Tod und Leben zu besagen haben, verrückte Mondleute, die ihre Seele, wie die Inder, dem bleichen Nachtgestirn verschrieben haben und in ihrer kindischen Grille, von Erde und Himmel verlassen, Niemand mehr angehören, auch Gott nicht. Auch Gott nicht? Gott ist überall, er läßt keine Seele im Stich; sollte Gott hier nicht sein?

Ich schlug ein Schnippchen, ich schnalzte die Hände durcheinander, ich drehte mich auf dem Absatz im Kreisel herum, ich pfiff auf dem gekrümmten Zeigefinger, daß es gellend an den Wänden reflectirte. Wie ein Dieb pfiff ich, denn ich ertappte mich auf schlechten nächtlichen Spitzbubengedanken; ich wollte dem Herrgott ein Stück Existenz zweifelhaft, ich wollte ihm zwei Seelen streitig machen.

Und siehe da! die gottverlassene Marmorgruppe bewegte sich; mein Prometheuspfiff hatte die Menschen von Thon und Gyps mit Lebensathem angeweht. Der blonde Philipp stand hastig auf, trat auf mich zu und fragte: »Mit wem habe ich die Ehre?«

Der junge Mensch war wirklich der Neffe meines Arztes, aber nichts als das Prädicat Neffe hatte er von früher noch an sich. Er war sehr verwandelt, und das in so kurzer Zeit. Er trug sich sonst so nett und blank; sein jetziger Anzug verrieth die Verstörung seines innern Menschen. Die bleichen Wangen ließen die sonstige Fülle des blühenden Fleisches nur noch ahnen. Der früher so heitere Blick, der so tapfer und ungenirt ins Leben schaute, war in ein trübes Glimmen des Augenfunkens verwandelt, dessen Farbe sich aus Tagesblau in Nachtbläue verwandelt. Die Stirn warf Falten, die Lippe hing schwer, die Lineamente des Gesichts waren unstät geworden, suchend und nicht findend rollte die Pupille des Auges, ein verwelkender Hauch war über sein Antlitz gefahren, als hätte seine Zunge vom Baume der Erkenntniß gekostet.

»Mit wem er die Ehre habe?« Was wollte der arme Mensch unter so bewandten Umständen mit dieser Redensart sagen? – O, es liegt in diesen Höflichkeitsmaximen, mit denen man sein Verhältniß zu Menschen wie mit Eselsbrücken überbaut, viel Blödsinn! Das fühlte ich hier recht deutlich. »Lieber Gott,« sagte ich, wehmüthig, »was wird hier noch viel von Ehre die Rede sein! Ich bin ein armer, simpler Mondsteinbewohner wie Du, mein Herzensjunge. Ich mußte husten, prusten und pfeifen, weil Ihr seltsamen Leute das Reden nicht verstehn wollt. Ihr seid ja wie versessen, wie verblickt in einander, wie vernagelt, verloren! Was will das sagen, Philipp, daß Du für Deine alten Freunde keine Ohren und Augen hast. Nimm Dich zusammen, guter Jüngling; gib mir die Hand und sag', wie Dir's geht im Stein des Mondes, der eben kein Stein der Weisen ist.«

Philipp reichte mir zögernd die Hand. Das irrende Auge stand still, er sann nach, ein Zucken, wie vor Freude, flog über die bleiche Wange, als wenn das Andenken an eine alte schlafengegangene Erscheinung aus seinem frühem Leben in ihm aufstieg. »Mein Himmel!« sagte er mit wankender Stimme, »bist Du's wirklich, alter Freund meiner Studienjahre? Filter, mein alter Filter, Du hier? und was ist das für ein Hier? Ach! Du hast mich aufsuchen wollen und hörtest, ich sei hier beim Onkel. Alter lieber Freund, aber wie hast Du Dich verändert! Bist Du's wirklich oder nicht?«

»Freilich bin ich Dein alter Freund, eigentlich Dein junger, aber wie Du willst, alter oder junger!« sagte ich still ergriffen, denn ich, fühlte, hier finde eine Täuschung statt, eine Verwechselung mit einem Universitätsfreunde. »Ich bin Filter, Dein alter Junge, damit holla! Haben wir nicht in Halle Brüderschaft getrunken, in der blauen Schürze? Mein Gott! das ist nun schon lange her; Du bist seitdem ein gemachter Mann, ein promovirter Medicus und ein gereister Mann dazu; hast Prag und Wien gesehen, in Linz schöne Torten und schöne Mädchen gekostet, und wo Du zuviel gekostet, verstehst Du zu heilen. Du bist ein Wundermann, der kranke Herzen curirt, ein Medicus für Leib und Seele, ein herrlicher Kerl durch und durch; sei mir gegrüßt, theurer Bruder, im Leben wie im Tode!«

Ich umarmte den Menschen und versteckte mein vor Lügen rothes Gesicht an seiner Brust. Es war mir, als fühlte ich die kalte Gestalt des guten Philipp an meinem Herzen erwarmen.

»Aber Filter,« sagte er Mann, sich erholend, »Filter, bist Du ein anderes Wesen geworden! Wo hast Du Dein blondes Haar gelassen? und Deine milcherne Wange war ja bartlos zum Erbarmen! Ist es möglich, Du bist ja ein Schwarzkopf gegenwärtig mit einer barbe à la jeune France! Filter, sind das die Früchte Deiner ultrademagogischen Studien?«

»Alles wie der Zeitgeist will, mein Bester!« sagte ich betreten. »In mein weiland blondes Haar war die schwarze Guste in der blauen Schürze zu Halle rein vernarrt. Das weißt Du nicht einmal, – die schwarze Guste, die wir immer die lebendige Schürze nannten! Nun siehst Du, der zu Liebe, aus purer Liebe, habe ich mir das blonde Haargekräusel abgeschnitten, wie die Alten ihr Geflecht einer Göttin zum Opfer brachten. Und um nicht mit dem Mondschein auf dem Haupte diesen Mondstein zu betreten, weil der Narrenstich hier zu fürchten ist, habe ich mir Perrücke falschen Bart zugelegt. Alles falsch an mir, mein Bester, wahrhaftig! Soll ich Dir's beweisen, ich reiße mir den Trödel ab.«

»Ruhig, ruhig, sie regt sich!« flüsterte Philipp mit besorglichem Seitenblick auf seine Patientin und wehrte zum Glück mit der Hand und behinderte mich an dir schwierigen Beweisführung, daß ich der weiland blonde Filter sei. Aber ich war hocherfreut, daß der Scherz dem armen Jungen einige Unzen Lebensstoff einflößte. Mir war zu Muth, als hätt' ich einem Menschen das Leben gerettet. Und doch war Philipp's Freude vielleicht nur ein leiser Hauch, der über die erkältete Scheibe seiner Seele fuhr!

Elvire hatte sich aufgerichtet. Sie stand vor uns, ihr funkelndes Auge war zornig auf mich gerichtet, dir verwirrten Locken fielen regellos auf ein stilles, steinernes Angesicht. Wie Juno eifersüchtig und empört, hatte sie unsere Umarmung angesehen und geduldet. Ich stand verschüchtert da wie die Jungfrau Europa nach der gottvollen Berührung des Zeus; ihr zürnender Blick warf den meinigen zu Boden. »Verzeihung, Donna,« sagte ich fast zitternd, »Verzeihung! ich bin Filter. Filter und Philipp sind die treusten Freunde, pardon, wenn ich ihn umarmte! Es war unnütz, ihn an mein Herz zu schließen, da er mir längst ans Herz gewachsen ist. Verzeihung!«

Sie winkte gnädig mit der Hand und sank wieder auf das Ruhebett zurück. Jetzt konnte ich den Blick erheben und ruhig in ihr Antlitz schauen. – Ach! ich kannte diese Züge, und wie ich näher trat, – Jahre waren in der Erinnerung schnell vernichtet, stieg mir der Glanz ihres jugendlichen Lebens wie ein Frühlingstag in meiner Seele auf. Sie war es, meine Clementine Weißschuh, die Freundin, die theatralische Geliebte meiner Kinderjahre. In diesen dunkelblauen Wogen des Auges spiegelte sich einst die Sonne der Heiterkeit, diese braunen Locken hingen sonst nicht so zerpflückt wie ein Geflecht des Wahnsinns, diese marmorkalte bleiche Wange war sanft geröthet vom Feuer des jugendlichen Lebens, das an die weißen Wände brausend klopfte; diesen Mund umspielte sonst ein süßes, listiges, spöttisch herausfoderndes Lächeln, ein kecker Uebermuth schäumte und sprudelte aus allen Poren ihres Daseins, das Grübchen im Kinn war eine Wiege gewesen für Gott Amour, den losen Kleinen! – Das war nun Alles anders, ganz anders. Was sie zu Dem, was sie war, gemacht, das war noch Alles da, aber todt war es da, gestorben lebte sie noch, die Stürme des Geschickes, die über ihre Stirn gefahren und ihr Gehirn zerrütteten, hatten Leben und Tod über ihr festgehalten. Sein und Nichtsein feierten in ihr eine schreckliche Versöhnung; es war viel logische Weisheit in diesen blassen Zügen. In diesen Falten des Grams lagen die tausend Liebesgötter, die ihr Antlitz sonst umspielt, still begraben, um keine Auferstehung zu erleben; sie war eine Ruine ihrer selbst geworden – aber noch immer schön, selbst in den Trümmern noch schön geblieben. Über der weißen carrarischen Marmorglätte ihrer Gestalt hing noch der dunkelblaue italische Himmel der Augen, der über die treulose Vergänglichkeit der Dinge dieser Welt seinen sammetnen Trauermantel breitet.

Ich ließ mich zu ihrer Seite nieder, ich bedurfte der Ruhe, um die Pole der Vergangenheit und Gegenwart, die hier stürmisch aneinander drängten, mit der Axe verständiger Betrachtung getrennt zu halten. O, wenn man das Weib in seiner Herrlichkeit, in der Fülle der reichsten Blüte kannte und so den Wandel des Lebens vor sich sieht, dann möchte die arme Seele, die so gern vor der Schönheit betend niederkniet, lieber mit altern und mit zerfallen, da sich an die Form der Jugend die Lust zum Leben anschmiegt. Aber die Seele bleibt jung, der Geist altert nicht, der Mensch sucht sich neue Frühlinge auf. Nur so kann er leben, nur so hält er's im Leben aus. Und doch stirbt er langsam hin, weil er in dem neuen Lenz doch immer nur den alten sucht und nicht findet, und die neuen Gestalten, die dem Schooße der Zeit entsteigen, nur wie schwächere Bilder seiner ersten Liebe erscheinen. So härmen und trauern sich unsere Dichter zu Tode, weil sie, scheinbar mit einer ewigen Jugend begabt, doch nur am ersten Maitage ihres Lebens hangen bleiben, wo sie zum ersten Male gelebt, geliebt und gedichtet.

Mein Herz fühlte ich schlagen, sonst war Alles mumienhaft still im Zimmer wie in einem Mausoleum. Elvira schien zu schlafen, aber wie ein Hase, mit offenen Augen. Ein wacher Schlummer, ein lebendiger Tod, das schien ihr Zustand. In ihrer ruhigen Gestalt lag etwas Erhabenes. Sie war eine Priesterin, die den eitlen Flittertand des Lebens von sich geworfen und sich in stille Beschaulichkeit versenkte. Sie stellte nicht mehr die Poesie des Lebens dar, denn mit der schäumenden Lust und dem jubelnden Lärm war es aus; auch die Trauer zernagte sie nicht, und die Wollust der Thränen vernichtete sie nicht. Sie hielt das Alles still in sich gebunden; sie stellte die Philosophie dar, die auch Alles versteht, kennt und weiß, wenn sie's nämlich in sich erlebte, aber die Hochzeitfeier des Lebens, den Rausch der Seele und die Lust der Trauer in sich bezwingt in stiller Beseligung. Elvirens Ruhe war schön und groß; sie war eine gestürzte Königin, die das Fürstenkleid abthat, aber die Königin in ihrer Gestalt nicht verleugnet. Und wenn ich die Fülle ihres Wesens bedachte, wollte es mir wol scheinen, Philipp könne mehr als Philosophie in ihr sehen. Ihr Gewand lag bauschig um die schöne Hüfte, ihr Fuß auf der Escabelle war so zierlich mit seinem Schwarz auf Weiß, er hätte noch, wie er da war, viele Männer betreten machen können, und die feingeschnittene, zarte, lilienhafte Hand, die sich im Wandel der Formen oft als letztes Denkmal jugendlicher Reize erhält, war entzückend zu nennen, für Jeden entzückend schön, für mich aber schmerzlich schön. Sah ich doch die vielen Ringe wieder auf den niedlichen elfenbeinernen Fingern, fast auf jedem zwei oder drei, – ach! und auf dem kleinsten der kleinen, den ich mir als Bube frei erbeten, saß ein glänzender Topas, so gelbschimmernd wie die treulose Liebe des Fürsten, der ihr die Jugend, die Stimme, ja die fünf Sinne raubte und ihr dies Andenken hinterließ. Mit diesem Gedanken an Diebstahl und Fürstenliebschaft war mir aber auch der Zauber plötzlich verschwunden, den ihre Erscheinung auf mich übte. Noch vor zwei Minuten hätte ich ihr um den Hals fallen und weinend ausrufen mögen: Kennst Du mich denn nicht mehr, alte Geliebte meiner Kinderseele? kennst Du den kleinen Bräutigam nicht mehr von der Elbinsel? Der Knabe Moor war ein glücklicher Mensch, voller Einfalt und harmloser Anmuth und still eingefriedigt wie ein Friedhof des Herrn, über dessen Blumen der Hauch der Liebe weht, einer Liebe, die nur die Frömmigkeit kennt und der spielende Leichtsinn des kindlichen Lebens. Seitdem ist es anders mit mir geworden. Ich habe kein Glück mehr, weil ich darum weiß; keine Liebe mehr, weil ich ihr Wesen durchschaute. Die Frömmigkeit ist mir fremd geworden, denn ich habe durchdacht, was mich sonst so unbewußt wie ein heiliger Schauer durchrieselte. Alle Mächte meines Lebens habe ich noch beisammen, aber ich habe sie still beigesetzt und begraben. Ich bin ein ausgehöhlter, ein denkender Mensch. Im Gewölbe meines Innern, wo meine Todten ruhen, ist's oft recht einsam. Und will etwas auferstehen vom alten Menschen, es läuft nur wie ein Geist, wie ein Schatten umher und sucht vergebens nach der ersten Gestalt, der vollen Jugend. Nur der erste Mensch ist ein glücklicher. Weil man arm ist in der Kindheit und nur ein Einziges kennt und liebt, darum ist man reich und, überselig. Nachher sammelt man Allerlei und stellt es zusammen und wird bei allem Reichthum arm, bei allem Überfluß banquerout! –

Philipp hatte sich still zurückgezogen; er saß uns gegenüber im Armstuhl. Er hielt eine Schrift in Händen, er schien zu lesen, aber sein Blick schweifte über den Rand des Heftes zu Elviren hinüber.

Ich trat zu ihm und blicke in die Schrift, die er vor sich hielt; es war ein Lehrbuch der Seelenstörungen, ich weiß nicht von wem. Großer Gott! dacht' ich, durchstöbert der Unglückliche die ganze Literatur des Wahnsinns und kann kein Phänomen finden, das Elvirens Zustande ähnlich steht. Er sucht hinter dieser Erscheinung mehr als sie ist, das hat ihn still und toll gemacht.

»Welchen Fall hast Du in Praxi vor Dir, guter Doctor?« fragte ich den Armen; »gibt es eine mania lapidalis, eine stein- und mumienhafte Seelenstörung? Es muß dergleichen im wirklichen Leben vorkommen, da es sich im Leben des Gedankens findet. Wenn wir in das radicale Nichts uns starr vertiefen, in das absolute Nichts, wo Alles erlischt, Gott und Welt, Mensch und aller Stoff des Vorhandenen: so nennen wir das den horror vacui, der uns befällt.«

Philipp blinzelte mich von der Seite an. Er blätterte im Buche, dann sah er wieder forschend nach der Freundin. »Sie schläft!« sagte er, »das wird ein Glück sein. Schlaf ist Thau des Himmels. Im Schlafe besinnt die Seele sich auf die göttliche Herkunft! Es steht noch Alles zu hoffen.«

Ich blickte hin. Elvirens Augen waren geschlossen. »Was wird da noch zu hoffen sein!« sagte ich still bewegt. »Mineralogie mußt Du studiren, guter Philipp; mußt in Allem ein Naturereigniß erblicken, das sich in sich selbst erzeugt, bedingt und vernichtet, sonst kommst Du nicht durchs dunkle, hieroglyphenhafte Leben! Wenn der Liebende sich von der Quelle seiner Seligkeit losreißt, oder sie, die Geliebte, ihn flieht: – eine magische Gewalt, eine Centripedalkraft trieb sie aneinander, – eine ebenso geheimnißvolle Macht tritt zwischen sie, die Herzen neutralisiren sich, sie werden kalt, es fehlt die Reibung, der elektrische Funke entzündet sich nicht mehr: – sieh, Philipp, es sind beides gleich räthselhafte Gewalten, positive, aber unerklärte Wunderkräfte des Lebens; wir nehmen es als gewiß und scheinen so mitten in der Fülle der Seltsamkeiten beruhigt. Wir fassen es als Naturerscheinung, sonst vergehen wir darüber.«

Philipp legte das Buch bei Seite; er rieb sich langsam die Stirn.

»Mineralogie mußt Du studiren, Philipp!« sagte ich ohne Bitterkeit, aber es faßte mich wie eine geheime Mahnung, als sei es möglich, den Unglücklichen zu überreden, die hartnäckige Manie der Freundin als ein gleichgültigeres Phänomen zu betrachten, von dem sich seine eigne Seele loswinden müsse. »Man begreift Vieles im Leben nicht, am allerwenigsten den Aber- und Köhlerglauben des Geschlechtes, wenn man nicht Mineralogie studirt, Philipp! Ich sage Dir, guter Jüngling, es gibt versteinerte Menschen, Anthropolithen, wenn auch die Mineralogen von Profession sie leugnen. Glaubst Du, ein zweiter, aber unglücklicher Pygmalion, noch an die Märchenwelt, als habe sie Geltung für unsere hartgesottene, steinerne Zeit? Ach, Christus hat wol Steine in Brot verwandelt, aber die Menschen können nur Brot in Stein, Fleisch und Blut und sich selbst in Stein verwandeln. Es gibt Herzen von Stein, sag' ich Dir, lieber Bruder. Du schlägst, wie Moses, gläubig an diese Felsen, und sie geben Funken, aber keinen ersehnten Strom voll kühlenden Wassers; nicht einmal eine kleine Thräne, ein Tropfen auf heißem Stein, rinnt über die starre Wange. Ich weiß das, mein Sohn Philipp, weiß das an mir selber. Ich kenne die Steinschmerzen der Seele; sie thun weh wie ein drückender Alp, den man nicht von sich zu schütteln vermag. – Lieber Jüngling, Du siehst hier vor Dir in Deiner Freundin ein versteintes Menschenherz. Oder klingt Dir das zu hart, zu steinhart, so sage: sie war ein Vogel mit schönem Gefieder und frischem Klang der Stimme, – und ist nun zum Ornitholithen, zum versteinerten Vogel geworden. Alle Farben ihres Daseins, aller Schmelz der Jugend, all das bunte Kleid, das den Vogel zum Vogel machte, ist calcinirt, in bleichen Gyps verwandelt. Oder sage: sie war eine Blume, – was kann man Schöneres sagen als: Mädchen, Du Blume! – sie war eine Blume, aber der Duft zerflog, Blatt und Kelch ist erstarrt; ein Antholith, eine versteinerte Blüte liegt vor Dir. Bist Du doch selbst, weil Du die Möglichkeit nicht begreifst, zum vererzten Menschen geworden! Der elektrische Funke in Deinem Auge ist Alles, womit sich noch Deine Seele bethätigt, und die magnetische Kraft, die Dich zu ihr zieht, kannst Du auch am Fossil wahrnehmen; Du bist ein Magnet-Fossil, lieber Junge, wahrhaftig, weiter nichts, Gott sei's geklagt! Die Abstoßungsseite kehrst Du der Welt zu, die Hinneigungsspitze strebt allein zu ihr – dahin, dahin, wo nichts mehr blüht und grünt, keine Blume, keine Knospe, Alles kalt und todt wie Stein. Bilde Dir doch nicht ein, daß Du sonst noch lebst. Ob Du issest und trinkst und als Mensch Dich geberdest: was liegt darin Bedeutungsvolles, wenn Du sonst keine Anziehungspunkte für das Leben und für andere Wesen hast, alle andern Fasern Deiner Seele so verworren und ohnmächtig durcheinander liegen, daß sie sich auszurichten nicht im Stande sind. Man nennt das ›gefilzt‹ in der Mineralogie. Du bist ein gefilzter Mensch, mein Sohn Philipp. Schlage an Deine Brust, guter Jüngling, und schau, wie Alles wüst durcheinander liegt in Deinem inneren Menschen. Kalt, gespenstisch, seelenöde sieht es in Dir aus, armer Junge. Höre meine Stimme! es ist die Stimme eines Predigers in der Wüste!«

Philipp drückte die zusammengeschlagenen Hände vor sein Gesicht; ein heißer Thränenstrom stürzte zwischen den Fingern hindurch. Ich war vor Schreck verstummt, meine steinharte Rede that mir selbst weh, und doch war es vielleicht gut, wenn sich in seinem Innern etwas löste. Konnte die Flut der salzigen Tropfen nicht den starren Punkt in seinem Gemüthe, den Polypen an seinem Herzen, erweichen und zerschmelzen?

Ich setzte mich ruhig hin und schaute der Wirkung zu wie ein kaltblütiger Anatom, der sein Messer in die Scheide steckt.

Elvira regte sich – zufällig, gewiß nur zufällig, wie sich die Pflanze dehnt, mehr nicht. Sie schlug das Auge auf, ihr Blick fiel auf den armen Philipp, der sich ganz in Wasserstoff zu zerlösen drohte. Ach, es lag in der kühlen blauen Flut ihres Auges eine seltsame Anziehungskraft. Ich kenne noch den Blick, den sie im Garten auf mir ruhen und verschwimmen ließ; es war, als wenn ein zauberhafter stiller See mir zublinkte, und ich mich hineinstürzen müßte, um die in ihn versunkene Herrlichkeit der Welt in der Tiefe zu finden!

In ihrem Auge lag der Zauber verborgen, den sie auf Philipp übte. Er fühlte ihren Blick durch den Thränenschleier hindurch, der sein Angesicht verhüllte; es trieb ihn auf und hin, und er stürzte laut weinend an ihren Busen, seine Thränen überfluteten ihre ganze Gestalt. Es war etwas Krampfhaftes in seinen Bewegungen, wie er sie umschlungen hielt. Seine Arme zitterten, seine Nerven zuckten, Alles bebte an ihm, wie er in ihren Armen lag und ein Fieberrausch der Leidenschaft durch sein ganzes Wesen wogte. –

Der erste Sturm der Gefühle war vorüber. Nun hielt er die Geliebte still umschlungen und lag aufgelöst an ihrer Seite. Die Dithyrambe seiner Leidenschaft war zur Elegie geworden; das süße Gekose des jungen Mannes sprach wehmüthig von stiller, verschämter, aber ewiger Liebe. Ich fühlte, daß das Siegel des langen stummen Kusses, den er jetzt auf ihre Lippen drückte, ihn dauernd band. Philipp schien mir unwiederbringlich verloren, vom vernünftigen Dasein für ewig abgelöst.

Es war hier nichts mehr zu thun für mich; hier schien Alles aus, Alles zu Ende. Der Philosoph in mir verkroch sich scheu, der Mensch blieb trauernd übrig. Ich hätte mich bei längerem Anschauen des gemüthseligen Wahnwitzes zu Tode härmen mögen; so wollte ich lieber gehen, um nie wiederzukehren.

Da trat der Capellmeister ins Zimmer, der große, brüsque, vornehm thuende Mann, der alte Emir meiner Kindheit, Niemand anders. Er schien noch ganz derselbe, der er gewesen. Das herangenahte Alter hielt sich hinter der Corpulenz des Mannes versteckt; er schien, wie er da vor mir stand, eine kleine Ewigkeit in seinem Körperbau herumzutragen. Nur die Züge seines Gesichts waren ernster, tiefer gefurcht. Sein Scheitel war dünner, aber die stolze Lippe hing noch gebietender unter der fleischigen Nase; er hätte bei aller Tollheit noch ein Orchester regieren, einer herumziehenden Schauspielerbande noch imponiren können. Der Mann that, als wäre er von Eisen fabricirt, so unverschämt sicher benahm er sich, als sei nichts mit ihm vorgefallen, das ihn der menschlichen Gesellschaft entfremdet hätte. Aber das war eben seine Tollheit, daß er so froschartig aufgeblasen durchs Leben lief, und kein Ereigniß, selbst sein Unglück nicht, eine Windstille in ihm erzeugte, vor der der Muth die Segel streicht. Er hielt sich vielleicht, seiner Meinung nach, blos hier auf, um für seine Oper taugliche Subjecte zu engagiren und Elvirens Genesung abzuwarten. In seinem ganzen Thun und Lassen war er sonst unschädlich. Er bezog eine kleine Rente von einem leipziger Banquier, der ein Capitälchen von ihm hatte. Später erst erfuhr ich, das wiederholte Auspochen einer seiner Compositionen in A., wo er zuletzt das Orchester leitete, habe ihn so fremdartig steif und brüsque gemacht. Er war ein Musikus vom alten Styl, er konnte sich in die Anfoderungen des Zeitgeistes nicht fügen; das war der schlichte Grund, weshalb er unbrauchbar wurde und auf den Mondstein mußte. Er trug ein Pack Noten unter dem Arme, in der Rechten eine zerfetzte Rolle, seinen Feldherrnstab, den er noch immer nicht ablegen konnte. Er musterte mich mit Blicken, in denen deutlich zu lesen stand, er schreibe sich immer »Wir« mit großem Anfangsbuchstaben. Sein Ich war an geistigem Gehalt vielleicht so leer, daß er, wie manche Kritiker, sich eine Pluralität zulegen mußte, um etwas zu sein. So stand er vor mir da, und meine bescheidene Figur drohte vor der seinigen zu verschwinden.

»Uns will bedünken,« sagte er, »als hätten wir uns schon gesehen.«

»Da will Sie ganz recht bedünken, mein Herr,« entgegnete ich; »Sie wollten mich als Masetto engagiren.«

»Bravo!« sagte der Musikus und schmunzelte, soweit es seine steife Larve zuließ. »Nun wie steht's, mein Bester? Fühlen Sie sich zur Übernahme der Partie befähigt? Lassen Sie mich Ihre Stimme prüfen. Petto, petto, il mio Masetto?«

»Masetto,« sagte ich, »ist ein einfältiger bornirter Bauerbursche; ich kann mich zu dieser Rolle nicht bequemen. Wer wollte immer der getretene, betrogene Narr sein im Liebesspiel des Lebens!«

»Sehr eigenthümlich!« ließ sich der Capellmeister verlauten. » Innere Gründe – die kommen mir sonst nicht vor. Nur weiter, fa presto. Lassen Sie hören.« –

»Zum Don Juan viel zu metaphysisch, kann ich auch diesen nicht vorstellen,« fuhr ich fort. »Bei jeder Geliebten, die ich im Arme hätte, würde ich mich zu Tode grübeln, warum das so sein müsse, daß des Lebens wunderbarste Blüten sich nur erschließen, um im Augenblicke der Wonne gepflückt zu werden, daß die Blume nur blüht, um zu verwelken. O wie erscheint mir der Gedanke, nur im Moment das Absolute, nur im Augenblicke der begeisterten Empfängniß die Wahrheit zu suchen, jetzt so unendlich trostlos, wenn ich mir vorstelle, ich müßte den Don Juan spielen, um das ganze Leben nur als ein Vegetiren für den kurzen Rausch der flüchtigen Minute anzusehen. Ach, wenn ich ein liebendes Herz fände, wenn mir ein Stern vom Himmel in den Busen fiele, ich wollte ihn hegen und pflegen, sein Feuer anschüren mit vestalischer Sorgsamkeit, wollte es nie erlöschen lassen; es sollte mir leuchten mein Lebelang und bis hinüber und hinein ins ewige Himmelreich. Oder ich wollte mit ihm schon hienieden mein seliges Leben beginnen und in das herabgefallene Stück blaues Himmelreich mein ganzes Dasein, meinen ganzen Menschen einkleiden. Ich wollte in blauem Äther leben und weben, Alles sollte mir blau werden vor Augen, auch der Tod sollte mir nicht mehr schwarz erscheinen. Und ich wollte dereinst den Stern mit vor Gottes Thron nehmen und sagen: Vater, hier ist der Stern, den Du mir gabst, der Stern vom lichten Himmel, der in mein Erdendasein fiel; ich hab' ihn treu verwahrt, nimm ihn wieder wie Du ihn sandtest, Deinen Boten, Deinen Bevollmächtigten, der mir all' Deine Staatsgeheimnisse verrieth! Nimm ihn wieder, den Stern, wie Du ihn gabst, so rein, so still und heilig; ich habe seine silberne Flamme keusch behütet. – Ich sage Ihnen, mein Herr, ich kann den Don Juan nicht spielen; ich könnte, wenn sich mir ein Herz erschlösse, nur einmal lieben und für immer.«

»Sehr seltsam – lauter innere verrückte Gründe – ein wunderlicher Kauz!« brummte der Musikdirector und warf den Notenpack auf den Stuhl, um mich mit verschränkten Armen anzustaunen.

»Wenn ich ein wunderlicher Kauz wäre,« war meine Rede, »so könnte ich den Leporello geben, mein Herr. Keine Ruh' bei Tag und Nacht, nichts was mir Vergnügen macht, schmale Kost und wenig Geld – das paßte schon für meine arme Seele. Laßt sehen, was gibt's weiter, wenn ich den Leporello übernehme! Ich müßte dann Wache halten, wenn mein Herr bei der Donna weilt; ich müßte von fern auf der Lauer stehen, wenn er ein süßes Herz umflattert, wie der Tauber das Täubchen girrt, der Falke das Hühnchen lockt und fängt; ich müßte das Zusehen haben und mir die trockne Lippe reiben, wenn er küßt; vor Ärger moralisiren, wenn sich ihm die Wonne des Lebens erschließt; und wo ihn der Rausch des Entzückens in eine dunkle, duftige Wolke einhüllt, da müßt' ich in der dürftigen Verlassenheit, in der Armuth meines eignen Wesens den Kritiker spielen. Wo er schwelgte, müßte ich die rauhe Kehle wetzen, wo er in ungemessenem Jubel die Sterne vom Himmel reißt, müßte ich Philister meine Pulse zählen; müßte addiren und subtrahiren, und nüchterne Calcule machen, wo er glüht und bebt und trunken ist. Das ist der Fluch der Kritik, mein Herr, dieser Ärger, der die Lippen zusammenschlägt und nichts zu beißen findet als Zahn auf Zahn! Das ist der Standpunkt des Kritikers zum Dichter, mein Herr; er härmt sich blaß und krank, ist ein ehrlicher Tölpel, ein dummer Teufel; er sucht offene Stellen und Schwächen, und findet er Alles abgerundet, voll blühenden Lebens, voll strotzender Fülle, so steht er und gafft sich blöde und närrisch; ihn friert und fröstelt, wenn sich dem Dichter der Himmel zur Erde neigt. Er zehrt von den Brosamen, nagt vom Wegwurf, wo das Leben zu Tische sitzt, Champagner trinkt und an Fasanen sich gütlich thut. Er steht mit der Serviette in der Hand, wie Leporello vor Don Juan's Mahl; er muß ihm die Teller säubern, er muß serviren, er hascht nach dem Knöchelchen, das abfällt, und schämt sich doch des Raubes und sagt: ein Katarrhchen von der Reise! Den Kritiker hungert und dürstet, und doch will er allezeit satt scheinen. Die Kritik ist ein ewiger Hunger und Durst, und doch thut unsere, alle Formen des Lebens in Staat, Kirche und Gesellschaft kritisch zernagende Zeit so unendlich übersättigt! Die hungrigen Jacobiner und Sansculotten Deutschlands thun so überschwänglich feist, so übernatürlich voll; sie thun, als könnten sie gar nicht verderben. – Sie haben eine Waffe, die heißt Ironie! Ach, Du armer Schelm, Leporello, das Bischen Ironie ist Dein wahres Unglück. Wenn er blos moralisiren und den Philister spielen wollte, käme er noch mit heiler Haut durchs Leben; aber der gute Bursche will seinen Herrn ironisiren, und sein Herr, der aus Princip das ist was er ist, im Bewußtsein und in der Idee seiner selber lebt und liebt und sündigt, hat mehr Witz als der Narr, der von seinen Brocken lebt, jemals mit der Stalllaterne seines Kopfes zusammensucht. Die Idee des Lebens ist reicher als alle einzelne Persönlichkeiten. Das Leben treibt selbst mit Allen sein Spiel, die mit ihm zu spielen meinen. Die Zeit ironisirt selbst alle Ironisten; die Zeit hüllt sich einmal, wie Don Juan mit seinem Diener die Kleider vertauscht, in die Livree der Ironie, und die Ironie glaubt dann, es handle sich um sie, nicht um die Idee des Lebens. Die Ironisten reißen sich los von den Brüsten der Mutter Vernunft; sie glauben, sie sei eine abgelebte Matrone, aber die Mutter ist die ewig alte und die ewige junge, sie ist der ewige Impuls des Lebens selber im Untergang und Aufgang, im Verwelken wie im Blühen. Die Ironisten glauben den Ernst der Vernunft mit Kurzweil zu vertreiben und wissen nicht, daß ihr alle Mächte des Geistes zu Gebote stehen, daß sie sich aller Formen des Lebens, wie ein ewiger Proteus, selbst bedient, um nichts als sich, sich selbst zu fördern. Eine große allgemeine Emancipation der Ignoranten ist in unserer Zeit in Anmarsch, und so scheint es, als beherrsche die Vernunft nicht mehr das ganze Dasein. Aber Ihr dient mir Alle, sagt die Vernunft, mit Wissen oder ohne Wissen, Viele nur verworren, bis ich sie in die Klarheit führe! – Junges Deutschland! Du von Dir selber ausdrücklich also benamsetes ›junges Deutschland,‹ Dein Leben scheint mir hektisch, eine rapide Schwindsucht! Du bist engathmig, Du keuchst. Tanze und rase Dich nicht zunichte und zu nichts; Deine Galopade ist weiter nichts als eine Gallomanie. Nimm Dich in Acht, daß Du nicht zu früh alt, in Deiner Jugend schon alt wirst, und dann nichts mehr jung bleibt als die alte Vernunft, der ewig alte und ewig junge Phönix deutschen Denkens und deutschen Dichtens. – Was aber den Leporello als kritischen Ironisten und ironischen Kritiker seines Herrn anbetrifft: warum folgt er ihm denn auf allen Bahnen? warum ist er denn gebannt an seine Ferse? Doch nur, weil er selbst ein Stück von ihm, weil er selbst eine Art Don Juan aus dem Soccus ist. Don Juan ist das productive Leben wie es lebt und sündigt. In der Consequenz seiner entfesselten Begier liegt der diabolische Beigeschmack seines Wesens; er ist die principienmäßige Genußsucht, der bewußte Leichtsinn des Lebens, der sich die Nacht der Sünde in den Tag der Lust verwandelt. Sein Kritiker weiß nicht recht, soll, er moralisiren oder ironisch sein, aber nachlaufen muß er ihm, das weiß er. Er kann nicht von ihm lassen, er hat sein Leben in ihm, an ihm; nur feige Niederträchtigkeit hält ihn ab, mit ihm unterzugehen. Ich mag und kann diesen Schuft nicht spielen; meine bessere Natur sträubt sich. Sela.«

»Von wem reden Sie, wenn ich fragen darf?« sagte der bestürzte Capellmeister und ließ die verschlungenen Arme sinken.

»Von Leporello,« sagte ich spitz, »von Mozart's Leporello; ich kann diese Partie nicht übernehmen; der Leporello ist ein dummer Teufel, dem es an der Kraft des Geistes, an der Fülle des Herzens, an Größe des Muthes fehlt, um ganz Teufel zu sein; darum muß er halb moralisch, halb ironisch thun. Es gibt Viele, sehr Viele seines Gelichters im Leben und in der Literatur: soll ich sie Ihnen nennen?«

»Regiert mich denn der Leibhafte – oder wie ist mir?« murmelte der Capellmeister halb verwirrt. »Der Don Juan ist ihm zu lebensleichtsinnig, der Masetto ein stupender Bauer, der Leporello ein armseliger Ironist! Poffare il cielo! an was für ein tolles Individuum, an welchen wahnsinnigen Debutanten bin ich hier gerathen? Guai a voi! Sie sollen ja alles nur spielen, nicht wirklich sein. Und wenn Sie in der Oper spielen wollen: den steinernen Gast können Sie doch nicht vorstellen, Sie junges Blut, noch weniger singen! Und Ihre Stimme kommt mir auch wie cassirt vor.«

»Reden wir erst von innern Möglich- und Unmöglichkeiten, dann von äußern!« sagte ich kaltblütig, während der alte Emir im Zimmer auf- und niedertobte. Er war ganz aus der Fassung gebracht. Eine zornige Röthe war in sein Gesicht gestiegen, mit den Armen geigte er durch die Luft, als strich' er zwei Bässe mit einem Male. Hatte ich ihn doch also warm gekriegt, seine vornehme Haltung gebrochen, seinen Wahnwitz überboten, und das war gut, das war ihm noch nicht vorgekommen. Er glaubte hier regierendes Oberhaupt, kalt dominirender König im Gebiete der Einbildung zu sein, er glaubte das Vorrecht zu haben, mit Fassungskraft toll zu sein: nun war er durchgeschüttelt, nun ging sein steifes Gehirn aus den Fugen. Eh' man sich nicht selbst und die Welt übertollt, wird man selbst nicht heil und heilt nicht die Welt. Also war das Alles für mich und ihn, falls wir nicht unheilbar waren, vielleicht ganz heilsam.

»Den steinernen Gast – ich junges Blut!« fuhr ich ruhig fort, »in der Jugend schon steinern! Das hat allerdings etwas gegen sich, es ist ein Widerspruch, so scheint es Ihnen, mein Herr. Allein glauben Sie, es gäbe keine steinernen Gäste voll jungen Blutes? Oho! zu Dutzenden im Leben, und in der Wissenschaft noch mehr. Sehen Sie, seitdem die Empirie so verschrieen ist, wird Alles früh alt in Deutschland, schrecklich früh schrecklich alt. Das macht der speculative Gedanke! Die Empirie erhält frisch und geschmeidig, die Speculation verzehrt schnell des Lebens Öl, – und da thut man immer wohl daran, recht bald in eine Klause zu kriechen, wie die Schnecke sich in die Schale flüchtet und im steinernen Häuslein selbst versteint, daß Gott erbarm'! Der indische Denker überwindet durch stilles Sinnen hunderttausend Stufen des Daseins, und warum soll der deutsche Denker nicht auch schnell Alles überwinden, nicht schon in der Jugend die Früchte des Alters genießen? Werfen Sie doch einen Blick auf die Menschen! Sind die Meisten nicht schon in den zwanziger Jahren mit Allem fertig? Sie haben Frau und Kinder und treiben's wie die Alten; sie haben ein Stück Brot, ein Stück Amt, ein Stückchen Würde, der Ideenmantel, den sie wie ein Erbstück überkommen haben, sitzt ihnen hübsch warm wie eine Büffelhaut um die versteiften Glieder. Ach, ach! so sitzen sie bald als steinerne Gäste am Tische des Lebens, überlebt und eisig grau, aber leiblich gesichert und fest gemauert in der Erden, wie die Form aus Lehm gebrannt! Und an die lehmgebrannte Form stößt weder ein Schicksalshammer von außen, noch ein inwendig belebender Klöppel; so tönt denn nichts und wird nichts laut, und die Zeit, wo Steine predigen, ist wol da, aber die Steine predigen stumm, ihr Schweigen ist beredt. Die Helden des sogenannten ›jungen Deutschlands‹ renommiren mit der Jugend, und die Speculation macht früh alt. Ach, ach! was bleibt bei diesem Elend übrig? Aber, wie gesagt, meiner Jugend wegen würde ich mich nicht geniren, den steinernen Gast zu spielen, jung oder alt, gleichviel; wer einmal zum steinernen Gast und steinernen Geist geboren ist, der kann es nicht erst im Alter werden, er ist's schon mit dem ersten Lallen seiner Doctordissertation, schon mit dem ersten abgestotterten Sonett. Und wenn er sich Calderon's Blumenschmelz um die Finger wickelt, es wird dem Manne Alles unter den Händen zu Stein, – ein steinern Grab. Es ist sehr gut, daß es junge Männer gibt, die Greise sind, aber es ist doch, bei meiner armen Seele! noch viel besser, daß es auch Greise gibt, die ewig jugendlich sind. Das sind die eigentlichen Dichter des Lebens, sie mögen Verse machen oder nicht, Stanzen schreiben oder Prosa. Es lebe die alte Jugend des Dichters und das junge Alter des Philosophen! Jenes blühe im Blühen, dieses blühe im Welken! – Lassen Sie uns aber auf den steinernen Gast im Don Juan zurückkehren. Ich sage Ihnen, wenn ich Talent zum steinernen Gast hätte, die alten Tage brauchte ich nicht abzuwarten, ich erheuchelte mir das Greisige, – es ist schauderhaft zu sagen, aber ich coquettirte mit Greisesblick und Altersmiene. Ich mag aber nicht von Stein sein, weder im Alter noch in der Jugend, darum widert's mich an, ein steifes, hergebrachtes Coulissenpferd als Monument zu besteigen, es graut mir davor, ins vollblühende Leben mit kalter Hand zu greifen und zu Don Juan's Pulsen zu sagen: stehet still! Don Juan ist die Sünde, aber auch zur lebendigen Sünde mag ich nicht sagen: stirb, oder kehre um! Was ist denn das Leben ohne Sünde? Ich frage jeden ehrlichen Menschen. Hat das Böse nicht eine nothwendige Existenz? Sein unaufhörlicher Untergang ist nothwendig, aber sein Dasein nicht minder. Das Leben muß diese Tragödie sein, was wäre es denn sonst? Könnte es eine Menschengeschichte geben ohne Sündenfall? Vegetirten wir nicht Alle wie die liebe vierfüßige Unschuld in einem Paradiese, dessen lockende Reize, dessen goldne Früchte, dessen süßen Blumenduft wir nicht gekostet, nicht geschmeckt? Mit dem Sündenfall, dem Biß in den Apfel, tritt die Entzweiung ein in die Menschenbrust und ins Menschenleben. Nun ist die dumpfe animalische Einfalt gestört, nun ringt der Engel des Lichts mit dem Kobold der Finsterniß, nun ist der Mensch erst da. Ohne Sünde hätten wir keine Reize der Sinnlichkeit, keine Freude des Geistes, keine Trauer des Herzens, keinen Drang nach Wahrheit, und die Schönheit vegetirte um uns starr und todt. Die Tugend ist ein Abstractum, der lebendige Mensch in Kampf und Noth ist das Concrete. Sein Gemüth ist der Schacht, wo dunkle Schlünde gähnen, wo Lawinen stürzen, Irrlichter verlocken, Teufel hohnlachen. Nur im Wechselverkehr zwischen Tag und Nacht ist das Menschenleben möglich und hat es seine Bedeutung. Seht auf die Helden der Geschichte, die Wendepunkte der Schicksale für Individuen und Völker! Enthüllt sich nicht an den großen Sündern der Weltgeschichte das Tiefste und Bedeutsamste? Ihr rühmt den großen Cäsar! Wodurch war er groß? Durch seine Sünde war er groß. Hat er sich nicht an Dem, was damals für den Inbegriff des römischen Lebens und römischer Tugend galt, verbrecherisch versündigt, und ist er nicht eben deshalb die schwebende Angel geworden, an der die Thür der alten Zeit zuschlug und die neue sich aufthat, wo nicht mehr der Begriff, sondern das Subject dem Leben Gesetze gibt? Untergehen mußte er, denn er war ein Verbrecher am alten Dasein, der alten Ordnung der Dinge; aber sündigen mußte er, sonst wäre die neue Zeit nicht heraufgestiegen als Morgenröthe, wenn auch als blutige, glühendrothe! So ist Napoleon, der die feudalistischen Völker und die angestammten Fürsten mißachtete, nothwendig untergegangen, aber in seiner Sünde lag die Bedingung seiner Größe; er war ein negativer Welterlöser. Ohne Teufel keine Weltgeschichte! Ohne Teufel kein Einzelleben der menschlichen Seele! Wo der Zwiespalt am tiefsten, da kommt das Größte zur Erscheinung. Wohl! dreimal Wohl und Heil jeder möglichst einfachen, still begnügten Tugendseele! Aber das Diabolische hat Jeder in sich: sehe nur Jeder zu, daß auch sein innerer Christus miterwache! Sehe Jeder zu, was sich durchringt in Kampf und Tod, wie er seine Ewigkeit schon hienieden fasse und sein ewiges Leben begreife, das nichts Anderes ist als das ewige Gute, der ewige Gott!« – –

»Und ist nun Don Juan nothwendig sündhaft, um die Fülle des Lebens in aller Qual zu erschöpfen, tausend verschlossene Herzen zu öffnen, tausend verstopfte Quellen zu Lust und Schmerz zu entsiegeln, ist er, so gefaßt, das personificirte Leben im trunkensten Rausche der entfesselten Mächte, an deren unaufhaltsame Gewalt keine Moral, keine Ironie, keine Schauer des Kirchhofs, keine Stimme aus Gräbern hinanreicht: in welches Verhältniß tritt der steinerne Mann jetzt zu ihm? – Sie wollen sagen, mein Herr, er ist das kalte, eiserne Schicksal, das ihn endlich straft. O lächerliches, lächerliches Schicksalswalten! Nachdem alle Karten ausgespielt sind, nachdem Don Juan bis auf die Neige den Champagnerkelch des Lebens geleert hat, da tritt der Schicksalsmann post festum – ja recht eigentlich post omnia festa – hinterrücks einher und sagt: kehr' um oder stirb! Don Juan ist ja fertig mit der Sünde wie mit dem Leben, da ist ja der Tod ihm doch gewiß. Warum kommt der steife Kerl so spät, wenn er moralisch die Strafe über ihn verhängen will? Da hat Mozart anders gefühlt und tiefer am Brunnen der ewigen Weisheit getrunken, um nicht Tugend und Sünde so ins Bockshorn zu jagen und beide so dürftig einander gegenüberzustellen. Er hat den sündigen Don Juan wie seinen liebstgeborenen Sohn, wie das Schooßkind seiner Muse gehegt, gepflegt, in ein Tonmeer voll Süßigkeiten ihn getaucht, den ganzen Himmel, die ganze Sphärenmusik voll elegischer und epigrammatischer, lyrischer und bacchantischer Lust über ihn geschüttet; er hat diesen Sünder so reich ausgestattet, daß kein Zweifel bleibt, er habe in ihm das Princip des Lebens, den personificirten Lebenstrieb, nicht anders feiern können, als wenn er den Vertreter desselben bis an die Grenze führte, wo dies Princip selbst zum leibhaften Dämon wird. Don Juan hat die ganze Stufenleiter des Genusses schon durchtaumelt; er verwüstet schon, wo er nicht mehr schwelgen kann; er ist schon wahnwitzig, als er den Schönen ein Vivat bringt und die knieende Elvira von sich stößt, die weinende Lilie, die sein Fuß zertritt. So war er anfangs nicht, da war er ein Priester der Schönheit, da konnte er noch seine Göttin anbeten; jetzt aber ist der animalische Tyrann der Begierde, der Tiger ist in ihm erwacht; er ist schon fertig mit Dem, was Mensch heißt: da tritt der Philister, der steinerne Gast, zu ihm und sagt: stirb, du Verbrecher, oder kehr' um und mach's besser! O sehen Sie doch, das ist die falsche Philosophie, die am Ende der Tage, post festum, ins Leben tritt und sagt: kehrt um, macht's besser! Das Leben ist ja kein Leben mehr, wenn es überlegen soll und überdenken: mach's besser! Der glühende Strom der Lebensessenz müßte ja erst erkalten, wenn Überlegung einträte und das Princip des Lebens selbst Reflexion werden sollte! So hat im Don Juan das Leben sich ausgelebt, alle Schauer und alle Wonne in sich durchgekostet, Tod und Verzweiflung durchgefühlt, und in den Gefahren des Daseins den Stachel der Lust nur neu geschärft, um inmitten des bunten Gewirres nur sich zu wollen und die Begier der kochenden Brust. Ist es nicht überflüssig, daß ein Pedant aus dem abstracten Geisterreich nun noch kommt und seine Ermahnung anbringt? Ich sage Euch, die Philosophie, die das Leben besser gemacht hätte, die die Sünde blos verketzert und in dem Bösen und seiner Verlockung nicht vielmehr den Impuls, die Erectionskraft der Menschengeschichte sieht, ist eine falsche Philosophie. Sie kommt zu spät und hält eine unnütze Leichenpredigt. Ich weiß wol, daß der Posaunenton, der aus der Kehle des steinernen Gastes dringt, uns tief erschüttert, allein aus Posaunentönen und reflectirenden Bässen setzt man keine Oper des Lebens zusammen, und in den Tönen, die Don Juan's eigner Brust entströmen, liegen schon alle Schauer der ewigen Nacht; die Hölle kommt nicht hinterrücks über die ab- und ausgelebte Welt, sie ist in der Welt mitten drin; das Leben hat Alles in sich, es geht an sich selbst zu Grunde; der steinerne Gast ist eine Marionettenfigur, ein Hampelmann für den Pöbel, um die tiefe Tragödie des Don Juan, die sich in ihm selbst vollzieht, mit dem Köhlerglauben in Eintracht zu setzen.«

Als jetzt die Galopade meines kritischen Raisonnements zu Ende war, stand der Capellmeister vor mir und schlug ein so helles Gelächter auf, daß die Wände erbebten wie Jerichos Mauern vor dem Schall der Trompeten. Es war schreckbar, den Mann lachen zu sehen; er verschaffte sich nach vielleicht jahrelanger Enthaltsamkeit eine seltene Erholung. Sein Mund weitete sich, als wollte er mich verschlingen oder seine eignen Ohren zu Gaste bitten, um Theil zu nehmen an dem Lachschmause. Er setzte sich nieder und stemmte die Fingerspitzen in die Seite, um mit Muße seinem Lachkitzel zu fröhnen. So saß er und schaukelte sich schreiend hin und her; seine Nieren feierten eine Erlösungsstunde. Ich sprang hinter seinen Stuhl und breitete die Arme aus, um ihn aufzufangen, falls er die Balance verlieren oder der Sessel ihm unter den Füßen zerbrechen sollte. Ich hatte die Explosion seines innern Menschen verursacht und war nun in der That besorgt, die Krisis möchte unheilvoll ausschlagen. Gott im Himmel! wenn er erstickte oder in diesem Tollhauslachen verblieb! Wer kann der Lawine gebieten!

Philipp war still und bleich, wie er war, zu uns getreten. Er sah dem Schauspiel ruhig zu; sein Gleichmuth empörte mich fast. Zum Glück legte sich der Lachsturm des Alten; ich hielt ihm den zuckenden Kopf und drückte seine Stirn zusammen; ich hatte befürchtet, ihm müsse der Hirnschädel zerspringen. So aber war's nun überstanden, er lag an meinem Herzen und blickte ruhig nach mir auf. »Guai a voi!« sagte er, als ich ihm liebkosend die Wangen strich, »Ihr seid der närrischste Kerl auf der Welt, Ihr seid ein Wunderstück von sarkastischer Sentimentalität, ein barocker Schwärmer, das unbrauchbarste Subject seid Ihr, das jemals die Breter betreten wollen. Es sind mir viel Debutanten vorgekommen, die seltsam hin und her mäkelten im Rollenfache, allein so sterile Confusionen sind mir noch nicht geboten.«

»Gebt Euch nur zufrieden, maestro!« tröstete ich, »und gesteht, daß Ihr selbst im Grunde so confuse waret wie irgend Einer auf dem Sonnenstein oder unter der Sonne. Sagt, was kann es Tolleres geben, als Jedem, der gelaufen kömmt, die Absicht unterzuschieben, ein Engagement als Sänger zu suchen. Was kann es Unglückseligeres geben, als im Tollhause, wo alle Dissonanzen der Gemüthswelt laut werden, eine Oper besetzen zu wollen. Ihr seid ja hier unter lauter Gestörten, und wenn die ganze Welt ein Orchester voller Mißtöne ist, die nur dem geweihten Ohre im Ganzen und Großen zum unisono zusammenklingen, so geht daraus noch nicht hervor, daß Jedermann in seiner Sphäre aus den ihn umrauschenden Stimmen des Lebens ein harmonisches Concert zusammenzusetzen berufen ist. Das habt Ihr gar nicht bedacht, maestro, daß Ihr hier im Tollhause seid!«

»Ja ja, hast Recht, mein Junge,« sagte der Capellmeister und kicherte still in sich hinein; »es ist ein Stück Tollheit aus meinem Leben. Aber Du bist doch der Närrischste unter uns Narren, bist ein Capital-Raisonneur. Zu was bist Du nütze, guter Mensch?«

»Glaubt nur nicht, Meister, daß ich je die Absicht gehabt, eine Rolle im Don Juan zu spielen,« fuhr ich fort; »ich kann und will nichts Vereinzeltes im Leben, ich will das Leben selbst, will die ganze Oper einstudiren und in mir tragen, nicht eine einzelne Partie. Euer Kritiker will ich sein und als solcher Euch zur Seite stehen, nur müßt Ihr den Plan aufgeben, die Oper hier zur Aufführung zu bringen. Kommt hinaus in die Welt, da gibt es für Tollheiten Raum genug, und Ihr habt keine Noth, Euch dort zu poussiren.«

»Seltsamer Kauz!« sagte der alte Emir; »aber wir wollen nach Welmar oder sonst wohin. Wenn ich nur die Weißschuh-Elvira mitnehmen könnte!«

Er drückte mir die Hand und saß aufrecht im Sessel. Er hatte seine ruhige Haltung wieder und griff in die Tasten des Claviers. Ein schäumendes Rondo umhüllte mein weiteres Gedankenspiel. Die Töne umschlangen sich wie Grazien, die zu Furien werden, bald in ausgelassenem Jubel, bald in verworrener Wehmuth und tiefstem Todesschmerz. Es war eine Passage von Beethoven, die der Alte mit Meisterhand vortrug. Es war nicht der Friedensharfenklang der Mozart'schen Muse, nicht der Stern der leuchtenden Seligkeit, der seine Tonstücke überstrahlt und selbst nicht untersinkt mit seinem Licht, wenn auch der Entzückungsrausch mit gedoppeltem Flügelschlag seine Stirn umflattert. Es war Beethoven's Muse, die Bacchantin, die den Schmerz zu ihrem Gott erkor und in ihrem Schooße den Engel der Wehmuth sich berauschen läßt, daß er die Trübsal vergißt oder in Lust verkehrt, oder der Schmerz in ein Meer der Wonne sich stürzt, wo er mit den ringenden Händen auftaucht und niedersinkt und doch nie ganz erstirbt. Es war Beethoven's Muse, die Bacchantin der Melancholie, die sich gewaltsam erheitern will und über den ganzen Himmel mit einem einzigen Fingergriff wie über ein Rosenbeet fährt und die Sterne wie Blumen und Blüten bricht, um verschwenderisch Busen und Haar damit zu schmücken.

Philipp war wieder zur Freundin geschlichen und saß an ihrer Seite in die alte Stille versunken. Sie hielten sich Beide stumm die Hände, aber ihre Blicke schienen miteinander im Zwiegespräch, ihre Seelen wogten hinüber und herüber und spiegelten sich ineinander, wie sich Auge im Auge sucht und wiegt. – –

Der Capellmeister raschelte im Notenheft, das auf dem Pulte lag; es war der Clavierauszug vom Don Juan. Der Alte kam hier täglich aufs Zimmer und hielt vor der stummen Elvira sein musikalisches Morgenstündchen. So spielte er denn heute wie sonst und fuhr fort, wo er gestern stehen geblieben. Der zweite Act der Oper begann. Das Duett zwischen Herrn und Diener lief wie ein Wettgesang zwischen Vorwürfen und Hohnlachen rasch und schäumend vorüber. Dann begann das Terzett, wo Donna Elvira auf dem Balcon erscheint und sich durch Don Juan's Stimme täuschen läßt, den Leporello, der in seines Herrn Kleidern vor ihrem Fenster kniet, für den Geliebten zu halten. »O Herz, hör' auf zu schlagen! Darf ich's den Lüften klagen?« So singt sie hinaus in die Sommernacht und vernimmt den Gesang des Undankbaren, des Treulosen, der aber reuig zu ihr zurückzukehren scheint. Don Juan läßt den Diener für sich agiren, und in dieser Verhöhnung der Unglücklichen liegt der Gipfelpunkt seines Humors, aber der Sieg über so viele Herzen hat ihn schon verwöhnt, verzogen, überthört. Dabei ist er noch immer voller Grazie; er ist ein übermüthiger Bube, der mit dem armen Käfer seinen grausamen Scherz treibt, ihn fliegen und flattern und sich am Faden zu Tode ängstigen läßt. Noch singt er das wundersüße Lied: »Horch auf den Klang der Zither und öffne mir das Gitter, ach! lindre meine Pein.« Noch spielt der Tiger in ihm mit dem Täubchen seiner Laune, noch ist er liebenswürdig, obwol die Taube schon blutet. Auf der Bühne leidet die Scene durch die Trivialität, in der fast jeder Leporello dem Pöbel zu gefallen sucht. Durch das Hervordrängen der niedrigem Gewalten in der Situation, die nur passiv, wie willenlose Werkzeuge, sich geberden sollten, wird das Verhältniß der Personen völlig verschoben; der raffinirte, feinere, flügelhafte Humor Don Juan's, der die Elemente der Scene beherrschen sollte, tritt zurück, und so entgeht uns der Übergang seines Flattersinnes zu späteren Stimmungen, in denen seine Laune sich in das dunkelrothe, mit Schwarz verbrämte Kleid des Bösen hüllt.

Es sang Niemand. Die Musik rauschte wortlos an meinen Ohren vorüber; ich ergänzte mir die Singstimmen geistig, denn sowie die Instrumentalbegleitung laut wurde, hoben sich die Arien, die längst mein Eigenthum geworden, wie ewige Ideen aus dem Hintergrunde meiner Seele empor. –

Jetzt begann jenes wunderbare Sextett, das musikalisch eben so erfinderisch erdacht als reich und in überströmender Bewegung der tiefsten Seele ausgeführt ist. Es ist die Scene in Elvirens Hause. Elvira war mit dem Treulosen in ihr Zimmer geflüchtet, sie hat auf das Wiedererwachen der alten Liebe gehofft, sie hat sich, ohne zu wissen, daß statt des Herrn der Diener an ihrer Seite durchs Dunkel schlich, in betäubender Aufregung des liebesüchtigen Herzens Stunden der Wonne schon im voraus geträumt, während sie leise zitternd, ohne daß die Dienerschar geweckt werde, durch die Gänge schlüpft und in der Hast seine Hand verliert. Der schlaue Diener hat Ertappung gefürchtet und sich ihrem Arme entzogen. Er irrt im Dunkel durch die Säle zurück und sucht den Ausgang zu gewinnen. Ich sah die Halle vor Augen. Elvirens weiße Gestalt erscheint, sie tappt im Hintergrunde dem Flüchtling nach, sie ist wie ein erblindetes Reh, das nach der Quelle sucht, um den brennenden Durst zu stillen, und sie nicht findet. So schwankt sie zwischen den Säulen hin, das Antlitz tief verschleiert, damit die keusche Nacht die glühende Wange nicht erblicke, – die Töne flüstern wie seufzende Engel, die gefallen sind und nun klagen und weinen und doch nichts Anderes ersehnen als neue Wonnestunden. Das ist die introducirende Passage: jetzt mußte sie singen, und horch! sie sang, Elvira sang: »Ach, wie ist mir so bange! Kaum kann ich vor Furcht mich fassen: – ach, es ist, kannst Du mich lassen, mir die weite Welt zu leer!«

Wie, war's möglich? Sie hatte wirklich gesungen? Es war keine Täuschung meiner erregten Sinne? Nein, nein, Elvira, die Weißschuh, Philipp's Geliebte, die stumme Donna hatte gesungen. Die Kapsel, die ihre Seele gefangen gehalten, war gesprengt, ein Strom von Tönen war ihren Lippen entquollen. Triumph! sie hatte gesungen. Triumph, Capellmeister! Du hast gesiegt. Die Gewalt der Situation hat sie fortgerissen, sie hat sich vergessen, sich und ihren stummen Wahnsinn, ihre Zunge ist gelöst, in Philipp's Armen hat sie sich wieder hineingefunden in die Welt des Gesangs, der sie angehört.

Der Capellmeister ließ die Hände sinken. Er sprang entzückt auf, er konnte die Passage nicht zu Ende spielen, das langersehnte Ereigniß hatte ihn doch überrascht. Er schlug die Hände zusammen und rief ein schallendes Bravo. Philipp war erschreckt aus Elvirens Armen zurückgesunken. Sie hatte sich ihm entwunden. Wie ein Geist aus stiller Gruft, hatte sie sich aufgerafft und stand mitten im Zimmer. Von der Macht des Augenblicks unwiderstehlich ergriffen, war sie in die Textworte eingefallen; selbst Hand und Fuß hatten sich zur gewohnten Action bewegt und willenlos den alten Dienst geleistet. Jetzt, als der Capellmeister die Scene unterbrach, lag sie wieder im Sopha zurückgelehnt. Philipp kniete zu ihren Füßen, sein Haupt barg sich in ihrem Schooße.

Ich trat mit klopfendem Herzen zu der Gruppe, um das Unmöglich-geschienene als möglich und wirklich geworden in der Nähe zu erleben. Es war wie ein leuchtender Funke in ihr Gehirn gefahren und hatte sie wohlthätig belebt. Sie empfand das selbst. Die Freude über das Ereigniß spielte lachend in ihren Zügen, eine brennende Röthe flog wie ein göttlicher Hauch über sie hin. Wie ein fremder Schmerzenszeuge, der an die Verwandlung noch nicht glaubt, stand eine einzelne Thräne zitternd auf der schönen Wange. Freude und Beschämung liefen noch wetteifernd in ihrem Angesicht durcheinander, die Bestürzung über die Gewalt des plötzlichen Aufruhrs, den ihre Nerven erlebten, warf eine Folie in ihre blasse Leidensmiene. So verklärt sich wol auch das von Gram gebleichte Greisenalter, wenn ein Jugendgedanke wie eine süße Erinnerung durch die Pulse fliegt. War Elvirens starres Hinbrüten eine Entäußerung ihrer selbst gewesen, so hatte sie sich in der That jetzt auf sich selbst besonnen, in ihrer Function als Donna sich wieder erfaßt. Wie sie auf der Bühne, den Diener für den Herrn nehmend, den Trug nicht merkt, so hatte sie umgekehrt den treuen Philipp lange verkannt und war stumm und kalt geblieben unter seinen glühenden Küssen. Nun mußte sie aber seine Liebe innig mitempfinden und ihn belohnen für die Sorgsamkeit der treuen Neigung. Und wahrhaftig! der Blick, den sie jetzt auf dem zärtlichen Seladon ruhen ließ, schien das zu sagen, zu verrathen.

Der Capellmeister trat bewillkommnend zu ihr. Er küßte ihr die Hand, und ich that gratulirend ein Gleiches. War das Ereigniß doch kein kleines. Hatten wir doch eine von schwerer Krankheit Genesene vor uns. Mir war im Innersten ganz seelenwohl, und so that mir nur der Musikus weh, als er jetzt ein gewisses Pathos affectirter Überlegenheit annehmen wollte und lächelnd mit den Worten den Finger aufhob: »Ach, ich wußte das, ich wußte das!« Er kam mir wie Falstaff vor, der nach der Katastrophe ausruft: »Bei Gott, ich kannte Euch, mein Prinz!« Hatte es doch der alte Emir nicht allein bewirkt. Er hätte tagtäglich noch den Don Juan abspielen können, Elvirens Seele hatte sich aus ihrem Schlafe nicht ermuntert. Sollte hier von Verdienst die Rede sein, so hatte sich Philipp dies erworben. Mit seiner hingebenden Liebe hatte er das erstarrte Herz erweicht, seine Thränen, seine zitternde, bebende Umarmung, seine Glut der Empfindung hatten Elviren langsam erlöst aus der regungslosen Grabesstätte, die ihre Lebensgeister gefangen hielt. Er hatte seine eigene Seele zum Pfande und aufs Spiel gestellt; er hätte für immer mit versinken können in die starre Mondnacht ihres gestörten, oder eigentlich störlosen Gemüthes. Hoffentlich hatte er mit ihr dauernd sich selbst wiedergewonnen.

»Sie müssen weiter spielen, Sie müssen mich in Frieden lassen, buon maestro!« sagte Elvira-Weißschuh und drängte den Capellmeister von sich fort zum Clavier. Philipp schlug jauchzend die Hände zusammen. »Sie spricht auch, sie singt nicht blos!« rief er voll Entzücken und weinte wie ein Kind.

»Nun freilich muß sie auch sprechen als Elvira,« erinnerte der Musikus, »ja leider! auch sprechen – und welche deutschen groben Worte! Welch ein animalischer Text zu diesem Götterwerk der Musen!«

»Lassen wir das gut sein, bester Meister,« sagte ich, »lassen wir das sein wie es ist. Ich möchte nun, nachdem ich jahre-, – decennienlang bei dem erbarmungswürdigsten aller Texte Mozart's Ideen durchfühlt, durchdacht, durchschwelgt, diesen hölzernen Fußschemel der Worte, den seine Muse betreten muß, um sich in Positur zu stellen und das dürftige Gerüst dann von sich zu stoßen, bei Leibe nicht vermissen. Lassen Sie's italienisch singen, so hört sich das Bestimmte auch nicht so grell heraus, aber deutsch will ich keine wesentlich neuen Worte; in diesem Schlafrock der alten Diction des Don Juan phantasire ich mich am liebsten hinein in Mozart's eigentliche Intentionen. Der Text steht zur musikalischen Durchführung im umgekehrten Verhältniß wie der Bibeltext zur Paraphrase manches Kanzelredners. Hier steigen wir oft von der Rede des Gottes zur Dürftigkeit einer dürren, populairen, creatürlichen Explication herab. Dort steigen wir von der Diction der Menschen, von dem Ausspruch ihrer animalischen Begierde bis hinauf zu der Mittheilungsweise, in der sich selige Geister verständigen. So haben wir die Sprache der Götter und Menschen in wunderbarster, sonst nie erschienener Durchdringung und Ergänzung, eine Verklärung des Leiblichen und eine Verleiblichung des rein Geistigen. Erde, Hölle und Himmel, alle Mächte des Lebens werden laut und tönen und toben sich aus, und machen so das Weltgericht zur Weltharmonie.«

»Nun höre man diesen unsern Kritiker wieder rasen und schäumen!« rief der Capellmeister. »O Donna, Donna, begreifen Sie nun, warum Sie den schlechten Operntext sprechen und singen müssen? Mir könnte es wieder dunkel werden vor meiner, Gott sei Dank! lichten Stirn, wenn ich diesen Philosophen bacchantiren höre. Ich weiß nicht, ist dies eine Sprache der Götter oder Menschen, die dieser Kritiker verführt? ich weiß nicht – weiß nicht« –

Er lachte laut, und ich fürchtete schon, er würde abermals in seine unbescheidene Lachdithyrambe ausbrechen, die er vorher überstanden, und die ihm, glaub' ich, den versteiften Wahnsinn vom Herzen geschüttelt hatte. Allein er mäßigte sich und ließ sich nieder, um zu spielen. Er fuhr mit den zehn tanzenden digitalen Rossen seiner Hände über das Pflaster der Claviatur, daß die Engel im Himmel pfiffen und kosten und berauscht sich umarmten. Es war ein herrlicher Zug in seinen Fingern, ein wunderbarer Schnepper in seinen Handmuskeln; bei den schwierigsten, hals- oder gliederbrechendsten Passagen sprühten die Töne wie leichte Funken hervor; ich hätte den alten Emir küssen mögen, so schön war sein Spiel. In den Don Juan konnte er sich jedoch nicht wieder hineinfinden, er war zu zerstreut. Er brach staccato ab, tobte Allerlei durcheinander und machte hundert Cadenzen, Sprünge und Läufe; endlich fiel er stetig in eine stillere Symphonie ein.

Elvira ließ sich an Philipp's Seite nieder; ich saß in der Ecke am Ofen. Ich genoß Alles und Jedes, ich fühlte in der Seele jedes Einzelnen sein Eigenstes mit. Wir vier Menschen waren recht hochvergnügt, weil hochbegnadigt. Ein frommes Gemüth konnte es nicht anders fassen als mit einem dankbaren Blick gen Himmel, und Philipp schien es so aufzunehmen: er war still belebt, ruhig durchglüht; aus Blick und Miene strömte die Wärme der Seele, die er lange entbehrt. Aus beiden Gestalten war alle Lethargie gewichen, das menschliche Lebenselement war ihnen gesichert. Ob ihre Hinneigung zu einander dieselbe blieb, mußte die Zeit ergeben. Für jetzt war der junge Arzt von dem magischen Zauber, der sein Gemüth gefesselt, förmlich erlöst: es kam weiter darauf an, wie er sich künftig zur Donna stellen würde. Wiederkehren konnte diese krankhafte Zärtlichkeit von seiner Seite nicht leicht in dem Maße, wie sie sich noch vor kurzem ungenirt geäußert; aber es war nicht ganz unwahrscheinlich, daß schon ein gewisses Dankbarkeitsgefühl in Elviren zurückbleiben konnte, das, wenn sie nicht selbst durch ihr Verhalten die Beziehung zu ihm aufhob, auch für Philipp eine bindende Kraft zurückäußern mußte. Er war durch seine Hinneigung zu ihr und durch die bange Sorge für ihr Wohl, wider Absicht und Plan, ihr bester Arzt gewesen; der Kuß seiner von der reinsten Empfindung durchglühten Lippen hatte langsam aber sicher den von kalter Asche bedeckten, glimmenden Funken ihres Seelenlebens wieder angefacht, der Hauch der innigsten Liebe eines Jünglings, der hier zum ersten Male sein Herz darbrachte, hatte die fast ertödtete Hülle mit prometheischem Athem angeweht: er war ihr zweiter Schöpfer, oder vielmehr die Liebe durch ihn ihre zweite erschaffende Mutter geworden. Durch die Liebe war sie zum Leben erweckt. So ist die Liebe überhaupt nur Leben, das Leben überhaupt nur Liebe. Der Haß bringt die Geister auch zu einer Art Existenz und erhält sie scheinbar lebendig, aber es ist nur ein fieberhaftes Vegetiren, ein dunkles Zerren und Zucken der Lebensmuskeln, ein verheimlichtes Sterben hinter lebendiger Larve. Die klare Stetigkeit der belebten Elemente, die pulsirende Bewegung im All der Welt ist nur durch die Liebe möglich, und was im Weltenreiche gilt, ist auch Bedingung für die Menschenseele. Liebe ist des Lebens Bedingung und Gesetz, Geheimniß und Offenbarung, denn die Liebe ist das Leben selber. –

Die Symphonie war zu Ende. Der alte Emir stand auf. »Wahrhaftig!« sagte er, »wir wollen nach Isebüttel, wie unser Kritiker vorschlug. Seid fröhlich, Kinder, denn ich bin die Fröhlichkeit selbst. Mir ist zu Muthe, als sei mein Geburtstag unverhofft hereingebrochen. Laßt uns wieder flott werden und in See stechen. Ich weiß auch gar nicht, was uns hierher geführt. Wir wollen fort nach Isebüttel, heimlich oder mit Gewalt, wie's geht. In Isebüttel haben wir schöne Tage verlebt, Clementine; dort wollen wir unser früheres Leben wieder anknüpfen und die verlorenen Fäden wieder aufsuchen. Vor fünf Jahren gaben Sie noch die Anna in Isebüttel; das war eine glänzende Zeit, auch ich glänzte damals. Wir müssen den Don Juan zu Stande dringen. Einige Rudera meiner alten Bande finden sich bald zusammen. In der nahen herzoglichen Residenz laufen mehre Don Juan's brotlos umher, ich habe die Auswahl, und die Hauptkräfte des Orchesters lassen sich auch von der dortigen Capelle herüberholen. Ihr Wiederauftreten, meine Freundin, als Elvira wird Aufsehen machen, und unser Kritiker muß brillante Bulletins mit Dampf in die Welt schleudern. Für die Partie des Leporello weiß ich in Welmar ein sehr taugliches Subject, das alle Don Juan's der Residenz bedient und überlebt hat. Um ein Zerlinchen soll mir auch nicht bange sein; Massetto's laufen zu Dutzenden im Lande ohne Engagement umher, und am wohlfeilsten ist in Deutschland ein Geist, zumal ein steinerner. Nur wegen der Anna möchten wir verlegen sein.«

Himmel! da bebte mir plötzlich das Herz, als stünde es schuldbeladen vor dem jüngsten Gericht. Ich fühlte mit der Hand nach der Herzgrube, ein Papier knitterte laut in der Westentasche. Gott, Gott! es war der Zettel, den mir die Sängerin durchs Fenster geworfen. Über die Elvira hatte ich ganz die Anna vergessen: das war die Schuld, die mich plötzlich so schwer befiel.

»Ich schaffe die Anna!« rief ich in zitternder Hast und zog den Geheimbrief hervor, um ihn, wie ich längst gesollt, zu lesen. Ich entfaltete das Billet, ja, es standen einige Zeilen darin, aber es flirrte mir vor den Augen, die Züge liefen irre durcheinander. Großer Gott, sie waren ja von einer Irren. »Ich schaffe eine Anna!« seufzte ich, »aber ach, mein Heiland! sie wird wahnsinnig sein!«

Der Capellmeister packte mich zornig an der Brust. »Du bist's, Elender!« sagte er mit flammendem Blicke. »Du citirst den Teufel, und so sucht er Dich heim!«

Glücklicherweise hatte das Liebespaar meinen Seufzerlaut nicht gehört. Mich ergriff aber eine brennende Unruhe, ich entwand mich den Händen des Musikus und stürzte zur Thür hinaus.

Ich lief den Corridor hinunter nach meinem Zimmer und klopfte an die Thür des Nebengemachs, das die Sängerin bewohnte. Es rief Jemand »Herein,« ich drückte die Klinke: es war verschlossen, und ein lachender Ton erfolgte wie ein Hohn auf meine vergebliche Bemühung, die Thür zu öffnen. Da bedachte ich erst, daß die Tollen eingeschlossen werden, sobald sie ganz toll sind. »Thor!« sagte ich, »Du mußt doch den Brief erst lesen!« So lief ich den dunklen Gang hinunter, um das Licht des Fensters zu gewinnen, entfaltete den Zettel und las:

»Ich glaube mich nicht in Ihnen zu täuschen; Sie sind es, mein Freund. Thun Sie Alles zu meiner Rettung.«

»Victorine Miaska.«

»Victorine!« lief ich bebend und sank mit der Stirn gegen die Wand. »Victorine, Du hier? Du warst es, die dies schrieb und am Fenster stand und winkte? Du sangst gestern Nacht wie der Schwan in Todesfluten? Schönes Polenmädchen, süßes, bezauberndes Kind der Unschuld, Du hier in diesen Mauern? Unglückliche Tochter eines unglücklichen Volkes, landflüchtiger Singvogel, der von Zweig zu Zweig flattert, und keiner will grünen und blühen unter Deinem Fittich, weil das heimatliche Reis Dir unter den Füßen zerknickte! Ach, ach! muß Dich das Unglück Deines Landes so weit verfolgen bis ins Haus der traurigen Verirrung! Ist es möglich, Victorine! kann ichs fassen! Wie konntest Du nur den unseligen Gedanken haben, gedankenlos zu werden! Was muß geschehen, was Dir begegnet sein! Ich verließ Dich in der Blüte der Heiterkeit in Welmar – in Wien hoffte ich Dich wiederzufinden, auch Dir war die Kaiserstadt das nächste Ziel mit der kranken Mutter. O Himmel! wenn ein Gemüth wie das Deinige, ein Gemüth voll stillen Tiefsinns, voll strömender Harmonie, voll sprudelnder Lebenskraft in dieser Welt nicht Stich hält, was soll dann mit uns werden! Dann muß Alles abfallen von der Idee der ewigen Vernunft, das ganze Dasein der Hauch des geistigen Todes befallen! Du hast so klar Dein Leben überschaut. Dein Geschick so täubchengut und schlangenklug gefaßt. Der Schmerz über das Geschick Deines Volkes verklärte sich so still und rein in den Zügen Deines Angesichtes, in den Tönen Deiner wunderbaren Lieder. Du sagtest oft, Dein Name sei zum Spott an Deinem Volke geworden, aber noch nicht an Dir selber. Dein Vaterland sei untergegangen, aber nicht Du. Darum könntest Du wohl Victorine heißen, müßtest aber vergessen, daß Peter Wisotzky Dein Vetter gewesen. So sagtest Du in kindlicher Einfalt und weintest still versöhnt und blicktest heiter durch die Thränen, wie die Sonne mit buntem Farbenspiel durch die Regenwolke lacht. So hast Du Dich oft wie ein spielendes Kind verspottet und doch Deine Lust gehabt am schönen Leben voll Schmerz und Leid. O, wer mit so tiefem Bewußtsein über sich und seine Stellung zur Welt zu scherzen vermag, kann und darf mit Dem noch das Schicksal seinen Scherz und seinen Spott treiben? Und nun mußte es doch mit Dir so weit kommen! Victorine, Siegerin über Schmerz und Tod, über Elend und Verbannung, Du solltest doch besiegt sein von einer geheimen dunklen Macht, die Du nicht geahnt hattest? Du konntest allen Todesgewalten des Lebens die junge freie Brust, den mädchenhaft muthigen Sinn, den ich an Dir bewundert, kräftig dargeboten haben und nun doch dem schleichenden Feinde unterlegen sein, der heimtückisch über Nacht kommt und die Nacht in der Seele festhält? – Und ich soll Dich retten! retten – ich!«

Mir fehlten Thränen, und das war schrecklich. Ich preßte das Blatt Papier krampfhaft an die trocknen, glühenden Augen. Ich war zernichtet, unfähig zum Denken, zum Fühlen und Handeln. Und doch mußte ich mich ermannen, ich mußte den Zusammenhang erfahren, sie sehen und sprechen, und wenn mein Herz darüber brechen sollte.

Ich hörte Tritte im Gange. Ich raffte mich auf. Es war der Arzt, der aus einem Krankenzimmer trat. Er ging dem entgegengesetzten Ende des Corridors zu. Ich eilte ihm nach, ich mußte von ihm den Zutritt zu Victorinen erbitten. Ich mochte beängstigt und verstört aussehen, es war nicht möglich, meine Aufwallung zu verbergen: so kam es darauf an, ihr einen andern Beweggrund unterzulegen.

»Kann ich Sie denn endlich finden, verehrter Freund!« rief ich ihm von ferne zu. »Lassen Sie sich umarmen, wünschen Sie sich Glück, sagen Sie mir Dank: die stumme Elvira ist gerettet, sie spricht, sie singt, lacht und jubelt, sie ist wieder ein menschliches Wesen. Kommen Sie und sehen Sie selbst die Verwandlung. Auch Philipp's Lebensgeister haben sich zurecht gefunden; eilen Sie und glauben Sie das Unglaubliche. Selbst der versteifte Musikus hat die Metamorphose mit erlebt. Eine dreifache Osterfreude ist unter uns eingekehrt, drei Menschenseelen sind auferstanden von den Todten und reden schon allerlei Sprachen, musiciren und singen, als wäre auch der Pfingstsegen über uns gekommen, die Taube des Friedens, der gute Geist der göttlichen Vernunft«

Ich erzählte ihm den nähern Verlauf und erklärte ihm mit dürren Worten das psychologische Räthsel. Er staunte ungläubig und schüttelte sinnend das Haupt. Aber er eilte doch voller Erwartung weiter, ich konnte kaum folgen, und erst vor Elvirens Zimmer gelang es, ihn aufzuhalten und ihm die Bitte vorzutragen, zu der dies Alles nur Einleitung sein sollte. »Auch die Polin« – sagte ich drängend – »muß gerettet werden. Ich muß sie sehen und sprechen, ich löse den Bann, der sie gefangen hält. Nur den Augenblick benutzt, der gute Genius ist uns günstig, heute müssen wir alle Wahnsinnigen emancipiren. Emancipation der Wahnsinnigen ist das zeitgemäßeste Werk, das der Humor unserer Tage fodert. Die Elvira habe ich gerettet; mein ist das Verdienst. Ich kannte sie von früher, und wie, nach Plato, alle Weisheit nur Erinnerung ist, so habe ich sie an die alte Zeit ihres vernünftigen Lebens erinnert, und der Blödsinn wich von ihr. Die Polin Victorine Miaska kenne ich von Welmar her; mein Erscheinen wird ebenso wohlthätig auf sie wirken. Ich demonstrire es ihr an den fünf Fingern, sie muß, sie muß den Wahnsinn fahren lassen. Nur eine Unterredung mit ihr, damit ich weiß, ob sie nicht ganz verloren ist!«

Der Medicus stand horchend an der Thür. Da tönte Elvirens Stimme laut und vernehmlich, Philipp sprach einige Worte und des Capellmeisters Bariton lachte staccato dazwischen. »Wär's möglich?« sagte der Arzt und blickte freudig bewegt, fast lachend in mein Angesicht. Ich machte eine wichtige Miene, als sei er hier der Laie, und ich der Eingeweihte, der Wissende. Das imponirte ihm, und er wollte fragen und reden. Ich aber winkte still, öffnete die Thür, schob ihn hinein und nahm ihm leise das unbewachte Schlüsselbund aus der willenlosen Hand. Mochte er doch selbst nun zusehen und sich überzeugen oder auch nicht. Ich hatte mehr zu thun, ich hatte noch ein Herz von den Banden zu befreien und stürmte fort, um mir die Pforte zu öffnen, die mich in ein Paradies führte oder in ein Labyrinth voll Schmerz und Wahnsinn, – ich wußte es nicht.

Ja, sie war es, Victorine Miaska! Zitternd stand ich vor ihr im Zimmer. Das schöne Polenmädchen sah unendlich leidend aus. »Großer Gott!« sagte ich schüchtern, »sind Sie es wirklich?« Es befiel mich wie eine dunkle Wolke, die meine Stirn umzog. Ich ergriff bebend ihre Hand, ich wankte mit ihr zum Sopha, ich war ermattet bis in meine tiefste Seele. Meine Verworrenheit mochte auf sie übergegangen sein, sie war noch bestürzter als ich, sie hatte nicht den Muth, ein Wort zu sagen. So saßen wir eine Weile nebeneinander, stumm, mit gesenkten Blicken.. Auf den geheimsten Saiten meines Herzens spielte die bitterste Wehmuth ein weinendes Lied.

»Sie sind hier, Victorine Miaska?« preßte ich aus der beklommenen Brust hervor.

»Um Gott! Sie scheinen krank!« sagte sie flüsternd, und eine zurückgedrängte Angst peitschte ihre Worte in jäher Hast. »Sie sind es, ich habe mich nicht getäuscht, als ich vom Fenster aus in Ihnen ein befreundetes Wesen zu erblicken glaubte. Die Freude, in meiner Nähe einen Menschen, der mich kennt, zu wissen, hat mich so tollkühn gemacht, mich Ihnen zu entdecken. Ich glaubte, Sie reisten hier durch als Fremder und besähen sich die Merkwürdigkeiten dieses Ortes. Gott! Gott! Was hat Sie nur so verwandelt – Sie sind wol kein durchreisender Fremdling hier? sind vielleicht selbst eine Merkwürdigkeit dieses Ortes! Himmel! Ihre blasse Miene, Ihr verstörtes Wesen! Heiland der Welt! wen habe ich vor mir?«

»Und auch Du hier, Victorine?« rief ich schmerzlich bewegt und verhüllte mein Haupt.

»Jesus Maria!« stotterte schluchzend das arme Mädchen, – »Sie zittern, – ich muß Hülfe rufen. Warum kamen Sie nur zu mir? so zu mir? Nicht Sie, wie Sie sind, einen rettenden Freund habe ich herbeigefleht. Nicht Sie – Sie sind krank – O Hülfe, Hülfe!«

Sie sprang auf, sie wollte nach der Thür stürzen, sank aber ohnmächtig in ihr Knie und lehnte das Haupt auf den Sessel. Ein Strahl der Hoffnung fiel in meine Seele. »Dank Dir, großer Gott! sie ist nicht wahnsinnig, sie hält mich nur dafür!« Der Gedanke belebte mein gebrochenes Herz wie ein Morgenhauch, als ich das ohnmächtige Mädchen in meine Arme nahm und auf das Ruhebett lehnte. Kühlendes Wasser stand auf dem Tische zur Hand, auch eine Riechessenz that schnell ihre Wirkung.

Sie erholte sich bald, schlug das Auge auf, blickte aber ungewiß und matt umher. Sie konnte sich noch nicht finden, die Situation, in der sie war, nicht verstehen. Mir aber war Victorine jetzt deutlich, ich pries sie glücklich, ich jubelte still. Sie schloß den Blick wieder, sie mußte sich auf sich selbst erst besinnen, aber die Farben ihres Angesichts leuchteten hell. Ihre Wange röthete sich wieder, sie duftete mir wie ein schnell reifender Pfirsich entgegen, ihr Puls bebte an dem meinigen. So lag sie in meinen Armen. Sie zu küssen, überfiel mich wie ein Göttergedanke. Und doch wie ungöttlich, wie spitzbübisch, diesen Augenblick zu benutzen! Ich wäre ein Dieb, aber doch ein göttlicher Dieb, ein Gott Mercur gewesen. Ich war ihr in Welmar sehr nahe gewesen, hatte sie täglich besucht, täglich ihre schöne Hand gedrückt, – aber ihre Lippe nie berührt, nie den Moment herbeigedrängt, wo ich einen Kuß hätte erbitten oder rauben können. Victorine war bei aller kindlichen Anmuth ein spartanisches Mädchen, und ich hatte kein Talent zum Alcibiades. So küßte ich sie auch jetzt nicht und trank nur den Äther ihres Hauches ein. Auch meinen Arm, den ich um ihren Nacken geschlungen, um ihr Haupt zu stützen, zog ich leise zurück; sie sollte, wenn sie erwachte, nicht erschrecken, in den Armen eines Mannes geruht zu haben.

»Victorine!« sagte ich tröstend, als sie ihr Auge erhob, »ermuntern Sie sich, wir sind in Welmar, im Hotel de Rome! Erinnern Sie sich, Sie kamen des Nachts an, man führte sie nach der Stadt Petersburg. Einer Polin ist aber Petersburg auch im Namen zuwider, weil sie böslich meint, Sibirien sei in ideeller Hinsicht nur eine kleine Station weiter. So haßten Sie Petersburg auch als unschuldiges Hotel, und nun habe ich Sie, während Sie schliefen, dislocirt. Sie sind in Rom, ich küsse Ihnen den Pantoffel, schönste Päpstin Johanna. Ich will zu Ihren Füßen dichten, Elegieen machen und an den Zehen Ihres schönen Fußes das Versmaß zählen.«

»So hätte mir das Alles nur geträumt?« sagte sie unruhig und rieb das Auge. »Wie? Ich werde gefänglich eingezogen, man trennt mich von meiner Mutter, führt mich fort und bringt mich statt ins Gefängniß ins Irrenhaus! Ich hatte meine Freiheit vertheidigt, meine Ehre gerettet – ist denn das Tollheit? Oder Traum?«

»Arme Polin!« sagte ich, »von der Freiheit hat Ihnen geträumt, sonst ist Alles real im Leben, Alles bittersüße Wirklichkeit. Trösten wir uns gemeinsam, Victorine, mir ging es nicht besser. Ich habe den Grund noch nicht gefunden, weshalb man mich hierher schleppte. Ich dachte, wie Sie, an Gefängniß und gerieth auf den Mondstein.«

Victorine sprang auf, ergriff mich am Arme und blickte forschend mit dem schönen lichtbraunen Auge starr aber freudig in mein Angesicht. »Gelobt sei Gott! so sind Sie nicht krank, kein Mann des Mondsteins? Verzeihung für den Wahn!« So sagte sie und lächelte wehmüthig, als zuckte die zweifelhafte Angst wie abschiednehmend noch einmal über ihre Züge.

»Die Besorgniß, Sie verwirrt zu finden,« sagte ich ruhig, »hatte mich selbst verwirrt. Aber wir sind Beide frei, geistig frei; die Dämonen des Gemüthes kämpfen vergeblich gegen das Bewußtsein unserer Seelen. Es lebe die Freiheit des innern Menschen! Das Bischen andere Freiheit schmeckt nach Wermuth. Sie sind eine Polin, ich ein deutscher Jüngling.«

Sie blickte mir unendlich schelmisch und tief ins Auge. Ein Strom voll reiner Lust, voll seligen Verlangens wogte und bebte aus dem Spiegel ihrer Seele in mich herüber. Ihr kluges Auge war ein lichtbraunes hüpfendes Reh, das scherzend und spielend vor uns flieht, zum Haschen lockt und sich doch nicht fangen läßt. Ich hätte sie jetzt küssen mögen, und ich hätte es gekonnt, denn ich hielt ihre beiden Hände fest in den meinigen, als sie so vor mir stand, meine Züge musternd, und ein Strahl der Freude, daß kein Irrsal, kein dunkler Schatten auf mir lastete, über ihr morgendliches Antlitz bebte. Das Weib ist nur schön, wenn es liebt, und ein Glück ist es, daß die Seele des Weibes immer liebt, zu jeder Stunde, jedem Augenblick, immer ein Etwas, immer einen Jemand. Immer steht in der Tiefe ihres Herzens ein Gottbild, für das die Flamme ihres Lebens brennt, für das sie da ist und bangt, sorgt und fürchtet. Und die Furcht um Dich, die bange Sorge um Dich, – das ist schon alles Liebe. O Gott! ich hätte sie küssen mögen; der Augenblick zog wie ein Bogen der Iris durch meine Seele, ich hätte sie küssen sollen, Erde und Himmel stiegen über die farbige Bogenbrücke im Fluge zu einander. Aber ein geraubter Kuß ist kein Kuß, nicht der, den ich gebe, nur der, den ich empfange, ist Mannathau für die trockne Lippe, für das dürstende Herz. Ich hätte sie bitten sollen um einen Kuß, einen stillen, verschwiegenen, keuschen Druck der Lippe. Es hätte kein Mensch sehen dürfen, auch ich nicht, auch sie nicht, wir hätten die Augen zugedrückt, es hätte Niemand gesehen, nur der stille Gott, der überall lauscht und auch im Kusse lebt und athmet. Aber auch erflehen läßt sich der Kuß nicht, es wird gleich zu förmlich, feierlich, oder lächerlich magisterhaft. Es ist ein eigen Ding mit dem Küssen, ein Kuß ist ein Ereigniß, es muß sich von selbst machen.

Noch stand sie vor mir, noch hielt ich ihre Hände fest, saß vor ihr still und lugte hinauf in ihr spielendes Angesicht. Sie wußte nicht, was ich wollte, hatte nie verstanden, was mein Auge sprach, und so verstand sie überhaupt vom Lieben nichts. Sie wollte überhaupt nichts von Liebe wissen, weil sie so ganz Liebe war, und deshalb liebte ich sie so unendlich, weil sie nichts davon verstand. Ich wollte ihre Hand an meine Lippe drücken, aber auch die volle Hand erlaubte sie nie, nur die kleinen rosenrothen Fingerspitzen dürft' ich küssen. Das hatte ich auch schon in Welmar erlebt, im Zimmer der kranken Mutter. Vielleicht bin ich dazu bestimmt vom Geschick, nichts weiter vom Glücke des Lebens zu schmecken als den Morgentraum, und im vollen Sonnenscheine mich nie zu baden. Vielleicht erlebe ich für eine neue Poesie meines Volkes auch keinen Sonnentag, auch die Freiheit werde ich nicht sehen im Glanze der vollen Frucht. Vielleicht soll ich überall, von der Poesie, von der Liebe und der Freiheit, überall nur die rosenfingerige Eos erschauen, wie sie mühsam über die Felsen klimmt. Ach, daß sie nur meine Stirn küßte, wenn ich sterbe!

Ich wollte über die Kargheit meines Geschicks und die Blödigkeit eines deutschen Jünglings scherzen, da war Victorine plötzlich wieder ernst und trübe gestimmt. Sie drang mit stürmischen Worten in mich, ihr das Räthsel ihrer Transportirung nach dem Mondstein zu erklären, und als ich lächelnd betheuerte, ich wisse davon weniger als sie selbst, wurde sie in der That recht zornig.

»Sie, der Neffe des allmächtigen Präsidenten in Welmar,« – rief sie zürnend, »sollten nicht wissen, warum das Alles an mir geschieht? Sie sollten Ihren Oheim nicht durchschauen? Reisten Sie doch selbst so plötzlich ab, daß Sie mir kaum Adieu gesagt und die Aussicht eröffnet, Sie in Wien wiederzufinden. Diese schmeichelhafte Hoffnung auf ein Wiedersehen hat sich nun allerdings schneller erfüllt als ich wähnen konnte; aber wenn Sie nicht wollen, daß ich den Augenblick des Wiedersehens verwünsche, so geben Sie mir Ausschluß über das seltsame Benehmen der hohen Obrigkeit, an deren Spitze Ihr spitzer, rachesüchtiger Oheim Präsident steht. Sie sollten selbst auf Ihnen unerklärliche Weise hierher transportirt sein? Machen Sie nicht, daß ich Sie von einer andern Seite beargwöhne, als ich es bis jetzt vermochte. Ich könnte Sie furchtbar hassen, und wenn eine Polin haßt, so wird sie sich hüten, aus allzu zarter Besorgniß in Ohnmacht zu fallen. Sie haben mich bis dato nur sehr zahm gesehen, fürchten Sie die Leidenschaft einer Sarmatin!«

»Die Farbe des Hasses stände Ihnen unendlich schön, Victorine!« sagte ich neckend und weidete mich am Anblick der Röthe, die der Unwille in ihre Wangen trieb. »Ich möchte Sie einmal im vollsten Aufruhr der bewegtesten Leidenschaft sehen, Victorine! Sie haben mir zugeschworen, dies könne nicht im Feuer einer Liebe sein, nun, so sei's denn in den Flammen des Hasses! Victorine, ich könnte Dich schön finden, und wenn Du Dich in Nacht tauchtest und Dein Athem mit feurigem Haß mich versengte. Bis zu den äußersten Grenzen der Möglichkeit bist Du unendlich begehrenswerth. Und wenn nicht Peter Wisotzky, sondern der König der diabolischen Geister Dein Vetter wäre und Du den Verwandtschaftszug nicht verleugnetest, ich müßte Dich lieben – Dich lieben, und wenn Du mich vernichtetest. Ja, so ist es ausgesprochen, was ich nie gesagt haben sollte. Hasse mich, wenn Du nicht lieben, nie lieben kannst. Schleudre Flammen aus allen Poren Deines Wesens, ich liebe Dich, Victorine. Ich fürchte nichts von Dir; auch auf den Wolken des Zornes fährt eine Göttin durch den Himmel. Ich fürchte nichts von Dir, Victorine; ich könnte überall nur lernen, wie sich in Deinen Zügen Alles zur Schönheit verklärt.«

»Spötter!« sagte sie, und um ihre Lippe zuckte es fast wie Verachtung, vor der ich erschrak. »Spötter Sie, und Lügner zugleich! Sie fürchten nichts von mir? Auch den Wahnsinn nicht an mir? Warum traten Sie denn verwirrt und verstört ins Zimmer zu mir? Also nicht, weil Sie fürchteten, ich könne toll und nicht ohne Grund hierhergeschickt sein! Also waren Sie besorgt für sich, toll für sich, nicht für mich. Ich kenne Sie jetzt, Sie sind mir klar, auch Sie; und Alles, was mir klar ist, verachte ich in tiefster Seele. Gehen Sie, Philosoph! Sie sammeln sich nur Notizen bei den Menschenkindern. Sie leben nur, um zu lernen, wie sich das Leben lebt. Sie sind nichts als ein speculirender Mensch: mußte ich Sie so ertappen auf dem faulen Pferde Ihrer Grübelei. Gehen Sie, Mann, Sie kommen blos zu Menschen, um sie zu studiren. Wissen Sie nicht, daß Frauen solche Männer nicht mögen. Glauben Sie doch nicht, daß Sie jemand Anderes lieben als sich, etwas Anderes im Leben wollten als Ihren denkenden Egoismus. So ist's mit Euch Allen. Selbst wenn Ihr von Vaterlandsliebe entzündet seid, Ihr liebt nur Euch. Ich kenne Euch, Männer, ich kenne sogar meine Polen!«

Ich war vernichtet. So verächtlich war ich mir nie erschienen.

»Was in aller Welt soll ich Ihnen erklären?« sagte ich nach einer Pause, die wie eine Ewigkeit in meiner Seele stehen geblieben ist, weil ein Überdruß am Leben sich damals meiner bemächtigte und das Gefühl der Vernichtung meinen ganzen Menschen wie ein Hauch des Todes anwehte. »Was soll ich Ihnen erklären? Sprechen Sie, Victorine. Ich habe Verstand genug, um mein Herz zu verschleiern, ich will blos mit dem Verstande Ihnen Rede stehen.«

Ich ging im Zimmer umher und betrachtete mir die Nägel an den Wänden, da es an Gemälden fehlte. Ich war tief in mir verödet, für Haß und Liebe völlig todt. Dies nennt man Gleichgültigkeit, Indifferenz, man sollte es Selbstmord nennen, unverschuldeten Selbstmord, unschuldiges Erstorbensein.

Victorine fühlte vielleicht, daß sie mich vernichtet, vielleicht, und vielleicht auch nicht, das galt mir jetzt gleich. Aber sie trat zu mir und zwang mich still zu stehen.

»Muß ich Sie denn nicht im Complotte mit Ihrem bösen Oheim wähnen?« sagte sie und neigte sich sanft zu mir. »Mußte ich nicht glauben, Sie selbst waren von seiner geheimen Polizei der Allergeheimste?«

Ich lachte laut und anhaltend, aber es verdrängte meine trostlose Kälte nicht. Es war ein vergeblicher Versuch, mich umzustimmen.

»Hören Sie mich, ich will reden, die Polin spricht!« unterbrach sie mein Gelächter, faßte mich am Arm und zog mich neben sich aufs Sopha. »Hören Sie, was Sie selbst wissen sollten! Kaum haben Sie Welmar verlassen, so wird mir das letzte Concert, das ich veranstalten wollte, untersagt. Die Theilnahme des Publicums schien noch groß genug, um vor meiner Abreise noch einmal aufzutreten. Sie selbst hatten mir versichert, man wünsche die Wiederholung der großen Arien der Donna Anna und der Agathe. Das Gebet im »Freischütz« singe ich ungern vor den Leuten, man soll mit dem Beten nicht so schön thun. Das Rachelied der Anna sing' ich Tag und Nacht still für mich, es kömmt mir nicht darauf an, es hinaus zu rufen in die Welt, obwol ich weiß, die ganze Welt, der ich es zuschreie in der Angst meiner Seele, ist der kühle Bursche Ottavio, der uns Polen zu retten Miene gemacht und aus Ohnmacht und Jämmerlichkeit der matten Seele es doch nicht über sich gewann. Ich wollte also singen, was die Leute wollten, mir gleichviel, geschah's doch nur meiner kranken Mutter wegen, die im Hotel noch immer das Bett hütete. Ich hatte den Abend festgesetzt, die Piecen arrangirt. Einige polnische Lieder streute ich zwischen die beiden Arien, die Capelle wollte das Übrige thun und die Stunden füllen. Da untersagt man mir die Aufführung des Concerts, ohne daß ich erfahre warum. Ich schreibe an den Magistrat der Residenz und bitte in so kläglichen Worten, wie eine verbannte Polin sie nur erdenken kann, um die kleine Gunst. Man antwortet nicht. Ich fasse den Entschluß, dem Herrn Präsidenten, Ihrem Oheim, meinen Besuch zu machen; man verweigert mir die Audienz. Gleich darauf kommt ein Polizeibeamter und erkundigt sich, wann ich abzureisen gedenke. Der Zustand der Mutter war nicht von der Art, daß ich schnell aufpacken und davonziehen konnte. Vielmehr; war meine Erwiederung, gedächte ich noch einige Wochen zu verweilen, eh' ich nach Prag ginge. Das Gesuch um Erlaubniß längern Aufenthaltes wird bewilligt; allein man bemächtigt sich der Papiere meiner Mutter, die mit einigen Verwandten in Warschau einen lebhaften Briefwechsel führte.«

»Lieber Himmel! da sind auch meine Polenlieder in des Oheims Hände gefallen!«

»Es waren unter den Papieren meiner Mutter,« fuhr Victorine fort, »einige Briefe des alten Wisotzky, dessen Peter so peterhaft dumm das Fähnrichscomplott geschmiedet. Es fanden sich in den Handschriften Äußerungen, die allerdings gesetzwidrig erscheinen mußten. Allein was that das uns? Wer konnte beweisen, daß wir Beide, Mutter und Tochter, die Ansichten der Aufwiegler noch immer theilten? Aber man belauschte von nun an jeden unserer Schritte. Wir waren in Welmar das Gespräch des Tages, man wich scheu vor uns zurück, ich durfte mich nicht mehr in der Straße zeigen, ohne daß ein Drachendiener mit Schwert und Schnurrbart mir folgte, als wär' ich sein Schatz, oder er mein Schatten. Ärmliche Menschenwelt! Noch vor kurzem stritt man sich darum, in welchem Abendzirkel der Notabilitäten ich zuerst erscheinen sollte; man weidete und ergötzte sich daran, wenn ich meine Polenschmerzen sang; nach meinen blutig schönen Nationalgesängen wässerte den Leuten der Mund, und ich hatte manches deutsche Auge weinen gesehen, wenn ich im Liede meine Todten begrub. So seid Ihr Deutschen, ja so seid Ihr! Eure ästhetisch liederlichen Thränen weint Ihr gern, aus voller einfältig gemüthlicher Seele, wann aber die Noth an den Mann geht, wann es darauf ankommt, statt zu weinen, zu reden, zu handeln, zu schützen, dann lauft Ihr auseinander und schämt Euch des Mitgefühls. Zu weichherzig, um Barbaren zu sein, seid Ihr doch auch zu seelenmatt, um Männer der That zu werden. Ich sage Euch das, ich, ein unglückliches Polenmädchen. Ich kann es bezeugen, daß Alle, die mir, solange die Polizei nichts dawider hatte, die wärmste Theilnahme bewiesen, mich fremd und stolz von der Seite ansahen, sobald man davon sprach, meine Papiere seien in Beschlag genommen, und ich stände mit den flüchtigen Polen in der Schweiz in Verbindung. Doch das ging noch hin, man ist das von zu Hause her gewohnt, in Polen, war's weit ärger. Allein der excellente Oheim ließ mich zu sich laden, nicht zum Souper etwa, obwol er mir eine salzige Suppe einzubrocken gedachte; ich erschien zum Verhör vor ihm. ›Wie kommen Sie zu den Liedern meines Neffen?‹ fragte er mit stechenden Blicken und verbarg schlecht seinen Grimm. Er saß im Lehnstuhl, ein Pelz hing um seine zusammengedrückten Glieder, mitten im Sommer fror den Mann, er hatte das Fieber und schien sehr elend, geistig wie physisch. ›Excellenz verzeihen,‹ sagte ich munter genug, ›der Herr Neffe hat mir die Gedichte geschenkt, glaub' ich, oder hab' ich sie ihm entrissen, ich weiß nicht. Ihr Herr Neffe ist ein denkender Mann, also ist er ein Polenfreund. Ihr Herr Neffe ist ein Dichter, also hat er das Unglück und Polen lieb; das Unglück und Polen sind ihm ans Herz gewachsen,‹ so sagt' ich. ›Er hat meines Volkes Fluch und Mißgeschick so schön besungen, daß Polen, wenn es solche Freiheitsdichter hätte wie Deutschland, sich die Freiheit nicht zu erkämpfen, nur zu ersingen brauchte, um leben zu bleiben und glücklich zu sein.‹ So hatte ich gesprochen. Der excellente Oheim aber lachte hämisch und sagte: ›Armes, getäuschtes Kind, der Mensch hat Dich betrogen, er hat sich in Eure Geheimnisse geschlichen und mir Alles vertraut, alle Eure Verbindungen mit den verbrecherischen Flüchtlingen sind entdeckt, die Briefe bestätigen nur, was ich schon sicherer weiß. Ihr wollt nach der Schweiz und glaubtet auch meinen Neffen dorthin ziehen zu können. O, o, wie seid Ihr doch so thöricht! Pfiffig genug, um Ränke zu spinnen, und doch thöricht genug, um Euch überlisten zu lassen. Gestehen Sie, junge complottirende Donna, die Sie Ihre Reize wie Schlingen ausstellen, um schwärmende Herzen zu fangen, gestehen Sie, kleine absichtliche Helena, Sie wollen alle Demagogen Deutschlands für gewisse Zwecke verbrüdern und dann nach der Schweiz ziehen. Die Krankheit der Mutter ist ein Vorwand, um hier am Orte zu sitzen und Seelen zu kaufen. Wer weiß welcher verkappte Intriguant im Krankenbette steckt!‹ – Himmel! mir stieg der Zorn wie eine Wetterwolke in mein Angesicht. Ich sagte dem Manne tausend schöne Dinge, ich sagte ihm, wie man's in Deutschland nennt, recht derb die Wahrheit, ich schwur ihm zu, ich würde laut um Rache schreien, wenn man mich ohne Beweisgrund verhaften ließe. Ich würde von dem localen Landesgerichte an ein höheres, allgemein deutsches appelliren, ich würde vor das Forum der deutschen Nation, oder vor Kaiser und Reich treten, um mich richten zu lassen. Irgend etwas allgemein Deutsches müsse es doch geben, dacht' ich, ich wußte nur nicht wo und was. Auch den Neffen, sagte ich, kenne ich besser als sein Oheim, ich wüßte, er könne nicht lügen, er könne nicht Ursache der Verläumdung sein. – Ach! bald nachher, als ich mir den Zusammenhang der Dinge überdachte, stieg doch die Furcht in mir auf, Sie möchten es nicht ganz ehrlich gemeint haben mit Ihrer Polenfreundschaft und könnten ein philosophirender Spion sein, der die Menschen studirt, um sie zu Protokoll zu nehmen. Waren Sie mir mit Ihren versteckten Blicken doch oft wie ein geheimer Protokollführer vorgekommen; sagte man doch in Welmar, Sie seien ein speculirender Philosoph; speculiren und spioniren, dacht' ich, wie nahe liegt sich das!«

»Ich hatte Ihren Excellenten verlassen. Er zitterte, als ich ging, ich weiß nicht, vor Zorn oder vor Fieberfrost; krank genug sah er aus. Am nächsten Morgen kommt der junge Lieutenant der herzoglichen Garde, Herr von Römerchen, mit Vollmacht zur Verhaftung in mein Hotel. Dies martiale Römerchen kennen Sie. Sie wissen, daß er mir die Unwahrheit gesagt, ich sei liebenswürdig, und ich ihm mit der Wahrheit diente, er sei abscheulich. Römerchen ist kein Römer, er ist kein Mann, auch kein Narr: Römerchen ist ein Männchen, ein Närrchen, ein eitles, süßes, stolzes Herrchen. Nicht auf Römertugend kann Römerchen stolz sein, nur auf Taille, Ahnen und Ehre. Er war oft zu mir gekommen in süßer Hoffnung, und in bitterem Unmuth hatte ich ihn heimgeleuchtet. Seit lange kam er nicht mehr, er sann auf Rache. Jetzt erschien er, diesmal ohne billet d'amour auf der Zunge, vielmehr mit dem Verhaftsbefehl in der Tasche. Ich lachte laut und sagte, bisher habe er sich stets meinen Gefangenen genannt. ›Dafür sind Sie jetzt die meinige!‹ war seine Entgegnung. Dabei konnte Römerchen aber gar nicht triumphiren, wie er gesollt; er war nach wie vor der süße Narr, nur glaubte er mich demüthig zu finden und ward dreister, indem er seinen Arm um mich schlang; seine Gefangene, dachte er, dürfe er doch festnehmen. Ein Backenstreich, den ich ihm gab, trieb ihm das Blut in die Wangen. Er schäumte. Ich lachte. Er griff aus Verlegenheit oder aus Zorn nach seinem Degen. Es war jedenfalls nur ein Versehen von ihm; er wollte sich ein Herz fassen, und da er keines hatte, faßte er nach dem Degen. Denken Sie, Held Römerchen, einem armen Polenmädchen gegenüber, griff zu den Waffen! Meine Mutter lag im Hintergrunde des Zimmers und seufzte tief. Ich hätte weinen mögen, wäre das Weinen meine Sache; man weint in Polen nicht mehr. ›Victorine,‹ schrie der Lieutenant, ›eh' ich Dich in die Wache bringe, mußt Du mir einen Kuß geben, mit einem Kuß es wieder gut machen, bei meiner ewigen Ehre!‹ – ›Hat Ihre Ehre denn wirklich ein so zähes Leben?‹ sagte ich; ›Sie haben Schläge bekommen, und Ihre Ehre ficht das nicht an? Herr Lieutenant, soll ich Zeugen rufen?‹ – Nun ward er heiß und böse. Er holte den Verhaftsbefehl hervor und reichte ihn mir. Siegel und Unterschrift des Präsidenten zeigten ihn als bekräftigt; die Ader des Zornes über der Stirn quoll mir hoch auf, ich fühlte ihr Pulsiren und war doch still in mich gekehrt; so etwas hatte ich in Deutschland noch nicht erlebt. Diesen Augenblick ersah der Feigling und umfaßte mich mit beiden Armen. Ich rang mit ihm, der Zorn gab mir Kraft. Ich schleudere ihn zurück, stürze nach meinem Koffer, hole eine Waffe, die mir Peter in Warschau geschenkt, hervor und halte das Pistol vor die Stirn des Elenden. Er taumelte zurück, denn ich glühte; es wäre mir ein Scherz gewesen, ihn zu erschießen. Aber das Pistol war ungeladen, außerdem voll Rost wie Polens Waffen alle, alle damals. So schleuderte ich voll Unmuth darüber das Instrument dem Jüngling an den Kopf, ein Strom Blut bedeckte Römerchen's unrömische Stirn. Der feige Knabe rief die Ordonnanz herbei. ›Sie ist wahnsinnig, bei Gott, wahnsinnig!‹ rief er keuchend. ›Ordonnanz! greift die Besessene, sie ist gefährlich, sie hat mich blutig verletzt, meine Stirn, meine Wange, und der Güter höchstes, meine Ehre!‹ Römerchen trat vor den Spiegel, um seine Toilette zu machen, band ein Tuch um den Kopf und setzte den Federhut darüber, der Alles bedeckte, die Stirn und die Ehre. So siegt man über Polen. Ich war erschöpft. Ich saß am Bette und sah dem Allen ruhig zu; mir war, als sei ich nicht mehr zugegen, wenigstens leiblich nicht. Der alte bärtige Kriegsmann, der auf den Hülferuf des Officiers ins Zimmer getreten war, ging traurig auf mich zu und hieß mich folgen. Willenlos schritt ich zur Thür. ›Sind wir denn immer noch in Polen?‹ seufzte die kranke Mutter und lehnte sich ohnmächtig in die Kissen zurück.«

»Ein Wagen stand bereit. Ich ward nach dem Stadthause gebracht und glaubte, bald einem Gefängnisse überliefert zu werden. Allein das Römerlein hatte gewiß einen Bericht über meine Tollheit aufgesetzt. Ärzte kamen und besuchten mich im Stadthause. Man schien prädestinirt, und ich war verdrossen, kalt und stumm. Man schickte Inquisitoren nebst Protokollisten zu mir, um über die beargwöhnten Polenverbindungen mir etwas abzunöthigen. Ich wußte nichts und blieb natürlich kalt und stumm. Selbst Ihr excellenter Oheim steckte einmal der Neugier wegen den Kopf durch die Thür, um das verrückte Polenmädchen zu sehen. Genug, nach acht Tagen schleppte man mich hierher, seit gestern Mittag bin ich auf dem Mondstein; jetzt sitze ich vor Ihnen und frage Sie im Namen Ihres Gottes, wofern Sie einen Gott haben, ob Wahnsinn oder Verbrechen auf meine Stirn geschrieben ist, weil der Name Polen in meinen Zügen zu lesen steht! Man kennt die Geschichte des ewigen Juden; er möchte gern sterben und kann nicht untergehen, er stürzt sich in die Wellen und kann nicht tauchen, er rennt mit dem Kopfe gegen die Felsen, und der Schädel will nicht zerspringen; ein ewiges Lebendigsein ist sein ewiger Fluch! – Polens Geschichte ist die umgekehrte Geschichte des ewigen Juden. Es möchte gern leben und kann nur sterben, nicht todt sein; aber ewig bluten, ewig im Tode liegen, das kann es. Ein ewiges Sterben ist sein ewiger Fluch! Ein Felsen wälzte sich über seine Gebeine; es schüttelt, es rüttelt sich locker, und der Koloß zermalmt ihn nicht, aber hält ihn furchtbar gebunden. Es rafft sich auf. Ein Strahl wie Morgenroth bricht durch die Spalte der wüsten Nacht, aber das Morgenroth ist nur ein rother Streif geronnenen Blutes. Wahnsinn ist Polens Freiheitslust, Verbrechen sein Freiheitsdrang; das ist sein Urtheil und sein Fluch. Alles, was ein Pole thut, muß Wahnsinn oder Verbrechen sein. Das Urtheil ist nur hart, wenn es Menschen fällen; es ist gerecht und richtig, weil es an der Wage des Schicksals die eherne Zunge selber spricht. König Salomo – wissen Sie, mein Herr? – trug einen Ring am Finger, in dessen Nähe sich alles Metall in Gold verwandelte. Polen aber, Sie mein Polenfreund! – Polen trägt an allen zehn Fingern fluchbeladene Ringe, vor denen sich Alles, was seine Hand berührt, in sein schlechtes Gegentheil verwandelt, alles edle Metall in gemeine Schlacke, alle Leidenschaft der Tugend in die Gier des Lasters, Liebe in Haß, Stolz in Knechtssinn, Freiheitslust in bacchantische Wildheit! Ach, die Ringe an Polens Hand haben ihm alle Kleinodien des Lebens in rostendes Eisen verwandelt, und die Ringe sind aneinandergeglüht, aneinandergeschmiedet zu einer unzerreißbaren Kette. Das Schicksal, das über mein Polenvolk waltet, ist ein betäubender, sinnverwirrender Dämon! Warum bin ich nur nicht wahnwitzig geworden dort im Donner der Kanonen, im Brande Pragas, warum hat mich der Anblick von so viel Tugend und so viel Laster nebeneinander nicht stumpf gemacht für alles Andere? Warum hat mich der Heldenmuth dieser Teufel nicht mit einer Gier erfüllt, um im Pulverdampf meine arme Mädchenseele zu erlösen von der Schmach des Daseins, mich armes Mädchen, das nicht sterben, nicht leben, nicht wahnsinnig werden konnte für das Vaterland und nun hier in der Fremde den Kopf oder das Leben verliert. Polen, Polen! was hast Du für ein wüstes Fatum! Jahrhunderte lang haben die Juden geschmachtet, geseufzt, gelitten. Jetzt heben sie ihre Brust, ihre Schmach ist aus. Der den Petrusschlüssel trägt, muß bei Rothschild, der den Geldkassenschlüssel trägt, borgen. Siehe! das ist die Rache der Juden! Ihre jüngsten Enkel sind eine witzige Gottesgeißel für das Christenvolk. Siehe! das ist die Rache der Juden! – Wann wird Polens Rache kommen? – Polens Rache wird nie kommen. Gegen Menschen ist Rache möglich, gegen das Schicksal nicht. Polen ist nicht Menschen unterlegen, Polen ist an seinem Schicksal, an seiner eignen Natur, an sich selber untergegangen. – Ich bin meinem Lande entflohen; – ich bin deshalb noch nicht meinem Geschick entflohen. Mein Geschick wird mich verfolgen, wohin ich ziehe, und flöhe ich bis übers Meer. Mein Geschick ist, eine Polin zu sein. Darin liegt Alles, mein Unglück und mein Verbrechen, mein unverschuldetes Weh und meine wehvolle Schuld. Mein Verbrechen ist, dazusein; mein Wahnsinn, nicht bei den Todten zu liegen, – ich bin eine Polin! Erst vom Mutterlande, dem kranken, vertrieben, dann der Mutter, der still hinsiechenden, entrissen, zweimal von dem Gefühl durchbohrt, die sterbende Erzeugerin fremden Händen preiszugeben, zweimal schon getödtet, weil in den beiden Müttern des Lebens vernichtet, werde ich hinausgestoßen, rechtlos, gesetzwidrig, und irre so durch eine Wildniß, äußerlich wie innerlich losgebunden von der Scholle des Daseins, zerrissen, zermartert – so lebe ich sterbend, sterbe lebend – ich bin eine Polin! – Um nicht den Schein des Unrechts sich aufzuladen, hütet man sich, mir zwischen Eisenstäben ein steinernes Gefängnißgrab zu öffnen. Man nennt mich lieber wahnsinnig, zuckt die Achseln, spricht sein Bedauern über die Arme aus und prunkt damit, ein gutes Werk an ihr zu thun. Ha! dies Achselzucken der ruhigen Völker über Polens Unglück, wie schneidet es in mein tiefstes Herz die brennendste Wunde! Für so ein Achselzucken könnte ich das ganze Wesen, das sich Mensch, die ganze Gesellschaft, die sich Menschheit nennt, mit einem einzigen Strich, einem einzigen Griff von der Tafel des Daseins fortwischen und vernichten! Nicht der Haß der Feinde, dies Achselzucken mit der Miene des Bedauerns ist das Gräßliche, was uns geschieht, was mir geschieht, – ich bin eine Polin! – Man wußte nicht recht, was man mit Polen machen sollte. So geht es mir selbst im Tollhause. Ich flehte brünstiglich den kleinen Arzt, meinen Verstand zu prüfen, mir Aufgaben zu stellen, woran abzumessen, ob ich toll sei oder nicht. Ich schwur ihm zu, er würde mich ganz vernünftig finden, bat ihn, mich baldmöglichst zu entlassen, mir das Zeugniß der Gesundheit auszustellen, damit ich meinen schnöden Richtern in Welmar dreist vor Augen treten könnte. Ich fiel dem Manne zu Füßen, er möchte mich zur kranken Mutter zurücksenden; ich legte vor Gott und allen guten Geistern den Eid ab, ich sei nur aus Versehen in Welmar für wahnwitzig gehalten. Vergebens. Mein Schwur war einer Polin Schwur; was gilt der Welt des Polen Eid! An der Vorfahren Sünden und Verbrechen wähnt man unsere Seelen so festgefügt, daß eine Wiedergeburt unseres Lebens der Einfall eines Tollhäuslers scheint. Art läßt auch nicht von Art, das sei Gott geklagt, Gott geklagt! Aber während man das treulose, eidbrüchige Polen verdammt, hatte Polen über die treulose, eidbrüchige Welt schon längst den Verstand verloren. Ja, ja! ich will, wie mein Volk, wahnsinnig werden. Ich muß wahnsinnig werden, was bleibt mir Anderes übrig? Ich bin eine Polin!«

Victorine schwieg. Sie hielt die geballte Hand vor die Stirn. Dann lehnte sie sich erschöpft zurück. Ihr rollendes Auge leuchtete bald heller bald dunkler im braunen, zitternden Farbenspiel. Aus den regelmäßigen Zügen ihres Angesichts flammte die verstohlene Unruhe des sarmatischen Gemüthes heraus. So sind sie alle, die polnischen Physiognomieen. Die steile, schöngeformte Nase, die stolze, vorwärtsstrebende Lippe gebieten Ruhe, zeigen Kraft und stolze Festigkeit. Und doch liegt im Spiel der Muskeln die ewig ziellose Beweglichkeit einer fortwährend strebenden, lauschenden, regellos aufgeregten Gesinnung. Dieser Widerstreit zwischen fast kalter Ruhe und fast erhitzter Spannung charakterisirt das polnische Gesicht. Victorine war auch, in dieser Beziehung ein Kind ihres Volkes, jeder Zoll eine Polin. Auch der Argwohn, den sie gegen mich zu hegen vermocht, obwol ich stets warm, frei und aufrichtig gegen sie gewesen, bezeichnete in ihr das Rationelle. Sie konnte, bei sonst so klugem, sicherem Takt, Freund und Feind nicht mehr unterscheiden. Das war ihr tiefstes Unglück, an dem mußte sie zu Grunde gehen. Die ganze Welt erschien ihr mit dem Streben zu helfen und zu trösten, wie mit dem Eifer der Verfolgung gleich sehr als ein einziges Gewebe feindseliger Bemühung.

Einem qualvoll bedrängten Gemüthe, zumal einer Tochter Polens, gegenüber, muß jeder Trost knechtisch feige, unsäglich schlecht erscheinen. Das Leben will ganz erschöpft, vollauf geschmeckt sein bis in den Tod, und der Tod ist dann ein süßer Trank. Stopfet die Wunden nicht, die einmal bluten, sie müssen sich ausströmen und sollten sie sich verbluten. Woher Trost nehmen? woraus Ermuthigung schöpfen? Alles war ja unendlich wahr; es ließ sich die zerstörte Welt mitten unter den Trümmern nicht aufrichten. Victorine war tief erschüttert, ich selbst tödtlich bestürzt. Das geheimste Weh, die ganze Qual ihres Daseins hatte sie so mit einem einzigen Wurfe von sich geschleudert, und die Stunde ist immer unheilvoll, wenn der innerste Mensch sich ganz erschöpft und im Aufruhr aller Elemente seines Wesens auch die verborgene Nacht der Seele, wo die Urkräfte für die Zukunft seines Daseins schlummern, plötzlich in die Welt der Gegenwart hereinbricht. Es ist eine Revolution des Gemüthes. Jede Revolution ist unheilvoll, die zu frühen Geburten mischen sich unter die fertigen, das ganze Leben wird Mißgestalt, und die Mutter flucht der Stunde der Empfängniß.

Victorinens Pulse tobten noch heftig, ihr Busen hob und senkte sich, Zorn und Schmerz brannten dunkelroth auf ihren Wangen. Da trat der Medicus ins Zimmer, mein kleiner Äsculap. Es war ein Mißgeschick, daß er jetzt kommen, sie jetzt in diesem Tumulte der Leidenschaft sehen mußte. Ich war verworren, wollte reden und fand nicht die richtigen Worte. So stand der Arzt schon vor ihr und befühlte ihren Puls. Er reichte ihr schweigend einen Löffel Medicin; aber sie wies ihn heftig von sich und schüttete den Gehalt zu Boden. »Um Gotteswillen, Victorine, seien Sie vernünftig!« sagte ich zitternd und träufelte ihr von neuem etwas ein. Sie nahm es aus meiner Hand und schlürfte die Tropfen ein. Dann lachte sie mir hell und spöttisch ins Angesicht, daß sich eine Röthe über mich ergoß.

»Sie bedarf neuer Medicamente!« sagte der Arzt, »lassen wir sie in Ruhe.« Er winkte mir, zu folgen. Ich mußte gehen. In Victorinens Blicken lag eine tiefe, dunkle Verachtung gegen mich und Alles.

Ich ging an der Seite des Arztes, der das Zimmer verschloß und den Schlüssel sorgsam zu sich steckte, den Corridor hinunter. »Es scheint eine bloße Aufregung der Gemüthsstimmung,« begann ich, nach Worten suchend, die Victorinens Zustand modificiren sollten. »Fängt Wahnsinn anders an?« fragte der Medicus kalt und fest. Mir war der Muth gelähmt. Ich wollte auf Umwegen, ohne mich zu verdächtigen, wieder einlenken, ich erkundigte mich, wie er Elviren, Philipp und den Capellmeister gefunden. Er schien Bedenken zu tragen, sie gegen allen Rückfall gesichert zu nennen. Also auch diese nicht? dachte ich. So gab ich mich denn kleinlaut gefangen, ich wollte handeln, nicht sprechen, nicht eifern. Wozu mich wieder ins Zeug hinein reden! – Bei Tische konnte ich nicht erscheinen, ich war zu sehr beschäftigt, zu sehr gereizt. Ich mochte die blöden Gesellen, in deren Gemeinschaft ich speisen sollte, selbst wenn es Reconvalescenten waren, nicht reden hören. Ich mochte Niemand gesund sehen, wo ich das schönste Gemüth in Krankheitsgefahr und in Todesnoth wußte.

Es war mir leicht, mich mit Unpäßlichkeit zu entschuldigen. Ich schlug den Weg nach meinem Zimmer ein. Hier war ich ja in Victorinens Nähe, hier konnte ich sie singen oder weinen hören, hier konnte ich ruhiger sein und ihr zurufen. Hinter dem Schranke, der gegen die Mauer ihres Gemaches stand, war eine Tapetenthür. Das hatte ich schon früher wahrgenommen, ohne freilich ein Interesse daran zu knüpfen. Ich verschloß meine Thür, die nach dem Corridor führte, und machte mich an das Stück Arbeit, das schwerfällige Meubel bei Seite zu schieben. Es gelang, und nun trennte mich von Victorinen nur die dünne Breterwand. Ich legte ein Ohr an die Spalte: es war still, aber doch nicht ganz. Ein leises Flüstern hörte sich an wie ein Thränenstrom. Aber sie weinte nicht; Victorine hatte, wie sie mir versichert, in ihrem Leben selten oder nie geweint. Und seitdem sie in Polen soviel blutige Zähren, soviel Ströme voll dunkelrother Todesthränen gesehen, hatte sie sich geschämt, weiße Wassertropfen zu weinen. Victorine weinte nicht, sie summte ein Lied wehmüthig vor sich hin. Dank Dir Himmel! seufzte mein schlagendes Herz, daß das Lied kein lustiges ist! Ophelie singt scherzende Lieder, weil der Wahnsinn lustig thun muß aus purem Herzeleid. »Victorine!« flüsterte ich durch die Spalte, »ich bin's. Dein Freund, Dein Retter. Polen ist noch nicht verloren!«

Sie sprang auf, ich hörte den Tritt ihres Fußes. Sie rückte den Tisch fort, der ihrerseits vor der Tapete stand, und trat vor die kleine dürftige Spalte. Ich fühlte durch die Öffnung den Hauch ihres Mundes an meiner zitternden Lippe.

»Bist Du's, Hermann, mein Rabe?« sagte sie spottend. »Guter Präsidentenneffe, geh' schlafen, oder geh' in Dich, Du bist so gut toll wie ich. Du, mein Retter? Ich gab Dich längst auf.«

Ich ballte zornig meine Faust und drückte sie mit aller Gewalt gegen die kleine Thür. Die Tapete zerriß, aber das Holz leistete Widerstand. Aber noch ein Druck und das Getäfel bog sich auseinander, ich hob ein ganzes Breterstück heraus. Die Öffnung war weit genug, um den Kopf hineinzulegen. So erblickten wir uns von Angesicht zu Angesicht. Victorine lachte. Mir schwamm etwas Feuchtes im Auge vor Unmuth.

»Mein Himmel! Sie spalten die ganze Thür,« sagte Victorine, indem ich mit dem Arme hindurchgriff. »Nun fehlte nur noch, der Arzt käme und ertappte den tollen Patienten. Sind das die Früchte Ihrer Weisheit? Wollen Sie so mein Retter werden? Unglücklicher Narr, man wird Sie in die Zwangsjacke legen, damit Sie nicht die Wände einreißen und die Dächer abdecken. Ihre Narrheit ist ja so schlimm wie Mauerfraß. – Hören Sie wol? man kommt, man kommt!« Sie schlug erschrocken die Hände zusammen, ich lauschte behutsam.

Es ließ sich wirklich Geräusch auf dem Gange vernehmen. »Victorine!« flüsterte ich, »sei muthig, sei bereit, heut' Abend befrei' ich Dich. Wir fliehen! Hier werden wir Beide toll, Du und ich.«

Ich zog den Kopf zurück. Man klopfte an meine Thür, ich verhielt mich aber mäuschenstill, bis der Klopfende fortging. Zum Glück trat Niemand in Victorinens Zimmer; das meinige war von innen verriegelt. Nun drückte ich das Breterstück wieder in die Fuge, schob den Schrank vor die Tapetenthür und ging das Zimmer zu öffnen. Es war Niemand mehr zu erblicken. Ich eilte den Corridor hinunter: Philipp hatte zu mir gewollt, noch am Ausgange des Hauses traf ich ihn.

»Philipp, theurer Freund! was macht Elvire, der Capellmeister? was meint der Oheim zu Beider Befinden?«

Philipp war ganz vernünftig und besonnen. Er drückte mir die Hand und war höflich, aber frei und heiter. Er hielt mich nicht mehr für Filter, sondern für den Fremden aus Berlin, der ich war. »Wollte Gott!« sagte er, »der Onkel sähe die Sache wie ich an, allein er trägt viel Bedenken, er fürchtet Rückfälle. Diese sind allerdings möglich, wenn wir hier bleiben. Wir müssen fort, bald, aber heimlich.«

»Wir müssen fort!« sagte ich, »fort von hier, ein Wort vom Himmel! Wo ist der Emir? Wir müssen mit ihm Verabredung treffen; wir wollen nach Isebüttel. Die Weißschuh hat sich als Elvira auf sich selbst besonnen, so muß sie in dieser Qualität weiter agiren. Wir führen den Don Juan auf. Ich entführe die Anna, mein göttliches, unglücklich schönes Polenmädchen. Sie muß fort von hier, wo Alles für sie zu fürchten steht. Schmerz und Rache muß sie als Anna hinausrufen in die Welt, dann wird ihr wohl, uns Allen wohl. Die Kunst muß heilen vom Wahnwitz des Lebens, sie selbst ist der schönere, der göttliche Wahnsinn. In ihr müssen wir uns Alle wieder zurechtfinden, wir Alle und alle Völker der Erde. Es bleibt der Welt nichts Anderes übrig. In der begeisterten Liebe zur Kunst schütteln wir alle Flocken des Irrsinns aus unsern Locken. Will kein Sturm des Lebens unsere Brust durchtosen, so sei's der stille Abendhauch der Musen. Wir müssen frei die Luft des Lebens athmen, und wär's nur im Denken und Dichten. Wir fliehen!«

Der Capellmeister schritt, wie der Fuchs in der Fabel, über den Hof; er schien nach dem Speisesaal zu eilen. Wir zogen diesen Bundesgenossen an uns und rückten, zu drei Mann verstärkt, in den Garten, wo um diese Stunde uns Niemand belauschte. Die Sonne brannte, sie stand im Mittag. Wir brannten vor Eifer und standen auf der Sonnenhöhe unserer Vernunft. Im Schattenversteck einer abgelegenen Laube saßen wir drei Männer, disputirten über unsere Freiheit und beriethen Mittel und Wege zur Flucht. Der Entschluß stand einmal fest, wir wollten die beiden Damen entführen. Wir erklärten sie und uns selbst gegenseitig für geheilt und versicherten uns verbindlichst unserer unbezweifelbaren Vernünftigkeit. Jeder pries seine eigne Verstandesklarheit, seine solenne Klugheit, seinen splendiden Witz. Jeder lobte auch alles dieses am Freunde, jeder emancipirte den Andern. Wir fühlten uns Manns genug, gegen die ganze Welt mit unserer Vernünftigkeit zu Felde zu ziehen, wir hätten Jeden zu Tode debattirt, dialektisch zermalmt, wäre uns Einer entgegengetreten als Opponent, um zu beweisen, wir seien nicht ganz gescheit.

Mochte dem sein wie ihm wolle, wir fühlten die dringende Nothwendigkeit, auch ohne phrenologischen Compaß in das Weltmeer, Welt genannt, auszulaufen. Ein wunderliches Triumvirat! Ein seltsames Complott im Irrenhause! Und das Rütli der Freiheitsmänner war die duftende Jasminlaube auf dem Mondstein, hinter den Beeten, dicht an der Mauer, die rings um den Garten läuft. Wir waren berauscht von Freiheit, Jasminduft und Tollheit, wir waren in unserm Gott vergnügte Menschen. Auch der Hunger that das Seinige. Stacheln sich doch die Anachoreten in der Wüste durch Fasten zur Begeisterung. Wir hatten den Mittag überdauert aus idealer Gesinnung, aus Freiheitsdrang.

Alles war auf den Abend verabredet. Wir wollten einzeln uns zurückschleichen, ohne Aufsehen zu erregen. So schüttelten wir uns die Hände noch einmal und sprachen uns noch einmal mit glänzender Stimmeneinheit mündig. – Wenn sich ein Volk für mündig erklärt, so hält man es in der Regel erst recht für kindisch. Ein Volk ist aber kein Mensch, und ein Mensch kein Volk. Ein Mensch darf wissen, ob er toll ist oder nicht, mündig oder nicht, er hat und findet in sich sein freies Selbstbewußtsein. Es lebe die Freiheit, die Freiheit im Irrenhause!

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